Wer im südafrikanischen Spielerparadies Sun City aufwächst, muss die Hotellerie im Blut haben. So war es bei Andreas Krämer, der bereits mit 34 Jahren zum GM avancierte und heute mit dem Hilton Shillim ein außergewöhnliches Retreat im Westen Indiens führt.
Die Megastadt Mumbai, ehemals Bombay, ist ein lärmender und überbevölkerter Moloch. Weit über 18 Millionen Einwohner leben hier auf 600 Quadratkilometern und täglich werden es mehr. Schmutz, beißende Gerüche und Armut sind allgegenwärtig, das Getöse auf den Straßen nimmt nur während der Nachtstunden leicht ab. Gerade einmal drei Autostunden entfernt liegt das Hilton Shillim Estate Retreat & Spa – im Gegensatz zu der Maximum City Mumbai eine Insel der Glückseligen. Auch hier sind die Ausmaße gigantisch: 1400 Hektar umfasst das gesamte Areal, auf 130 Hektar – umgerechnet 182 Fußballfelder – wurde das Retreat angelegt, das vor allem eines bietet: Ruhe. »Ich habe mich auf Anhieb in diese Umgebung verliebt. Mumbai ist vielleicht etwas verrückt, aber das hier ist wirklich schön«, schwärmt Andreas Krämer, der dieses weitläufige Kleinod im Portfolio der Hilton-Gruppe vor rund einem Jahr an den Start gebracht hat. »Schön« ist dabei leicht untertrieben, »noch nie dagewesen« trifft es da schon besser, denn zu der schieren Größe und der unberührten, waldreichen Landschaft gesellt sich ein Top-Spa und ein erstklassiger Service, der sich bereits wenige Monate nach der Eröffnung mit den Top-Hotels des Landes messen lassen kann.
Doch welche Herausforderungen allein die Logistik an das Hotelmanagement stellt, zeigt sich eindrucksvoll im »Transportwesen«: »38 Golf-Buggies stehen für Gäste, Housekeeping, Haustechnik, Security und In-Villa-Dining bereit«, erklärt der sympathische Saarländer. »Zudem chauffieren vier Busse täglich unsere 300 Personen starke Mannschaft zwischen Hotel und den Personalunterkünften hin und her.« Da der Transport auf den holprigen Straßen aber alles andere als vergnüglich ist, wird derzeit am Rande des Retreats ein Mitarbeiterhaus fertiggestellt, denn selbst wenn es für viele Angestellte ein Glücksfall ist, für einen aufsehenerregenden Newcomer wie das Hilton zu arbeiten, so ist es für den deutschen GM »ein Hauptproblem, das Personal happy zu halten«. Der 37-Jährige vergleicht die Situation mit der Lage auf den Malediven, wo den Mitarbeitern außer ihrer Arbeit und einer traumhaften Landschaft kaum Abwechslung geboten wird.
Von 2003 bis 2005 hat er diese Erfahrung selbst gemacht, ist nach seiner Ausbildung zum Koch und zum Hotelfachmann im Pannonia Saarlouis sowie weiteren Stationen im Parkhotel Weiskirchen und im Victor's Residenz-Hotel Schloss Berg schnurstracks gen Indischen Ozean gewechselt, um dort seine Karriere als Executive Assistant Manager für das Reethi Beach Resort und das White Sands Resort & Spa voranzutreiben. Dass es Andreas Krämer überhaupt einmal in die gastliche Branche verschlagen würde, war bereits früh abzusehen, schließlich wuchs er im südafrikanischen Vergnügungskomplex Sun City auf. »Mein Vater war Bäckermeister und meine Mutter Steuerfachgehilfin – sie arbeitete in Sun City als Cost Controllerin«, erklärt der Kosmopolit, der sich bereits in frühen Jahren etwas Geld hinzuverdiente, indem er die Kinder reicher Gäste betreute. In gewisser Weise ähneln sich Sun City und die Malediven sowie auch die späteren Stationen Koh Samui und das Hilton Shillim: Es sind touristische Destinationen der Extraklasse, die aber im wahrsten Sinne des Wortes ein Alleinstellungsmerkmal haben. Gerade auf den Malediven drückt die Eintönigkeit mit der Zeit aufs Gemüt.
