Goldener Hirsch in SalzburgBehutsames Lifting für eine geliebte Ikone

Der historische Charme wurde mit viel Liebe zum Detail erhalten. Der bei den Gästen so beliebte Schlüsselkasten ist immer noch Teil der Rezeption. (Bild: Hotel Goldener Hirsch)

Das Traditionshaus in der Mozartstadt präsentiert sich seit Juli im neuen Gewand. In einer aufwendigen Maßnahme wurde das Fünfsternehotel in der Altstadt grundsaniert und umgebaut. Größte Herausforderung: Den historischen Charme zu erhalten und gleichzeitig mit moderner Technik aufzuwarten.

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Eine Renovierung ist nötig, aber ihr dürft nichts verändern“, so lautete der Wunsch vieler Gäste des Hotels Goldener Hirsch in Salzburg. Kein Wunder, das Haus hat eine jahrhundertelange Tradition und ist eine Hotelikone in der Mozartstadt. Das älteste Haus des aus vier Häuserteilen bestehenden Komplexes mitten in der Altstadt wurde 1407 erstmals urkundlich erwähnt. Seinen markanten Stil erhielt das Hotel von der einstigen Leiterin Harriet Gräfin Walderdorff, die den Goldenen Hirsch 1946 renovieren ließ und individuell ausgesuchte alte Bauernmöbel in den Zimmern platzierte. Seitdem ist das Fünfsternehaus dem charakteristischen Salzburger Landhausstil treu geblieben. Unter der Leitung der Gräfin wurde der Grundstein für den heutigen Status des Hauses als Hotspot der Salzburger Festspielszene und Prominenz gelegt. Gäste wie Thomas Gottschalk oder einst sogar der Prince of Wales haben sich schon an der Bar einen Drink genehmigt.

Derzeitiger Eigentümer des Hotels der Luxury Collection ist Dr. Hans-Peter Wild, der den Goldenen Hirsch im August 2016 von der Unternehmensgruppe Starwood Hotels & Resorts Worldwide übernahm. Bedingung für den 20 Millionen Euro teuren Immobilienkauf war ein Umbau des Traditionshauses. „Mit der Übernahme bin ich die Verpflichtung eingegangen, dem Gebäude mit dem nötigen Respekt vor dessen Geschichte zu begegnen und es entsprechend zu erhalten“, betont Wild. Nach einer fast einjährigen Bauzeit hat das Hotel Mitte Juli wiedereröffnet. Der bei den Gästen so beliebte Charme blieb erhalten, die moderne Technik fügt sich unauffällig in das Ensemble ein.

Hartes Ende für „sanfte“ Pläne

Ursprünglich war eine „sanfte“ Renovierung vorgesehen, dabei sollte vor allem die Haustechnik auf den neuesten Stand gebracht werden. Es stellte sich jedoch heraus, dass der Zustand des Gebäudes erheblich schlechter war als erwartet. Deshalb musste das Hotel einer baulichen und technischen Grundsanierung und Rundumerneuerung unterzogen werden – was bei dem historischen und denkmalgeschützten Bau viele Herausforderungen mit sich brachte. Einige zeichneten sich schon vor den ersten Baumaßnahmen ab. Geplant war unter anderem eine Unterkellerung des Kellers, um dort die Haustechnik unterzubringen. Da das aus statischen Gründen nicht möglich war, hieß es: neu denken.

 „Wir mussten in der Planung oft wieder von vorn anfangen“, erinnert sich Wolfgang Putz, Hoteldirektor im Goldenen Hirsch. Das hing auch mit den Auflagen des Bundesdenkmalamts zusammen. „Mit viel gutem Willen ließ sich aber immer eine Lösung finden, mit der beide Seiten zufrieden waren. Für die Planung wurde außerdem ein Architekt aus der Gegend verpflichtet, der für die Kollegen beim Bundesdenkmalamt kein Unbekannter ist. Das erleichtert die Kommunikation ungemein“, sagt Putz. Ursprünglich sollte der Umbau im Januar 2018 beginnen, aber erst mehr als ein halbes Jahr später im September war es soweit.

