Im Interview spricht der Hotelier darüber, wie tiefgreifend sich der Hotelalltag durch die digitale Informationsflut verändert hat – und warum echtes Abschalten heute zur vielleicht wichtigsten Führungsaufgabe geworden ist.
Dominic Müller ist Hotelier, Coach und Mensch mitten in der digitalen Gegenwart. Eine Zeit, in der Smartphones ständig nach Aufmerksamkeit verlangen, die Nachrichtenfülle überhandnimmt und Erreichbarkeit fast schon zum moralischen Gebot geworden ist. Mit Tophotel spricht der Gastgeber des Hotels Ritter Durchbach über die digitale Informationsflut im Alltag.
Tophotel: Herr Müller, Hand aufs Herz, wann waren Sie zuletzt komplett offline?
Dominic Müller: (lacht) Das müsste bei einem Motorradausflug gewesen sein. Da bin ich wirklich abgeschottet – der Helm ist wie ein Schutzraum, niemand erreicht mich. Danach denke ich oft: Genau das bräuchte ich öfter. Denn die ständige Erreichbarkeit frisst Energie, früher oder später bei jedem.
Wie haben Sie persönlich die zunehmende digitale Präsenz der letzten Jahre erlebt?
Es war ein schleichender, aber tiefgreifender Prozess. Anfangs erschien alles praktisch, dann plötzlich normal – und irgendwann merkte man: Es hört einfach nie auf. Wir sind immer im Reaktionsmodus. Studien zeigen, dass wir heute ein Vielfaches der Informationen aufnehmen wie noch vor 30 Jahren. Ich selbst hatte Phasen mit Schlafstörungen, weil das Gehirn erst im Bett überhaupt Gelegenheit hatte, das alles zu verarbeiten. Wir leben in einer Welt, in der sich das Gastgebersein verändert hat – früher hat man Gäste empfangen, heute muss man zusätzlich Social-Media-Inhalte produzieren und präsent sein. Das gehört dazu, ist aber anstrengend.
Im medialen Diskurs ist immer wieder von der „erschöpften Gesellschaft“ die Rede ...
Die ist Realität, keine Frage. Die Zahl psychischer Erkrankungen und Schlafstörungen spricht für sich. Corona hat das verstärkt – durch Angst, Unsicherheit und Dauerstress. Wir sind überfordert und spüren es oft zu spät. Und das betrifft nicht nur die Hotellerie, sondern alle Branchen.
„Die ständige Erreichbarkeit frisst Energie, früher oder später bei jedem.“
Wie äußert sich digitale Überforderung in Ihrem Team?
Das Auffälligste ist die innere Unruhe. Ich sehe es Menschen an: Die Gesichter wirken angespannt, die Leichtigkeit verschwindet. Ich achte darauf, wann Nachrichten kommen – wenn mir jemand nachts um halb vier eine interne Nachricht schreibt, ist das ein Alarmsignal. Für mich sind das Indikatoren, die zeigen, dass Mitarbeitende nicht abschalten können. Erst 2021 hat eine Studie der Universitäten Pittsburgh und Arkansas einen Zusammenhang zwischen der Intensität der Social-Media-Nutzung und dem Auftreten von Depressionen nachgewiesen. Diese permanente Online-Präsenz hat sich still in die Kultur gefressen – sogar bei Mitarbeitern, die gar nicht in Führungspositionen sind. Selbst im Housekeeping läuft heute vieles über App-Kommunikation auf dem Handy. Das erleichtert manches, überfordert aber gleichzeitig.
Wie reagieren Sie auf solche Signale?
Wir haben bei uns im Haus klare Regeln: Frei ist frei, Urlaub ist Urlaub, krank ist krank. Das klingt banal, ist aber entscheidend. Niemand wird im Urlaub kontaktiert. Wir achten sehr auf Kommunikationszeiten und -kanäle. Wir haben zum Beispiel alle betrieblichen WhatsApp-Gruppen abgeschafft, weil sie zu Missverständnissen und Dauer-Pings geführt haben. Für interne Abläufe nutzen wir Hotelkit, nach außen E-Mail. Unser Führungsteam arbeitet über Signal – getrennt von privaten WhatsApp-Chats. Der Hintergrund ist: Struktur schafft Ruhe. Außerdem darf das Handy während der Freizeit komplett aus sein. Einige deaktivieren Signal in dieser Zeit – ausdrücklich erwünscht!
