Der Nachhaltigkeits-Hub brachte Vordenker aus Hotellerie, Gastronomie und Tourismus zusammen – für neue Perspektiven auf Sustainability, Innovation und soziale Verantwortung.
Nachhaltigkeit erlebbar machen, Vielfalt leben, Zukunft gestalten – das war die Idee des ersten Green Sign Future Labs in Berlin. Das Green Sign Institut als Initiator und Veranstalter ermöglichte damit erstmals einen Zukunfts-Hub für Nachhaltigkeits-Pioniere. 70 Speaker und Referenten sorgten mit ihren Panels, Workshops und Impulsvorträgen für reichlich Diskussionsstoff zu den drängenden Transformationsthemen des Gastgewerbes: Nachhaltigkeit in der Hotellerie, KI und Digitalisierung, Inklusion und Diversität, People & Change, Circular Economy, Hospitality Tech, Food Innovation sowie Wirtschaft und Finanzen bildeten den inhaltlichen Rahmen der dreitägigen Veranstaltung. Mehr als 250 Teilnehmer waren vom 1. bis 3. Dezember im JW Marriott Berlin mit dabei.
Wie der Gast der Zukunft tickt
Wie sich der Reisemarkt verändert und was der Gast von morgen wirklich erwartet, darüber diskutierten Petra Hedorfer, Vorsitzende des Vorstandes der Deutschen Zentrale für Tourismus (DZT), Ruben Baumgarten, Nachhaltigkeitsmanager bei Eurowings, und Ute Dallmeier, Geschäftsführerin der Lufthansa City Center Niederrhein, unter der Moderation von Tobias Klöpf.
Deutlich wurde: Nachhaltigkeit ist längst kein Nischenthema mehr, sondern wird zunehmend zu einem Qualitätsmerkmal – ähnlich wie Service oder Design. Gleichzeitig bleibt der Preis ein wichtiger Entscheidungsfaktor. Ruben Baumgarten beschrieb, wie Eurowings nach der Pandemie strategisch vom reinen Low-Cost-Angebot hin zu einer „Value-Strategie“ gewechselt sei: Kunden suchten Flexibilität und Zusatznutzen statt des billigsten Tickets. Nachhaltige Optionen wie Biotreibstoffe und CO₂-Kompensation seien zwar gefragt, aber erklärungsbedürftig und bislang zu teuer für den Massenmarkt. Aufgabe der Airlines sei es, Transparenz zu schaffen, einfach verständlich zu kommunizieren – und Nachhaltigkeit nicht als moralischen Zeigefinger, sondern als selbstverständlichen Bestandteil eines guten Produkts zu vermitteln.
Auch Ute Dallmeier betonte in ihrer Doppelperspektive aus Geschäfts- und Privatreisen die wachsende Bedeutung von Nachvollziehbarkeit: Unternehmen ließen sich bei Geschäftsreisen verstärkt auf Nachhaltigkeitskennzahlen ein, private Reisende hingegen wollten emotional überzeugt werden. „Kompensation allein reicht nicht, das macht kaum jemand“, so Dallmeier. Entscheidend sei der erkennbare Mehrwert – etwa ein zertifiziertes Hotel oder eine glaubwürdige Geschichte dahinter. Nachhaltigkeit müsse einfach buchbar und sichtbar sein, idealerweise „auf Knopfdruck“ in den Systemen. Dies verlange gemeinsame Standards zwischen Airlines, Veranstaltern und Hotellerie, um Transparenz in der gesamten Reisekette zu ermöglichen.
Petra Hedorfer hob hervor, dass Bewusstsein und Anspruch der Gäste zwar steigen, aber Kommunikation und Angebot noch nicht Schritt halten. Die DZT sieht Nachhaltigkeit als „Zukunftsfaktor für Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit“ – wobei neben Umweltaspekten auch gesellschaftliche und ökonomische Effekte wichtig seien. Hedorfer plädierte für Leichtigkeit und positive Geschichten statt Verboten: Nachhaltigkeit müsse Spaß machen, inspirieren und Teil des Erlebnisses sein. Technologische Lösungen wie nachhaltige Treibstoffe oder CO₂-reduzierte Verkehrssysteme seien ebenso entscheidend wie ein offener Dialog mit der Politik.
Die Runde war sich einig: Der Gast der Zukunft erwartet Verantwortung als Standard – nicht als Zusatzangebot. Nachhaltigkeit wird damit zur neuen Qualität der Reise. Für Hoteliers bedeutet das, glaubwürdige, transparente und emotionale Angebote zu schaffen, die ökologischen Anspruch mit Komfort und Erlebnis verbinden – einfach, ehrlich und mit Freude erzählt.
