Das Hochwasser im Ahrtal im Juli 2021 hat viele Hotels teilweise oder vollkommen zerstört. Betroffene berichten von ihrem schwierigen Comeback, das sie bei aller Mühsal als Chance nutzen wollen, sich neu aufzustellen.
Christian Lindner leitet das Hotel Aurora seit 2012 in vierter Generation, Hochwasser hat seine Familie dort noch nicht erlebt – bis 2021. „Wir haben das Hotel 1910 übernommen. In dem Jahr war das letzte schlimme Hochwasser im Ahrtal“, weiß Lindner. Das Aurora, ein Ensemble aus drei Jugendstil-Villen, liegt 30 Meter von der Ahr entfernt. 2021 gelangte das Wasser bis auf eine Höhe von 2,50 Meter ab Straßenniveau ins Haus, richtete in Souterrain und Hochparterre Totalschäden an. In Mitleidenschaft gezogen wurden die komplette Infrastruktur, der Wellnessbereich, die Küche, das Restaurant und einige Zimmer. Einer der ebenfalls völlig zerstörten Aufzüge war erst während der Coronapandemie erneuert worden.
Elementarschäden deckte die Versicherung ab. „Es war ein weiter Weg dahin, aber wir haben uns im September 2022 mit der Versicherung geeinigt. Im Oktober 2021 begannen unsere Architekten mit Planungen, im Mai 2022 kam es zu einer ersten Kostenschätzung und wir reichten den Bauantrag ein“, so Lindner. Da im Zuge der Sanierung Bereiche verlegt und Abläufe optimiert wurden, prüfte die Versicherung sehr genau, was unter die Kategorie Flutschäden fiel. Betriebsunterbrechung und Baumaßnahmen bedingten zudem die komplette Neuausrichtung des Brandschutzes.
Behörden-Auflagen erschweren Wiedereröffnung
Ab August 2022 wollte Lindner mit seinem Team zumindest das Haupthaus als Garni-Hotel wieder für Gäste öffnen. Dafür legte sein Brandschutzbeauftragter dem Bauamt des Kreises Ahrweiler ein separates Brandschutzkonzept vor. Die Antwort ließ auf sich warten. Schließlich eröffnete Lindner am 21. Oktober 2022 im Haupthaus 22 Zimmer. Die Veranstaltung „Uferlichter“ im Kurpark Bad Neuenahr-Ahrweiler im Dezember sowie das Weihnachtsgeschäft standen vor der Tür, außerdem wollten sich sowohl er als auch sein Team endlich wieder um Gäste kümmern. „Die meisten unserer Mitarbeitenden waren seit Juli 2021 in Kurzarbeit und erhielten keinen Cent zusätzlich vom Staat. Das war direkt nach der Coronapandemie besonders hart“, betont er. Auch sei seit dem 15. Juli die auf ein Jahr begrenzte Betriebsausfallversicherung des Hotels ausgelaufen, die Teileröffnung daher für alle ein Lichtblick.
Umso größer war die Enttäuschung darüber, dass das Hotel am 23. Januar 2023 wieder schließen musste. „Trotz unseres Brandschutzkonzepts wurden uns weitere Auflagen von der Behörde auferlegt, die einen sinnvollen und wirtschaftlichen Betrieb unmöglich machten. Zudem wurde uns hier keine Karenzzeit eingeräumt, die Maßnahmen mussten sofort umgesetzt werden, anderweitig würde die Nutzung untersagt. Das war aber unmöglich, vor allem vor dem Hintergrund von Lieferzeiten für zum Beispiel Brandschutztüren“, so der Hotelier. Die Behörde war zu keinem Kompromiss bereit. „Die Sicherheit unserer Gäste, Mitarbeitenden und auch von uns hat absolute Priorität. Aber genau deswegen haben wir von Anfang an einen Brandschutzsachverständigen und weitere professionelle Partner engagiert, die nach bestem Wissen und Gewissen mit uns nach gesetzlichen Bestimmungen zusammenarbeiten.“
Unglück zugleich Chance für Neukonzeptionierung
Ein Trost: Die weiteren Arbeiten im Haus verlaufen gut. „Das Unglück bietet uns auch Chancen, all das gehört zur Wahrheit dazu“, so Lindner. Durch die Aufteilung in drei separate Häuser war die Infrastruktur des Hotels gestückelt. Durch die Neukonzipierung der Anbauten hinter dem Hotel entstanden neue Flächen für den Wellnessbereich. Der Saunabereich mit finnischer Sauna wird um eine Bio-Sauna, ein Dampfbad, eine Infrarotkabine, ein Fußbad und einen Ruhebereich ergänzt. Es entstehen zudem eine Gartensuite und ein Beauty-Salon sowie ein neuer Verbindungsgang zwischen den Gebäuden. Im Garten wird neben einer Liegewiese ein kleiner Kinderbereich entstehen, ein anderer Teil des Gartens kann zum Entspannen nach dem Saunagang genutzt werden.
