Das neue Chiemgauhof Lakeside Retreat in Übersee verbindet bayerische Holzarchitektur mit italienischem Design. Verantwortlich: Stararchitekt Matteo Thun. Die Gründer von Motel One steuerten ihre Erfahrung bei.
Nach zwei Jahren Bauzeit ist der Chiemgauhof in Übersee am Chiemsee wieder da – nicht als völliger Neubeginn, sondern als Weiterentwicklung eines traditionsreichen Hauses. Dafür wurde es neu errichtet – mit Sinn für Architektur, Regionalität und Nachhaltigkeit. Nun gehört der Chiemgauhof zu der Vereinigung „Leading Hotels of the World“. „Uns war wichtig, einen Ort zu gestalten, der persönlich und individuell ist – so wie unsere Gäste. Und der Raum lässt für entspannten und zurückhaltenden Luxus“, sagt Resident Manager Louis Steinle.
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Bereits beim Betreten des Hotels wird die Grundidee der Architektur deutlich. Durch ein großes Holztor gelangen Gäste in die lichtdurchflutete Lobby mit Blick auf den See. Der Entwurf stammt von dem bekannten Mailänder Architekten Matteo Thun. Er realisierte ihn gemeinsam mit seinem Büro in München und kombinierte gekonnt die regionale Bauweise mit italienischem Stilbewusstsein. Hinter dem Projekt stehen als Bauherren die Motel-One-Gründer Ursula und Dieter Müller, die mit dem Resort Das Achental und dem Hotel Kitzhof bereits Akzente in der Luxus- und Premiumhotellerie gesetzt haben.
Geschichte weitererzählen
Die Ursprünge des Chiemgauhofs reichen bis in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zurück. Damals diente er dem Künstler Julius Exter als Sommerakademie. In den 1960er-Jahren wurde das Grundstück von der Familie Imdahl zum Chiemgauhof ausgebaut. „Die Familie war stets mit Kunst und Kultur verbunden – der Großvater war Opernsänger und unterhielt enge Kontakte nach Salzburg. Zudem war die Region in den 1920ern ein bekannter Treffpunkt zahlreicher Künstler“, berichtet Steinle. Diese kulturelle Prägung wird auch im neuen Konzept eine Rolle spielen. Über die Jahrzehnte hinweg war das Haus ein Treffpunkt für Persönlichkeiten aus Kunst und Gesellschaft – eine Tradition, die nun fortgeführt werden soll.


Natürlichkeit als Prinzip
Architekt Matteo Thun formulierte das Ziel des Projekts so: „Die ‚Seele des Ortes‘ sollte sich in Architektur, Interior und Details widerspiegeln.“ Seine Vision: Ein Ensemble, das sich harmonisch in die Umgebung einfügt – inspiriert von der alpenländischen Ur-Architektur und der Formensprache traditioneller Holzscheunen, den sogenannten „Stadln“. „Matteo Thuns ursprüngliche Idee war es, das Hotel von außen wie drei aneinandergereihte Holzscheunen wirken zu lassen“, erläutert Louis Steinle.
Die Projekte von Matteo Thun sind dafür bekannt, Natur und Architektur auf besondere Weise miteinander zu verbinden. Dabei zeigen sie das Potenzial von zirkulären Baukonzepten und dem sogenannten „Zero-Kilometer-Design“, bei dem die Erhaltung traditioneller Bauweisen und die Unterstützung lokaler Handwerksbetriebe im Vordergrund stehen. Diese Philosophie spiegelt sich auch im neuen Chiemgauhof wider, wo die Materialwahl und die enge Zusammenarbeit mit regionalen Handwerkern den natürlichen Charakter des Ortes in die Architektur integrieren.
Fließende Übergänge
Das zeigt sich gleich in mehreren Details: Die Fassade besteht aus naturbelassenem, gebürstetem Lärchenholz, das mit der Zeit eine charakteristische Patina entwickeln wird. Fichtenhölzer aus Österreich, Steinverkleidungen aus Brannenburg und Eichenholz für Böden und Wände bringen Regionales ins Haus. Flexible Glasfronten schaffen fließende Übergänge zwischen innen und außen, Natursteinbeläge aus Norditalien unterstreichen den haptischen Charakter des Interieurs.
Von großer Bedeutung war die enge Zusammenarbeit mit regionalen Handwerkern – ihre Expertise prägt das Haus maßgeblich. Kacheln der Kaminöfen sowie die Lampenschirme stammen von der Inseltöpferei Klampfleuthner auf der Fraueninsel, bekannt für handgefertigte Keramiken. Möbel wie Schiebeelemente, Schreibtische und Garderoben wurden von der steirischen Firma Kamper gefertigt. Geölte Eichendielen, handgewebte, recycelte Teppiche des LPJ Studios aus Aschau sowie Teppiche des Designers Jan Kath sorgen auf Schritt und Tritt für eine ruhige Atmosphäre. In den Bädern treffen dunkler Naturstein und helle Eiche aufeinander. Besonders kunstvoll ziert eine getupfte Bordüre des heimischen Malers Christian Schwaiger die Wände der Gästezimmer – verteilt auf insgesamt 300 Meter.


