Sieben Apartments statt 70 Zimmer: Vor drei Jahren entschied sich Hotelier Andreas Plattner, das alte Hotel seiner Eltern abzureißen und neu zu bauen. Ist die mutige Entscheidung des Hoteliers aufgegangen?
Der ursprüngliche Plan sah noch branchentypisch aus: Eigentlich wollte Andreas Plattner das von seinen Eltern gegründete Dreisternehotel Aurora von 50 auf 70 Zimmer sowie um einen Wellnessbereich und eine Tiefgarage erweitern. Doch eine Investition in Höhe von 5,5 Millionen Euro war der Hausbank inmitten der Coronapandemie zu heikel – zunächst ein Schockmoment für die Hoteliersfamilie und den bereits eingebundenen Architekten Martin Gruber.
Dann bewies sich wieder einmal, dass sich aus der „Not“ eine Tugend machen lässt. In der Zeit des Innehaltens reifte der Mut zu einem völlig neuen Konzept – inhaltlich und architektonisch. „Für mich wurde ein echtes Herzensprojekt daraus“, gesteht Martin Gruber. „Auch für mich war es letztlich ein leichter Schritt. Nur für meine Eltern war er verständlicherweise schwerer“, sagt Andreas Plattner und fügt hinzu: „Mir waren die Schwachstellen der bestehenden Ausrichtung sehr bewusst, und ich habe vor allem die Chancen gesehen."
Komplettabriss des Bestandsgebäudes
So wurde im Jahr 2021 das bis dahin stetig gewachsene Hotel Aurora komplett abgerissen. „Auch der ursprüngliche Plan wäre mit erheblichen Eingriffen in die Bausubstanz verbunden gewesen“, betont Architekt Martin Gruber. Die entstandene Baulücke, die man ausdrücklich nicht erweiterte, bildete den Ausgangspunkt für den Neubau des nunmehr nur noch dreistöckigen, an den Hang gelehnten Gebäudes.
Von der schmalen, sich den Berg hochschlängelnden Straße aus ist sogar nur eine Ebene zu sehen. Der umgebenden Natur wird aus Gästesicht eine Bühne bereitet. Ob von der Restaurantterrasse, aus der ein kleines Aussichtsplateau auskragt – Martin Gruber nennt diese gestalterische Finesse ein „Aussichtstrampolin“ – oder vom Sofa beziehungsweise Bett in den Suiten: Der unverbaute Blick auf die Dolomiten, konkret die Geislergruppe, ist freigegeben. „Gebäude und Berg in Harmonie“ – das war Martin Gruber bei der Planung wichtig, der bei dem ambitionierten Bauprojekt Alpentradition und urbane Modernität in Einklang brachte. Holz, Glas und Sichtbeton, der optisch beinahe nahtlos zur rauen Bergwelt passt, bilden den minimalistischen Materialdreiklang.
Wie ein Schirm ragt das flache Betondach über die gebürstete, wellenförmige Fichtenfassade hinaus, die dem Gebäude die skulpturale Form und mit ihren Reflexionen Sinnlichkeit verleiht. Auf der Straßenseite sind durch den Überstand die Fahrzeuge der Hotelgäste vor Sonne und Schnee gut geschützt.
Die Form des Fassadenkleides wiederum folgte dem Ziel, die Technik stilvoll zu verstecken – die Füllstutzen für die Pelletheizung beispielsweise, die mit Pellets aus Südtiroler Holz „betankt“ wird, ebenso wie die Abluftrohre für die Küche, Konstruktionsstützen oder den Aufzugschacht. Wirkt das Gebäude von außen sicher und stützend, so vermittelt das Holzkleid aus naturbelassener Fichte innen eine Geste der Anlehnung, etwa an den Wänden mit Sitzmöglichkeiten neben dem Kamin. „Das Gebäude verkörpert im Rücken Geborgenheit und Schutz und bietet nach vorne mit den großzügigen Fensterflächen Offenheit und Weite“, erläutert Martin Gruber.
Wer die Anders Mountain Suites über die Eingangstür betritt, gelangt unmittelbar in die offene Stube, in der Kaminbereich, Bar und Restaurantfläche fließend ineinander übergehen. Eine Rezeption gibt es nicht, der Check-in erfolgt an der Theke. Während die Gäste an der langen Tafel in der Stube zusammenkommen können – angesichts zusätzlicher Zweier- und Vierertische aber nicht müssen –, finden sie in den darunterliegenden Suiten wahren Rückzugsraum. Die jeweils 65 Quadratmeter großen Apartments sind allesamt auf zwei Stockwerke verteilt, damit sich möglichst viel Aussichtsfläche für alle ergab. Im oberen Geschoss befinden sich zunächst Garderobe und Kleiderschrank, dann WC, ebenerdige Regenwalddusche und Bio-Sauna sowie das Bett, das für den Panoramablick unmittelbar vor der bodentiefen Fensterfront platziert wurde. Im unteren Teil, der über eine Holztreppe erreicht wird, folgen Küchenzeile und Wohnraum sowie der Zugang zum Garten, den jede Suite hat.
