Geschäftsführer spricht von "unendlich schwerer Entscheidung"Sacher-Hotels müssen 140 Mitarbeitern kündigen

Auch im Hotel Sacher in Salzburg haben einige Mitarbeiter die Kündigung erhalten. (Bild: Pixabay/Werdepate)

Die Sacher-Hotels haben am Dienstag, 15. September, 140 Mitarbeitern gekündigt in Wien sind 105 Menschen betroffen, in Salzburg 35. „Dramatischer kann eine Situation nicht sein“, sagte Sacher-Geschäftsführer Matthias Winkler dazu am Dienstag in Wien. Im exklusiven Tophotel-Interview im August (sh. Artikel unten) hatte er noch optimistischer geklungen. Nun sprach er gegenüber Tophotel von einer “unendlich schweren Entscheidung”.

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Matthias Winkler leitet seit 2014 als Geschäftsführer die Sacher-Gruppe.

(Artikel-Update: 16.09.2020) Die Entscheidung habe sich abgezeichnet, sagt Matthias Winkler gegenüber Tophotel. “Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wurden schon Ende Juli und Anfang August auf die schwieriger werdende Zeit vorbereitet. Ende August wurden alle über das Ausmaß der Kündigungen informiert: rund 25 Prozent in Wien und rund 15 Prozent in Salzburg.” Nun habe die Detailinformation stattgefunden. “Seit 1832 hat Sacher schon einige schwierige Tage überstanden und wird auch die aktuelle Krise überstehen”, so Winkler weiter. “Wir waren unter den ersten, die sich sofort für Kurzarbeit und gegen Kündigungen entschieden haben, im März.” Denselben Beschluss habe man im Juni getroffen: “Alle konnten bleiben.”

Weil man aber jetzt davon ausgehen müsse, dass die kommenden Monate wieder deutlich schwieriger würden, die Infektionen steigen würden und die Buchungen rückläufig seien, zudem fast wöchentlich neue Reisewarnungen ausgesprochen würden, “mussten wir eine Entscheidung treffen: 105 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Wien, 35 in Salzburg, quer durch alle Abteilungen, alle von uns selbst eingestellt, ausgebildet und weitergebildet, mussten wir kündigen.” Dieser Entschluss sei unendlich schwer gefallen, so Winkler. “Die Entscheidung aber nicht zu treffen, hätte letztlich alle anderen Arbeitsplätze in Gefahr gebracht. Mit 25 Prozent der Umsätze (2019 waren es 100 Millionen Euro, Anm. d. Red.) können wir nicht 100 Prozent der Mitarbeiter finanzieren. Und wir sind nicht alleine: Der Tourismus erlebt einen historischen Absturz, international sprechen wir von 460 Milliarden Euro Verlust im ersten Halbjahr.” Permanent neue Reisebeschränkungen und ein fehlender Impfstoff würden einen positiven Ausblick leider unmöglich machen, sagt der Sacher-Geschäftsführer gegenüber Tophotel.

Trotz allem sei es für das familiengeführte Unternehmen ein besonderes Anliegen, für “unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter da zu sein – ein Sozialplan wurde erstellt und wir haben neben freiwilligen Abfertigungen auch einen Härtefallfonds eingerichtet, der den Schwächsten in der Not helfen soll.” Zudem hoffe man, jede Mitarbeiterin und jeden Mitarbeiter bald wieder im Team zurück begrüßen zu können. Winkler: “Tür, Tor und Telefone stehen jederzeit offen! So werden wir die schwere Zeit überbrücken können und arbeiten mit neuen Ideen und Services schon heute am Erfolg der Zukunft. Und dann kommen hoffentlich wieder viele Kolleginnen und Kollegen zurück ins Sacher.”


Noch im August hatte Matthias Winkler, Geschäftsführer der Sacher-Hotels, im Tophotel-Interview über die Auswirkungen der Coronakrise, ­entscheidende Unternehmenswerte und die Zukunft der Grand-Hotellerie in Österreich gesprochen:

Tophotel: Herr Winkler, die Sacher-Hotels in Wien und Salzburg sind die Aushängeschilder der Sacher-Betriebe. In den ­aktuellen Krisenzeiten rückt die Sachertorte stärker ins Rampenlicht. Was hat es damit auf sich?
Matthias Winkler: Normalerweise erwirtschaften wir rund einhundert Millionen Euro Umsatz mit Gästen aus über 70 Nationen. Aktuell aber hat uns die Coronakrise voll erwischt, es gibt kaum Städtereisende. In der Zeit vor Februar 2020 produzierten wir rund 360.000 „Original-Sachert­orten“ pro Jahr, nach einem streng geheimen Original-Rezept von 1832. Mit den süßen ­Sacher-Produkten begann unsere langjährige Markengeschichte. In der Krise sind diese Erzeugnisse der profitable Teil unseres Geschäfts, auch wir mussten unsere Hotels und Kaffeehäuser aufgrund von Corona schließen. Seither ist die Original Sacher­torten-Manufaktur ­positiv bilanziert.

