Fitness-Boom Warum FitTech eine Chance für Hoteliers ist

Mit smarten Spiegeln können Nutzer aus einer Vielzahl an Trainings wählen und ihre Haltung während der Übungen korrigieren. © Vaha

Corona hat einen weltweiten Run auf High-End-Geräte und Apps fürs Hometraining ausgelöst. Eine große Chance: FitTech auf dem Zimmer erschließt neue Gästegruppen.
"Die meiste freie Zeit habe ich in Hotelzimmern. Da hat sich alles hin verlagert". Melanie Lauer erzählte auf dem FitTech Summit im November, dass sie keine rechte Lust verspüre, in hoteleigene Fitnessräume zu gehen und an ihren bevorzugten Geräten Schlange zu stehen. Wird es zu eng, fühle sie sich unwohl.
Melanie Lauer ist gerade dabei, der Firma Kettler als CEO neues Leben einzuhauchen. Nach der Insolvenz im Jahr 2019 ging das Unternehmen an den Schweizer Sporthändler Trisport, unter dessen Flagge startet die in Deutschland sehr bekannte Marke nun neu. Lauer verpflichtete sogar einen ehemaligen Designer von Apple, um die nächste Gerätegeneration noch attraktiver zu machen.
Und die CEO sieht noch mehr globale Trends, die darauf hindeuten, dass Sport in den eigenen vier Wänden auch nach der Coronapandemie einen gehobenen Stellenwert behalten wird. "2030 leben 70 Prozent aller Menschen in Städten". Da sei kein Platz mehr für den eigenen Hobby­keller. "FitTech muss in den Alltag der Menschen passen". Letzteres gelte im eigentlichen Zuhause genauso wie im Zuhause in der Ferne, im Hotel.

FitTech in seinen Varianten

Die Rudergeräte und Fahrradergometer von Kettler sind FitTech der alten Schule. Sie sind geradlinig auf konkretes Training ausgerichtet. Trainierende lassen oft nebenher den Fernseher laufen oder hören Musik. Lauers Vision ist, dass gut ausgestattete Hotels den Gästen einzelne Geräte aufs Zimmer bringen, wenn Bedarf besteht. Das Wissen um einen solchen Bedarf im Voraus ist Kundenbindung pur.
Als erstes nahm Lauer die Hotels der Rocco-Forte-Gruppe unter Vertrag. Frank C. Heller, Managing Director Rocco Forte Deutschland: "Mit dem neuen In-Room-Service haben wir ein sportliches Angebot, das auch unseren hohen Erwartungen an Design und Qualität voll entspricht." Und für Melanie Lauer sind solche Kooperationen eine "fantastische Gelegenheit", die hochwertigen Geräte den einzelnen Kunden auch für zu Hause schmackhaft zu machen.
Unterdessen nimmt der FitTech-Zug gewaltig an Fahrt auf. Allein der Markt für Trainingsspiegel soll bis 2025 auf drei Milliarden Dollar anwachsen, sagt Trent Ward. Sein Unternehmen Forme Life bietet einen Trainingsspiegel an, der bei Bedarf mit einer Ballettstange oder Expandern erweitert werden kann. Für ihn sind Hotels als Absatzmarkt ein "No-Brainer": Es ist naheliegend, dass zumindest die Häuser der gehobenen Klasse einige Zimmer mit den modernen Fitnessgeräten ausstatten.
Wards Berliner Wettbewerber von Vaha sehen das genauso, und die "vertikalen Smartphones", wie Gründerin Valerie Bures-Bönström sie nennt, sind bereits in einer Handvoll deutscher und österreichischer Hotels verbaut. Im Hotel Zoo in Berlin wird der Spiegel vom Concierge in das Zimmer geliefert, in dem er benötigt wird. Sandra Haller, Sprecherin des Design-Hotels, sagt: "Für die exklusiven Gäste des Hotel Zoo Berlin sind wir immer auf der Suche nach besonderen, einzigartigen Erlebnissen und Services. Durch den Vaha-Spiegel haben die Gäste eine ganz neue Möglichkeit, ihr persönliches Fitnessprogramm zu erleben. Wir freuen uns, unseren Kunden exklusiv die Vaha Gym Suite anbieten zu können."