Sie setzen Regeln, verwenden aber auch das Wort Vertrauen …
Ja, weil Kontrolle allein nicht hilft. Wir haben irgendwann gemerkt: Handy-Verbote bringen nichts. Viele Menschen sind schlicht abhängig vom Smartphone. Also arbeiten wir auf Vertrauensbasis – das Handy ist erlaubt, aber mit Maß und Verantwortung. Und es funktioniert, wenn die Spielregeln klar sind und alle spüren: Das dient uns selbst.
Was bedeutet das für die Teamkommunikation?
Wir haben eine eigene Medienkultur definiert, sozusagen eine Hygienestruktur für Informationen: Wer schreibt, schreibt nur, wenn es notwendig ist, Verteiler werden reduziert, cc- und bcc-Schleifen vermeiden wir. Ebenso wichtig ist aber das richtige Medium: Manche Dinge müssen am Telefon oder persönlich geklärt werden. Zu viel Digitales zerstört Nähe und fördert Missverständnisse.
Wie wirkt sich die ständige Erreichbarkeit per se auf Motivation und Stimmung aus?
Sie schwächt das Vertrauen im Team. Wenn alle gleichzeitig überfordert sind, rutschen sie in den Überlebensmodus – dann denkt jeder nur noch an sich. Die Folgen sind Gereiztheit, weniger Innovation, manchmal Burnout. Deshalb sind Pausen heilig. Ich sehe meine Rolle auch darin, Menschen zu schützen – notfalls vor sich selbst. Wir bieten Resilienz-Schulungen in Zusammenarbeit mit der AOK an, gehen regelmäßig gemeinsam wandern oder machen Yoga. Das verbindet und entlastet.
„Als Gesellschaft müssen wir akzeptieren, dass Erfolg nichts mit ständiger Verfügbarkeit zu tun hat.“
Sie sind auch Coach. Wie hilft Ihnen dieses Know-how im Führungsalltag?
Empathie kann man nicht lernen – aber man kann sie schärfen. Coaching hat mir beigebracht, Fragen zu stellen, statt Ratschläge zu geben. Einmal im Jahr führe ich mit meinen Führungskräften ein Orientierungsgespräch. Ich frage: Wie geht es dir wirklich? Schläfst du gut? Fühlst du dich belastet? Nicht oberflächlich, sondern ehrlich. Das öffnet Türen zu Themen, die sonst verborgen bleiben.
Viele Hoteliers erleben gerade ein sehr volatiles Umfeld. Wie schützen Sie Ihre Führungskräfte vor der digitalen Erschöpfung?
Führungskräfte sind am stärksten gefährdet – sie stehen im Sandwich zwischen Chefetage und Team. Ihr Wunsch, allen gerecht zu werden, macht sie empfänglich für ständige Erreichbarkeit. Ich erinnere sie: Gute Führung zeigt sich daran, dass das Team funktioniert, wenn man offline ist. Also Delegation statt Dauerpräsenz.
Sie haben ein Beispiel erwähnt, das Sie geprägt hat – den Auszubildenden mit Schlafproblemen.
Ja, er kam zu mir, weil er familiär stark belastet war. Er lag nachts stundenlang am Handy und wunderte sich, dass er nicht schlafen konnte. Ich habe ihm ein Buch geschenkt und gesagt: Lies abends ein paar Seiten, anstatt Social Media zu scrollen. Nur wenig später sagte er: „Chef, ich habe noch nie so gut geschlafen.“ Das war ein Aha-Erlebnis – auch für mich. Ich halte mich inzwischen an dieselbe Regel: Zwei Stunden vor dem Schlafengehen keine digitalen Medien mehr.
Haben jüngere Teammitglieder andere Herausforderungen im Umgang mit der Informationsflut als ältere?
Definitiv. Junge Menschen sind wahre Multitasker – sie jonglieren mit drei Medien gleichzeitig. Das Gehirn passt sich erstaunlich an, aber die Kehrseite sind geringere Konzentrationsfähigkeit und weniger Gesprächsvermögen. Ältere Mitarbeitende dagegen telefonieren lieber oder suchen das direkte Gespräch. Sie müssen mit der Technik aufholen, die Jüngeren mit der Gesprächskultur. Beide Seiten können voneinander lernen, wenn wir es aktiv moderieren.
Welche Verantwortung tragen Führungskräfte in dieser Situation?
Eine immense. Führung heißt heute nicht nur organisieren, sondern schützen. Es geht um das Setzen und Einhalten gesunder Grenzen. Das beginnt bei der eigenen Haltung: Wenn ich als Geschäftsführer nachts Mails beantworte, vermittle ich: Erreichbarkeit ist Pflicht. Führe ich dagegen vor, dass Pausen heilig sind, ermutigt das das ganze Team.
