Extravagantes Konzept in AmsterdamHier wird eine ganze Stadt zum Hotel

Das 24 Quadratmeter große Brückenhaus Amstelschutsluis befindet sich auf einer Insel in der Amstel und ist nur mit dem Boot erreichbar. (Bild: Sweets Hotel/Mirjam Bleeker )

Seit 2018 entsteht in Amsterdam in mehreren Etappen ein Hotel, dessen einzelne „Zimmer“ über die ganze Stadt verstreut sind. Das Besondere: Die Gäste bewohnen jeweils ein eigenes kleines Brückenhaus, das einst der Regelung des Straßen- und Schiffsverkehrs diente. Tophotel hat sich umgesehen.

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Wenn etwas für Amsterdam typisch ist, dann ist es das Wasser. Einerseits liegt die niederländische Hauptstadt direkt am Ijsselmeer, einer ehemaligen Meeresbucht, die sich nach dem Bau eines Deichs in einen riesigen Süßwassersee verwandelte. Andererseits gibt es an die 175 Kanäle mit einer Gesamtlänge von gut 75 Kilometern, die die Stadt wie ein Netz aus Adern durchziehen und von insgesamt 1.300 Brücken überspannt werden. Viele davon sind beweglich ausgeführt, um Schiffen bei Bedarf Durchlass gewähren zu können. Noch bis vor wenigen Jahren waren an jeder dieser Brücken Brückenwärter stationiert. Ihre Aufgabe bestand darin, den Landverkehr bei herannahenden Schiffen mittels Schranken zu regulieren und die Brücke zu öffnen und zu schließen. Diesen Dienst verrichteten sie in der Regel in kleinen Brückenhäusern, in denen sich die nötigen Bedienelemente befanden. Meist als Einraumhäuser konzipiert, boten sie nicht nur einen beheizbaren, witterungsgeschützten Aufenthaltsort, sondern auch einen guten Panoramablick auf die Stadt. Seit 2012 werden die Brücken zunehmend von einer automatisierten Schaltzentrale aus überwacht und gesteuert. Obsolet geworden sind die Brückenhäuser dadurch allerdings noch lange nicht.

Vom Schaltraum zum Schlafraum

Ebenfalls im Jahr 2012 hatte das Amsterdamer Architekturbüro ­Space & Matter die Idee, ein Hotel zu schaffen, das aus in der ganzen Stadt verstreuten Einzelzimmern besteht. Zur Unterstützung holten sie Suzanne Oxenaar und Otto Nan mit ins Boot, die damals gerade erfolgreich das Lloyd Hotel & Cultural Embassy und das Hotel The Exchange gegründet hatten. Zunächst schlugen die beiden vor, bereits bestehende Gebäude zu nutzen, anstatt in der ohnehin schon überfüllten Stadt neue zu bauen. Als dann bekannt wurde, dass den Brückenhäusern die Ausmusterung bevorstand, wusste das Team sofort, was zu tun war: Sie entwickelten das inzwischen umgesetzte Konzept des Sweets Hotel und stellten es zusammen mit dem Projektentwickler Grayfield bei der Stadt vor. Die Behörden bewerteten

In allen Brücken­häusern sind Teile der Bedien­elemente zur Steuerung von Brücken und Schleusen erhalten geblieben – hier unter einem Glaskasten in der Küchenzeile.

diesen Plan von Anfang an vor allem deshalb positiv, weil die Brückenhäuser dadurch gleichsam wie eine Familie zusammenbleiben würden. Insgesamt umfasst das Projekt 28 Gebäude, von denen manche an den weltkulturerbegeschützten Grachten der Altstadt liegen, während sich andere im Hafen oder im Grünen außerhalb des Zentrums befinden.
Die ersten elf Häuser wurden im Frühjahr 2018 eröffnet – aktuell sind es 18, bis spätestens 2022 soll das Sweets Hotel dann mit 28 Dependancen fertig sein. Die von Anfang an großartige breite Resonanz ist nicht weiter verwunderlich. Zum einen hauchen sie vielen geschützten Baudenkmälern neues Leben ein und sichern damit auf lange Sicht deren Fortbestehen. Zum anderen bieten sie den jeweils maximal zwei Gästen ein Erlebnis, wie es für Amsterdam kaum typischer sein könnte. Ab 120 Euro pro Nacht wohnen sie direkt am Wasser in einem eigenen Häuschen, das selbstverständlich über ein Bad verfügt und aufgrund der zentralen Lage den perfekten Ausgangspunkt zum Erleben der Stadt bietet – selbst dann, wenn man sie nur durch die Fensterscheiben beobachtet. Suzanne Oxenaar und Otto Nan ist bewusst, dass es seltsam erscheinen mag, insgesamt fast zehn Jahre lang an einem Hotelkonzept mit nur 28 Zimmern zu arbeiten. „Am Ende wird es ein sehr kleines Hotel sein, das stimmt“, sagten sie zur Eröffnung der ersten Häuser. „Doch die Idee eines Hotels in verschiedenen Stadtteilen Amsterdams, mit Betten, die alle den Blick auf einen Kanal bieten – diese Idee ist einzigartig und gleicht wirklich alle Mühen aus.“