Im Hochparterre wird aus einem alten Einzelzimmer eine neue Toilettenanlage, damit Restaurant-Gäste nicht wie bisher die Treppe nutzen müssen. Zudem wurde die komplette Küche ergonomischer gestaltet. Viel Zeit beanspruchte die Sanierung der Elektroninstallationen sowie das komplette Rohrleitungssystem. „Hätten wir all dies ohne den entstandenen Druck geplant, hätten allein die Planungen und die Genehmigungsverfahren zwei Jahre in Anspruch genommen“, bewertet Lindner die Fortschritte. Vor allem die Trinkwasser-Infrastruktur sei sehr aufwendig, das Umlegen eines einzigen Rohres habe die Erneuerung des kompletten Systems zur Folge. „Wir müssen sehr viel überlegen, wir wollen mindestens für die nächsten 20 Jahre gewappnet sein.“
Über eine Errungenschaft des Umbaus freut sich Lindner ganz besonders: „Unser Haus wird zum ersten Mal über eine Rampenanlage im Garten und einen Hublift am Hintereingang barrierefrei zu betreten sein.“ Das Hotel erhält auch eine batteriebetriebene Notbeleuchtung. Die Entlüftung wurde ebenso optimiert wie die Wärmegewinnung und die Dämmung. Dafür beantragte Lindner zusätzliche Bafa-Fördermittel. „So positiv das jetzt auch klingen mag. Man macht sich natürlich auch die ganze Zeit über Gedanken, wie das alles finanziert werden soll und inwiefern die Versicherungssumme ausreicht“, relativiert er seine Vorfreude auf die offizielle Pre-Opening-Phase im Juli.
Steigenberger will mit 75 Prozent der Kapazität starten
Ganz so weit wie das Aurora ist das Steigenberger Hotel in Bad Neuenahr noch nicht, doch auch hier soll spätestens im Herbst, idealerweise schon im Spätsommer 2023 die Teileröffnung erfolgen. „Wir werden mit etwa 75 Prozent der Kapazität an den Start gehen“, betont Denis Hüttig. Der Senior Vice President Operations bei der Deutschen Hospitality war zuvor unter anderem acht Jahre General Manager des Hauses in Bad Neuenahr, das wie das Aurora aus drei Flügeln besteht. Zunächst sollen im West- und Mittelbau wieder Gäste einchecken, für den Ostteil ist teilweise eine andere Nutzung geplant. Der bisherige Status des Sanatoriums soll für 21 Zimmer bestehen bleiben, die Arztpraxis des Badearztes wird ins Badhaus verlegt. Aus der Praxis, den Zimmern und der Suite im Ostteil werden Boarding Apartments. Stand Januar 2023 sagt Hüttig: „Die Bauanträge sind genehmigt, im Augenblick findet die Einbringung der technischen Grundausstattung statt.“ Lüftung, Strom- und Wasserleitungen werden eingebracht, danach folgt die FF&E-Ausstattung durch die Deutsche Hospitality.
Auch in diesem Haus wurden Keller und Erdgeschoss von den Fluten komplett zerstört und sollen optimiert aus der Katastrophe herausgehen: „Es wird veränderte Angebote und kürzere Laufwege geben“, so Hüttig. Der Weg der Gäste führe nicht mehr zwischen Küche und Restaurant hindurch, vielmehr sei dieser Bereich nun offen gestaltet. Es werde zudem keine statische Rezeption mehr geben, und aus dem 1993 stillgelegten Schwimmbad entstehe ein 200 Quadratmeter großer Tagungsraum. Dies sei auch deshalb wichtig, weil das dem Hotel gegenüberliegende Kurhaus mit seiner großen Tagungskapazität erst ein Jahr später eröffnen könne. Das erst zehn Tage vor dem Hochwasser fertiggestellte neue Spa wird ebenfalls wieder an den Start gehen und erhält zusätzlich einen erweiterten Fitnessbereich.
Zum Thema Nachhaltigkeit sagt Hüttig: „Es ist schwierig, ein denkmalgeschütztes Gebäude mit Photovoltaik auszustatten, aber auf den drei Flachbauten des Badhauses wird PV installiert. Darüber hinaus beziehen wir bereits Fernwärme auf Biobasis und steuern das Hotel nach den anspruchsvollen Richtlinien der Deutschen Hospitality operativ nachhaltig.“ Die umfangreichen Baumaßnahmen an dem 216-Zimmer Hotel wurden aus verschiedenen Quellen finanziert. Zum einen aus Versicherungsgeldern und Investitionen des Eigentümers Aktiengesellschaft Bad Neuenahr AG sowie von der Deutschen Hospitality. Zum anderen gilt die Immobilie als wichtiges Aushängeschild für die gesamte Region und wird entsprechend gefördert.