Ernährung: Transparenz und neue kulinarische Wege
Im Panel „Wie ernähren wir uns morgen?“ diskutierten etwa Toni Meier, Geschäftsführer des Instituts für nachhaltige Land- und Ernährungswirtschaft, Klimaköchin Estella Schweizer von The Green Plate Movement, Balázs Tarsoly, Geschäftsführer bei Branding Cuisine, und Xaver Zeller, Senior Key-Account-Manager Foodservice von Infinite Roots, unter der Moderation von Darlene Schwabroch darüber, wie eine zukunftsfähige Ernährung gelingen kann und welche Rolle Gastronomie, Kommunikation und neue Lebensmittel dabei spielen.
Deutlich wurde, dass Nachhaltigkeit zwar längst unser „Kompass“ ist, es jedoch weiterhin an einem Navigationssystem fehlt. Transparenz über die Umweltwirkungen von Lebensmitteln, von CO₂ und Wasser, über Flächenverbrauch bis zu gesundheitlichen Auswirkungen, sei entscheidend, um bewusste Entscheidungen überhaupt möglich zu machen. Die Sprecherinnen und Sprecher wünschten sich daher mehr Sichtbarkeit für diese Informationen im Alltag der Gäste, damit Nachhaltigkeit nicht nur Anspruch bleibe, sondern klar erkennbar und intuitiv erfahrbar werde.
Gleichzeitig wurde die enorme Gestaltungskraft der Gastronomie hervorgehoben, die Geschmäcker, Gewohnheiten und Wertvorstellungen präge und damit zum Hebel für eine neue Esskultur werden könne. Statt erhobenem Zeigefinger brauche es positive Geschichten, Genuss und Erlebnisse, die Lust auf Veränderung machen. Ein zentrales Beispiel hierfür waren Pilze, die Xaver Zeller von Infinite Roots als vielseitige, natürliche und nachhaltige Ressource vorstellte, nicht als „Fleischersatz“, sondern als eigenständiges Lebensmittel mit großem Potenzial, das jedoch weniger dogmatisch und mehr über Geschmack, Kreativität und Storytelling kommuniziert werden sollte.
„Wenn wir den Wandel wollen, müssen wir ihn mit guten Geschichten und Freude erzählen.“
Balázs Tarsoly, Branding Cuisine
Wie Klimaköchin Estella Schweizer hervorhob, liege die größte Hürde häufig in der eigenen Vorstellungskraft: „Wir unterschätzen oft, wie formbar unser Geschmack ist. Rund 95 Prozent dessen, was wir mögen, ist erlernt und kann sich deshalb verändern“, sagte sie. Die Hotelgastronomie könne hier vorangehen, indem sie zeige, wie eine Ernährung aussieht, die Verantwortung für Mensch und Erde mit Genuss und Gesundheit verbindet. Einig waren sich die Panel-Teilnehmer darin, dass die Ernährungswende nur gelingen könne, wenn sich die Art und Weise verändere, wie wir über Essen sprechen: weniger polarisierende Begriffe, weniger Moral, dafür mehr Transparenz, Inspiration und erfahrbare Vorteile. „Gastronomie ist ein kultureller Gestaltungsraum. Wenn wir den Wandel wollen, müssen wir ihn mit guten Geschichten und Freude erzählen“, unterstrich etwa Balázs Tarsoly. So werde nachhaltige Ernährung nicht als Verzicht, sondern als Gewinn erlebt und die Grundlage dafür gelegt, dass neue Ernährungsmodelle nicht nur gedacht, sondern im Alltag auch wirklich gelebt werden können.
Wie echte Gastkenntnis Wertschöpfung schafft
In seinem Vortrag „Vom Flirt zur Beziehung“ machte Michael Hellge von Hotel Mssngr deutlich, wie Hotels durch eine konsequente Hinwendung zum Gast enormes Potenzial heben können. „Wir geben Millionen für die Gewinnung von Gästen aus, ohne sie anschließend wirklich kennenzulernen“, fasste er die paradoxe Situation der Branche zusammen. Obwohl der Erstkontakt sorgfältig inszeniert werde, bleibe das eigentliche Kennenlernen oft aus. Hellge verglich das mit einem Date, auf das sich jemand groß vorbereite, um dann am Tisch nur Smalltalk zu führen. Für Hotels bedeute diese Oberflächlichkeit verlorene Umsätze, denn das größte Potenzial entstehe während des Aufenthalts: von Spa über Kulinarik bis hin zu Aktivitäten und Zusatzservices.
