Eckart Buss im Tophotel-InterviewSo wollen die Henri-Hotels weiter wachsen

Geschäftsführer Eckart Buss gestaltet die junge Boutiquehotelgruppe Henri seit ihrer konzeptionellen Geburtsstunde innerhalb der DSR Hotel Holding im Jahr 2009 mit. (Bild: Henri Hotels/Stefan Malzkorn)

Hamburg, Berlin, Düsseldorf – und bald Wien: Dort wird im nächsten Jahr das erste internationale Henri-Hotel eröffnet. Im exklusiven Tophotel-Interview spricht Geschäftsführer Eckart Buss über den Spirit der – noch – kleinen Gruppe im Vergleich zu anderen „hippen“ Hotel­ideen. Und darüber, wie und wo die junge Boutiquehotelmarke weiter wachsen will.

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Tophotel: Herr Buss, mit ‚Henri‘s Friends‘ haben Sie im vergangenen Sommer ein neues Erlebnisprogramm gelauncht. Sind Sie selbst schon mit dem Hamburger Boxtrainer Jochen Schmidt in den Ring gestiegen?

Eckart Buss: Das hat sich bisher leider nicht ergeben. Aber das Hamburger Henri-Team hat Jochen Schmidts wirklich tolles Box- und Fitnessstudio schon kennenlernen dürfen und ein Schnupper-Boxtraining absolviert.

Wie verläuft bei ‚Henri’s Friends‘ die Auswahl der lokalen Partner – muss man sich bewerben oder einen guten Draht zum Hotel haben?

Unsere Henri-Gastgeber und ihre Teams sind neugierig und aufmerksam, was um die Standorte herum passiert, spannend ist und authentische Erlebnisse für unsere Gäste ermöglichen könnte. Sie sprechen dann die potenziellen lokalen Partner gezielt an. Manchmal ergeben sich die Dinge auch zufällig. Wie das so ist in einer guten Nachbarschaft.

Wie ist das Programm angelaufen, was ist das Businessmodell dahinter?

Wir haben überall jetzt schon tolle Events und Programme mit den ‚Henri’s Friends‘ durchgeführt, aber wir wollen kein Eventveranstalter werden, der künstliche Programme schafft. Wir stärken gewachsene Ortskultur. Viel mehr möchten wir Gäste von uns und Leute aus dem Kiez zusammenführen, um gemeinsam Dinge zu erleben, die man normalerweise als Ortsfremder nicht erleben kann. Auf der anderen Seite bieten wir so auch den Menschen aus der Nachbarschaft die Möglichkeit zu Begegnungen. Wir wollen den Austausch von Reisenden und ‚Locals‘ fördern. Das ist das, was die Menschen heute wollen.

Frische Hotelideen wie Henri erobern den Markt. Würden Sie sich als Hidden Champion bezeichnen?
So würde man sich selbst oder sein Unternehmen wohl eher nicht bezeichnen. Dennoch glaube ich, dass wir in der aktuellen neuen Hotelwelt nicht nur ein zeitgemäßes, sondern vor allem auch ein wirtschaftlich bewährtes Modell sind.

Im Berliner Haus der jungen Boutique­marke erleben die Gäste den Stil und Charme der Gründerzeit.

Worin unterscheiden Sie sich von anderen ‚hippen‘ Konzepten?
Zunächst einmal glaube ich, dass wir gar nicht so ‚hipp‘ sind – und es auch gar nicht sein wollen. Zum anderen bin ich überzeugt, dass wir zwar den Zeitgeist treffen, aber trotzdem etwas Zeitloses, Gelerntes und Vertrautes bieten, was viele Reisende suchen. Unser Ziel ist, eine Art Community für die Gäste zu schaffen, ein Heim auf Zeit, getragen vom Henri-Spirit. Und dabei sind wir nicht gewollt lässig und unterliegen auch nicht dem Jugendwahn bei Gästeansprache und Mitarbeiterauswahl, den man oft in unserer Branche wahrnimmt. Bei uns wird zum Beispiel kein Gast – egal welchen Alters – gezwungenermaßen geduzt und wir zahlen auch keinem Mitarbeiter seine Tattoos, damit er in ein Instagram-Schema passt. Wir sind eigentlich ziemlich ‚normal‘ und wollen nicht polarisieren. Das unterscheidet uns vielleicht.

Wie ist die typische Henri-Community oder der Henri-Spirit? Welche Attribute treffen auf Ihre Gäste am besten zu?

