Gestaltungselement FußbodenbelagDie Bühne zu Füßen

Im 25hours Hotel Terminus Nord in Paris setzt sich das farbenfrohe Design der Zimmer am Boden fort. (Bild: Nicolas Matheus)

Der Boden im Hotel muss viele Funktionen erfüllen, je nach Beanspruchung und gewünschter Aussage. Gestalterisch bietet er unendlich viele Möglichkeiten, doch auch Aspekte wie Nachhaltigkeit und neue Hygiene-Kriterien „liegen“ im Fokus.

Anzeige

Er fällt oft gar nicht so besonders auf und hat dennoch einen sehr großen Einfluss auf das Wohlbefinden der Gäste: der Boden. Mal fügt er sich harmonisch zurückhaltend in das Interior ein und lässt andere Einrichtungsgegenstände glänzen, mal ist er mit einer auffälligen Gestaltung selbst das optische Highlight im Raum. Dabei erfüllt der Boden aber nicht nur eine ästhetische Funktion. Gerade im Hotel ist die Reduzierung des Trittschalls von großer Bedeutung. Bei hoch frequentierten Bereichen wie der Lobby achten Hoteliers außerdem zunehmend auf eine leichte Reinigung – in Zeiten der Coronakrise ganz besonders. Außerdem müssen Hotelböden viel aushalten, da Rollkoffer sowie Schuhe mit harten und spitzen Absätzen den Untergrund belasten. Der Boden muss also, so unauffällig er sich manchmal in den Raum einfügt, ein wahrer Allrounder sein.

Entscheidung nach Einsatzort

So individuell die Beläge sind, so schwer fällt die Entscheidung für einen geeigneten Boden. Hinzu kommt, dass die Funk­tionen in den verschiedenen Hotelbereichen unterschiedlich gewichtet sind. Während im Hotelzimmer die heimelige Atmosphäre im Vordergrund steht, „liegen“ in der Lobby die Trittschalldämmung und die Widerstandsfähigkeit im Fokus. Zwei Beispiele: Im Altstadthotel Bielefeld sorgt ein Bioboden in Holzoptik für Gemütlichkeit, in der Lobby im A&O Berlin Mitte ist hingegen eine robuste elastische Vinylfliese verlegt.

Im Altstadthotel Bielefeld sorgt der Bioboden in Holzoptik für eine natürliche Atmosphäre.

In den öffentlichen Bereichen fällt die Wahl häufig auf textile Böden, da sie besonders trittschalldämmend sind, aber gleichzeitig für ein Wohlfühlambiente sorgen. Im niederösterreichischen Vivea Gesundheitshotel Bad Schönau Zum Landsknecht sind textile Teppichfliesen im Restaurant verlegt. „Teppichboden als Bahnenware sowie Akustikfliesen sind ein unschlagbarer Akustikbelag“, betont Birgitt Winkler, Leiterin Produktentwicklung bei Object Carpet.

Das Potenzial zum Design-Highlight

Böden sollen mit ihrem Design das Wohlbefinden der Gäste fördern, daher liegt nach wie vor naturnahe Gestaltung im Trend. „Hier stellen modulare Bodenbeläge, die Analogien zur Natur schaffen, eine Möglichkeit dar, dieses Raumgefühl zu erwirken“, konstatiert Anne Salditt, Marketing Director Central Europe bei Interface Deutschland. Organische Designs und Naturfarben sind weiterhin gefragt. In der Gestaltung können sich die Designer derzeit nach Herzenslust austoben. „Dem kreativen Schaffen der Meister am Boden sind da heute kaum noch Grenzen gesetzt“, findet Bernd Greve, Geschäftsführer von Project Floors. Für die Designer und Innenausstatter ist die Hospitality eine spannende Spielwiese. „Ganz besonders in der Hotellerie könnte man Böden viel öfter zum Design-Highlight werden lassen – denn auf dieser Bühne lassen sich Geschichten erzählen, die zu Hause so nicht funktionieren würden“, sagte Designerin Kathrin Patel im Interview mit Hotel+Technik.

Die Gestaltung ist dabei abhängig von der Hotelausrichtung und somit oft Ausdruck des Hospitalitykonzepts – klassische unifarbene Echtholzböden eignen sich im Luxussegment, farbenfrohe Design­beläge kommen im Budgetbereich zum Einsatz. Im 25hours Hotel Terminus Nord in Paris dominieren im Interior ungewöhnliche, farbenfrohe und individuelle Designs. Das gesamte Hotel präsentiert sich mit einem Mix der Kulturen: afrikanisch, indisch und auch ein bisschen französisch. Das hatte auch Einfluss auf die Bodengestaltung, die auf den Zimmern sehr lebendig daherkommt.

Heiko Schmidt, Vertriebsleiter DACH bei Wineo, betont, dass auch eigene Corporate Designs immer häufiger nachgefragt werden, vor allem von Hotelketten. Für einen Wiedererkennungswert am Boden sorgt zum Beispiel die Budgetmarke Ninety Nine. In den drei Hotels in Heidelberg, München und Wuppertal sind Gäste von einer Dschungelwelt umgeben. Dominant sind farbenfrohe Pflanzen und exotische Tiere. Um den Look zu komplettieren, hat die Marke einen Teppichboden mit Sonderdruck anfertigen lassen.