Ihr Haus ist krisenerprobt, die Legende der Sacher-Hotels begann in unwegsamen Zeiten. Nehmen Sie uns ein Stück mit in Ihre Geschichte.
Wir starteten tatsächlich mit einer Krise: Der 16-jährige Lehrling Franz Sacher stand abends allein in der Küche. Plötzlich orderte der Prinz von Metternich noch eine Nachspeise für einen wichtigen Gast. Franz Sacher zauberte ohne Hilfe die erste ­Schoko-Torte und begeisterte damit den Prinzen. Mit diesem Produkt gründete er später ein Deli­katessengeschäft. Sein Sohn wiederum eröffnete das erste Sacher-Hotel hinter der Wiener Staatsoper. Mit der Zeit wurden die Räumlichkeiten größer, das Hotel Sacher Salzburg kam dazu. Das Hotel Bristol in Wien und zahlreiche Kaffeehäuser in verschiedenen Städten eröffneten. Dennoch ist die Original Sachertorte wohl bis heute am bekanntesten.

Denken Sie daran, mit den Kaffeehäusern zu expandieren?
Als Familienbetrieb sind wir vermutlich etwas konservativer in unseren Plänen, aber ja, wir haben schon oft darüber nachgedacht. Derzeit hilft uns die Vorsicht der Vergangenheit und rettet uns heute in der Krise, aber grundsätzlich verlangsamt es natürlich unsere Geschwindigkeit gegenüber internationalen Konzernen. Wir testeten Zweigstellen in Mailand, London und zuletzt in der Schweiz. Dabei lernten wir, dass wir selbst zu klein sind und Partner aus der Gastronomie, die ähnlich denken wie wir, für die erfolgreiche Umsetzung brauchen. Wenn wir gelernt haben, mit der Krise gut zu leben, dann eröffnen wir hoffentlich neue Sacher-Cafés.

Die Krise ist eine große Herausforderung für alle. Österreich war eines der ersten Länder nach Italien, die betroffen waren. Haben Sie als familienbetriebenes Unternehmen Vorteile in der Krise?
Ja, ich bin ehrlich gesagt lieber Leiter der Sacher-Betriebe als derzeit irgendwo in einem großen Konzern. Warum? Wenn der Eigentümer eine Familie ist, dann sind die Kommunikationswege kürzer, die Entscheidungen schneller und klarer, die Motive dahinter nachhaltiger und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter näher. Außerdem erfuhren wir in dieser Zeit eine unglaubliche Solidarität von unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Familie gegenüber. Das funktioniert mit 800 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern natürlich besser als mit 8.000. Es gibt eine große Solidarität in beide Richtungen.

Die Hotel-Landschaft ändert sich aktuell massiv. Was bedeutet das für Ihre internen Prozesse in den Sacher-Hotels und vor ­allem für die innere Haltung?
Ich glaube, dass der Stillstand drei wichtige Eckpunkte verdeutlicht hat:

Erstens: Eine stabile Wirtschaft ist entscheidend für eine funktionierende Gesellschaft. Es muss zukünftig noch mehr in Richtung einer leistungsorientierten Gesellschaft gehen, und zwar mit voller Solidarität gegenüber jenen, die nicht können, aber auch einer klaren Position gegenüber jenen, die nicht wollen. Das müssen wir auch in unseren Unternehmen so umsetzen.
Zweitens hat das ewige Optimieren – hier noch ein halbes Prozent, dort noch ein Prozent – für ein gewisses Ungleichgewicht gesorgt. Ein wachsender Hotelbetrieb braucht vor allem begeisterte Gäste, ebenso die besten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und natürlich auch ausreichende, finanzielle Mittel, um reinvestieren zu können. Dieses Gleichgewicht ist meiner Ansicht nach aus den Fugen geraten. Auch wir haben hier Nachholbedarf.
Drittens hat uns die Krise gezeigt, wie wichtig Respekt und Toleranz gegenüber allen anderen sind. Auch das ist im Lauf der Zeit aus dem Fokus geraten. Manchmal vergessen wir einfach, dass es eben auch „nur“ Menschen sind, die unsere hohen Erwartungen erfüllen und sich dabei besonders bemühen.

Werfen wir noch einen Blick in die Zukunft. Was erwarten Sie von den nächsten ­Monaten?
Ich denke, dass wir uns auf einem Scheideweg bewegen. Unsere Regierung hat gute Entscheidungen getroffen. Der Shutdown war richtig und notwendig und rettete sicher viele Menschenleben. Auch der Zeitpunkt der Wiedereröffnungen ist gut gewählt. Der Fokus liegt auf der Gesundheit, die Wirtschaft folgt danach. Die Sicherheit unserer Gäste steht für uns auch an erster Stelle. Das gelingt uns aktuell sehr gut. Aber jetzt ist jeder Einzelne gefragt. Es sind die einfachen Regeln, eine Maske im öffentlichen Raum zu tragen, Abstand zu halten, Händeschütteln zu vermeiden, die letzten Endes über Erfolg oder Niederlage entscheiden. Alle unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden zum Beispiel wöchentlich auf Covid-19 getestet, alle tragen Maske, das können wir als Unternehmer mit und auch für unsere Kollegen tun. Wohin die Reise in der Hotellerie führt, ist noch unklar. Ich gehe davon aus, dass insbesondere die Hotellerie und ganz besonders der Tourismus in Österreich wohl noch viele Jahre brauchen wird, um sich wirtschaftlich zu erholen. Wir haben einen Tag null definiert: An dem Tag haben wir geschlossen und aufgehört, voller Romantik auf die gute alte Zeit zurückzublicken. Gleich danach legten wir einen Tag eins fest, an dem wir wieder öffnen wollten und schließlich auch durften. Wir haben jetzt Tag hundert für September und Tag tausend für in drei Jahren definiert, wir ­blicken also konsequent nach vorn und nicht in Nostalgie nach hinten.

Interview: C. K. Rath. Das Gespräch fand Anfang August statt.

 

 

 

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