Bauen mit Verantwortung
Auch im Kleinen zeigt sich die Liebe zum Detail: Das Frühstücksgeschirr und die Haferl auf den Zimmern stammen von der Chiemgauer Töpferei Dørfkind. Für Komfort sorgen Dyson-Haartrockner und Pflegeprodukte der Wiener Manufaktur Less is more.
Beim Neubau wurde besonderer Wert auf den Erhalt bestehender Strukturen und auf energieeffizientes Bauen gelegt. Rund 80 Prozent des beim Abriss anfallenden Materials wurde recycelt und unter anderem für die neuen Fundamente in Form von Recyclingbeton wiederverwendet. Die Beheizung erfolgt über Biomassepellets, ergänzt durch die Energie aus den Photovoltaik-Paneelen auf den Dächern. Die neue Gebäudestruktur ist auf minimale Wärmeverluste ausgelegt. Auch Umweltaspekte spielten eine große Rolle. Das Grundstück grenzt an ein Naturschutzgebiet, weshalb unter anderem der Vogelschutz besondere Berücksichtigung fand. Die Planung der neuen Ansicht vom See erfolgte in enger Abstimmung mit der Bayerischen Schlösser- und Seenverwaltung.
Die Nähe zum See brachte bauliche Herausforderungen mit sich: Das Gelände liegt in einem festgelegten Überschwemmungsgebiet mit hohem Grundwasserstand. Eine Baugrundverbesserung und Zusammenarbeit mit Landschaftsarchitekten machten das Projekt möglich. „Um den Hochwasserschutz zu gewährleisten, wurde der neue Chiemgauhof um 25 Zentimeter höher gesetzt als das ursprüngliche Gebäude“, erläutert Steinle. Selbst der Outdoor-Pool – 18 Meter lang und ganzjährig 29 Grad warm – wurde so konzipiert, dass bei Hochwasser kein Chlorwasser in den See gelangen kann.
Treffpunkt für Kunstfans
Das Chiemgauhof Lakeside Retreat sieht sich nicht nur als Hotel, sondern auch als Ort kulturellen Austauschs. Arbeiten von Künstlern wie Holger Lübbers, Julius Exter, Arnold Balwé und Georg Baselitz sind im ganzen Gebäude präsent. Ein spezieller Galeriegang in Richtung Bootshaus zeigt wechselnde Ausstellungen in Kooperation mit der Langen Foundation. Ziel ist es, regelmäßig auch Werke junger Künstlerinnen und Künstler auszustellen. Darüber hinaus ziert ein 120 Jahre alter Kronleuchter die Eingangshalle, der aus einer Kulturstätte in Wien stammt. „Er war ursprünglich nicht elektrifiziert und hatte überall Wachsflecken“, erinnert sich Steinle.
Ein architektonisches Gegenstück zur Hauptanlage bildet das neu errichtete Bootshaus – ein Pavillon aus geflämmtem Holz, inspiriert von japanischer Bauweise. Stoffe und Designzitate erinnern an die berühmten japanischen Laternen. Ein Kronleuchter aus Murano-Glas von Barovier und Toso aus Italien setzt einen schimmernden Akzent. Im Zentrum: ein Kamin aus dunklem Metall und Stein. Das Bootshaus bietet mit Blick auf das „Bayerische Meer“ Raum für Yoga-Seminare, exklusive Veranstaltungen mit bis zu 115 Gästen oder einfach Raum für eine stille Auszeit. Erholungssuchende, Kulturliebhaber und Feinschmecker finden im Chiemgauhof ein Refugium mit Charakter. Die Gastronomie ist auch für Tagesgäste geöffnet und serviert regional-inspirierte Küche – zeitgemäß interpretiert. Mit seinem sensiblen Design, der Verbundenheit zur Region und dem Bekenntnis zur Nachhaltigkeit führt das Haus seine Geschichte fort – modern, bayerisch und mit Blick in die Zukunft.
Steckbrief Chiemgauhof
- Bauzeit: circa zwei Jahre
- Planungszeit: 1,5 Jahre
- Eröffnung: Februar 2025
- Inhaber/Bauherren: Ursula und Dieter Müller
- Managing Director: Nikolai Bloyd
- Resident Manager: Louis Steinle
- Culinary Director: Edip Sigl
- Betreiber: Resort Achental GmbH
- Marke: Chiemgauhof, Mitglied „The Leading Hotels of the World“
- Betriebstyp: Lakeside Retreat
Kulinarik: Restaurant Chiemgauhof, Stuben, Seegarten, Bar mit Chiemsee-Sushi - Zimmeranzahl: 28 Suiten
- Zimmerpreise: Ab 590 Euro/Nacht
- Zimmergrößen: 39 bis 75 m²
- Architektur/Innenarchitektur: Matteo Thun & Partners
- Ausstatter: Schotten & Hansen, Trapa, Jan Kath, Modelec, Cassina, Gubi, &Tradition, Mühldorfer, Wittmann, Technogym, Klafs, Vola
- Mitarbeitende: 40
- Kontakt: Julius-Exter-Promenade 21, 83236 Übersee am Chiemsee
Dieser Beitrag ist in der Tophotel Ausgabe 5/2025 erschienen.
