VSR Der Gast und das Ei

Ab sofort wird Peter Braune, Gründungs- und Ehrenmitglied des VSR, in loser Folge auf die für den Gast oft unbefriedigende Qualitätssituation in der Hotellerie und Gastronomie hinweisen. Dieses Mal schildert er seine verzweifelte Suche nach einem weich gekochten Ei.

Auf dem Weg in den Herbsturlaub war am Abend des ersten Tages ein Zwischenstopp eingeplant. Vor der Weiterreise stand am nächsten Morgen das Frühstück auf dem Programm. Wie immer habe ich mich auf ein weich gekochtes Ei gefreut.

Ich äußerte den Wunsch gegenüber einem zufällig vorbeikommenden jungen Mann, schätzungsweise im zweiten Ausbildungsjahr. Mit dem Begriff »weich gekochtes Ei« konnte er nichts anfangen. Sein erstaunter Blick änderte sich auch nicht, als ich ihm den Hinweis auf vier Minuten Zeit für die Zubereitung gab. Eine Kollegin kam hinzu und machte mich darauf aufmerksam, dass da hinten ein Korb mit weich gekochten Eiern platziert wäre. Mit Hilfe der nonverbalen Kommunikation deutete sie in eine nur ihr bekannte Himmelsrichtung.

Meine langjährigen, leidvollen Erfahrungen mit weich gekochten Eiern sagten mir, dass diese Eier gar nicht weich gekocht sein konnten. So war es dann auch und ich äußerte noch einmal sehr genau meinen Wunsch und die damit verbundenen Erwartungen. Unser gemeinsames Frühstück war fast vorbei, da kam es dann doch noch, das Frühstücksei, das ich mit Bedenken öffnete – zu Recht: Das Ei wurde nicht nur mit dem falschen Löffel serviert, schlimmer noch, das Ei war hart. Einer der beiden Verdächtigen hatte es aus dem bereits erwähnten Eierkorb entnommen und lächelnd an unseren Tisch gebracht.
Die Reise wurde fortgesetzt, in der Vorfreude, im Hotel am Zielort, neun Tage lang ein weich gekochtes Ei zum Frühstück zu genießen. Was folgte, war das Eierdrama, Klappe die zweite. Auch hier konnte der Auszubildende nichts mit meinem Wunsch anfangen. Meine Frau hatte ein Herz und gab ihm einen leisen Hinweis auf mein Verlangen. Mit dem Geheimtipp hat es dann auch mehrmals geklappt. Den Eierlöffel musste ich allerdings immer selbst holen, denn es war ja ein Frühstücksbuffet.

Einmal blitzte die Fachkompetenz einer älteren Gastgeberin durch. Ohne Geheimtipp oder Äußerung des Wunsches wurde das weich gekochte Ei fachlich richtig serviert: auf einem kleinen Teller, mit einer Papierserviette zwischen Eierbecher und Teller sowie dem richtigen Eierlöffel.

Einige Monate später, in einem anderen Hotel, erfuhr ich dann vom Inhaber und Küchenchef persönlich die ganze ungeschminkte Wahrheit. In der deutschen Gastronomie und Hotellerie sind weich gekochte Eier verboten. Muss ich jetzt immer Urlaub außerhalb Deutschlands machen?

Mit dem Thema Frühstücksei bin ich offenbar nicht allein auf der Welt. In einem weiteren Hotel konnte ich einen Gast beobachten, der ebenfalls auf der Suche nach seinem Ei war. Er hatte aber ein anderes Problem. Als er sein Ei gefunden hatte, wollte er es in einen Eierbecher platzieren. Aber das war nicht möglich, denn es passte nicht in die bereitgestellten Eierbecher.

Zu diesem Drama passen einige Inhalte aus dem Ausbildungsrahmenplan der sechs gastronomischen Ausbildungsberufe. Während einer qualitativ guten Berufsausbildung und im Sinne der Servicequalität hätten die Ausbilder mit geeigneten Unterweisungsmethoden unter anderem folgende Lernziele vermitteln müssen:

Teil des Ausbildungsberufsbildes: Umgang mit Gästen, Beratung und Verkauf.

Lernziele:

  • Gastgeberfunktion wahrnehmen
  • Erwartungen von Gästen hinsichtlich Beratung, Betreuung und Dienstleistung ermitteln
  • Gäste empfangen und betreuen Teil des Ausbildungsberufsbildes: Servicebereich Lernziele:
  • Verkaufsfähigkeit von Produkten prüfen
  • Speisen und Getränke servieren und ausheben
  • bei Service- und Menübesprechungen mitwirken Vielleicht bin ich als Gast beim Ei und beim Thema Qualität der Berufsausbildung im Gastgewerbe zu anspruchsvoll ...