1990 eröffnete Unternehmer Hans-Joachim Fischer in Los Cristianos das Hotel Mar y Sol. Heute entwickeln seine Kinder das komplett barrierefreie Haus gemeinsam weiter.
Thomas Fischer (35) und seine Schwester Ina (36) haben sich ihre Entscheidung reiflich überlegt. Beide kennen ihre Arbeitsstätte von Kindesbeinen an, ihr Vater Hans-Joachim Fischer hatte den Grundstein für das Mar y Sol Spa und Sporthotel 1985 gelegt und lebt heute im Haus. 1990 wurde der erste Teil des Hotels eröffnet. 1994, als die im deutschen Herrenberg geborenen Geschwister vier und fünf Jahre alt waren, zogen sie mit ihren Eltern nach Teneriffa und legten dort später das deutsche Abitur ab.
Ina Fischer studierte anschließend Tourismus und Marketing in Chur und Samedan und arbeitete später unter anderem bei Eventagenturen. Thomas Fischer absolvierte nach der Schule ein Praktikum im Lindner Hotel Wiesensee und schloss danach die Hotelfachschule in Passugg, heute EHL Passugg, als diplomierter Hotelier und Restaurateur ab. 2012 begann er als Direktionsassistent im Mar y Sol.
Familieninterne Nachfolge
2022 übernahmen die Geschwister offiziell die Geschäftsführung des Familienunternehmens, das inzwischen aus drei Geschäftsfeldern besteht. Ihre Aufgaben sind klar aufgeteilt: Thomas Fischer leitet gemeinsam mit Hoteldirektorin Renate Kraus das Hotel. Ina Fischer verantwortet das benachbarte Unternehmen „LeRo Mobility Solutions“: ein Dienstleister rund um Hilfsmittel und Pflege für Behinderte. Bei LeRo können etwa Dusch- oder Elektrorollstühle, Rollatoren, Scooter oder Pflegebetten für den Aufenthalt auf der Insel gebucht oder gekauft werden. Zudem vermittelt LeRo Pflegedienstleistungen über ein Team examinierter Gesundheits- und Krankenpflegerinnen und -pfleger für den unbeschwerten Urlaub.
Gleichzeitig berät die Familie andere Unternehmen im Bereich Barrierefreiheit. Im hauseigenen Therapiezentrum Teralava werden unter anderem Krankengymnastik, Lymphdrainage, Massagen, Lavapackungen und Magnetfeldtherapie angeboten. Sein Name setzt sich aus den Begriffen Terapia (Deutsch: Therapie) und Lava von der Vulkaninsel Teneriffa zusammen. Eine der Anwendungen ist eine warme Packung aus gemahlenem, mit Wasser vermischtem Lavastein. Teralava wird von Elli Baum Fischer geleitet, der 72-jährigen Mutter von Thomas und Ina. Die ausgebildete Sport- und Gymnastiklehrerin, Physiotherapeutin und Heilpraktikerin konzentriert sich in Zeit besonders auf Lebensberatung, Chiropraktik, Neuraltherapie und Kinästhetik.
Barrierefreiheit und Sportangebot im Fokus
Das Mar y Sol zählt zu den bekanntesten behindertengerechten Hotels in Europa. Die Meerpromenade von Los Cristianos mit schönen, auch barrierefreien Stränden, ist in fünf Gehminuten erreicht, die Altstadt in etwa 15 Minuten. Einkaufsmöglichkeiten, Restaurants und Kneipen liegen in unmittelbarer Nähe. Rollstuhlfahrer sind nicht nur im Hotel willkommen, ganz Los Cristianos präsentiert sich heute als barrierefreier Urlaubsort. Wichtige Zielgruppe des Hotels sind Gäste mit den Krankheiten MS, ALS und Schlaganfall. Sie profitieren, ebenso wie Rheumakranke, besonders von den heilklimatischen Vorzügen in Teneriffas Süden.
Die 166 Apartments und Suiten des Mar y Sol verfügen über behindertengerechte Bäder und ausreichend Raum für Rollstühle. Alle Bereiche des Hauses sind stufenlos erreichbar. Die beiden großen Pools mit Lifts für den problemlosen Einstieg werden tagsüber von erfahrenen Bademeistern beaufsichtigt. Das weitläufige Restaurant ist für Menschen im Rollstuhl hindernisfrei, sie bedienen sich an den wechselnden Themen-Buffets selbst oder werden auf Wunsch von den Mitarbeitenden des Hotels unterstützt. Etwa die Hälfte der Tische sind besonders hoch, damit elektrische Rollstühle mühelos darunter gefahren werden können.
Sporthalle als USP
Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal des Hotels ist die 2008 eröffnete, 530 Quadratmeter große Sporthalle. Rollstuhl-Sportler können dort zahlreiche Sportarten ausüben, wie Rollstuhl-Rugby, Electric-Wheelchair Hockey oder Tischtennis. „Ich selbst bin begeisterter Sportler, deshalb war es mir auch sehr wichtig, das Hotel stärker auf das Thema Sport auszurichten“, sagt Thomas Fischer, der immer wieder neue Kontakte knüpft, um die Sporthalle zu füllen. So fand dort beispielsweise Mitte Mai 2025 zum zweiten Mal das beliebte Zumba-Event „Canary Explosion“ für Menschen mit und ohne Behinderung statt. Mehr als 120 überwiegend nicht behinderte Teilnehmer besuchten Workshops, Aqua Zumba-Sessions, eine Master Class und brachten viel Leben ins Hotel. Eine der ZIN-Instruktionen war die im Rollstuhl tanzende Silvia Arbelo.