Der Henri-Spirit ist das, was vor Ort in unseren Hotels spürbar ist: ‚Henri‘ ist ein Lebensgefühl, getragen von einer weltoffenen und toleranten Atmosphäre, aber eingebunden in die Stadt, den Standort, die lokalen Besonderheiten, und vor allem getragen von den ‚echten Locals‘ und authentischen Persönlichkeiten, aus denen sich das Team zusammensetzt.

Sind Sie persönlich ein typischer Henri-Gast?

Absolut! Auch ich fühle mich in einer anonymen, kühlen und übertechnisierten Hotelwelt nicht wohl und bin manchmal schon mangels Alternativen in ein nettes Airbnb-Apartment geflüchtet. Shame on me!

Für welche Eigenschaften stehen Ihre Mitarbeiter?

Bei der Frage muss ich ein bisschen in Begeisterung schwelgen, denn es ist eigentlich schon fast unglaublich, mit welcher Produktidentifikation die Kollegen vor Ort unterwegs sind. Sie sind echte Gastgeber und wie unsere Gäste ein Spiegel der Gesellschaft: von jung bis alt, von unterschiedlichster internationaler Herkunft. Da wir auch viele Quereinsteiger in den Teams haben, verfügen sie über die buntesten Lebensläufe. Man merkt, sie haben Spaß am Job und führen gemeinsam die Häuser, als wären sie ein bisschen ihre eigenen.

Die Ersteröffnung in Hamburg liegt ja schon einige Zeit zurück, das Haus war damals eine kleine Sensation. Welchen Evolutionsprozess hat Henri seither durchlebt? Wie wichtig ist es für die Marke, nicht Teil des Mainstreams zu sein?

Tatsächlich war das Henri Hamburg der Prototyp, nennen wir es die ‚Nullserie‘. Wir haben uns dabei sehr viel Zeit gelassen, das Konzept und den Standort zu entwickeln. Der Erfolg hat uns gezeigt, dass wir richtig unterwegs waren, insofern haben wir konzeptionell nicht mehr sehr viel angepasst.

Nach Hamburg, Berlin und Düsseldorf starten Sie im kommenden Jahr mit einem Haus in Wien erstmals außerhalb Deutschlands. Ist das der Auftakt, mit Henri international zu wachsen?

Das ist das langfristige Ziel. Wir werden aber von Wien aus erst einmal mit weiteren Standorten in Österreich wachsen und uns kurzfristig bis mittelfristig in unseren Expansionsbestrebungen vor allem auf die DACH-Region konzentrieren.

Was zeichnet den Standort Wien aus?

Wien ist eine großartige Stadt, die ich persönlich sehr schätze. Ich habe viele Jahre selbst dort gewohnt. Eine der sympathischsten Metropolen Europas oder vielleicht der Welt. Neben der großartigen historischen Kulisse, der breit gefächerten Kultur auf internationalem Niveau und der außerordentlichen Kulinarik sind es vor allem die Menschen, die den Charme der Stadt ausmachen. Nicht zufällig ist Wien eines der attraktivsten touristischen Ziele weltweit. Mit unserem Standort im ‚hippen‘ 7. Bezirk, der sich in den letzten Jahren unglaublich entwickelt hat, sind wir mittendrin: fußläufig zur Ringstraße und der Inneren Stadt und im Schmelztiegel zwischen Spittelberg, Museumsquartier und Mariahilfer Straße. Das Haus wird ein Kleinod in der Wiener Hotellandschaft werden.

“Bei uns wird nicht jeder
Gast gezwungenermaßen
geduzt und wir zahlen auch keinem Mitarbeiter seine Tattoos, damit er in ein
Instagram-Schema passt.”

Bis dato setzen Sie auf ein Haus pro Standort. Wie sieht Ihre internationale Expansionsstrategie aus?

Die bisherige Standortauswahl war der erste Schritt in der Expansion. Im zweiten Schritt werden wir neben der Erschließung neuer strategischer Standorte auch von den bestehenden heraus regional konzentriert wachsen.

Und wie ist Ihre Preisstrategie?

Eine transparente, nachvollziehbare und auch faire Preisgestaltung steht bei uns im Vordergrund. Neben den normalen und auch inzwischen gelernten saisonalen Schwankungen bei Hotelpreisen ist auch klar, dass eine Dienstleistung à la Henri ihren Preis hat. Auf der anderen Seite wollen wir auch nicht unsere treuen Gäste, die das ganze Jahr über kommen, während Messe- und Kongresszeiten vor den Kopf stoßen. Deshalb sind unsere Aufschläge zu ‚High-Demand-Zeiten‘ moderater als bei den Mitbewerbern. Also weder Dumping noch Abzocke: Das ist unsere Devise.

Welche konkreten Standorte haben Sie in der Pipeline, welche auf der Wunschliste?