„Wir geben Millionen für die Gewinnung von Gästen aus, ohne sie anschließend wirklich kennenzulernen.“
Michael Hellge, Hotel Mssngr
Die Ursache sieht Sales-Experte Hellge vor allem in einer „zersplitterten Systemwelt“, in der PMS, CRM, Gästekommunikation und Reservierungstools nebeneinander existierten, aber kaum miteinander verbunden seien. Mitarbeitende müssten Informationen mehrfach eingeben, verlören Zeit und könnten Gäste kaum individuell begleiten. Der Schlüssel liege in durchdachten, vernetzten Technologien, die den Arbeitsalltag entlasten, Daten bündeln und personalisierte Empfehlungen automatisch ermöglichen. „Macht es euren Mitarbeitenden leichter, dann wird der Gast automatisch besser betreut“, betonte er. Digitale Lösungen wie integrierte Hotel-Apps könnten dabei helfen, Services sichtbar zu machen, Buchungen zentral zu verwalten und Angebote gezielt auszuspielen – nicht als Zusatzaufwand, sondern als Unterstützung.
Hellge plädierte für ein grundsätzliches Umdenken: weg vom flüchtigen Kontakt hin zu einer echten Beziehungsgestaltung, die auf relevanten Informationen, gezielter Ansprache und kontinuierlichen Interaktionen basiert. Nur so könnten Erlebnisse entstehen, die Gäste nachhaltig binden und eine Wertschöpfung ermöglichen, die weit über die reine Zimmerrate hinausgehe.
Wie Diversity Teams stärken kann
Bei der Gesprächsrunde „Vielfalt verbindet", an der Sascha Dalig, Commercial Director bei Signo Hospitality, Rika Jean-François, Head of International Business Relations bei Queer Destinations, Renée Nicole Wagner, Project Manager Sustainability Northern Europe bei Accor, und Sascha Gallinat, General Manager bei Mama Shelter, unter der Moderation von Christian Buer, Head of Tourism & Hospitality an der Hochschule Heilbronn, teilnahmen, wurde deutlich, wie stark die Hospitality-Branche profitieren kann, wenn sie Vielfalt nicht als Randthema, sondern als grundlegende Haltung begreift. „In der Hotellerie begegnen wir jeden Tag der ganzen Welt. Vielfalt ist kein Zusatz, sie ist unser tägliches Arbeitsumfeld“, betonte Renée Nicole Wagner. Unterschiedliche Herkunft, Religionen, Geschlechter, sexuelle Orientierungen, Altersgruppen und Fähigkeiten wurden nicht als Störfaktor, sondern als echte Stärke beschrieben, gerade weil dadurch neue Perspektiven ins Team kommen und sich auch die Gäste besser wiederfinden könnten.
Wiederholt wurde auf „Barrieren im Kopf“ verwiesen, also tiefsitzende Bilder und Reflexe, die alle in sich tragen, ob gegenüber queeren Reisenden, Menschen mit Behinderung oder Kolleginnen und Kollegen aus anderen Kulturkreisen. Diese Muster verschwänden nicht von allein, sie müssten bewusst gemacht werden durch Sensibilisierungstrainings für alle Beschäftigten und durch Geschichten von Menschen, die Ausgrenzung erlebt hätten – sei es an der Rezeption, am Pool oder im Bewerbungsgespräch. „Ohne echte Sensibilisierung bleibt jede Diversity-Strategie hohl. Erst Geschichten Betroffener verändern wirklich etwas in uns“, betonte Rika Jean-François. Gleichzeitig warnte die Runde eindringlich vor rein kosmetischen Maßnahmen, denn Gäste und Mitarbeitende spürten sehr schnell, ob ein Haus wirklich offen sei oder nur eine Zielgruppe ansprechen möchte. Inklusion setze zudem bei einer Führung an, die klare Werte vorgibt, Diskriminierung nicht duldet, Arbeitsstrukturen verändert und gezielt auch Menschen mit Behinderung oder aus marginalisierten Communities anspricht.
„Ohne echte Sensibilisierung bleibt jede Diversity-Strategie hohl.