Elektroingenieur Hans-Joachim Fischer wurde Quereinsteiger in die Hotellerie, nachdem seine erste Ehefrau 1975 an MS erkrankt war. Im Urlaub auf Teneriffa hatte das Paar aus Deutschland positive Erfahrungen auf den Krankheitsverlauf festgestellt. Fischer, damals selbst erst Ende 30, finanzierte das Projekt über Bankkredite, Partner und den Verkauf einzelner Wohneinheiten. Aktuell beträgt der Stammgästeanteil im Mar y Sol 40 Prozent, die Durchschnittsaufenthaltsdauer liegt bei elf Tagen. Bei einer Auslastung von 65 Prozent erreicht das Hotel einen RevPAR von 57,99 Euro, einen Logisumsatz pro verkauftem Zimmer von 92,23 Euro und einen Logisumsatz pro Person von 54,61 Euro. Etwa acht bis zehn Prozent der Gäste buchen Vollpension, der Rest Halbpension.
„Es motiviert uns, Menschen mit einer Behinderung und ihren Familien ein herzliches Urlaubsumfeld bieten zu können.“
Ina Fischer, Geschäftsführerin im Mar y Sol
35 Prozent der Gäste stammen aus Deutschland, gefolgt von Briten (14 %), Schweden und Spaniern (je 12 %), Dänen (7 %) sowie Niederländern und Norwegern (je 5 %). Das Hotel bietet täglich Abendunterhaltung, darunter Live-Musik, Karaoke-, Bingo- oder Quizabende. Hinzu kommen sportliche Animationsprogramme. Das umfangreiche Service- und Unterhaltungsangebot, aber auch der hohe Hygienestandard, der besondere Anforderungen an das Housekeeping stellt, lassen die Personalkosten im Mar y Sol deutlich höher ausfallen als in vergleichbaren Hotels mit einer nicht behinderten Zielgruppe.
Vom Familienbetrieb zur Zukunftsstrategie
Bis heute kämpft das Hotel mit den Auswirkungen der Coronapandemie, die seine Zielgruppe später zurückbrachte als nicht behinderte Gäste. Zudem brachen in dieser Zeit Vertriebskontakte ein, kleinere Spezialreiseveranstalter für Behindertenreisen gaben gar ganz auf. Eine weitere Herausforderung ist die Zukunft von Teralava. Wurden Therapien früher teilweise ein halbes Jahr im Voraus gebucht, erfolgt dies heute sehr kurzfristig. Finanzielle Unterstützungen für Kuranwendungen fallen oft geringer aus, in den Niederlanden wurden sie sogar komplett gestrichen.
„Viele Gäste müssen heute alle Anwendungen aus eigener Tasche bezahlen, wozu sie nicht bereit sind. Aber auch das Urlaubsverhalten hat sich verändert. Man möchte lieber relaxen als zu Hause Termine haben“, bedauert Thomas Fischer. Dennoch möchten die Geschwister in weiten Teilen an der bisherigen Strategie ihrer Unternehmungen festhalten. „Mein Bruder und ich sind im Hotel aufgewachsen. Das Mar y Sol ist für viele nicht nur ein Hotel, sondern auch die erste oder zweite Heimat. Mitzuerleben, wie Menschen hier sie selbst sein können, an einem Ort ohne Vorurteile, ohne Einschränkungen und in einer Umgebung voller Liebe und Flexibilität, hat mich von klein auf immer tief berührt. Außerdem besitzt dieses Projekt ein Alleinstellungsmerkmal wie kein anderes. Menschen mit einer Behinderung und ihren Familien ein herzliches Urlaubsumfeld zu bieten, ihre Freude zu erleben, motiviert uns, weiterzumachen“, sagt Ina Fischer.
Derzeit arbeiten Ina und Thomas Fischer an neuen Strategien für das Familienunternehmen. Im Hotel könnten etwa derzeit nicht genutzte Flächen neu bespielt werden. „Ich denke dabei an das Projekt einer Schule mit kleiner Werkstatt, die verschiedene Arbeitsplätze bietet, auch für lokale Behinderte“, so Thomas Fischer. „Außerdem soll sie kreative Kurse für unsere Gäste anbieten.“ Zudem suche er neue Kooperationen mit weiteren Reiseagenturen und Sportverbänden. „Bei uns könnten auch Kongresse für Ärzte und andere Dienstleistungsbereiche abgehalten werden, die mit unserer Zielgruppe zu tun haben: Hilfsmittelhersteller, Pflegeorganisationen, Schulen, die im Bereich Pflege, Architektur oder Hotellerie arbeiten.“ Für die nächsten zehn Jahre habe man auch viele Ideen, die sich weniger auf den Hotelbetrieb als auf die steigende Nachfrage nach Pflegeleistungen und -unterstützung bezögen.