Der Boden für die Marke Ninety Nine ist eine Sonderanfertigung. Das Design sollte dabei dem Dschungellook angepasst werden.

Die Mischung macht’s

„Neben den nach wie vor gefragten klassischen Verlegungen herrscht insgesamt mehr Experimentierfreudigkeit“, ist sich Greve sicher. Es lassen sich durch die Mischung von Stilen, Farben und Formen immer neue Kreationen schaffen, die überraschen und begeistern. „Großflächige, florale, geometrische, farbenfrohe Designs treffen auf puristische, homogene Neutralfarben“, betont Birgitt Winkler. Besonders geeignet für die Mischung der Styles ist ein modularer Aufbau beziehungsweise Fliesenlösungen. Es lassen sich auch unterschiedliche Bodenarten miteinander kombinieren. „Oberflächen haben eine immer kräftigere Struktur und sind mit verschiedenen Materialien beschichtet, um interessante Muster und Formen zu kreieren“, erklärt Sonia Pagura, Hospitality Global Key Accounts Director EMEA-LATAM bei Tarkett. Durch den Style-Mix kann der Boden mit farbenfrohen Akzenten versehen werden, die unterschiedliche Wirkungen entfalten.

Die Farbgebung beeinflusst das menschliche Verhalten und die Stimmung, sie kann „in Räumen die Konzentration fördern oder auch motivierend, gesellig und integrativ wirken“, erklärt Anne Salditt. Begegnungsorte wie Loungebereiche in der Lobby seien häufig mit auffälligen Farbtupfern versehen, um die Kommunikation zu fördern. „Hier setzt sich der aktuelle Trend zu Pastelltönen zum Beispiel im zarten Rosa oder Petrol weiter fort, die im Wechselspiel mit natürlichen Kollektionen harmonisch in das Bodenkonzept einfließen.“ Homogene Flächen in warmen Erd-, natürlichen Sand- und Grautönen sorgen für eine entspannende Atmosphäre in Rückzugsbereichen. Bei Holzoptiken seien die dunkleren Töne wieder im Kommen, nachdem lange Zeit die helleren Varianten dominierten, sagt Greve. Zieht sich der Boden durch das gesamte Zimmer, entsteht eine Harmonie, in der Gäste zur Ruhe kommen können. In den Zimmern des Buiterling Hotels im nordrhein-westfälischen Brilon ist ein Designboden in Holzoptik bis in die Bäder verlegt.

Nachhaltigkeit gefragt

Der Trend zu mehr Umweltbewusstsein macht auch vor den Böden keinen Halt. Bei einer modularen Fliesengestaltung können zum Beispiel einzelne Teilstücke ausgetauscht werden, ohne dass der gesamte Boden weichen muss. Auch immer stärker im Kommen sind klebstofffreie Verlegungen. Im Bereich der Luxury Vinyl Tiles (LVT) achten Hersteller zunehmend auf einen hohen Recycling-Anteil. Verbunden mit der Nachhaltigkeit ist auch die Reinigung des Bodens. „In den kommenden Jahren werden wir beobachten können, dass nachhaltige Produkte mit starken antimikrobiellen Eigenschaften sehr nachgefragt werden“, prognostiziert Sonia Pagura.

Der Boden in Zeiten des New Normal

Die Coronakrise hat Aspekte in den Vordergrund gerückt, die zwar vorher in der Bodenwahl und -gestaltung schon wichtig waren, aber in diesem Ausmaß noch keine Bedeutung hatten. „Der Boden soll in Zukunft auch vor Bakterien und Viren schützen. Spezielle Oberflächen, die keinen Nährboden mehr bieten, stehen hierbei im Vordergrund“, sagt Schmidt. Eine gute Reinigungsfähigkeit ist dabei unabdingbar – der Belag soll mithilfe der Desinfektion keimfrei bleiben.

Wichtiger wird zudem die Zonierung. Bei der Einhaltung von Abständen kann der Bodenbelag unterstützen. „Die Schaffung von Zonen mithilfe der unterschiedlichen Verlegetechniken oder Optiken wird stärker nachgefragt“, betont Greve. „Hoteldesigner und Architekten überarbeiten derzeit Bestandsobjekte und kreieren neue Lösungen mit dem Fokus auf Social Distancing und kontaktlosen Systemen”, sagt Sonia Pagura. Das intuitive Laufverhalten der Gäste lasse sich durch die Bodengestaltung steuern. „Es gelten zukünftig neue Regeln. Erhöhte Hygiene und Mindestabstände müssen in der Planung berücksichtigt werden, um ein sicheres Umfeld zu schaffen“, ist sich Anne Salditt sicher. Dabei wird der Boden eine tragende Rolle einnehmen.

Mareike Knewitz

 

Anzeige