Wie der Klimawandel die Branche verändert: Im Interview spricht Tourismusforscher Harald Zeiss über Risiken, Chancen und die Bedeutung vorausschauender Strategien für Tourismus und Hotellerie.
Internationaler Tourismus und Nachhaltigkeit: Das sind die Forschungsschwerpunkte von Harald Zeiss. Seit 2011 bekleidet der promovierte Wirtschaftswissenschaftler eine Professur an der Hochschule Harz in Wernigerode. Im selben Jahr gründete er dort das Institut für Nachhaltigen Tourismus. Der 53-Jährige kommt aus der Praxis: Fünf Jahre lang leitete er das Umwelt- beziehungsweise Nachhaltigkeitsmanagement der TUI und ist somit der ideale Partner für unser Gespräch über die Auswirkungen des Klimawandels auf Hotellerie und Reisebranche. Seine Botschaft: Wer sich früh anpasst, profitiert.
Tophotel: Herr Professor Zeiss, Hitzewellen, Schneemangel, Starkregen, Stürme: Wie wirkt sich der Klimawandel bereits heute auf den Tourismussektor in der DACH-Region aus?
Prof. Dr. Harald Zeiss: Der Klimawandel ist längst kein abstraktes Szenario mehr. Er ist leider Realität. In den Alpen etwa kämpfen viele Wintersportorte schon jetzt mit Schneemangel. Die Zeiten, in denen man sich auf eine stabile Schneedecke von Dezember bis März verlassen konnte, sind vorbei. Kunstschnee wird zum Standard, was wiederum ökologische und ökonomische Nachteile mit sich bringt und auf Dauer keine tragbare Lösung ist. Letztes Jahr wurde das größte Skigebiet der Berchtesgadener Alpen, der Jenner am Königssee, trotz massiver Investitionen in die Infrastruktur, geschlossen.
Auf der anderen Seite machen uns die Hitzewellen in den Städten zu schaffen. Wer möchte bei 38 Grad noch eine Sightseeing-Tour unternehmen? Gleichzeitig häufen sich Starkregenereignisse, die die Infrastruktur belasten, Campingplätze überfluten oder ganze Wanderwege unpassierbar machen. Denken wir nur an die Flutkatastrophe im Ahrtal, bei der neben vielen anderen auch touristische Betriebe schwer getroffen wurden. Kurz gesagt: Der Klimawandel ist mitten im touristischen Alltag angekommen. Und er zwingt uns, neu und vor allem langfristig, zu denken.
Welche Entwicklungen sind mittel- bis langfristig zu erwarten?
Die Dynamik wird zunehmen. Schon heute beobachten wir, dass klassische Sommerdestinationen wie Südspanien oder Teile Italiens im Hochsommer für viele Gäste zu heiß werden. Die 40-Grad-Marke wird regelmäßig überschritten, und das verändert das Reiseverhalten. Menschen weichen auf kühlere Jahreszeiten oder andere Regionen aus.
In Deutschland, Österreich und der Schweiz könnten sich dadurch neue Chancen ergeben. Saisonzeiten verschieben sich, der Frühling und der Herbst werden touristisch interessanter, vor allem für Zielgruppen, die Ruhe und gemäßigtes Klima suchen. Gleichzeitig müssen wir mit mehr Extremwetter rechnen. Das bedeutet: Hoteliers brauchen eine resiliente Infrastruktur und gute Krisenkonzepte.
„Coolcation ist kein Marketingbegriff, es ist eine spürbare Entwicklung.“
Welche Tourismus-Regionen werden besonders vom Klimawandel betroffen sein und warum?
Ganz klar: Regionen, deren touristisches Angebot stark vom Klima abhängig ist. Nehmen wir den Wintersport: Orte wie Oberammergau, Willingen oder auch Garmisch-Partenkirchen in tieferen Lagen sehen sich mit schneearmen Wintern konfrontiert. Das verändert nicht nur das Angebot, sondern die gesamte wirtschaftliche Grundlage.
Auch die Küstenregionen müssen sich wappnen. Höhere Meeresspiegel, stärkere Stürme, häufigere Überschwemmungen betreffen nicht nur die Infrastruktur, sondern auch das Sicherheitsgefühl der Gäste. Die Buchungen werden kurzfristiger, weil sich Gäste erst ein Bild von der Wetterlage machen.
In südlichen Regionen, etwa in Südtirol oder dem Wallis, verändert sich die Vegetation. Die Baumgrenze steigt, das Landschaftsbild wandelt sich. In manchen Gebieten ist die Wasserversorgung nicht mehr gesichert. Auch städtische Destinationen sind betroffen: Hitzeinseln, überlastete Wassersysteme, mangelnde Grünflächen schmälern die Attraktivität von Städten im Sommer.
Viele sprechen gerade vom „Coolcation“-Trend. Ist da etwas dran?
