Friedrich W. Niemann im Interview Zwischen Kernschmelze und neuen Chancen

Friedrich W. Niemann (Bild: privat)

Als Berater, Gastgeber und Unternehmer erlebt Friedrich W. Niemann die Auswirkungen der Coronakrise derzeit auf vielfältigste Weise. Diese sind mit Blick auf das Leisure-Segment nicht unbedingt negativ, in der Stadthotellerie wird eine Marktbereinigung aber wohl unumgänglich sein. Im Tophotel-Interview erklärt Niemann, wann die Insolvenzwelle droht, warum er an die Zukunft von größeren MICE-Veranstaltungen glaubt und wie er sein eigenes Berliner Hotel durch die Krise führt.

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Herr Niemann, Sie kennen die Berliner Hotellerie aus dem Effeff, haben unter anderem das Waldorf Astoria eröffnet und betreiben mit dem ‚Das Schmöckwitz‘ ein 90-Zimmer-Hotel am Wernsdorfer See im Berliner Südosten. Wenn Sie derzeit einen ungeschönten Blick auf den Hauptstadt-Markt werfen, wie fällt ihre Einschätzung zur derzeitigen Situation aus?

Friedrich W. Niemann: Wir sind erst am Anfang dessen, was auf uns zukommt. Stand jetzt ist nicht abzusehen, mit welchen Verwerfungen die Branche noch konfrontiert wird. Wir haben bis dato erlebt, dass das Sofitel in der City-West Insolvenz angemeldet hat, dass eine ganze Reihe an Hotels wie das Regent ihren Re-Start hinausschiebt und dass jene, die aktuell am Start sind, von Belegungsraten zwischen 20 und 30 Prozent berichten.

Fakt ist: Wir haben derzeit kein Messegeschäft, keine internationalen Gäste und kein Kongressgeschäft. Wir wissen derzeit nicht, wie sich das Business im kommenden Jahr entwickeln wird. Deshalb gehe ich davon aus, dass eine Reihe an Hotelschließungen und -umwidmungen auf uns zukommen wird, gleiches gilt übrigens auch für die Gastronomie und den Einzelhandel. Wenn Soforthilfe, finanzielle Reserven oder auch das Kurzarbeitergeld aufgebraucht sind bzw. entfallen, werden zahlreiche Unternehmer feststellen, dass ein Fortführen des Betriebs nicht darstellbar ist.

In welchem zeitlichen Rahmen erwarten Sie dieses Szenario?

Im letzten Quartal dieses Jahres und im ersten Quartal 2021 wird es nach meiner Einschätzung zu dieser Kernschmelze kommen. Der Begriff klingt zunächst einmal etwas bösartig, es ist aber unbestritten, dass alle Unternehmer – ob Hotelbetreiber, Eigentümer, Entwickler oder Pächter – zum Jahresende entscheiden müssen, wie sie die Zukunft weiter gestalten. Bereits jetzt wissen wir von einzelnen Insolvenzen, bis zum Jahresende werden diese im gesamten Bundesgebiet mit Sicherheit zunehmen.

“Es wird jedes Segment treffen – sowohl kleine Privathotels als auch große Ketten. Das wird unweigerlich zu einer Marktbereinigung führen.”
Friedrich W. Niemann

Wer wird betroffen sein? Das kleine Stadthaus ebenso wie das große Businesshotel?

Es wird jedes Segment treffen – sowohl kleine Privathotels als auch große Ketten. Das wird unweigerlich zu einer Marktbereinigung führen, da ein Überangebot in Hotellerie, Gastronomie und auch im Einzelhandel ja bereits vor der Coronakrise existent war. Die Gefahr ist natürlich, dass die Verbraucher am Ende des Tages nur Systemanbieter vorfinden. Sollten die kreativen und individuellen Betriebe auf der Strecke bleiben, wäre dies ein großes Problem.

Gleichzeitig sehe ich hier aber auch eine Chance, wenn Hoteliers mit klaren Konzepten bisher durchschnittliche und durch die Krise geschwächte Betriebe neu positionieren. In Lychen, Werder und auch Schmöckwitz sehen wir, dass das funktionieren kann, Wachstumschancen bietet und so auch das eigene Portfolio gestärkt aus der Krise hervorgehen kann.