Reif für die Insel

Das vielleicht außergewöhnlichste und mit 950 Euro pro Nacht auch kostspieligste aller Brückenhäuser ist das 24 Quadratmeter große Amstelschutsluis. Es befindet sich auf einer Insel mitten in der Amstel und ist nur mit dem Boot erreichbar. Vier Überfahrten pro Nacht sind im Übernachtungspreis inbegriffen, weitere werden extra berechnet – Gäste können allerdings auch mit dem eigenen Boot anreisen. Die von Space & Matter zurückhaltend elegant gestaltete Innenausstattung nimmt Bezug auf die Entstehungszeit des Hauses im 17. Jahrhundert und bietet neben einem großen Doppelbett, einer Küche mit Herd, Geschirrspülmaschine und Kühlschrank auch ein Bad mit Regendusche. Optional zubuchbar

Als Brückenhaus mit nur 10,5 Quadratmetern entspricht Van Hallbrug ganz dem aktuellen Trend nach kleinen Tiny Houses.

sind beispielsweise ein per Boot geliefertes Frühstück oder ein mit Snacks und Getränken gefüllter Kühlschrank. Wie in allen anderen Häusern ist auch in diesem Häuschen ein Teil der alten Bedienelemente zur Brückensteuerung erhalten geblieben, was die Geschichte des Ortes einmal mehr zum Faszinosum macht.
Nicht weniger authentisch, aber kaum halb so groß ist Van Hallbrug. Entstanden ist das kleinste der Brückenhäuser im Jahr 1932 in der Zeit des Amsterdamer Backsteinexpressionismus. Entsprechend ist das Interior dort etwas lebhafter und zudem voller kreativer, unkonventioneller Raumlösungen. So gesehen entspricht es ganz dem aktuellen Trend nach kleinen Tiny Houses.

Direkt neben dem Botanischen Garten „Hortus Botanicus“ eröffnete im Sommer 2019 das modernistische Brückenhaus Hortusbrug. Auf der einen Seite bietet es den Blick auf die an der Nieuwe Herengracht stehenden Häuser aus dem 17. Jahrhundert, während auf der anderen Seite das filigrane, im Jahr 1993 von Zwarts & Jansma Architekten realisierte Three-Climate-Gewächshaus steht. Architektonisch ist das 1956 erbaute Brückenhaus Hortusbrug inspiriert vom berühmten niederländischen Designer und Architekten Gerrit Rietveld, der nun auch als Inspirationsquelle für die Möblierung diente. Eine Besonderheit für die Gäste dieses Standorts ist der im Übernachtungspreis inbegriffene Eintritt in den Botanischen Garten.

Amsterdam authentisch erleben Sweets Hotel lässt sich nicht ohne weiteres mit konventionellen Hotels vergleichen, nicht zuletzt, weil es natürlich konzeptbedingte Besonderheiten gibt. Beispielsweise muss das Alter der Gäste mindestens 21 Jahre betragen, sodass Aufenthalte mit Kindern nicht möglich sind. Ebenso ist keines der Brückenhäuser barrierefrei oder für Rollstuhlfahrer geeignet. Dafür kann man nach 16 Uhr jederzeit via Smartphone App und persönlichem Schlüsselcode eigenständig einchecken, und ist man erst einmal im Haus, liegt zusätzlich noch eine konventionelle Key Card bereit. Da das Hotel wohl über ein Büro und Ansprechpartner am Telefon, nicht aber über öffentliche Bereiche oder Zusatzangebote verfügt, gibt es auch kein festes gastronomisches Angebot. In gewisser Weise ist die ganze Stadt die Lobby des Hotels.

Roland Pawlitschko

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