Coolcation ist kein Marketingbegriff, es ist eine spürbare Entwicklung. Und diese ist auch nicht neu, denn früher sagte man „in die Sommerfrische reisen“ dazu. Immer mehr Menschen suchen wegen der gerade genannten klimatischen Entwicklungen im Sommer nach kühleren Reisezielen. Statt in den Süden zu fliegen, zieht es sie in nördlichere oder höher gelegene Regionen. Skandinavien boomt, auch das Allgäu, der Bayerische Wald oder der Harz profitieren.
Die Konsequenz? Regionen, die früher eher Nebensaisonziele waren, rücken plötzlich in den Fokus. Das eröffnet neue Chancen, birgt aber auch Herausforderungen. Infrastruktur, Personal, Mobilität: All das muss sich auf neue Gästezahlen und ein verändertes Reiseverhalten einstellen. Gleichzeitig können südliche Destinationen durch kreative Konzepte gegensteuern, etwa mit Angeboten in den kühleren Tageszeiten oder durch klimasensible Architektur.
Was können Hoteliers konkret tun, um sich auf die Auswirkungen durch den Klimawandel vorzubereiten und eine nachhaltige Reiseoption zu werden?
Zunächst braucht es ein Umdenken beim Angebot: weg von der reinen Saisonlogik, hin zu ganzjähriger Attraktivität. Das bedeutet: mehr Angebote in den Übergangsjahreszeiten, neue Formate wie Waldbaden, Retreats, regionale Kulinarik und klimafreundliche Mobilitätskonzepte. Indoor-Angebote gewinnen mit Blick auf häufigere Wetterumschwünge an Bedeutung.
Zweitens ist die resilientere Gestaltung in puncto Klimawandelanpassung wichtig. Hier gibt es viele Ansatzpunkte. Auf baulicher Ebene helfen Beschattung, Dach- und Fassadenbegrünung oder Regenwassermanagement. Energetisch sollten Betriebe auf Photovoltaik, Wärmepumpen oder Nahwärmenetze setzen. Nachhaltigkeit muss dabei kein Kostentreiber sein. Die Wärmepumpe haben die Medien verteufelt. In der Realität hilft sie, Kosten zu sparen und den Klimawandel zu reduzieren.
In der Außenanlage kann man mit Blühflächen, Insektenhotels und regionaltypischer Bepflanzung viel erreichen, um auch die Biodiversität zu stärken und generell den ökologischen Fußabdruck zu reduzieren.
Besonders wichtig ist der Blick auf die gesamte Wertschöpfungskette: Woher kommen Lebensmittel? Welche Rolle spielt Kreislaufwirtschaft im Haus? Hotels wie das Naturhotel Tannerhof in Bayern oder das Biohotel Rupertus in Leogang zeigen, wie konsequente Nachhaltigkeit funktionieren kann.
Über Harald Zeiss
Prof. Dr. Harald Zeiss studierte Betriebswirtschaft in Nürnberg, Politikwissenschaften in Straßburg und erwarb einen MBA in den USA. Seine Promotion absolvierte er an der Otto Beisheim School of Management (WHU) in Vallendar. Nach beruflichem Start bei einer Unternehmensberatung wechselte Zeiss 2005 zum Reiseveranstalter TUI, wo er verschiedene Positionen innehatte, zuletzt als Leiter des Umwelt- beziehungsweise Nachhaltigkeitsmanagements.
Seit 2011 ist Harald Zeiss Professor an der Hochschule Harz in Wernigerode, mit den Forschungsschwerpunkten Nachhaltigkeit und Internationaler Tourismus. 2011 gründete er außerdem das Institut für Nachhaltigen Tourismus (Inatour), dessen alleiniger Gesellschafter und Geschäftsführer er ist. Prof. Dr. Harald Zeiss leitet überdies das Institut für Tourismusforschung der Hochschule Harz (ITF) und engagiert sich ehrenamtlich als Vorsitzender des Ausschusses Nachhaltigkeit beim Deutschen Reiseverband (DVR).
Wie wichtig ist die Bewusstseinsschaffung bei den Mitarbeitenden?
Nachhaltigkeit beginnt im Kopf. Mitarbeitende sind Botschafterinnen und Botschafter. Wenn sie die Philosophie mittragen, spüren das auch die Gäste. Schulungen, Austauschformate oder Nachhaltigkeitstage im Betrieb helfen dabei. Ich vermittele dieses ganzheitliche Denken in Workshops, bisher beispielsweise für den Ketschauer Hof in Deidesheim. Denn für die Gäste zählen Transparenz und Authentizität. Wer ehrlich kommuniziert, was bereits umgesetzt wurde und wo es noch Potenziale gibt, gewinnt Vertrauen und damit Stammgäste.
Welchen Empfehlungen haben Sie darüber hinaus?
Ganz besonders eine: Nachhaltigkeit sollte Chefsache sein. Es braucht eine strategische Verankerung, klare Ziele, regelmäßiges Monitoring und die Bereitschaft zur Weiterentwicklung. Außerdem setzen Mitarbeitende erfahrungsgemäß nur das um, was den hundertprozentigen Rückhalt der Chefetage hat. Das gilt gerade bei so einem komplexen und emotional aufgeladenen Thema.
Sollten sich Hoteliers mit regionalen Akteuren und Experten vernetzen?