Die Böden aus steingrauem Beton kontrastieren mit dem warmen Holz, schwarzen Elementen wie Leuchten aus Stahl oder den Armaturen in den Bädern sowie den weichen Textilien und Stoffen. Martin Gruber hat auch das zurückgenommene Interior Design gestaltet, wozu Holzwaschbecken gehören, die von einem Tischler umgesetzt und wasserdicht ausgeharzt wurden. Der Großteil der schlichten Möbel wurde maßgefertigt: der Luxus kommt einfach und reduziert daher. Die exklusive Limitierung im Sinne des „Weniger ist mehr“ wird auch bei der Nummerierung der Suiten (1/7, 2/7, 3/7 usw.) deutlich.
Eine komplett neue Klientel
Reisten früher ganze Busse mit Après-Ski-liebenden Gästegruppen an, so sind es nun die ruhesuchenden Naturliebhaber, Architekturkenner und Designverliebte, die das neue Refugium ansteuern. „Wir haben eine PR-Beraterin engagiert, um auf unsere neue Ausrichtung aufmerksam zu machen. Einen großen Push hat uns gebracht, auf der Plattform ‚Urlaubsarchitektur‘ gelistet zu sein. Insgesamt sind die Gäste angenehmer und zufriedener als früher“, resümiert Andreas Plattner den vollzogenen Wandel, mit dem man dem Südtiroler Bettenstopp freiwillig zuvorgekommen ist.
Angesichts der nunmehr kleineren Dimension gehört auch die schwierige Personalsuche der Vergangenheit an. „Hier oben Angestellte für längere Zeit zu gewinnen war schon in den Vorjahren schwierig. Die erheblich überschaubarer gewordene Arbeit können wir nun im Familienverbund weitgehend allein bewältigen.“ Und das dank signifikant gestiegener Zimmerpreise bis dato zudem sehr rentabel.
Weiterer Vorteil: Der Hausherr kann sich, anstatt ausschließlich Hotelmanager zu sein, fokussiert seiner Leidenschaft als ausgebildeter Koch widmen. Das Restaurant ist auch für externe Gäste inklusive Gesellschaften geöffnet. Andreas Plattner kreiert regionale Speisen, verfeinert sie mit frischen Kräutern und Gewürzen aus dem eigenen Garten. Die Entscheidung, sich das Abendessen servieren zu lassen, an einem der Grillabende teilzunehmen oder selbst auf dem Zimmer zu kochen, ist den Gästen täglich aufs Neue freigestellt. Zur Ankunft werden sie mit Speck, Schüttelbrot und Rotwein begrüßt. Plose-Wasser kommt direkt aus dem Hahn. Auf Wunsch können auch Kochkörbe mit fertig zusammengestellten Zutaten bestellt werden. „Das wird jedoch nur wenig genutzt, meist nur an unserem Ruhetag“, bemerkt Plattner. Den Wein zum Abendessen suchen sich die Gäste zusammen mit ihm im urigen Weinlager selbst aus, das an das Restaurant angebunden und in das skulpturale Fichtenholzkleid integriert ist.
Serviceräume Richtung Hang
Stauräume, Lager- und Arbeitsräume, öffentliche Toiletten und sonstige Zimmer, bei denen Aussicht keine Rolle spielt, sind rückwärtig zum Hang ausgerichtet. Räder und Ski der Gäste können in einem extra dafür vorgesehenen Raum untergebracht werden. Schließlich beginnen Wander-, Ski- und Bike-Wege quasi direkt vor der Tür. Wer vor Ort bleiben mag: Yogamatten warten auf den Zimmern, und auf der Terrasse werden regelmäßig geführte Meditationen angeboten. „Wir möchten den Gästen rundherum zu neuer Bewusstheit verhelfen“, schildern Martin Gruber und Andreas Plattner den Ansatz, der sich gleichermaßen über die Architektur wie das Angebot erstreckt.
Dem neuen Namen Anders Mountain Suites liegen übrigens gleich drei Erklärungen zugrunde: Zum einen ist das Konzept eben „anders“, zum zweiten befindet sich der Gastbetrieb in der zur Gemeinde Brixen gehörenden Fraktion St. Andrä. und drittens werden Männer mit dem Namen Andreas im Südtiroler Dialekt „der Ander“ genannt.