Ob Aluminium, Holz oder Naturstein: Was Hoteliers bei der Gestaltung einer Fassade beachten müssen und welche Unterschiede für Business- und Ferienhotels gelten, zeigen Beispiele von Südtirol bis Bremen.
An die Außenwirkung eines Hotels sollte man sich erinnern, und das natürlich positiv. Die Fassaden sollten ein Wahrzeichen, ein „Landmark“ sein, wie es etwa Christian Mikunda bezeichnet, Spezialist für strategische Dramaturgie aus Wien. Fakt ist: Die äußere Hülle gibt Baukörpern nicht nur Schutz, sondern auch Identität. Mittels ihrer Gestaltung lassen sich Differenzierung zum Wettbewerb herstellen, ein individuelles Gesicht zeigen und Emotionalität transportieren. Fassaden sind der erste Live-Eindruck, den Gäste von einem Hotel gewinnen – und dieser sollte entsprechend wirkungsvoll sein.
Die Fassade als Skulptur verstehen
Uniforme Zweckmäßigkeit, wie man sie in den Nachkriegsjahren des 20. Jahrhunderts kannte, gehört der Vergangenheit an. Stefan Rier, Mitgründer des Architekten- und Innenarchitekten-Kollektivs Noa mit Sitz in Bozen, formuliert es so: „Die Fassaden repräsentieren den ersten Berührungspunkt zwischen Gast und Gebäude und sollten möglichst konsequent das widerspiegeln, was sie beherbergen. Als erste Schicht der Architektur wollen wir, dass auch unsere Fassaden eine Geschichte erzählen. Wir versuchen, sie wie Skulpturen zu behandeln.
Dabei gibt es signifikante Unterschiede in der Gestaltung von City- und Leisure-Hotels. Das Architektur- und Designstudio Noa gestaltet (bisher) vor allem Freizeithotels im Alpenraum. „Wir konzentrieren uns auf Materialität, Privatsphäre, Licht und identitätsstiftende Muster“, sagt der diplomierte Interior Designer und Architekt Stefan Rier. Und: „Die Muster entstehen häufig nach der Studie lokaler Architekturfassaden. Wir wählen ein reizvolles Element aus und interpretieren es neu. Ein Beispiel ist das Apfelhotel Torgglerhof, bei dem wir die Andreaskreuze, die typisch für die Scheunen in den Südtiroler Alpen sind, in zeitgemäßer Form wieder aufgegriffen haben.“
Optische Einheit herstellen
Die vorgelagerten Muster vermögen es zugleich, neue und bestehende Abschnitte einer Immobilie unter einem „Kleid“ zu vereinen, so wie es auch beim Erweiterungsumbau des Falkensteiner Family Resorts Lido geschehen ist. Beim Excelsior Dolomites Life Resort, das 2021 eine neue Außenfassade erhielt, ist man ebenso vorgegangen. Hier war das Architekturbüro Berg und Tal aus Bruneck verantwortlich. Das Ehepaar Werner und Tamara Call, das die Führung des Excelsior Dolomites Life Resorts in dritter Generation innehat, hat den Hotelbetrieb seit eigener Übernahme von 25 auf 65 Zimmer beziehungsweise Suiten ausgebaut.
Zwei Neubauten rahmen mittlerweile das Stammhaus ein. 2021 wurden die Fassaden der nunmehr drei Gebäude mit Lärchenholzstreben ummantelt, um sie optisch zu verbinden. „Für uns war es wichtig, dass das Resort Einheitlichkeit ausstrahlt. Die Kombination aus Lärchenholz und leichten Stahlseilbalkonen wirkt gleichzeitig modern und traditionell“, erläutern die Hoteliers. Beim Viersterne-Superior-Hotel Silena wiederum (ein Noa-Projekt) besteht die Fassade, die für den optischen Zusammenschluss der Gebäudeteile sorgt, aus perforierten Aluminiumpaneelen, die in erdfarbenen Tönen gehalten sind. Das Design ist vom Moor inspiriert, das den Standort Vals prägt. Pflanzenähnlich „wachsen“ die Paneele den Hotelkomplex empor, eliminieren dabei die Wahrnehmung der Etagen und bieten den Gästen Privatsphäre, ohne die Aussicht zu beeinträchtigen. Mit dem Um- und Zubau im Jahr 2017 vollzog der frühere „Moarhof“ eine fast schon mystische Transformation.
"Materialien, Höhen und Proportionen der umgebenden Bebauung sind ebenso zu berücksichtigen wie die städtischen Auflagen."
Jost Westphal, Westphal Architekten
Das Fünfsternehotel Franks in Oberstdorf erstrahlt pünktlich zum 60-jährigen Bestehen in diesem Jahr in neuem Glanz. Zusammen mit Alpstein Architekten wurden unter anderem die Außenfassade und die Lobby modernisiert. Das unternehmenstypische Farbkonzept nimmt nun bereits mit der Fassade den „anthrazit-roten“ Faden auf. Die Balkone bestehen aus nachhaltigem Altholz. Hintergrund der Investitionsmaßnahmen war aber in erster Linie die energetische Sanierung des Gebäudes, die die Dämmung sowie den Austausch der Fenster- und Türenelemente beinhaltete. Gleichzeitig wurden alle Leitungen für die zukünftigen digitalen Medien verlegt, erläutert Cora-Bethke-Frank, die das Hotel gemeinsam mit Tochter Mara Frank in dritter und vierter Generation führt.
