Architektur "Der Wandel hat begonnen"

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Sortenrein gebaut: Das Projekt „Urban Mining & Recycling“ (UMAR) auf dem Campus der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) im schweizerischen Dübendorf. © Zooey Braun

Wie funktioniert zirkuläres Bauen? Hotel+Technik spricht mit Bernd Köhler vom Stuttgarter Architektur- und Ingenieurbüro Werner Sobek darüber, was Bauschaffende tun können, damit der Kreislauf schneller in Schwung kommt.

Hotel+Technik: Herr Köhler, rund 60 Prozent des weltweiten Ressourcenverbrauchs gehen auf das Konto der Baubranche. Wo sehen Sie den größten Handlungsbedarf?

Bernd Köhler: Ganz klar bei der Rohstoffbeschaffung, indem man versucht, Primärressourcen mit Sekundärrohstoffen zu substituieren – also mit Materialien, die bereits im Umlauf sind und nicht erst mit großem Aufwand produziert und beschafft werden müssen. Das beinhaltet gleich mehrere Nachhaltigkeitsaspekte: Die Natur wird geschont, Transportwege minimiert und Emissionen gesenkt.

Werner Sobek, Architekt und Mitbegründer der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen, sagte mal in einem Interview, dass nicht der Energieverbrauch im Betrieb das Kernproblem beim Umweltschutz sei, sondern die Emissionen bei der Herstellung. Können Sie das erläutern?

Professor Sobek meint damit die graue Energie. Also die Energie, die aufgebracht werden muss, um ein Gebäude zu errichten. Diese graue Energie ist mit der Fertigstellung eines Gebäudes bereits verbraucht, während sich der Energieverbrauch im Betrieb auf einen wesentlich längeren Zeitraum erstreckt. Wenn wir von Klimazielen sprechen, müssen wir sofort beginnen, Emissionen einzusparen. Und beim Bau von Gebäuden hat man einen starken Hebel, Dinge jetzt zu verändern und nicht erst über einen Zeitraum von 50 Jahren. Das bedeutet nicht, dass die Energie im Betrieb eine untergeordnete Rolle spielt. Aber es gibt eben diesen Aspekt der Zeitlichkeit.

Bauschaffende sollen Gebäude als Rohstofflieferanten der Zukunft betrachten. Was braucht es, um dieses Denken in den Köpfen zu verankern?

Das ist das Wissen darüber, womit man baut. Oft gehen Bauschaffende durch Gebäude und wissen nicht einmal, was stofflich in den Wänden steckt. Eine Wand ist für sie nur eine Oberfläche, von der sie nicht wissen, aus was sie eigentlich besteht.

Schnell: Alle sieben Module wurden an einem Tag in das Forschungsgebäude NEST eingehoben. - © Wojciech Zawarski

In der Industrie herrscht Mangel an Baustoffen. Dennoch nutzt die Branche nur etwa ein Prozent der Materialien ein zweites Mal. Woran liegt das?

Der bestehende und zukünftige Mangel ist nicht präsent genug. Heißt konkret: Es tut momentan noch nicht weh genug – in puncto Geld und Verfügbarkeit der Materialien. Der Mangel existiert vielleicht noch nicht bei uns, sondern anderswo auf der Welt. Schließlich teilen wir uns Ressourcen mit
acht Milliarden Menschen.

Wie kommen Bauschaffende an sekundäre Rohstoffe?

Darauf gibt es teilweise noch keine Antwort. Aber das Interesse nimmt zu, und bei den Bauschaffenden wächst das Bewusstsein. Sie fangen an nachzufragen, und die Firmen müssen darauf Antworten liefern. In Extremfällen weiß ein Produzent selbst nicht mal genau, wo seine Grundressourcen für die Baustoffe herkommen. Aber der Wandel hat begonnen. Dieser muss vorangetrieben werden, um Informationen breiter und tiefer darzustellen.

Wenn man sich diesen Prozess als Gleis vorstellt: Stehen wir gerade erst am Anfang?

Es liegt definitiv noch ein weiter Weg vor uns. Kreislaufwirtschaft ist ein Ideal, das wir anstreben. Das Ziel ist das Schließen von Kreisläufen. Dazu gehört aber auch ein detailliertes Verständnis der Prozesse. Material ist im Umlauf, erfährt unterschiedliche Stationen und irgendwann kommt es wieder zurück. Erst wenn der Kreislauf vollumfänglich geschlossen ist, ist das Ziel erreicht. Doch die Realität ist meist eine andere: Es gibt nicht nur den einen Kreislauf, sondern mehrere Verwertungswege. Und dabei gibt es Verluste. Die Baubranche verbucht nicht nur einen Großteil des Ressourcenaufkommens, sondern auch einen Großteil des Abfalls.

