Friedrich Niemann im Porträt»Ich mache jetzt mein eigenes Ding«

Mehr als eine Pension, anders als eine Ferienwohnung – schon fast wie ein Boutique Hotel. So definiert Friedrich W. Niemann sein neues Sechs-Zimmer-Projekt in der brandenburgischen Uckermark. Sehr viel persönlicher hätte der Top-Hotelier mein.lychen nicht gestalten können.

Wenige Sekunden nach dem Klingeln öffnet der Hausherr persönlich die Eingangstür des frisch eröffneten Bed & Break-fast in der Berliner Straße 43. Friedrich W. Niemann wie man ihn kennt – vom ersten Moment an äußerst sympathisch und herzlich. Doch etwas ist heute anders. Sein Outfit. Nicht der elegante Anzug wie beim letzten Treffen auf der ITB ziert den gebürtigen Rheinländer, sondern ein lässiges kariertes Hemd, Jeans und Chucks, dazu ein Ansatz von Drei-Tage-Bart. Sehr authentisch, sehr persönlich, das sind die ersten Eindrücke nach dem Betreten des Hauses, was noch mehr auf Niemann selbst als auf sein neues Hotel zutrifft. »Mit einem Gardemaß von 2,02 Metern und seinem markanten Gesicht hätte er auch als Dressmann oder Model Karriere machen können« – so wurde der 54-Jährige einst in einem Top hotel-Porträt beschrieben; jetzt steht er mit dem Hobel in der Hand vor einem Möbelstück und erklärt in aller Ausführlichkeit, welches »jämmerliche Dasein dieses kleine Schränkchen in den vergangenen 40 Jahren in der Küche meiner Mutter gefristet hat«, und wie es jetzt als Nachttisch rehabilitiert wird. Wenn man sich vor Augen führt, dass Niemann bei seiner letzten Hoteleröffnung noch das Interior-Design der 12.000-Euro-Präsidentensuite im Waldorf-Astoria Berlin erläuterte, kann man eine gewisse Diskrepanz nicht von der Hand weisen. Dies betrifft aber allein das Projekt, Niemann ist nach wie vor leidenschaftlicher Gastgeber und spürbar glücklich, nach seinem Abgang bei Hilton vor knapp zwei Jahren jetzt wieder Gäste begrüßen zu können. Dies umso mehr, da es sein eigenes Haus ist, das er mit seinem Bruder Konrad besitzt und führt – und wo er »zu jeder Schraube eine emotionale Bindung« hat.

»Der Dachstuhl ist im Eimer«

Auf dem Weg von der »ersten Wahnvorstellung, ein Landhaus zu besitzen« (Zitat Niemann) bis zum tatsächlichen Opening am 1. Juli 2016 vergingen allerdings rund 20 Jahre. Anfangs als Alternative zur Stadtwohnung gedacht, verfestigte sich im Laufe der Zeit die Idee, das Ganze kommerziell zu machen. Nicht als 100-Zimmer-Hotel, sondern eben »Landhaus-mäßig«, wie der gebürtige Kölner betont. »Durch die berufliche Entwicklung war dies zwar immer ein zeitliches Problem, mental aber habe ich das Projekt längst in Transsilvanien, in Oberbayern oder auf dem Balkan gesehen. Als ich 2010 nach Berlin zurückgegangen bin, hat sich die Vorstellung dann konkretisiert.« Dass die Wahl schließlich auf das kleine Städtchen Lychen in der Uckermark fiel, war einem Paddel-Ausflug mit seinem Bruder vor zwei Jahren zu verdanken, bei dem sie auf das »Zu verkaufen«-Schild am Ufer des Köppensbeek aufmerksam wurden. Das Landhaus mit weitläufigem Grundstück bot die Möglichkeit, sechs Zimmer und zwei öffentliche Räume einzurichten und dabei viel Altbestand zu übernehmen – so jedenfalls die Überlegung. Wie sich im Laufe der Renovierungsarbeiten allerdings herausstellte, war »der Dachstuhl im Eimer«, genauer gesagt an mehreren Stellen marode. Was also tun? »Hätten wir den alten Dachstuhl nicht ersetzt, hätten wir uns ein paar Euro gespart und wären im vergangenen Jahr fertig geworden. Wir wären aber auch das Risiko eingegangen, dass uns irgendwann das Dach über dem Kopf zusammenfällt.« Somit wurde der gesamte Dachstuhl für 150.000 Euro saniert, wobei die Hälfte des Betrags durch Fördermittel finanziert wurde. Trotzdem riss diese nicht geplante Hürde ein ordentliches Loch in die Kasse der mein.lychen GbR von Friedrich und Konrad Niemann.

Mehr Freude als das Gebälk bereitete den Brüdern in der Folge die Einrichtung des Bed & Breakfast-Hauses, bei der nach folgendem Motto agiert wurde: »Jetzt machen wir Privathotellerie. Wir kreieren kein Luxushotel, sondern wir machen es so, wie es uns gefällt!« Deutlich wird dies in den Zimmern »Indien«, »Amerika«, »Afrika«, »Transsilvanien«, »Mitteldeutschland« und »Schweiz«, die die Lebensstationen der Niemanns repräsentieren und als zeitlose aber gleichzeitig moderne Adaption landestypischer Elemente in Kombination mit dem urbanen Landhausstil umgesetzt wurden. Treffpunkt für Gäste und Gastgeber sind im Erdgeschoss das »Jagdzimmer« und die »Bibliothek«, wo antike Möbel und Accessoires geschickt miteinander kombiniert wurden und auf diese Weise ihren Teil zum Landhaus-Look beitragen. Dominiert wird die auch als Frühstücksraum genutzte »Bibliothek« von einem überlangen Tisch, mit dem Friedrich Niemann wie mit vielen anderen Möbeln eine Geschichte verbindet. »Dieser Tisch stand in der Waschküche der Urgroßmutter und auf ihm wurde einst die Mangelwäsche verarbeitet.« Nachdem der Tisch von Niemann wiederentdeckt und eigenhändig aufgemöbelt worden war, wird auf ihm heute das opulente Frühstück mit vielen regionalen Produkten, einem Müsli-Special, Eierspeisen und süßem Abschluss serviert. Ähnlich erging es einer alten Munitionskiste seines Vaters, die heute als Nachttisch dient, oder den ehemaligen Eingangstüren des mittlerweile abgerissenen Elternhauses, die in nächster Zukunft als Blickfang im weitläufigen Garten eine neue Verwendung finden werden. Dem langjährigen Hotelier machen diese handwerklichen und gestalterischen Arbeiten »einfach Spaß«, wie er freimütig bekennt, vor allem bilden sie eine angenehme Kombination mit seiner Beratertätigkeit für milani design & consulting und  seinem dritten Standbein als Speaker im Bereich Service Excellence.

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