Ohne Kooperation geht es nicht. Wer sich in Netzwerken wie Tourcert oder bei den Nachhaltigkeitszertifizierungen engagiert, holt sich Know-how und Glaubwürdigkeit ins Haus. Regionale Netzwerke stärken Angebot und Resilienz. In der Lüneburger Heide etwa arbeiten Hotels eng mit Landwirten, Tourist-Informationen und Mobilitätsanbietern zusammen. So entstehen durchgängige, nachhaltige Angebote: vom Heide-Shuttle über Besuche in der Waldkräuterey bis zum Frühstücksei vom Hof nebenan.
Stichwort Lüneburger Heide. Sie haben am dortigen Gemeinschaftsprojekt „Klimapraxis“ mitgewirkt. Stellen Sie uns das Projekt und die wichtigsten Ergebnisse kurz vor?
Das Projekt war eine echte Gemeinschaftsleistung, zusammen mit der Lüneburger Heide GmbH. Das Ziel war, touristische Leistungsträger in der Lüneburger Heide praxisnah dabei zu unterstützen, klimafreundlicher zu wirtschaften. Wir haben mit Ferienhausbetreibern, Hoteliers, Gastronomen und Tourist-Infos gearbeitet und gemeinsam Maßnahmen entwickelt. Dazu zählten etwa die Umstellung auf klimafreundlichere Energie, nachhaltigere Frühstücksangebote, ansprechende Mobilitätsinfos oder auch Workshops zur Gästekommunikation. Wichtig war uns, dass die Betriebe von- und miteinander lernen. Einige haben sich zu echten Vorreitern entwickelt, mit großem Engagement und viel Kreativität.
„Hoteliers brauchen eine resiliente Infrastruktur und gute Krisenkonzepte.“
Kann das Projekt eine gute Blaupause für andere Standorte sein? Sehen Sie bereits weitere spannende Projekte und Vorreiter?
Ja, das Modell lässt sich gut übertragen. Entscheidend ist der partizipative Ansatz. Nicht Top-down, sondern auf Augenhöhe mit den Betrieben. Auch andere Regionen zeigen, was möglich ist. Im Allgäu gibt es mit „Allgäu FairNetzt“ eine starke Initiative, die Nachhaltigkeit systematisch denkt. In Österreich verknüpfen Regionen das Klimaticket mit touristischen Angeboten. Und auf Sylt wird über neue Mobilitätslösungen im Inselverkehr diskutiert, um Verkehrsaufkommen und Emissionen zu senken.
Regionaler reisen, mit längerer Aufenthaltsdauer, das ist sicher eine nachhaltige Option. Aber auch das hat Folgen: etwa Wirtschaftseinbrüche an Fernreisezielen und Overtourism in Gebieten der DACH-Region. Lässt sich nachhaltiges Reisen steuern?
Die Lösung liegt eindeutig in der Lenkung. Wer Besucherströme digital lenkt, alternative Routen empfiehlt oder Nebensaisons attraktiv macht, kann den Druck mindern. Gleichzeitig sollten Fernreisen nicht verteufelt, sondern bewusster gestaltet werden. Wer einmal im Jahr eine Fernreise macht, dort aber drei Wochen bleibt, hat vermutlich einen kleineren Fußabdruck als jemand, der mehrmals im Jahr Kurztrips in Europa macht.
Sie sprachen auch bereits Chancen für die Hotellerie der DACH-Region an. Können Sie das vertiefen?
Der Klimawandel ist ein starker Veränderungstreiber, und wer sich früh anpasst, profitiert. Regionen mit gemäßigtem Klima, guter Infrastruktur und nachhaltigem Profil werden künftig noch attraktiver. Auch die Nachfrage nach Qualität, Authentizität und Sicherheit wächst. Gerade kleinere inhabergeführte Hotels haben hier einen Vorteil: Sie können flexibel reagieren, regionale Netzwerke nutzen und ihre Geschichte erzählen. Wer heute in Nachhaltigkeit investiert, steigert nicht nur die Resilienz, sondern auch die Wettbewerbsfähigkeit.
Wagen wir zum Abschluss einen Ausblick in die Zukunft: Wie werden wir in zehn Jahren Urlaub machen?
Wir werden nicht weniger, aber bewusster reisen. Flugreisen nehmen ab, die Qualität an Angeboten nimmt zu, auch, weil Urlaub nicht mehr billig verramscht werden wird. Gäste werden genauer hinschauen und wollen wissen: Wie ist die Klimabilanz? Wie sind die Arbeitsbedingungen? Wie wird mit Ressourcen umgegangen?
Urlaub wird außerdem individueller, vielfältiger und in vielen Fällen lokaler. Die Digitalisierung hilft, nachhaltige Optionen sichtbar zu machen und Besucher zu lenken. Und die Hotellerie? Die wird sich hoffentlich zur Gastgeberin mit Haltung weiterentwickeln. Wer glaubwürdig ist, wer regional denkt und voneinander lernt, wird in dieser neuen Reisewelt ganz vorne mit dabei sein.
>> Das Interview ist in der Tophotel Ausgabe 9/2025 erschienen.