Können Sie Beispiele nennen?

Etwa ein schadstoffbelasteter Holzwerkstoff, der so belastet ist, dass man ihn nicht mehr weiterverwenden kann. Dann muss er entweder verbrannt oder deponiert werden. Oder ein Mischabfall, der zu komplex ist, um ihn zu trennen. Der Aufwand wäre einfach zu groß.

Gibt es zunehmend Firmen, die sich darauf spezialisieren, diesen Abfall zu trennen?

Die Recyclingwirtschaft arbeitet mit Hochtouren an neuen Technologien. Es entstehen Methoden, die früher nicht denkbar gewesen wären. Zum Beispiel die computergestützte optische Sortierung. So entstehen Verwertungswege, die früher aufgrund fehlender Rentabilität keinen Sinn gemacht hätten.

Was können Bauschaffende tun, damit der Kreislauf schneller in Schwung kommt?

Stark vereinfacht: sich mit der Thematik beschäftigen. Man sollte mit allen Baubeteiligten gemeinsame Ziele vereinbaren. Diese Ziele sind an Kompromisse geknüpft. Es geht darum, Dinge kennenzulernen und sich damit zu beschäftigen.

Werner Sobek gilt als Vorreiter in Sachen Kreislaufbauen. Er hat bereits vor mehr als 20 Jahren das erste zu 100 Prozent recycelbare Haus der Neuzeit gebaut.

Ja, das war das R128, Werner Sobeks Wohnhaus in Stuttgart. Es wurde in Elementbauweise vorfabriziert und dann vor Ort zusammengebaut. Es folgt drei Grundprinzipien: zero Waste, zero Emission, zero Energy. Das Haus hat keinen Schornstein. Und es ist so konzipiert, dass es sich komplett zerlegen lässt und seine Bestandteile wieder in die einzelnen Kreisläufe zurückgeführt werden können.

"Nachhaltigkeit ist keine Entschuldigung dafür, nicht schön zu bauen."

Stichwort Elementbauweise: Befeuert der Modulbau zirkuläres Bauen?

Das sind zwei unterschiedliche Aspekte, die sich nicht ausschließen, aber auch nicht gegenseitig bedingen. Sowohl bei der Kreislaufwirtschaft als auch beim Modulbau gibt es gewisse Zwänge. Idealerweise befördern beide gute Architektur und sorgen dafür, dass man sich stärker mit der Thematik auseinandersetzt.

Welche kreislaufgerechten Bauten hat Ihr Büro unter anderem umgesetzt?

2018 haben wir die Experimentaleinheit Urban Mining & Recycling (UMAR) als Teil des Forschungsgebäudes NEST auf dem Campus der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) im schweizerischen Dübendorf fertiggestellt. Diese Wohneinheit ist sortenrein und insbesondere mit Rezyklaten gebaut, also mit Baustoffen, die bereits im Umlauf gewesen sind. Damit wollen wir zeigen, wie ein verantwortlicher Umgang mit natürlichen Ressourcen mit ansprechender Architektur kombiniert werden kann.

Es kamen zum Beispiel Kupferbleche zum Einsatz, die von einem alten Hoteldach stammen, oder geschredderte Jeans, die in der Dämmung neuen Einsatz fanden. Aus alten Milchtüten entstanden Platten für Beplankungen, und die Küchenoberflächen sind aus Abfallzellulose, die nur mit Druck, Wärme und Wasser in ihre neue Form gebracht wurden. Irgendwann wird diese Wohneinheit wieder rückgebaut, um zu sehen, ob alle Materialien einen Abnehmer finden. Solche Forschungsprojekte helfen, Dinge anzustoßen. Daraus können sich Standards entwickeln. Kreislaufgerechtes Bauen muss fester Bestandteil der Baukultur werden und seinen Sonderstatus verlieren.

Ist es künftig entscheidend, dass Gebäude flexibel in ihrer Nutzungsform sind?

