Hoteltest Kempinski Airport MünchenHalbe Bruchlandung

Konstruktive Kritik gehört seit jeher zum journalistischen Credo von Top hotel. Nobeldomizile, die sich als hochpreisige Repräsentanten der Spitzenhotellerie betrachten und für die Branche Vorbildfunktion haben, stehen im Mittelpunkt des anonymen Luxushoteltests. Dieses Mal nahm unser Tester das Kempinski Hotel Airport München unter die Lupe.

Reservierung

Im Kempinski Hotel Airport München gibt es spezielle »Ladies Zimmer«: am Wochenende für 189 Euro, unter der Woche für 220 Euro, jeweils mit Frühstück. Wegen der freundlichen Farben und der besseren Kosmetik würden sich auch Männer in diesen Zimmern wohlfühlen, erfahre ich. In puncto Ausstattung entsprechen sie der Superior-Kategorie. Ein interessantes Angebot. Standardzimmer sind ab 190 Euro zu bekommen, Superior-Zimmer mit Frühstück beginnen bei 220 Euro – ob diese einzeln oder zu zweit genutzt werden, macht keinen Unterschied. Die Reservierungsabteilung arbeitet freundlich und professionell. Mitarbeiter L. informiert mich sehr sachkundig und ohne Eile über die verschiedenen Kategorien und Angebote. Und er fragt alle wichtigen Details ab: Nichtraucherzimmer? Kingsize-Bett? Allergiker? Etagenwunsch? Late-Check-out? Transfer? Ebenso wenig vergisst er, auf das Spa hinzuweisen und mir eine Reservierung für das Restaurant zu empfehlen. Ich werde persönlich mit Namen angesprochen und am Ende des Gesprächs bedankt sich Herr L. für meine Buchung. Dieses Reservierungshandling nach Lehrbuch hätte mit einer ausgezeichneten Wertung abschließen können, wäre nicht doch noch ein Fehler passiert: Die versprochene Reservierungsbestätigung erreicht mich nicht – auch nach nochmaliger Erinnerung zwei Tage später nicht. Wie sich herausstellt, wurde meine E-Mail-Adresse falsch notiert. Wieso die beiden »nicht zustellbaren« E-Mails im System unentdeckt blieben, konnte nicht nachvollzogen werden. In der darauffolgenden Bestätigung fehlt  meine Restaurantreservierung, später ist sie allerdings im System.
Wertung: gut

FR. 25/11, 13:19; Transfer

Ich habe das freundliche Angebot des Hotels angenommen und lasse mich abholen, um in den Wirren des Flughafens eine führende Hand an meiner Seite zu wissen. Ich werde bereits erwartet, das Kempinski-Schild mit meinem Namen ist nicht zu übersehen. Die sehr junge, besonders aparte Mitarbeiterin begrüßt mich nicht einfach nur freundlich, sondern empfängt mich mit großer natürlicher Herzlichkeit – was umso mehr auffällt, kommen doch solche Naturtalente auch in der Spitzenhotellerie eher selten vor. Frau G. ist mit einem Gepäckwagen ausgerüstet und geleitet mich durch den turbulenten Flughafen bis zur Rezeption.
Wertung: ausgezeichnet

13:24; Check-in

Ich werde an der Rezeption nicht nur korrekt und freundlich, sondern strahlend begrüßt. Mitarbeiterin St. möchte wissen, ob ich eine gute Anreise gehabt hätte, wobei sie freundlich und effizient agiert. Als Morgenlektüre bietet sie mir verschiedene Zeitungen an und den korrekt vorbereiteten Anmeldezettel brauche ich nur noch zu unterschreiben. Darüber hinaus werde ich gefragt, ob ich auf mein Zimmer geleitet werden oder lieber allein gehen möchte – manchen Gästen sei das ja sogar lieber. Die in Sichtnähe zur Rezeption wartende Mitarbeiterin G. bringt schließlich mich und mein Gepäck aufs Zimmer – wobei sie auf dem Weg über Outlets und Frühstückszeiten informiert und später die wichtigsten Zimmereinrichtungen erklärt. Abschließend erkundigt sich Frau G., ob sie noch etwas für mich tun könne und wünscht mir einen schönen Aufenthalt.
Wertung: sehr gut

Zimmer 1104

Versprochen werden für dieses »Ladies Zimmer« spezielle Farb- und Aromakonzepte, frisches Obst, Frauenzeitschriften und eine Kuscheldecke – »eigens für die geschäftige Businessfrau«. Der Unterschied zu einem normalen Superior-Zimmer besteht allerdings in erster Linie aus den freundlicheren Farben, den flauschigen Bettvorlegern und den besseren Kosmetika. Accessoires wie die Ballerina-Skulptur, der Wecker und die billig gerahmten, schlecht verarbeiteten Bilder von Audrey Hepburn und Grace Kelly erscheinen mir dagegen willkürlich. Möchten weibliche Gäste nicht lieber Männer als diese vielleicht Neid erweckenden Schönheiten sehen?
Den Punkt »Aromakonzepte« decken Molton-Brown-Sprays à la »Relaxing Yuan Zhi Mist« ab, von denen ein Dutzend im Bad steht. Lektüre im Einkaufswert von 15 Euro ist ausreichend und in Hochglanz vorhanden – von der »Vogue« über die »Cosmopolitan« und »Brigitte« bis hin zur »Vanity Fair«. Die Kuscheldecke liegt auf dem Sessel bereit. Zusätzlich steht ein Handständer für Ringe und Ketten auf dem Nachttisch. Frisches Obst jedoch ist nicht vorhanden. Und obwohl sich Frauen gewiss über Blumen- oder anderen Pflanzenschmuck freuen, bleibt dieser ebenfalls ausgespart. Abgesehen davon gibt es im »Ladies Zimmer« aber auch ganz wichtige Dinge nicht: etwa ein Bidet, einen Schminktisch, Schubladen, kleine Badeschlappen und einen entsprechenden Bademantel. Gleiches gilt für die Spa-Broschüre. Ganz schlecht ist außerdem, dass ich von Zimmer 1104 nicht direkt in die Wellnessabteilung gelange. Ganz im Gegenteil: Ich werde auf eine weite Reise geschickt, bei der ich unter anderem einen gläsernen Aufzug und einen öffentlichen Durchgang nutzen muss. Als genauso wenig vorteilhaft betrachte ich das ausschließlich männliche Housekeeping-Personal.