Tatsächlich sind einige attraktive Standorte in der ­Pipeline, allerdings warten wir mit der Kommunikation, bis die Tinte unter den Verträgen trocken ist. Und die Wunschliste für weitere Standorte ist groß.

Nach welchen Kriterien bezüglich Lage und Größe wählen Sie neue Standorte aus?

Wir öffnen uns jetzt auch in Richtung attraktiver B- und C-Standorte und gehen dort in absolute Innenstadtlagen mit guter Verkehrsinfrastruktur. Bei den großen Metropolen kann es auch ein angesagter und lebendiger Stadtteil jenseits des Geschäftszentrums sein. Auf jeden Fall suchen wir bevorzugt Bestandsimmobilien und auch Bestandshotels, Orte und Gebäude mit Historie und Charme. Unsere bevorzugte Größe eines Henri-Hotels liegt zwischen 70 und 100 Zimmern, wobei wir uns auch bei größeren Immobilien immer eine Kombination mit Langzeit-Apartments vorstellen können.

Welche Erfahrungen aus Umbau- und Neubauprojekten fließen in die neuen Standorte ein?

Natürlich sammelt man mit jedem Projekt wertvolle Erfahrungen. Vor allem im Bereich Haustechnik, der einen erheblichen Teil des Bauinvestments darstellt, kann man durch Konzentration auf das Notwendige die Projekte so steuern, dass sowohl die Erstehungskosten als auch die laufenden Kosten im Rahmen bleiben. Darüber hinaus haben wir durch die Unterschiedlichkeit der bisherigen Objekte und durch die Erfahrungen bei den anderen Marken unserer Betreibergesellschaft DSR Hotel Holding sehr viele Lösungsansätze zu bieten, so dass wir mit fast jeder Ausgangsbasis auf Immobilienseite zurechtkommen.

Welche Learnings aus Ihrem beruflichen Werdegang helfen Ihnen beim Aufbau der Marke Henri?

Dass ich ganz unterschiedliche Arten von Hotellerie kennen gelernt habe und das in verschiedenen Bereichen. Als Abteilungsleiter bei einer österreichischen mittelständischen Gruppe war ich eingebunden in die Entwicklung der Standard- und Organisationsstruktur des Unternehmens. Dabei habe ich viel für mich gelernt. Im Bereich Gästeservice war mein langjähriges Engagement im Hamburger Spitzenhotel Louis C. Jacob sicher sehr prägend. Mit all der Erfahrung zusammengenommen und vor dem Hintergrund, dass sich die Hotellerie wandelt und wandeln muss, wird man befähigt, die gelernten Dinge neu zu kombinieren und mit Neuem zu ergänzen. Hinzu kommt, dass wir mit Horst Rahe einen äußerst visionären Gesellschafter der Deutschen Seereederei haben, der es immer wieder schafft, seine Unternehmensführung und die Teams auf die richtige Spur zu setzen.

Mit welchen Ideen wollen Sie auf der Teamseite punkten, das heißt Mitarbeiter gewinnen und binden?

Identifikation mit dem Produkt, Spaß an der Arbeit und Entwicklungschancen sind in meinen Augen die wichtigsten Faktoren für die Mitarbeiter. Dazu kommen faire Arbeitsbedingungen, denn die persönlichen und beruflichen Prioritäten gerade bei den jungen Kollegen haben sich verschoben. Sie kennen alle das Stichwort Work-­Life-Balance. Wir scheinen uns diesen neuen Bedingungen wohl ganz gut angepasst zu haben, denn wir haben bei Henri auch bei unseren jüngeren Kollegen eine sehr geringe Fluktuation.

Gibt es HR-seitig konkrete Projekte?

Derzeit arbeiten wir an zwei Vorhaben: Zum einen wollen wir jungen Kollegen, die reif für den nächsten Schritt sind, eine berufliche Perspektive bieten. Auf der anderen Seite arbeiten wir mit Nachdruck daran, durch gezielte Akquise auch ältere Kolleginnen und Kollegen der Ü-50-Generationen wieder in die Berufstätigkeit zu bringen. Menschen, die zum Beispiel nach einer Familienpause wieder in Teilzeit in den Beruf einsteigen wollen oder auch als geringfügig Beschäftigte ihre Rente aufbessern möchten. Wir sind überzeugt, dass die reiferen und erfahreneren Kollegen eine absolute Bereicherung für die Teams und auch die Gäste sein werden. Wir haben damit an allen Standorten schon sehr gute Erfahrungen gesammelt und wollen in Zukunft auch auf der Seite der Kollegen ein ‚All-Generation-Place‘ sein.
Interview: Nina Fiolka

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