Interview „Hochgefühle bei den Gästen wecken“

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Der „Instagram-Moment“: Der Infinity Pool im Marina Bay Sand Hotel in Singapur. © Marina Bay Sands

Christian Mikunda gilt als Begründer der „strategischen Dramaturgie“ und hat zahlreiche Hoteliers beraten. Im Interview stellt er Best-Practice-Beispiele aus aller Welt vor.

Herr Mikunda, was macht aus einem Hotel einen magischen Ort?

Christian Mikunda: Das Geheimnis ist, durch adäquate Gestaltung Hochgefühle bei den Gästen zu wecken. Und dafür braucht es bestimmte emotionale Elemente. Welche das sind, hat sich im Zeitverlauf immer wieder verändert, und inzwischen werden die Zyklen immer kürzer. Zur Erklärung ein kurzer Rückblick: Anfang des 19. Jahrhunderts entstanden die Grandhotels. Diese waren

beziehungsweise sind Schlössern und Palais nachempfunden. Ihre großen Atrien, Freitreppen, Kronleuchter, übergroßen Türen, Ballsäle, also royalen, teils auch sakralen Elemente, lösten das Hochgefühl der Erhabenheit aus, ich nenne es „Glory“.

Welcher Zyklus kam dann?

Zwischen den 1950er- und 80er-Jahren hat man lange nicht gewusst, was ein herausragendes Hotel ausmacht. Diese Phase lösten die Architekten- und Designhotels ab. Philippe Starck beispielsweise ließ sich bei jedem Hotel, das er gestaltete, markant Neues einfallen, was die Neugier weckte, alle Hotels unter seiner Beteiligung kennenzulernen. Nehmen wir das Delano Hotel in Miami Beach. Bei meinem Besuch wehten hohe weiße Tüllvorhänge quer durch die Lobby im Wind, dahinter das Meer, ein unglaublich dramatischer Effekt. Der Garten: eklektisch, mit einer Ansammlung an Liege-Inszenierungen, angefangen vom Sylter Strandkorb über die Hängematte bis hin zu Sofas im Stil Ludwig XIV., dazwischen ein riesiges Schachspiel.

Im Hudson Hotel New York war ein echter Baumstamm das „Hauptsofa“ in der Bar. Das Hochgefühl, das hier geweckt wurde, nenne ich „Bravour“. Hier spielen Wahrnehmungsspiele eine zentrale Rolle. Im The Royalton Hotel New York schritten Gäste in der Lobby über einen erhöhten „Laufsteg“ und konnten gar nicht anders, als einen großen Auftritt zu haben.

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    Zimmer-Details 25h_Museums Quartier
    © Stephan Lemke
    Storytelling: Im 25hours in Wien dreht sich alles um das Thema Zirkus.
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    Interior Design im Ham Yard
    © Firmdale Hotels
    Kunstakzente: Im Londoner Ham Yard Hotel verleihen farbenfrohe gemusterte Stoffe und Tapeten dem Hoteldesign eine weibliche und verspielte Note.

Was markiert die nächste Phase?

Die Budget-Designhotels als nächster Step machten Design für ein breiteres Publikum bezahlbar. Die 25hours oder auch Ruby-Hotels sind hervorragende Beispiele. 25hours betreibt in meiner Heimatstadt Wien Storytelling rund um das Thema Zirkus und zaubert Gästen damit ein Lächeln ins Gesicht. Das ist das Hochgefühl „Joy“ – Freudentaumel. Im Ruby Lissi in Wien hängen unterschiedlichste Lampen über der Bar, nicht eigens für diesen Platz designt, sondern zusammengesammelt. Es gibt keinen Pool, keinen Concierge, keinen 24-Stunden-Roomservice, die Zimmer sind quadratisch, praktisch, gut, und dennoch ist die Gestaltung sinnlich.

Sehen Sie seit dem Start der Budget-Designhotels eine weitere Entwicklung?

Ja, die Renaissance der eingangs erwähnten Grandhotels, die emotional aufgeladen und damit entstaubt werden, ohne ihnen den historischen Charme zu nehmen. Angelehnt an das Vorbild der Flagship-Stores zog dabei „Art Priming“ in die Hotellerie ein. Ich habe den Begriff für Gestaltungen geprägt, die eine kulturelle Dimension haben und ein künstlerisches Statement sind.

Spektakulär in Bezug auf das Thema ist das Faena Hotel in Miami Beach. Als Core Attraction steht im Garten das vergoldete Skelett eines echten Mammuts, ein Kunstwerk von Damien Hirst. Auch die Firmdale Hotels London setzen konsequent auf Art Priming. Ich würde es in diesem Fall sogar „Joy Art Priming“ nennen. Die Designerin Kit Kemp, die die Firmdale-Gruppe mit ihrem Mann Tim Kemp gegründet hat, hat mit ihren farbenfrohen gemusterten Stoffen und Tapeten das weibliche Element in die Hotelarchitektur hineingebracht. In Restaurant und Wintergarten ihres Ham Yard Hotels in London wurden orientalische, in Acrylglas eingelassene Teppiche zu Raumtrennern, ebenso eine afrikanische Bambusorgel. Strohhüte fungieren als Lampenschirme, Säulen sind bunt tapeziert.