Auf die Zielgruppe abstimmen
Ressourcenschutz spielt längst auch bei der Fassadengestaltung eine wichtige Rolle, wobei neben umwelt- und baubiologisch verträglichen Materialien möglichst niedrige Energie-, Betriebs- und Folgekosten im Fokus stehen. „Auch die Fragestellung, ob man Materialien am Zyklusende rückbauen und recyceln kann, beschäftigt uns inzwischen sehr. Hier hat es ebenfalls eine Zeitenwende gegeben“, bemerkt Jost Westphal, Partner bei Westphal Architekten aus Bremen, womit die Brücke zu City-Projekten geschlagen ist. So wie sich die vorgestellten Hotelfassaden harmonisch in die umliegenden Landschaften und ländlichen Strukturen einfügen, gilt es im städtischen Umfeld „Individualität im städtebaulichen Kontext umzusetzen. Materialien, Höhen und Proportionen der umgebenden Bebauung sind zu berücksichtigen, ebenso wie kommunale Auflagen, die umso strenger ausfallen, je sensibler der Kontext ist“, weiß Jost Westphal und nennt als Grund hierfür beispielsweise historische Strukturen.
„Natürlich sind Ausdruck und Materialität auf die Zielgruppe abzustimmen. Für Rucksacktouristen würde eine Bronzetür eine Hemmschwelle darstellen. Wenn jedoch der Jaguar vorfahren soll, sind entsprechend hochwertige Akzente zu setzen“, bringt es der Architekt plakativ auf den Punkt. Das von den Westphal Architekten gestaltete Neubauprojekt The Niu Crusoe am Flughafen Bremen hatte bei Planung und Bau im Jahr 2020 noch keine engen nachbarschaftlichen Bezüge. „Wir waren sehr frei, auch seitens unseres Auftraggebers“, sagt Jost Westphal. Das Ergebnis ist eine skulptural und kraftvoll gestaltete Metallfassade aus dreidimensional und polygonal geformten perforierten Elementen in der Farbe Champagner. Eine Materialität, die zum Flugbetrieb passt.
"Fassaden repräsentieren den ersten Berührungspunkt zwischen Gast und Gebäude – sie sollten das widerspiegeln, was sie beherbergen."
Stefan Rier, Noa
Der Architekt rät generell auch Hotelketten zu individueller Fassadengestaltung statt durchgehend konsequenter Corporate Identity (CI) im Außenbereich – insbesondere dann, wenn es sich um Bestandsgebäude mit historischer Substanz handelt. Das Design der The-Niu-Häuser jedenfalls verkörpert grundsätzlich eine eigene Geschichte, inspiriert von Nachbarschaft, Kultur und Historie der jeweiligen Stadt. Im Bremer The Niu Crusoe wurden jeweils zwei Zimmerbreiten zu einer Fensteröffnung gebündelt, was das Fassadenbild großzügiger erscheinen lässt. „Es sollte bereits von außen ablesbar sein, dass es sich um ein Hotel und nicht um ein Wohn- oder Bürogebäude handelt“, so Westphal. Die Faltung der Elemente sorgt für unterschiedliche Sichtweisen und Eigenschattenbildungen je nach Lichteinfall, was die Fassade lebendig macht, die Perforation verleiht dabei eine gewisse „Stofflichkeit“.
Auch der minimalistisch gehaltene Anbau des Viersterne-Superior-Hauses La Maison in Saarlouis zeigt ein wandelbares Gesicht. Er ist umhüllt von einem netzartigen Gewand aus perforierten Aluminiumfaltläden in einem Eloxal-Ton. Die Gäste steuern die Läden elektrisch von den Zimmern aus und führen somit selbst Regie über den Anblick des Anbaus beziehungsweise über ihr Bedürfnis nach Privatsphäre. Die Faltläden stehen zugleich im regionalen Kontext, denn die metallverarbeitende Industrie ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor des Saarlands. Das La Maison bringt insgesamt Altes und Neues in einen harmonischen Dialog. So, wie es gleichermaßen Business-, Tagungs- und Urlaubshotel ist. Beim Haupthaus handelt es sich um ein Stadtpalais aus dem 19. Jahrhundert, das ehemalige Oberverwaltungsgericht. Es ist sozusagen die Grande Dame des Gebäudeensembles; neben ihr nehmen sich Anbau und Gästehaus reduziert zurück. Die Fassade des Gästehauses wiederum besticht durch eine Holzverkleidung und passt sich damit der umgebenden Parklandschaft an.
Verantwortlich für das Bauprojekt auf 5.000 Quadratmetern Gesamtfläche war das Studio CBAG, das dafür 2017 mit dem Architekturpreis des Bundes Deutscher Architekten Saar ausgezeichnet wurde und dessen Gründer Christina Beaumont und Achim Gergen zuvor bei den internationalen Stararchitekten Zaha Hadid in London und Rem Koolhaas in Rotterdam tätig waren.