Auf das, was die paradiesischen Verhältnisse im Winter 2004 aber abrupt verändern sollte, hätte der Saarländer getrost verzichten können: der Tsunami. »Um zehn Uhr kam das Wasser auf die Insel, ging aber zunächst wieder weg. Dann habe ich gesehen wie die Welle kam. Die Klimaanlagen an den Villen standen schnell unter Wasser, unsere Gäste aus England flüchteten auf die Dächer und die Eigentümerin der Anlage schrie ›Save my mother‹«, schildert Krämer. So schnell wie es gekommen war, war es auch wieder weg. »Doch es war alles kaputt. Das Wasser hat mit ungeheurer Wucht alle Türen aufgedrückt und ein Bild der Verwüstung hinterlassen.« Die Nacht verbrachten Angestellte und Urlauber – ein Gast hat den Tsunami nicht überlebt – auf Matratzen am Strand und mussten zu allem Überfluss die Partymusik auf der Nachbarinsel ertragen. Diese befand sich quasi im Windschatten der Insel von Andreas Krämer und hat von der Welle nichts abbekommen. Wenig sozial war auch das Verhalten seiner Kollegen: In den darauffolgenden Tagen haben zahlreiche Angestellte die Insel zusammen mit den Urlaubern fluchtartig verlassen, sodass der Deutsche die Aufräumarbeiten nahezu im Alleingang stemmen musste.
Im Sommer des darauffolgenden Jahres verließ dann auch er die Malediven, um eine neue Herausforderung als Resort Manager im Six Senses Hideaway Koh Samui anzutreten. Für kurze Zeit führte Andreas Krämer anschließend als General Manager das Infinity Lifestyle Destination Spa und übernahm im Sommer 2009 als Area GM die Verantwortung für zwei Domizile der thailändischen KC Gruppe. Nach insgesamt sieben Jahren auf der Insel im Golf von Thailand war es 2012 Zeit für einen Ortswechsel. In die engere Auswahl kam unter anderem ein Resort auf den British Virgin Islands – und eben das Hilton Shillim. Nach dem ersten Besichtigungstermin des Rohbaus in den Western Ghats, als der Deutsche die Dimension des 50-Millionen-Dollar-Projekts mit eigenen Augen sah, stand die Entscheidung pro Indien fest. Dazu beigetragen haben auch die vielen Erlebnisse, die den Gästen hier angeboten werden und die das Hotel aus der Masse herausstechen lassen. Eines der Highlights ist das Frühstück auf dem Hausberg des Retreats, bei dem die Gäste – von einem Guide geführt – am frühen Morgen eine 50-minütige Wanderung in Angriff nehmen und mit einem Frühstück auf dem Plateau des 920 Meter hohen Shillim Peak belohnt werden – Panoramablick auf das Resort inklusive. Ebenfalls beeindruckend inszeniert wird das »Sun Set BBQ« am Pool der Gästevilla, bei dem die Weiße Brigade in unmittelbarer Nähe der Gäste grillt, was einem Live-Cooking-Event gleichkommt. An Freizeitaktivitäten stehen weiterhin Ausflüge in das nahegelegene Dorf und in historische Höhlen sowie Töpfer- und Kochkurse, Picknicks, Mountain-Biking, Reiten, Angeln und vieles mehr zur Auswahl.
Das Hauptaugenmerk sollen die Gäste aber auf das weitläufige »Shillim Spa« richten, das zu den größten Spas in Asien zählt und in dem über 150 unterschiedliche Behandlungen angeboten werden. Der Wellnessbereich kombiniert alte philosophische, spirituelle und künstlerische Weisheiten Südasiens mit zeitgenössischen, internationalen Praktiken und Therapien für eine vollständige Erholung und Verjüngung. Zur Ausstattung gehören ein Yoga-Pavillon, eine Meditationshöhle, ein Spa-Restaurant, ein beheizter Wellness-Außenpool, klassische und Infrarot-Saunen, Dampfbad und Whirlpools. Eine besondere Anwendung, die auch Andreas Krämer des Öfteren bucht, ist das in den Pools der Gästevillen durchgeführte Watsu. Diese tiefgreifende und sanfte Entspannungsmethode im warmen Wasser soll den Gast in einen Urzustand versetzen – ähnlich dem eines Babys im Bauch der Mutter.
66 geräumige Villen sind derzeit im Betrieb, 33 weitere Einheiten inklusive dreier Präsidentenvillen werden derzeit noch fertiggestellt. Für 450 US-Dollar pro Nacht ist dabei nicht nur der Butlerservice inklusive, auch stehen den Gästen drei Restaurants mit mediterraner, asiatischer und lokaler Küche zur Auswahl. Damit noch nicht genug: Andreas Krämer baut derzeit an einem der besten Weinkeller Indiens und will das Retreat als Location für Privat- und Geschäftsveranstaltungen noch stärker vermarkten. Seine eigene Zukunft sieht der 37-Jährige »definitiv bei Hilton«, wenngleich nicht auf ewig in Shillim.
Eine Stadt sollte es bei der nächsten Station schon sein, schließlich ist geplant, dass der jetzt einjährige Sohn später eine deutschsprachige Schule besucht. Und noch eine weitere Einschränkung hat Andreas Krämer: Nach 13 Jahren in Asien kann er getrost auf Schnee und Frost verzichten, »deshalb sollte sich das nächste Hotel schon in Äquatornähe befinden«.