Archäologische Funde

Die Arbeiten starteten mit einer archäologischen Ausgrabung – Pflicht bei Bauten in der Salzburger Altstadt –, die nicht nur Zeit, sondern auch 330.000 Euro kosteten. Ergebnis sind mehr als 2.490 Fundstücke, wie Knochen, Glas und eine römische Brosche, die mittlerweile im Hotel ausgestellt ist. Mit Beginn der eigentlichen Bauarbeiten offenbarten sich die nächsten Schwierigkeiten: Ein gleiches Höhenniveau in den vier Häuserteilen herzustellen, wurde durch die unterschiedlichen Raum- und Fußbodenhöhen erschwert. „Man kann planen, so viel man will, irgendeine Überraschung gibt es immer“, ist das Fazit von Hoteldirektor Wolfgang Putz, der die Geschicke des Goldenen Hirschs seit 2011 leitet. Es waren nur wenige Pläne vorhanden, und die waren in vielen Teilen fehlerhaft. An einigen Stellen waren die Wände unterschiedlich dick, sodass die Bauarbeiter einmal sogar beim Nachbarn durchkamen.

Während des Baus war ununterbrochen Improvisationsgeschick nötig. Viele Gewerke mussten gleichzeitig arbeiten. Insgesamt waren 48 Firmen beteiligt – die meisten aus der Region Salzburg und Umgebung. Schwierig gestaltete sich teilweise die Anlieferung und Abholung von Baustoffen beziehungsweise Bauschutt. Das Aushubvolumen betrug 940 Kubikmeter, was 55 LKW-Ladungen für den Abtransport bedeutete. An die Baustelle geliefert werden mussten 83 Tonnen Baustahl. Für die Haustechnik wurden 240 Kilometer Leitungen installiert, was in etwa der Entfernung von Salzburg bis nach Wien entspricht. „Wichtig war, dass in einem Rutsch saniert und umgebaut wird“, sagt der Hoteldirektor. Durch die Herausforderungen war der Umbau 10 Millionen Euro teurer als geplant. Dem Eigentümer, für den der Goldene Hirsch ein Herzensprojekt ist, entlockte es lediglich den Satz: „Naja, ist eben so“, wie sich Putz erinnert. Allein das Ergebnis zählt.

6.600 Meter Stoff

64 Gästezimmer und sechs Suiten sowie die öffentlichen Bereiche des Traditionshauses wurden umgestaltet, ohne dabei ihren altbewährten Charme zu verlieren. Maßgebend dafür waren Stoffe, die die Gräfin Walderdorff einst von der Salzburger Stoffmanufaktur Jordis bezog. Diese sind nun neu, aber noch immer mit den alten Mustern versehen, die Ende der 1940er-Jahre von der Hotelleiterin ausgesucht wurden. Für Bezüge und Vorhänge waren 6.600 laufende Meter Stoff nötig – ein gesamtes Fußballfeld könnte darunter versteckt werden. 120 alte Möbel aus den Zeiten der Gräfin wurden sorgsam restauriert. Manche fanden eine neue Bestimmung: Die alten Schreibtische wurden zu Schminktischen umgebaut. Hinzu kamen 1.523 neue Möbelstücke. Alle Zimmer – egal ob „Classic“, „Deluxe“, „Festival“, „One-Bedroom-Suite“ oder „Two-Bedroom-Suite“ – sind mit Vollholzböden ausgestattet, die nach alter Tradition mit den für die Region typischen Fleckerlteppichen geschmückt sind. Die Sanitäreinrichtungen sind von Villeroy & Boch, die Waschtische und Badewannen sind in Marmor aus der Region eingelassen. Die bronzefarbenen Armaturen glänzen im Old-Heritage-Stil.

