Doppeltes (Re)-Opening in MünchenVon der Ramp-up-Phase in den Shutdown und zurück

Kurz nach der Eröffnung des Haus im Tal folgte der Shutdown. General Manager Fabian B. Frauenknecht evaluierte in dieser Zeit mit den Inhabern, mit welchen Angeboten sich das junge Konzept für den Restart möglichst attraktiv aufstellen kann. (Bild: Haus im Tal)

Gerade als das neu eröffnete Lifestyle-Konzept Haus im Tal in München an Fahrt aufnahm, wurde es durch Covid-19 abrupt ausgebremst. Welche Rolle der Community-Charakter des Hotels beim jetzigen Restart spielt und wie sich der Gästemix des jungen Konzepts durch die Pandemie verändern könnte, erklärt General Manager Fabian B. Frauenknecht im exklusiven Tophotel-Interview.

Anzeige
Fabian B. Frauenknecht begleitet das Haus im Tal seit der Pre-Opening-Phase als General Manager. Im Dezember 2019 eröffnete das privatgeführte Haus mit Airbnb Charakter nach mehrjähriger Bauzeit unweit des Münchner Marienplatzes. Nach der Corona-bedingten Schließung erfolgte am 30. Mai das Re-Opening. Mit seiner Hotel-Expertise ergänzt der gelernte Hotelfachmann das gastronomiespezifische und betriebswirtschaftliche Know-how der beiden Gründer, die unter anderem das Café Vorhölzer in München betreiben (Bild: Haus im Tal)

Tophotel: Herr Frauenknecht, das Haus im Tal eröffnete nach mehrjähriger Bauzeit im Dezember 2019 im Zentrum von München. Wenig später musste es wegen Corona bis zum 30. Mai schließen. Wie schmerzhaft war diese Erfahrung für das Team und wie haben Sie die Zeit des Lockdowns genutzt?

Fabian B. Frauenknecht: Renovierungen waren für uns, im Gegensatz zu vielen anderen Hotels, während der Schließung natürlich kein Thema, wenngleich es hier und da einige Ausbesserungsarbeiten gab, die wir nun vornehmen konnten, ohne Gäste dabei zu stören. Für uns als ‘Newcomer’ war es besonders ernüchternd, nach einer ohnehin schon langen Bauphase mit zahlreichen Verzögerungen innerhalb der ersten Betriebsmonate direkt wieder schließen zu müssen. An dieser Stelle sei allerdings angemerkt, dass wir einige Longstay- beziehungsweise Umzugsgäste in der Phase des Shutdowns beherbergen konnten. Ansonsten haben wir diese Phase genutzt, um zu evaluieren, wo Anpassungen in unserem Angebot nötig sind, um für den Restart möglichst attraktiv aufgestellt zu sein. Wenngleich das gewissermaßen einem Blick in die Glaskugel gleichkam. Eine weitere zentrale Fragestellung war, wie wir unser Team in der Kurzarbeit unterstützen können, wie wir mit ihm im regen Austausch bleiben und es auf unserem Weg der Krisenbewältigung mitnehmen können. In puncto digitale und somit zumeist kontaktlose Guest Journey, die nun ja einen großen Schub erfährt, waren wir bereits vor der Corona-Pandemie so gut aufgestellt, dass es diesbezüglich für uns aktuell keinen weiteren Handlungsbedarf gibt. Unser hoher Digitalisierungsgrad zahlt sich nun natürlich besonders aus.

Was ist die Idee von Haus im Tal? Steht das Thema Digitalisierung im Vordergrund?

Unser Claim lautet ‘There will be Stories’. Wir möchten eine Gemeinschaft kreieren. Unsere Hotelzimmer und das ganze Haus haben daher eher einen Airbnb-Charakter. Unsere Gäste checken im fünften Stock ein, treffen dort auf einen Gastgeber, der sie auf ein Getränk einlädt, sich mit ihnen unterhält, mit anderen Gästen vernetzt und so weiter. Mit dem sonntäglichen Bottomless-Brunch, dem ‘HIT Breakfast Club’, konnten wir diesen Charakter sehr schön festigen – wir erlebten dabei in den Wochen vor dem Shutdown einen bunten Mix aus Hotelgästen und Locals, die sich bei Getränke-Free-Flow, DJ Beats und meist herrlichem Sonnenschein ganz eigene Geschichten kreierten. Flankiert wird dieser Community-Gedanke durch einen hohen Digitalisierungsgrad, der eine analoge Vernetzung virtuell unterstreicht.

‘There will be stories’ – Der Check-In sowie weitere Begegnungen spielen sich im fünften Stock des Haus im Tal ab. Hier sowie auf der angrenzenden Terrasse mit Blick auf die Dächer Münchens findet auch der Bottomless-Brunch statt. DJ, Getränke-Free-Flow und ein Mix aus Hotelgästen und Locals unterstreichen den Claim des jungen Konzepts (Foto: Haus im Tal)

Glauben Sie, dass sich ein Hotelkonzept wie Ihres schneller von der Krise erholen wird als andere?

