Naturnahe Gärten halten Einzug in die Hotellerie. Richtig geplant und gepflegt, verbinden sie ökologische Wirkung, Ästhetik, Wirtschaftlichkeit und hohen Erholungswert. Wir zeigen Beispiele vom Bodensee bis nach Salzburg.
Früh am Morgen liegt Tau auf den Wiesen des Seeguts Zeppelin. Zwischen alten Bäumen summt es, Vögel zwitschern, am Rand des Weges blühen Wildstauden. Der Garten ist hier kein Beiwerk. Er ist Teil des Ortes – und Teil des Erlebnisses. „Es ist ein Garten mit Hotel, nicht ein Hotel mit Garten“, sagt Geschäftsführer Hendrik Fennel.
Der vier Hektar große Landschaftspark mit seiner prägenden Altbaumsubstanz und dem direkten Zugang zum Bodensee wurde nicht radikal umgestaltet, sondern behutsam weiterentwickelt. Entstanden sind unterschiedliche Gartenräume: Staudenflächen, Nutz- und Genusszonen, Kräuterhochbeete, Beerensträucher und ein Obstgarten, der teilweise die Küche versorgt. Eine Benjeshecke verbindet die Bereiche als lebendiger Korridor – für Tiere ebenso wie für Gäste.
Was am Bodensee sichtbar wird, ist längst kein Einzelfall mehr. In der Hotellerie vollzieht sich ein stiller, aber grundlegender Wandel. Englischer Rasen, Formschnitt und Zierrosen verlieren an Bedeutung. An ihre Stelle treten naturnahe, üppige Gärten, die Biodiversität fördern, Ressourcen schonen und Gästen ein neues, entschleunigendes Naturerlebnis bieten.
Biodiversität fördern
„Hotelbesitzer müssen auf dem neuesten Stand bleiben, um attraktiv zu sein. Viele Gäste wünschen sich inzwischen einen naturnahen, üppigen Garten zum Relaxen“, sagt Wolfgang Zauner, Geschäftsführer von Garten Zauner im österreichischen Kleinzell. Zugleich sei Klimaschutz das Gebot der Stunde. Konventionelle Gartenflächen benötigten viel Wasser und Dünger – und böten der heimischen Fauna kaum Lebensraum.
Biodiversität bedeutet biologische Vielfalt. Eine artenreiche Flora schafft die Grundlage für pollen‑ und nektarsammelnde Insekten wie Honig‑ und Wildbienen, Schmetterlinge oder Käfer. Sie sorgt zudem für vielfältige Nahrungsangebote für Vögel und andere Tiere. Naturnahe Gärten sind damit nicht nur ästhetisch, sondern funktional.
Naturgartenplanerin Maria Stark aus dem Deggenhausertal spricht in diesem Zusammenhang von Animal‑Aided Design. Der Ansatz berücksichtigt die Bedürfnisse von Tieren von Beginn an. „Je strukturreicher ein Garten gestaltet ist – mit feuchten und trockenen Bereichen, Blumenwiesen, Stauden, Gehölzen und Hecken –, und je höher die Pflanzenvielfalt, desto mehr Tierarten können versorgt werden“, sagt sie. Besonders deutlich werde dies bei Schmetterlingen: Die Raupen vieler heimischer Arten seien hochspezialisiert und auf ganz bestimmte Futterpflanzen angewiesen. Pflanzen anderer Kontinente könnten sie evolutionsbedingt nicht nutzen. Heimische Pflanzen und heimische Tiere seien aufeinander angepasst.
Erst analysieren, dann auswählen
Diese Erkenntnisse flossen auch maßgeblich in die Planung des Hotels Seegut Zeppelin am Bodensee ein. Der Landschaftspark ist nach den Kriterien von „Natur im Garten“ zertifiziert. „Die Kriterien bieten eine sehr gute Orientierung, und die Zertifizierung dokumentiert zugleich unser Engagement“, erläutert Geschäftsführer Hendrik Fennel. Entscheidend sei die Herangehensweise: Zunächst würden die Standortgegebenheiten analysiert – Boden, Licht, Wasser, Wind und Nutzung. Erst auf dieser Grundlage erfolge die Auswahl geeigneter Pflanzen- und Baumarten.
Auch andere Hoteliers setzen auf diese Logik. Im Landhotel Am Rothenberg in Uslar lässt Seniorchefin Gunda Schwarz bewusst Wildpflanzen zu, die sich von selbst ansiedeln. Neue Pflanzen und Saatgut bezieht sie grundsätzlich von Bio‑Betrieben, die Erde von Kompostwerken. Der rund 25.000 Quadratmeter große Garten, der alle Gebäude des Resorts miteinander verbindet, wurde bereits vor 40 Jahren so angelegt, dass Biodiversität und Aufenthaltsqualität Hand in Hand gehen. Beeren, Kräuter, essbare Blüten und Sommergemüse gehören selbstverständlich dazu – Gäste dürfen und sollen naschen.
„Je strukturreicher ein Garten gestaltet ist, desto mehr Tiere kann er versorgen.“
Maria Stark, Naturgartenplanerin
Der Garten ist Herzensprojekt der Seniorchefin. Ihr Rezept: „Wir setzen auf Kombinationen von Pflanzen, die sich gegenseitig stärken beziehungsweise schützen und auf kräftiges Abspritzen mit Wasser statt mit chemischen Spritzmitteln.“ Im Sommer vertrieben die exotischen Nachtschattengewächse Stechmücken und Bremsen. Denn: aus Schwarz‘ Leidenschaft sind durchaus auch exotische Kübelpflanzen wie Palmen Teil der Gartenidentität. Sie überwintern im Gewächshaus.