Sie selbst betreiben mit dem Schmöckwitz ein 90-Zimmer-Hotel am Stadtrand von Berlin. Wie performt das Haus derzeit und welche Maßnahmen haben Sie getroffen, um dieses klassische Tagungs- und Seminarhotel durch die Krise zu steuern?

Im Das Schmöckwitz konnten wir im Juli eine Belegung von über 50 Prozent realisieren und werden im August voraussichtlich sogar die 60-Prozent-Marke erreichen. Gelungen ist uns dies durch eine sehr starke Fokussierung auf den deutschen Individual- und Leisuregast. Unsere Kommunikation in Google Adwords und unsere Promotions in Kanälen wie Booking.com wurden entsprechend angepasst. Dadurch haben wir das fehlende Geschäft zwar nicht vollends kompensieren, zumindest aber viel Umsatz auffangen können. Die Lage des Hotels am See sowie die zahlreichen Möglichkeiten der Freizeitgestaltung haben uns hierbei in die Karten gespielt. Das ist natürlich in der Berliner City so nicht möglich.

“Ich glaube nicht, dass es langfristig große Negativeffekte für Kongresse oder Großveranstaltungen geben wird.”
Friedrich W. Niemann

Wie entwickelt sich die MICE-Nachfrage?

Das Schmöckwitz

Es kommen mittlerweile Anfragen rein und kleinere Tagungen wurden mittlerweile auch durchgeführt. Im operativen Geschäft sind aber die Abstands- und Hygieneregeln zu berücksichtigen, wodurch sich das Volumen reduziert. Ein Raum, in dem früher 100 Menschen getagt haben, kann derzeit nur mit 40 Personen belegt werden.

Wird sich die Coronakrise langfristig negativ auf Meetings und auf das Tagungs- und Kongressgeschäft auswirken?

Das Volumen, das wir in der Vergangenheit gekannt haben, werden wir in dieser Form wohl nicht mehr erleben. Aufgrund eines einstündigen Meetings quer durch die Republik zu fliegen – derartige Reisen werden künftig auch aus ökologischen Aspekten stärker hinterfragt. Ich glaube aber nicht, dass es langfristig große Negativeffekte für Kongresse oder Großveranstaltungen geben wird. Zusammenkünfte im Rahmen von großen Messen, Jahreshauptversammlungen oder ähnlichem werden nach wie vor notwendig sein.



 

Die Leisure-Hotellerie in Deutschland boomt derzeit vielerorts. Gilt dies auch für Ihre Bed and Breakfast-Betriebe mein.lychen und mein.werder in der Uckermark bzw. an der Havel? 

Definitiv. mein.lychen beispielsweise hat den Juli mit 98 Prozent Belegung abgeschlossen. Ähnlich gut sieht es für den August aus und auch der September verspricht einen sehr positiven Verlauf zu nehmen – deutlich besser als im Vorjahr. Generell bin ich der Meinung, dass diese Entwicklung in den kommenden Jahren Bestand haben wird. Viele Gäste registrieren derzeit, dass der Urlaub in Deutschland keine schlechte Sache ist und werden dies in Zukunft wiederholen wollen. Davon kann die Branche – unabhängig von der Corona-Entwicklung – stark profitieren.

Interview: Mathias Hansen


Zur Person: Nach dem Abitur und einer Ausbildung zum Hotelkaufmann studierte Friedrich W. Niemann Touristikbetriebswirtschaft an der FH Heilbronn und der Northeastern University in Boston, USA. Sein Executive MBA machte er an der Reims Business School in Deutschland und China. Neben verantwortungsvollen Aufgaben in Deutschland hat Friedrich W. Niemann für mehrere Jahre Hotels der Hilton Gruppe in Südosteuropa geführt, 2013 hat er das Waldorf Astoria Berlin eröffnet und seit 2015 ist er als selbstständiger Berater und Unternehmer tätig.

In der Beratung liegt der Fokus auf Konzeptionierung, Positionierung und Service Excellence insbesondere für Hotels und andere Dienstleistungsunternehmen. In seiner Arbeit als Unternehmer und Gastgeber konzentriert sich Friedrich W. Niemann auf den Betrieb von Hotels in zwei Sparten (Vollhotels und Garni Hotels). Dazu gehören die Hotels mein.lychen, mein.werder, Das Schmöckwitz am Stadtrand von Berlin sowie zwei B&B Hotels in Niedersachsen.

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