Der erwähnte Bottomless Brunch mit DJ, Ausgelassenheit und einem Miteinander auf bewusst relativ engem Raum, um den Austausch zwischen den Besuchern zu fördern, ist ein tolles Differenzierungsmerkmal. Dieses müssen wir aktuell aber natürlich entbehren, da sich das Konzept nicht mit dem Gebot des Abstands vereinen lässt. Sobald aber eine Lockerung der strengen Auflagen im Gastronomie- und Veranstaltungsbereich erfolgt, glaube ich, dass wir durch die Verbundenheit der Lokalbevölkerung eine etwas raschere Erholung erleben als vielleicht das standardisierte Kettenhotel mit viel internationaler Klientel. So können unsere Zimmer beispielsweise auch für kleinere Feiern wie Geburtstage, für Besprechungen und dergleichen gemietet werden. Durch unseren Community-Charakter ziehen wir womöglich schneller wieder Gäste in unser Haus als ein rein auf Übernachtungen ausgelegtes Konzept. Allerdings dürfen wir dabei nicht vergessen, dass wir das ‘New Kid in Town’ sind und womöglich noch nicht die Strahlkraft entwickelt haben, wie etablierte Marktbegleiter.

Welche Annahmen treffen Sie in Bezug auf Ihren Gästemix in den kommenden Monaten?

Ich könnte mir vorstellen, dass Gäste geschäftliche Reiseanlässe in nächster Zeit teilweise mit privaten kombinieren. So ist der oder die Geschäftsreisende vielleicht für ein Meeting in München, bringt seine beziehungsweise ihre Familie mit, die dann durch die Stadt bummeln kann. Nachmittags trifft man sich auf unserer Terrasse im fünften Stock wieder und lässt die Städtereise ausklingen, um am Folgetag Richtung Seen oder Berge aufzubrechen. Solange der Inlandstourismus hoch im Kurs steht, ist das für mich ein denkbares Szenario. Zudem gewinnt für uns auch das Longstay-Segment an Bedeutung. Das Haus im Tal ist im Zentrum Münchens, sodass Gäste alles, was sie für einen Alltag in München benötigen, im direkten Umfeld finden. Und die Longstayer, die wir derzeit beherbergen, fühlen sich schon sehr wohl bei uns.

Auch Longstay Gäste zählen seit der Corona-Pandemie zum Gästemix des Hotels mit Airbnb-Charakter. Die Hotelzimmer können zudem für Geburtstagspartys, Meetings und weitere kleinere Happenings gemietet werden (Bild: Haus im Tal)

Wie verlief der Restart für Sie?

Wir mussten Gott sei Dank keine einzige Kündigung aussprechen und haben ein Team, das bereits gut eingespielt ist und nach den Strapazen des Openings die erzwungene Auszeit ganz gut nutzen konnte, um die Kraftreserven wieder aufzutanken. Die Doings und Abläufe waren optimal trainiert und wurden im Zuge des Lockdowns bildlich gesprochen eingefroren. Das Auftauen gelang uns dank der hohen emotionalen Verbundenheit unseres Teams dem Hotel gegenüber problemlos. Wir beschränken uns allerdings auch jetzt, einige Wochen nach dem Restart, auf die essentiellen Bestandteile unseres Angebots. Wir bieten also weder Frühstück an noch führen wir unseren Brunch durch und auch unsere Abendkarte, die kurz vor dem Lockdown fertig wurde, haben wir nun noch nicht gelauncht. Bevor wir in Aktionismus verfallen, der uns letztlich nicht weiterbringt, halten wir unsere Augen und Ohren für die tatsächlichen Bedürfnisse unserer Gäste lieber offen und orientieren uns somit an der tatsächlichen Nachfrage. Dank unserer ausgiebigen Pre-Stay Kommunikation können wir Gastwünsche passgenau erfüllen und verleihen dem Aufenthalt eines jeden Gastes weiterhin eine persönliche Note.

Die beiden Gründer und Inhaber von Haus im Tal fanden ihren Einstieg in die Hotellerie über die Gastronomie. Welche Vorteile ergeben sich aus der hohen Gastronomiekompetenz der Inhaber?

Beide Gründer bringen fundiertes betriebswirtschaftliches Know-how mit, sind dabei sehr kreativ und in Bezug auf die Hotellerie unvoreingenommen, weil sie nicht schon jahrelang den Blickwinkel eines Hoteliers haben. Dies ist in meinen Augen ein großer Vorteil, da man Hotellerie sicherlich noch eine ganze Weile anders denken muss als man dies vor dieser Krise tat. Was ich am meisten an ihnen schätze, ist ihre Hands-on-Mentalität. Bei uns im Haus im Tal kann jeder jede Tätigkeit übernehmen. Auch die beiden Inhaber sind davon nicht ausgenommen. Durch meine Hotelerfahrung und ihre unternehmerische Expertise in Kombination mit einer stimmigen Gelassenheit konnten wir nicht nur unser erstes Hotel gemeinsam eröffnen, sondern werden auch diese Krise bewältigen.

Interview: Laura Schmidt

Anzeige