Das ist definitiv ein Credo für die Zukunft. Natürlich ist das nicht immer leicht umzusetzen, gegebenenfalls auch teurer. Jede Typologie hat ihre Besonderheiten – das beste Beispiel ist die Coronazeit, in der auf einmal der Bedarf an Hotels nachgelassen hat. Vielleicht muss aus einem Hotel nicht zwangsläufig ein Bürogebäude werden. Es gibt auch ähnlichere Typologien, etwa betreutes Wohnen oder Microwohnen. Fest steht: Wir müssen in Zukunft flexibler gestalten. Um nicht das Risiko einzugehen, Gebäude zu schaffen, die im Zweifelsfall wieder abgerissen werden müssen.

Leider ist es ja immer noch oft günstiger, neu zu bauen als umzubauen …

Das hängt ganz vom Bestand ab. Es gibt Gebäude, die eine gute Grundstruktur haben und trotzdem abgerissen werden, weil es einfacher erscheint. Doch der Vorteil eines Bauens im Bestand, gerade im Hinblick auf Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung, ist gewaltig. Zum Glück wächst das Interesse, mehr zu erhalten. Es muss nicht immer das unbeschriebene Blatt sein.

Wie fängt ein Hotelier am besten an, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen?

Er sollte konkrete Ziele definieren. Nicht nur bezüglich seines Bauvorhabens, sondern auch in puncto Nachhaltigkeit. Das gibt Orientierung, um nicht den Überblick zu verlieren. Wenn sich das Hotel zum Beispiel in einer Umgebung befindet, in der Forstwirtschaft betrieben wird, macht es Sinn, sich mit Holzbau zu beschäftigen. Und: Gibt es eventuell regionale Ressourcen, die er heranziehen kann? Zum Beispiel ein Gebäude, das in der Nähe abgerissen wird? Damit kann sich ein Hotelier natürlich nicht allein auseinandersetzen, sondern in Zusammenarbeit mit Nachhaltigkeitsexperten, speziell zum Thema Bauen. Viele Details sieht der Gast vielleicht später nicht, aber er spürt sie. Was der Hotelier dann auch identitätsstiftend nutzen kann.

Bauen mit Holz oder Lehm erfreut sich zunehmender Beliebtheit – heißt es jetzt back to the Roots?

Jedes Material hat seine Stärken und Schwächen. Es ist zum Beispiel nicht so gut, Holz jeder Witterung auszusetzen. Und Lehm hat zwar sehr positive Eigenschaften bezüglich der Klimaregulierung im Innenraum, zieht aber sehr viel Wasser. Es gibt keine einfachen Antworten, man muss es differenziert betrachten. Fakt ist: Holz muss sich den gleichen Fragen stellen wie jedes andere Material auch.

Die da wären?

Wo kommt es her? Wie stark ist es verarbeitet? Was sind die tatsächlichen Bestandteile? Wie baue ich es ein? Und wie kann man die Holzbauwerkstoffe nach dem Ende ihres Lebenszyklus wieder in andere Stoffkreisläufe überführen? Werden all diese Fragen zufriedenstellend beantwortet, ist Holz natürlich ein nachhaltiger Baustoff.

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    UMAR_ReWall
    © Rene Müller
    Zurück im Kreislauf: Beim Forschungsprojekt UMAR in Dübendorf entstanden aus Milchtüten Bretter für Beplankungen.
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    © Rene Müller
    Aus Polyethylen: Als Wandverkleidung im Bad kam der Plattenwerkstoff „Dapple Sheets“ zum Einsatz. Er ist zu 100 Prozent wiederverwendbar und - verwertbar.
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    UMAR_MycoFoam
    © Felix Heisel
    Kompostierbar: Zur Wärmedämmung im Schlafzimmer fungiert der Dämmstoff „Mycofoam“. er besteht unter anderem aus Resten von Pilzen und Maispflanzen.

Sind Holz und Lehm nicht grundsätzlich einfacher in den Kreislauf zurückzuführen?

Wenn Holz ausschließlich aus Holz besteht, dann ja. Wenn Kleber, Folien oder andere Materialien hinsichtlich der Belange der Bauphysik hinzukommen müssen, wird es wesentlich schwieriger. Ein Beispiel: Der typische Parkettboden, der oft nicht mehr komplett aus Holz besteht, sondern nur aus einer geringen Echtholzschicht und viel Fremdmaterial. Das ist nicht gut in einen Kreislauf integrierbar. Es ist wichtiger sich zu fragen, wo der Einsatz von Holz Sinn macht, als pauschal zu sagen, dass Holz ein absolut nachhaltiger Baustoff ist. Diese Lagerkämpfe um den Holzbau halte ich für übertrieben!