Prinzip der Fitnessspiegel

Das Prinzip der Fitnessspiegel ist so einfach, wie die Technologie komplex. Ein Trainer macht Übungen vor, und der Trainierende macht sie vor dem Spiegel nach. Dabei kann der Trainierende seine Körperhaltung bei Bedarf korrigieren. Handelt es sich um ein Live-Training, kann das auch der Coach tun. Stück für Stück wird die künstliche Intelligenz diese Aufgabe automatisch übernehmen. Der USP von Vaha oder Forme Life liegt in der Kombination aus Technik und Content. Bei der Technik stellt sich die Frage: Braucht es einen High-Tech-Spiegel, um im Zimmer Yoga zu machen? Die Scandic Hotels testen derzeit die preiswertere Alternative. Sie offerieren Yoga-Videos im Hotel-TV.
FitTech hat, wenn es mit Kameras arbeitet, immer auch ein Vertrauensproblem. "Ich fand die Idee schon merkwürdig, einen interaktiven Spiegel in der Umkleidekabine im Kaufhaus zu sehen", sagt eine vielreisende Managerin gegenüber Tophotel. "Weiß ich wirklich, wann die Kamera an oder aus ist?" Eine physische Kameraabdeckung wäre folglich ein sinnvolles Accessoire.

Der (Personal-)Trainer im Hotelzimmer

Der große Unterschied zwischen Youtube-Videos und den Fitness-Spiegeln ist das Live-Training mit motivierenden Coaches. Das ermöglicht entweder sehr individuelle Trainingspläne, oder man genießt gemeinsam ein Gruppengefühl, auch wenn man kreuz und quer über den Planeten verteilt ist.
Dafür gibt es in der FitTech-Szene ein Synonym, und das heißt Peloton. Keiner hat den Markt buchstäblich so in Bewegung gesetzt wie die New Yorker. Durch große Fernsehkampagnen ist die Marke in aller Munde. Die Tatsache, dass auch Radprofis mit Peloton trainieren, spricht für die Qualität der Hard-Software-Kombination. Und auch hier machen die realen Trainer den Erfolg des virtuellen Radrennsimulators aus.
Für die erste deutsche Trainerin, Irène Scholz, gab es von den Nutzerinnen sogar ein Jubiläumsgeschenk zum Einjährigen. Nicht von allen, sondern von den German Ladies Peloton, einer verschworenen Gemeinschaft von Radlerinnen, die sich regelmäßig auch auf der Straße zum Radfahren trifft.

Komplettpaket für Hotels

Und wenn es eine starke Community gibt, dann gibt es auch Nachfrage im Hotel. Anfangs nahmen viele Pelotonis ihre Bikes noch selbst mit aufs Zimmer. Inzwischen hat Peloton einen Hotelfinder ins Leben gerufen, mit dem sich Häuser suchen lassen, die entsprechende Bikes zur Verfügung stellen. Und nicht nur das: Seit dem vergangenen Herbst bietet Peloton Hotels ein Komplettpaket an Hardware an. Das Unternehmen hat im Sommer Precor übernommen, den traditionsreichen Anbieter von Fitness- und Cardiogeräten.
Im Hotel Tortue in Hamburg werden die beiden Peloton-Bikes auf Wunsch aufs Zimmer gestellt. Und es gibt sogar zwei Packages, einmal mit Übernachtung und einmal ohne. Geschäftsführer Marc Ciunis: "Die zwei Pelotons kommen super an, diese Bikes sind einfach zum großen Hype geworden und da machen wir gern mit. Bei uns können die Gäste sogar ein ‚Tortue X Peloton‘ Paket buchen – mit Übernachtung im Doppelzimmer und dem Peloton Bike direkt auf dem Zimmer. Die Gäste fragen immer mehr danach und ich gehe davon aus, dass die Buchungen ab dem Frühjahr stark ansteigen werden."
Außer den Trainingsspiegeln und Connected Bikes gibt es praktisch für jede weitere Fitnessdisziplin ähnliche Anbieter. Mit den Laufbändern von Nordictrack und vielen anderen lassen sich virtuelle Landschaften durchlaufen, mit dem Smart Gym von Tonal werden Gewichte gestemmt, mit dem Vertical Stepper von CLMBR erklimmt man Treppenstufen mit vollem Körpereinsatz, und mit dem "Botboxer" trainiert man seine Beweglichkeit und Schlagkraft, oder man bekämpft Zombies, die ins Hotelzimmer einzudringen drohen.