Rika Jean-François, Queer Destinations
Erst Geschichten Betroffener verändern wirklich etwas in uns.“
Ebenfalls wurde betont, dass es ohne Austausch zwischen den Generationen nicht gehe. Jüngere Mitarbeitende erwarteten Sinn, Orientierung und Fairness, älteres Kollegen brächten wiederum Erfahrung, Handwerk und Stabilität ein – und beide Seiten müssen bereit sein, voneinander zu lernen. Im Mittelpunkt stehe letztlich der Mensch. Nicht Pass, Hautfarbe oder Lebensform seien ausschlaggebend: „Entscheidend ist nicht, wo jemand herkommt, sondern welche Haltung und welchen Beitrag er ins Team bringt“, brachte es Sascha Gallinat auf den Punkt. Wo Mitarbeitende sich ernst genommen fühlten, entstünde eine Atmosphäre, die auch Gäste trage. Wer intern willkommen sei, könnte auch anderen das Gefühl geben, angekommen zu sein.
Wie soziale Verantwortung zum Erfolgsfaktor wird
Wie wiederum Inklusion in der Hospitality-Branche konkret gelingen kann, diskutierten Bernise Rivière, Gründerin von Sapo Cycle Germany, Hotelier Christian Helferich vom Hotel-Restaurant Anne-Sophie und Max C. Luscher vom Café „Coffee, Brownies & Downies“ unter der Moderation von Green-Sign-Expertin Victoria Knauer-Hansen. Schnell wurde klar: Inklusion ist kein Zusatz, sondern Teil einer nachhaltigen Unternehmensführung – und kann Hotels wertvolle Impulse für Teamkultur und Gästeerlebnis geben und schafft glaubwürdige Nachhaltigkeit im sozialen Sinne.
Christian Helferich zeigte, wie Inklusion im Hotel Anne-Sophie längst selbstverständlich gelebt wird: Rund ein Viertel der Beschäftigten arbeitet dort mit Beeinträchtigung. Für die Gäste sind es Begegnungen, die berühren und inspirieren – und für die Belegschaft gelebte Menschlichkeit.
Max C. Luscher betonte, dass Inklusion kein Altruismus, sondern ein marktfähiges Geschäftsmodell sein kann. In seinem Café „Coffee, Brownies & Downies“ arbeiten Menschen, die als nicht integrierbar in den ersten Arbeitsmarkt galten – mit großem Erfolg. Hohe Gästezufriedenheit und eine emotionale Bindung an das Konzept belegten, dass Authentizität und Menschlichkeit messbaren Mehrwert schaffen. „Wir holen Inklusion aus der Defizit-Ecke“, erklärte Luscher.
„Wir holen Inklusion aus der Defizit-Ecke.“
Max C. Luscher, Coffee, Brownies & Downies
Bernise de Riviere berichtete, wie soziale und ökologische Nachhaltigkeit zusammenwirken: Bei Sapo Cycle Germany recyceln Menschen mit Behinderung gebrauchte Hotelseifen, die anschließend Bedürftigen zugutekommen. Diese Verbindung aus Ressourcenschonung und sozialer Teilhabe stärke Selbstvertrauen und ermögliche sinnstiftende Arbeit.
Natürlich, so das Panel, sei Inklusion kein „Ponyhof“: Bürokratische Fördersysteme, komplexe Zuständigkeiten und gelegentliche Rückschläge gehörten dazu. Doch überwiege der positive Effekt. Unternehmen, die Inklusion zulassen, gewinnen an Menschlichkeit, Loyalität und gesellschaftlicher Relevanz. Die Hospitality-Branche habe das Potenzial, Vorreiter zu sein – und zu zeigen, dass echte Inklusion nicht nur sozial, sondern auch wirtschaftlich ein Gewinn ist.
Ein Finale, das Zeichen setzt: The Green Monarch Award
Den feierlichen Ausklang des Events bildete die Premiere des The Green Monarch Awards, bei der mehr als 320 Gäste im JW Marriott Hotel Berlin herausragende Nachhaltigkeitsleistungen in Hotellerie und Gastronomie feierten. Die Resonanz auf das öffentliche Voting war enorm und unterstrich einmal mehr die Bedeutung verantwortungsvoller Innovationen in der Branche.
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Die Relevanz einer Plattform wie sie das Green Sign Future Lab erstmals bot, brachte Suzann Heinemann, Gründerin und Geschäftsführerin des Green Sign Instituts, abschließend noch einmal auf den Punkt: „Ich fand die Haltung aller Teilnehmenden besonders, ihr Wissen zu teilen. Das war mein Highlight.“ Genau dieser Mut und diese Bereitschaft zur Zusammenarbeit hätten die Atmosphäre des gesamten Events geprägt und zugleich deutlich gemacht, wie viel Gestaltungskraft in der Branche stecke.