Lässt sich pauschal sagen, dass kreislaufgerechtes Bauen teurer ist als herkömmliches?

Das ist eine sehr populäre Frage. Wenn ein Baustoff mehr leisten muss, muss er möglicherweise auch mehr kosten. Das bedeutet allerdings auch, dass man sich von bestimmten Konstruktionen verabschieden muss, weil sie nicht mehr im preislichen Rahmen sind.

An was denken Sie da?

Zum Beispiel den klassischen Holzboden – möchte man ihn aus Vollholz, wird das Ganze sehr teuer. Hier könnte man aus Kostengründen einen anderen Boden wählen, zum Beispiel Linoleum. Das Problem ist: Bodenmaterialien sind im Hotel einer starken Nutzung ausgesetzt und müssen nach einer gewissen Zeit ausgetauscht werden. Daher müssen sie kreislaufgerecht sein. Doch es muss auch jemand Interesse haben, die Produkte wieder zurückzunehmen. Am erfolgreichsten sind hier Konzepte mit Rücknahmesystem. Bei Materialien wie Metallen ist das eine ganz andere Situation, da sie einen hohen Materialwert haben. Hier ist die Rücknahme dieser Materialien wesentlich attraktiver.

Braucht es mehr Vorschriften, damit kreislauffähiger gebaut wird?

Es wäre beispielsweise wünschenswert, dass für zukünftige Baugenehmigungen Rückbaukonzepte verpflichtend werden. Es wird nicht ohne Vorschriften gehen. Aber man sollte behutsam steuern und mit einer Mischung aus Anreizen und Zielsetzung den Prozess starten – ähnlich wie bei Nachhaltigkeitszertifikaten. Der erste Schritt ist getan, wenn sich überhaupt jemand damit beschäftigt.

Wenn wir in die Glaskugel schauen – wie sieht ein neu gebautes Haus in 50 Jahren aus?

Die äußeren Umstände werden in Zukunft einen stärkeren Einfluss auf die Gestaltung nehmen. Momentan haben Bauschaffende sehr viele Gestaltungsfreiräume. Abgesehen von finanziellen Zwängen ist noch erstaunlich viel möglich. Was prinzipiell ja gut ist. Aber irgendwann verändert sich die Fragestellung: Es zählt nicht nur das, was man machen kann, sondern an einem Ort machen muss. Das ergibt sich aus den Materialien, die zur Verfügung stehen, aus den Besonderheiten des Ortes und vielleicht auch aus der Besonderheit der Bauaufgabe. Nachhaltigkeitsaspekte sind dann schon in der Bauaufgabe verankert. Sie sind nicht aufgesetzt, sondern integraler Bestandteil.

Also rückt die Optik in den Hintergrund?

Es gibt diese Diskussion. Wir sind allerdings überzeugt, dass das nicht zwingend so sein muss. Nachhaltigkeit ist keine Entschuldigung dafür, nicht schön zu bauen. Ziel ist, dass der Nutzer die Wertigkeit seines Gebäude sieht und motiviert ist, die Räume anzunehmen und zu pflegen. Ohne dieses Annehmen ist ein Nachhaltigkeitsgedanke nur schwierig aufrechtzuerhalten. Werner Sobek bringt hier gern folgenden Begriff ins Spiel: gebaute Heimat.

Steht der Gestaltungswille vieler Architekten der Nachhaltigkeit im Weg?

Die Frage ist: Will man nachhaltige Architektur oder Architektur, die nachhaltig ist? Letzteres hat eine bessere Chance, erfolgreich zu sein. Wenn ich etwas nachhaltig konzipiere, was im Betrieb später nicht funktioniert, ist am Ende des Tages der Schaden sehr viel größer.

Zur Person

Bernd Köhler
Bernd Köhler.

Bernd Köhler ist seit 2016 Projektleiter und Senior Architekt beim Stuttgarter Planungsbüro Werner Sobek. Er studierte Architektur am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) sowie Plastik und Multimedia an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe (HfG).

Es folgten Stationen bei Stankovic Architekten in Berlin und Henn in München, Dubai, Peking und Shanghai, bis er zu Werner Sobek wechselte. Köhler ist stellvertretender Vorsitzender des Fachauschuss Ressourceneffizienz des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Leichtbau Entwerfen und Konstruieren (ILEK) in Stuttgart.