Welche Strategien empfehlen Sie generell, um mit der Informationsflut besser umzugehen?
Erstens: Bildschirmzeiten begrenzen. Viele Geräte können das automatisch einblenden – das schafft Bewusstsein. Ich habe das mal hochgerechnet: Ein heute 35-Jähriger mit durchschnittlicher Lebenserwartung von gut 80 Jahren wird noch rund sieben Jahre seines Lebens vor Displays verbringen. Das sollte zu denken geben. Zweitens: Rituale einführen und verteidigen – etwa feste Pausen, Bewegung, kleine Meditationen. Sich selbst kleine Schutzräume bauen, sprich Momente, in denen kein Input mehr kommt. Und Langeweile zulassen! Sie ist der größte Erholungsfaktor unserer Zeit. Wir müssen lernen, dass Nichtstun keine Zeitverschwendung ist, sondern Regeneration. Drittens: Nicht im Rückspiegel leben. Vergangenes kostet Energie, bringt aber nichts. Und schließlich: echte Begegnungen zulassen – Freunde treffen, zuhören, Gespräche führen. Das ist der beste Akku.
Brauchen wir heute wieder mehr Selbstverantwortung?
Unbedingt. Viele erwarten, dass jemand anderes sie schützt. Aber am Ende ist jeder selbst dafür verantwortlich, seine Grenzen zu erkennen. Selbstreflexion dient der Basisgesundheit. Ich frage mich regelmäßig: Wie geht es mir wirklich? Wo stehe ich? Wer das immer wieder tut, erkennt Überlastung früh und kann gegensteuern.
Die Informationsflut wird durch KI-gestützte Prozesse weiter zunehmen. Was bedeutet das für die Hotellerie?
KI erzeugt Unmengen neuer Daten, kann uns aber auch helfen zu filtern. Ich hoffe, sie wird uns irgendwann Zeit zurückgeben, indem sie Wichtiges von Unwichtigem trennt. Aber das funktioniert nur, wenn wir Regeln definieren, sonst wird die Informationsflut zur nächsten Überforderung.
Dominic Müller
Dominic Müller (53) entdeckte schon früh seine Leidenschaft für Gastfreundschaft: Mit 13 Jahren im Catering aktiv, absolvierte er nach dem Abitur eine Ausbildung im Schloss Fuschl und studierte in der Schweiz Hospitality Management. Stationen führten ihn ins Park Hyatt Hamburg und als General Manager nach Myanmar. 2008 übernahm er gemeinsam mit seiner Frau Ilka das Hotel Ritter Durbach, das er zu einem Ort gelebter Sinnhaftigkeit entwickelte. Als Master of Coaching gründete er „The Meaning Hotel“ – ein Konzept, das Gastlichkeit und Persönlichkeitsentwicklung verbindet.
Was kann helfen, das digitale Dauerfeuer wenigstens abzufedern?
Offline ist für mich das neue Sein. Ich meine das wörtlich. Wahre Stärke liegt darin, sich bewusst für Unerreichbarkeit zu entscheiden – und eine Unternehmenskultur zu schaffen, die das akzeptiert. Wenn ein Mitarbeiter offline ist, darf ihm kein schlechtes Gewissen gemacht werden. Das ist kein Mangel an Engagement, sondern Ausdruck von Selbstfürsorge.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft – für Hotels, für Unternehmen und die Gesellschaft?
Ich wünsche mir, dass Unternehmen den Menschen wieder in den Mittelpunkt stellen. Führungskräfte sollen nicht nur managen, sondern aufmerksam hinsehen: Wer braucht Pause? Wer braucht Zuspruch? Und als Gesellschaft müssen wir akzeptieren, dass Erfolg nichts mit ständiger Verfügbarkeit zu tun hat.
Wenn Sie Ihrem jüngeren Ich einen Rat zum Thema digitale Grenzen geben könnten, welcher wäre das?
Ganz einfach: Bleib beim Nokia 6310 (lacht). Im Ernst: Kein Social Media, kein Dauer-Scrollen. Und wichtiger noch: Mach mehr von den Dingen, die dich spüren lassen, dass du lebst. Lachen, Natur, Begegnungen – das sind die echten Updates des Lebens.
Ihr Schlusswort?
Digitalisierung ist nicht das Problem, mangelnde Bewusstheit ist es. Wenn wir lernen, Technik als Werkzeug und nicht als Taktgeber zu begreifen, gewinnen wir Lebensqualität zurück. Oder, anders gesagt: Offline zu sein ist kein Rückschritt – es ist Selbstschutz.
>> Das Interview ist in der Tophotel Ausgabe 12/2025 erschienen.