Spielerisch trainieren

All diese Geräte sind vollwertige Sportmaschinen. Man braucht nur den entsprechenden Platz im Hotelzimmer. Sie eignen sich in erster Linie für Zielgruppen, die ohnehin schon regelmäßig trainieren. Aber das ist nicht der Wachstumsmarkt, da waren sich viele Experten auf dem FitTech-Summit einig. Die Magie liegt darin, Menschen für Fitness zu begeistern, die bisher wenig Sport treiben. "Man muss sie über die Schwelle tragen", meint Markos Kern, der Chef von Lymbio, einem Start-up aus München.
Es gibt zwei Vorbilder: Der Spiele- und Konsolenanbieter Nintendo, der mit der Wii begann, dann mit Pokémon Go die Kinder und Jugendlichen zu Stadtspaziergängen animierte und auch heute noch mit den aktuellen Fitness­titeln Ring Fit Adventure und Fitness Boxing 2 Spiele so gestaltet, dass sie Menschen in Bewegung bringen.
Das zweite Vorbild nennt sich "Zombies, run!". Das ist Pokémon Go für Läufer, nur dass man keine niedlichen Fantasiefiguren sammelt, sondern vor gruseligen Gestalten flüchtet. Die App ist so erfolgreich, dass sie mehr als zehn Millionen Menschen zumindest kurzfristig mobilisierte. Das Magische an "Zombies, run!" ist die Tatsache, dass man überall und in jeder Geschwindigkeit trainieren beziehungsweise spielen kann, auch auf dem Laufband.
Eine neue Variante dieser Idee entwickelt gerade das Unternehmen District Technologies aus Singapur. Mit dessen Tool kann man eigene Strecken in der Umgebung zum Spielfeld machen und markante Punkte als Checkpoints belegen.
Das Münchner Start-up Lymbio hat seine Idee eher an Nintendo ausgerichtet. Lymbio ist eine Kombination aus Projektor und Kamerasystem. Die Kameras überwachen den Raum und damit die Bewegungen der Spieler. Das Set-up ist spannend, weil beides flexibel eingesetzt werden kann. Über den Beamer kann man auch Netflix schauen, über den Tracker wird man bald auch virtuell Kleidung anprobieren können.
Stand heute kann man spielen. Einfache Spiele, wie eine Variante des Spieleklassikers Senso (engl. Simon), bei dem man in wechselnder Reihenfolge Farbfelder berühren muss. Nur sind die Felder so angeordnet, dass man sich gewaltig strecken oder hinspringen muss. Und schon hat Markos Kern sein Ziel erreicht. "Das Geheimnis ist, diesen Moment auszulösen, wenn die Spieler sich sagen: Einmal versuch ich‘s noch. Das ist der Hack fürs Gehirn." Kern hat längst Erfahrungen mit Hotels gesammelt. Sein Multiball-System findet sich beispielsweise in Center Parcs oder im Stock Resort in Finkenberg, Österreich. „Früher kamen nur Kinder und Jugendliche in die Halle zum Fußballspielen, heute kommen ganze Familien inklusive der Großeltern“, sagt eine Sprecherin.
Lymbio ist das Multiball-System für den kleineren Raum. Etwas Platz braucht man immer noch. Aber die Spiele sind extrem einfach. Die Einstiegshürde ist gering. Und mit 1.400 Euro ist der Einstieg durchaus erschwinglich.

Fazit

Der Markt für FitTech ist spätestens seit Peloton und Corona enorm in Bewegung geraten. Das ist eine Differenzierungsmöglichkeit für moderne Hotels. Schon jetzt leiden viele Fitnessräume in Hotels unter Frequenzmangel. Das wird sich auch in der Zeit nach der Pandemie nur wenig ändern. Aber der Wunsch nach mehr Bewegung in privatem Ambiente nimmt zu.
Frank Puscher