Den historischen Charme konservierte das Team um Wolfgang Putz mit viel Hingabe zum Detail. „Unsere Gäste lieben diese traditionellen, alten Schlüsselkästen. Deshalb werden die Zimmertüren nach wie vor mit einem Schlüssel geöffnet – zwar elektronisch, aber davon bekommen die Gäste nichts mit“, so Putz. Stolz ist der Hoteldirektor über die neuen „alten“ Telefone, ganz klassisch mit Wählscheibe. „Es war großes Glück, dass Siemens heute wieder solche Geräte in antikem Look produziert“, freut er sich. Wichtig war nur, dass die Gäste über die Kurzwahl an die Rezeption gelangen. Moderne hat in den Zimmern mit den verbauten Flatscreens Einzug gehalten. Diese sind so montiert, dass sie das Ambiente im Landhausstil nicht stören. Außerdem bietet der Goldene Hirsch seinen Gästen Highspeed-WLAN und neuerdings auch einen Aufzug. Für eine angenehme Raumtemperatur sind nun auch Klimaanlagen verbaut – sichtbar nur als kleiner Schlitz in der Wand. Bedienen können sie die Gäste klassisch über Drehregler. „Neumodische Touchscreens würden in die Zimmer nicht reinpassen“, so der Hoteldirektor.

Schmankerl für Gäste

Mit dem Umbau ist ein neuer Eingang entstanden, sodass die Gäste vom Karajanplatz aus kommend nicht mehr wie vorher das Hotelrestaurant durchqueren müssen. Die alte Holzverkleidung der Rezeption wurde erweitert, die Tresen der Bar neu gestaltet und neue Barmöbel angeschafft. Durch ein Glasdach dringt nun auch Sonnenlicht hinein. Die drei Küchen wurden in einer High-End-Küche im Souterrain des Gebäudes vereint. Von dort aus bereiten die Köche um Chefkoch Martin Bednarik für das haubengekrönte Restaurant „Goldener Hirsch“ Fine-Dining-Kreationen zu. Im Restaurant „Herzl“ gibt es traditionelle österreichische Schmankerl. Die Räumlichkeiten der beiden Gastronomien haben sich optisch kaum verändert. Neu ist das „Weinkabinett“ im Souterrain mit Wandverkleidungen aus historischem Holz. Der Bankettraum beherbergt bis zu 16 Personen. Praktisch und schick: Die Weinregale mit ausgewählten Tropfen haben dort ihren Platz gefunden. „Somit haben wir nicht nur hübsches Interior geschaffen, sondern auch Platz gespart“, sagt der Hoteldirektor.

Der altehrwürdige Goldene Hirsch erstrahlt jetzt in neuem Glanz und ist doch unverkennbar der Gleiche geblieben, wie von den Gästen gewünscht. Heute verfügt das Fünfsternehaus zusätzlich über Annehmlichkeiten der modernen Zeit, ganz diskret und dennoch erlebbar.

Zahlen & Fakten

  • Gesamtkosten: 30 Millionen Euro
  • Planer-Team: 20 Architekten, Fachplaner und Ingenieure
  • Beteiligte Firmen: 48
  • Komplexes Bauprojekt: Absprachen mit der Baubehörde, Gewerbebehörde, Denkmalpflege, der Sachverständigenkommission für die Altstadterhaltung, dem Bundesdenkmalamt sowie Altstadtamt.
  • Größe der Baustellenplattform: 350 Quadratmeter
  • Verbauter Beton im Rohbau: 700 Kubikmeter
  • Neuverlegte Rohre: 12.000 laufende Meter
  • Installierte Starkstromkabel: 85.000 Meter
  • Verlegte Datenleitungen: ca. 55.000 Meter
  • Montierte Sicherungsautomaten: ca. 2.500 Stück

Mareike Knewitz

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