Das Zimmer für Ladies ist damit genau genommen viel Kosmetik mit wenig Inhalt. Gegenüber den deutlich strengeren »normalen« Superior-Zimmern mit Teppichboden statt Parkett wirkt es auf den ersten Blick nur charmanter. Allerdings herrscht etwas stickige und trockene Luft. Dafür lassen sich die Fenster öffnen. In puncto Sauberkeit gilt: Wer nicht genau hinsieht, wird das Zimmer für ordentlich gereinigt halten. Der Staub auf zwei Bildern mag noch als Leichtfertigkeit durchgehen. Die Kempinski-Tüte voll mit Bonbonpapier-Abfall im Schrank steht bereits für grobe Nachlässigkeit. Überhaupt nicht zu begreifen und zu entschuldigen ist allerdings die Situation unter dem Bett, wo sich nicht bloß Staubmäuse, sondern schon Staubratten angesammelt haben. Solche erheblichen Mängel haben weitgreifende psychologische Folgen. Plötzlich sehe ich mich in einem Sumpf aus Schmutz und Schmodder und vermute, dass auch der undurchsichtige Flauschteppich Böses ausbrütet. Das Zimmer hat seine hygienische Unschuld verloren.
Das Bett wiederum ist in einem tadellosen Zustand, die Matratzen sind angenehm stabil und die Bettwäsche bietet sehr guten Schlafkomfort. Eine Menükarte am Nachttisch enthält zudem zahlreiche weitere Kopfkissen-Variationen und so nette Details wie Wärmflaschen. Ebenfalls ausreichend vorhanden sind im ganzen Zimmer Staumöglichkeiten, jedoch keine einzige Schublade. Stattdessen steht völlig unmotiviert ein Stühlchen im Raum, dessen Sinn und Zweck rätselhaft bleibt. Ein großer Spiegel für die Totalansicht ist vorhanden. Der Kleiderschrank enthält unzureichende fünf Kleider-, zwei Hosen- und zwei Blusenbügel. Die feste Kofferablage nebenan bietet ausreichend Platz, auch für ausgeklappte Gepäckstücke.

Der Minisafe befindet sich in einer ungünstigen Höhe und die Minibar ist auffällig unauffällig bestückt. Wein oder gar Champagner steht nicht darin. Bier wird mit 4,20 Euro berechnet; Softdrinks kosten 3,80 Euro, Chips oder Nüsse drei Euro. Eis erhalte ich »auf Anfrage« beim Roomservice. Heißwasserkocher, Teebeutel und Instant-Kaffee gehören in der Superior-Klasse zum Standard. Der Fernsehapparat kommt aus der Steinzeit und geht hin und wieder von selbst aus; TV-Programm und Kanalübersicht wurden am Bett platziert. Die ausreichend große Schreibplatte verfügt über zwei Steckplätze und bietet Platz für das einzige Telefon im Zimmer. Die Internetverbindung, für die ein Kabel bereitliegt, funktioniert einwandfrei und kostet für eine Stunde sechs Euro, für 24 Stunden 18 Euro. Notizblöckchen fehlen gänzlich und zum Schreiben gibt es nur einen einzigen Bleistift.

Testzimmer 1104 steht von der Ausstattung her stellvertretend für die meisten seiner Art im Hotel – so mein Eindruck nach Aussage der allgemeinen Informationen und den persönlichen Auskünften von Mitarbeitern. Es ist angenehm groß, verfügt über alle wesentlichen Einrichtungen und entspricht der gehobenen Economy Class oder einer einfachen Business Class. An Aussicht wird mir – trotz Flughafen – laut Prospektdeutsch ein »Designer-Garten« geboten. Und tatsächlich sehe ich kaum Betongrau, sondern stattdessen auf einen akribisch korrekt geschnittenen Garten mit Parade stehenden Bäumen. Insgesamt hätte Zimmer 1104 noch mit einer guten Bewertung abschließen können, doch das Housekeeping wusste das mit seiner Schlampigkeit zu verhindern.
Wertung: mangelhaft

Minibar

Die Minibar ist – wie schon erwähnt – weder üppig noch originell bestückt. Vor allem aber wird sie weder gepflegt noch nachgefüllt. Außerdem habe ich am letzten Tag kein einziges frisches Glas mehr, da benutzte Gläser entweder nicht ersetzt oder schmutzig zurückgelassen wurden.
Wertung: mangelhaft

Lärm

So unmittelbar am Flughafen rechnet man mit reichlich Lärm: zum einen durch die startenden und landenden Flugzeuge, zum anderen durch die viel befahrene Schnellstraße, die nahe am Hotel vorbeigeht. Doch die Zimmer sind so gut schallisoliert, dass man bei geschlossenem Fenster so gut wie nichts hört. Die Staubsauger vom Housekeeping sind da lauter, aber auch nicht sehr störend.

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