Hotelchefin mit grünem Daumen
Die Resonanz der Gäste sei ausgesprochen positiv: „Viele empfinden den Garten als Reise in eine andere Welt“, sagt Schwarz. Er wirke entschleunigend und trage spürbar zur emotionalen Bindung an das Haus bei. Ihre Erfahrungen gibt sie in Führungen weiter und hat sie im Buch „Ein Hotelgarten und seine Geschichte(n)“ festgehalten.
Biodiversität und natürlicher Klimaschutz setzen aber auch eine naturnahe Pflege voraus. Das bedeutet: Verzicht auf Pestizide und chemische Düngemittel, auf torfhaltige Pflanzenerden und Substrate. „Bei Garten Zauner verwenden wir seit 15 Jahren ausschließlich biologische Pflanzenschutzmittel und Dünger“, sagt Wolfgang Zauner. Bedenken, naturnahe Flächen wirkten ungepflegt, weist er zurück: „Rasen‑ und Liegeflächen können auch ohne künstlichen Dünger schön und üppig sein.“
Wichtig seien zudem angepasste Mahdtechniken. Insektenfreundliche, lärmschonende Verfahren und die Einhaltung geeigneter Pflegezeiträume spielten eine zentrale Rolle. Mähroboter und Laubsauger hätten in solchen Gärten keinen Platz.
„Nicht weniger Arbeit, sondern eine andere“
Nach dem Pflegeaufwand befragt, sagt Seegut-Hotelier Hendrik Fennel: „Biodiversität bedeutet nicht automatisch weniger Arbeit, sondern andere Arbeit.“ Statt permanenter Eingriffe sei man innerhalb klar definierter Pflegefenster aktiv. In der Aufbauphase sei der Aufwand höher, da Pflanzungen sich etablieren müssten und mehr Beobachtung notwendig sei. Mittelfristig werde die Arbeit jedoch planbarer.
Gartenprofi Wolfgang Zauner teilt diese Einschätzung: „Im Vergleich zu konventionellen Gärten hält sich der Aufwand die Waage – auf keinen Fall ist er höher.“ Langfristig zeige sich, so die Einschätzung der Experten, dass naturnahe Pflanzungen oft robuster sind und weniger Bewässerung benötigen.
Naturgartenplanerin Maria Stark begleitet Gartenteams nach Neu‑ oder Umgestaltungen zwei bis drei Jahre lang – als Schulungsmaßnahme. Zu ihren Referenzen zählt unter anderem das Biohotel Mohren im Deggenhausertal. Platz für Biodiversität sieht sie nahezu überall: „Und sei es auf dem Flachdach.“ Auch vertikale Flächen bieten Potenzial. „Natürlich auch Wände“, ergänzt Wolfgang Zauner. Im Hotel Post in Traunkirchen hat seine Gartenbaufirma bis zu 15 Meter hohe Spritzbetonwände in begrünte Flächen verwandelt.
Bunter Naschgarten mitten in Salzburg
Dass Biodiversität auch im urbanen Umfeld funktioniert, zeigt das Hotel zum Hirschen in Salzburg. Auf einem innerstädtischen Grundstück entwickelten Katharina und Nikolaus Richter‑Wallmann ihr Haus als zusammenhängendes Quartier mit Hotel, Gastronomie und Wohnungen. Herzstück ist ein rund 2000 Quadratmeter großer Garten, entworfen von Landschaftsarchitektin Karin Standler.
Frühstücksterrasse, Gastgarten, Nutzgarten, Blumenwiesen, Spielflächen und Urban‑Gardening‑Bereiche greifen ineinander. Gemüse, Kräuter und Schnittblumen werden direkt vor Ort angebaut, ein Beeren‑Naschgarten lädt Gäste zum Probieren ein – und bietet zugleich wertvolle Nahrung für Vögel. Viele Pflanzungen bleiben im Winter bewusst stehen, um Insekten Rückzugs‑ und Nistplätze zu bieten. „Der Erfolg zeigt sich im Sommer“, sagt Katharina Richter‑Wallmann und verweist auf Hummeln, Wildbienen, Schmetterlinge, Käfer und Schwärme von Singvögeln.
Die Herausforderung: Zwischen Ästhetik und Alltag
Die größte Herausforderung bei der Umsetzung biodiverser Hotelgärten liegt oft in der Balance. Zwischen gewünschter Hotel‑Ästhetik, Sicherheitsvorgaben, ökologischer Wirksamkeit und dem operativen Alltag. Am Seegut Zeppelin setzt man auf eine konsequente Zonierung mit klarer Wegeführung. „Repräsentative Bereiche werden intensiver gepflegt, während andere Zonen ökologisch wirksamer sein dürfen“, sagt Hendrik Fennel.
Gunda Schwarz vom Landhotel am Rothenberg bestätigt dieses Spannungsfeld. Gerade im Hotelkontext müsse Natürlichkeit mit einem gepflegten Erscheinungsbild zusammengehen. Gleichzeitig beobachtet sie, dass sich Sehgewohnheiten verändern. „An Stellen, an denen wir eine hohe Nutzungsintensität oder Sicherheitsanforderungen zu erfüllen haben, akzeptieren wir, dass unsere ökologischen Ideale an Grenzen stoßen.“
Das Summen, das Zwitschern, die Bewegung im Grün: Für viele Gäste gehört das längst zur Entspannung – und für immer mehr Hotels zum Kern ihrer Identität.
>> Der Beitrag ist in der Tophotel Ausgabe 1-2/2026 erschienen