Die Lobby wird von der Uhren-Installation „A Million Times“ geprägt, an der jeder stehen bleibt – und entschleunigt. In der Bar vor dem Konferenzraum bedient sich der Barkeeper an einer Achterbahn für Orangen. Inszenierungen ziehen sich durch das ganze Haus. Viel Innovation, von der sich Europa hat inspirieren lassen, haben zuletzt auch die asiatischen Hotels mit ihren Rooftop-Bars und Infinitypools gebracht, hier nenne ich beispielhaft das Marina Bay Sands Hotel in Singapur.

Zusammen mit Ihrer Frau Denise Mikunda-Schulz bieten Sie nicht nur Lern-Expeditionen an, Sie halten auch Vorträge, schreiben Bücher und beraten Unternehmen. Wie gehen Sie dabei konkret vor?

Wir beginnen mit einer intensiven Recherche vor Ort und empfehlen danach im ersten Schritt, negative Signale zu entfernen, die es immer gibt. Vorhänge oder Schiebetüren, die nicht korrekt schließen oder Zentrallichtschalter, die zu hoch angebracht sind. Häufig ist es so, dass die Hoteliers noch nie in ihren eigenen Zimmern übernachtet haben, dazu raten wir aber unbedingt, denn dann fallen auch Kleinigkeiten auf. Vor einem Umbau sollte man erst einmal ein Mock-up-Zimmer umsetzen und nicht nur Pläne und Computer-Simulationen anschauen. Im Idealfall werden wir bereits vor Entwurfsplanungen eingebunden oder kommentieren Entwürfe.

Worauf kommt es bei der emotionalen Aufladung im Wesentlichen an?

Bei unserer Arbeit konzentrieren wir uns auf vier Themen. 1. Die Landmark: Eine Hotelfassade sollte ein Wahrzeichen sein. An die Außenwirkung sollte sich der Gast positiv erinnern. 2. Das Malling: Wie finden sich die Gäste zurecht? Wie wird das Hotel zum „Home away from Home“? Die Rezeption ist meist Schnittpunkt aller Wege und Blicke. Auf dem gesamten Gelände gilt es, wichtige Knotenpunkte zu betonen. Das erleichtert die Orientierung. 3. Die Concept Line: Sie ist der schwierigste Punkt, der rote Faden, die Identität. Wir führen dazu eine Brainscript-Analyse durch: Wie tickt der Ort? Welches Drehbuch hat man im Kopf? Beim Chaletdorf Forstgut in Regen, das wir beraten haben, lautet das Brainscript zum Beispiel „Tief im Wald“.

Kommen wir zum 4. Punkt, der Core Attraction: Das ist die zentrale Attraktion, der Instagram-Moment. Im Hotel Hochschober in Bad Kleinkirchheim, auch ein Kunde von uns, ist es der Chinaturm, passend zur „Konfuzius-Haltung“ des Hotels. Die Familie selbst hatte diese Idee. Im obersten Stock ist ein Teehaus beheimatet, auf einer anderen Ebene werden chinesische Massagen angeboten, auf wieder einer anderen traditionelle chinesische Medizin. Weiteres Highlight ist der beheizte, in den Bergsee eingelassene Pool. Ein tolles Gefühl, hier zu schwimmen, vor allem, wenn der See rundherum zugefroren ist. Das Allerwichtigste aber ist und bleibt, trotz aller möglichen dramaturgischen Kunstgriffe, die Gastfreundschaft!

Mikunda, Christian
Christian Mikunda. - © Stephan Huge

Zur Person

Christian Mikunda hat an der Universität Wien Theaterwissenschaft und Psychologie studiert. Später arbeitete er als Dramaturg und Fernsehjournalist und coachte Journalisten und Kameraleute in den Bereichen Dramaturgie und Bildgestaltung. 1995 gründete er mit

seiner Frau Denise Mikunda-Schulz die Comment KG. Zusammen beraten sie die Automobilindustrie, den Einzelhandel, TV-Sender, Museen und Flughäfen und entwickeln einen „roten Faden“ für Städte und Regionen. Als Redner wird er weltweit gebucht, als Dozent lehrte er unter anderem in Wien, Salzburg und München. „Hypnoästhetik – Die ultimative Verführung“ heißt sein jüngstes Buch, das auch einige Beispiele aus der Hotellerie beinhaltet.