Das sagt die Next GenerationJunge Hotelière berichtet über ihr unkonventionelles Konzept

Die 29-jährige Anita Wandinger hat das AWA Hotel in München 2019 eröffnet. Sie setzt sich für Nachhaltigkeit sowie die Rolle der Frauen in der Gesellschaft ein - und auch Kunst ist ein zentrales Element in ihrem Hotel. (Bild: AWA Hotel)

Anita Wandinger (29) hat im März 2019 im Münchner Hauptbahnhofs-Viertel das AWA-Hotel eröffnet. Dort legt sie Wert auf Offenheit für verschiedene Kulturen, stellt das Thema Frauen, aber auch die Kunst in den Fokus, und ist stark auf Nachhaltigkeit ausgelegt. Was sich für die junge Geschäftsfrau durch Corona verändert hat und worin sie zukunftsfähige Konzepte sieht, erzählt sie im Tophotel-Interview.

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Anita Wandinger (29) hat das AWA Hotel an der Münchner Schillerstraße in der Nähe des Hauptbahnhofs im März 2019 eröffnet. Zuvor war das Haus als Conrad Hotel de Ville bekannt gewesen. Die Eltern der Geschäftsführerin sind ebenfalls Hoteliers und kauften das Hotel mit seinen 88 Zimmern schon vor einiger Zeit. Als der Pachtvertrag auslief, ergriff Anita Wandinger die Chance, und wurde Geschäftsführerin des heutigen AWA Hotels. Zuvor wurde die Immobilie komplett umgebaut. Unter anderem hat Anita Wandinger Erfahrungen in Hotels wie dem Ritz Carlton Barcelona und dem Hotel Bayerischer Hof München gesammelt. Zudem studierte sie Hotelmanagement in Bad Reichenhall und an der Northern Arizona University. (Bild: AWA Hotel)

Tophotel: Frau Wandinger, um das AWA Hotel zu eröffnen, haben Sie ein Bestandshotel übernommen. Was war die größte Herausforderung bei der Neugestaltung im Sinne Ihres Konzepts?

Anita Wandinger: Richtig. Meine Eltern, die selbst Hoteliers sind, haben das Hotel gekauft; ich durfte es dann übernehmen. Ich hatte sehr viel zu bedenken und zu kalkulieren. Am Ende entschied ich mich dafür, den Bestand des vorherigen Conrad Hotel de Ville nicht zu übernehmen. Das AWA Hotel ist bis auf einige Einbauten also komplett neu. Erst kürzlich haben wir im Erdgeschoss die alte Bar abgerissen und drei Tonnen Holz entsorgt.

AWA steht für “Awareness, Women & Arts”, also Achtsamkeit, Frauen und Kunst. Wie kamen Sie auf das Konzept und wie äußern sich die drei Themenbereiche in Ihrem Hotel?

Das Konzept entstand über Monate hinweg, da ich immer mehr von den Dingen, die mich privat begeistern, ins Hotel mit einbringen wollte. Darunter eben ein bewusster Lebensstil, die Kunst und das Thema Frauen. Für Frauen und Künstler bieten wir üblicherweise hauptsächlich Kooperationen an entweder, indem wir unsere Flächen kostenfrei für Kunstausstellungen oder Events für Frauennetzwerke zur Verfügung stellen. Oder sogar, indem wir selbst Seminare und Workshops zum Thema weibliche Bedürfnisse im Berufsalltag anbieten. Bis Corona kam, waren zwei unserer engsten Kooperationen mit Artnight München, deren Initiatoren immer wieder Kurse bei uns veranstalteten, sowie mit der Künstlerin Katalina Koss, die einige ihrer Werke bei uns im Hotel auch dauerhaft ausstellt.

Welche Initiativen ergreifen Sie beim Thema Nachhaltigkeit?

Das Thema Nachhaltigkeit decken wir unter anderem durch sparsame Wasser-Stops, Regelung der Klimaanlage, Energiesparschalter in den Zimmern, und natürlich Reduktion von Abfallprodukten (aus Plastik) im Haus ab. Auch finanziell scheuen wir keine Mühen um das umweltfreundliche Konzept umzusetzen. So zahlen wir extra mehr an unseren Wäsche-Lieferanten, damit dieser unsere Bettlaken und weiteres schonend wäscht. Sobald die neue Bar fertig ist, wollen wir den Gästen dort einen Rabatt gewähren, wenn sie ihre Zimmer nicht täglich reinigen lassen und Handtücher wiederverwenden.

Wie setzen Sie den Verzicht auf Plastik konkret um? Ist dies durch die Coronakrise erschwert?

Teilweise wurden die guten Vorsätze durch Corona natürlich zunichte gemacht. Plastik-Handschuhe und Wegwerf-Alltagsmasken dominieren das aktuelle Bild. Natürlich versuchen wir aber auch hier weiterhin unserem Motto treu zu bleiben. Unsere Mitarbeiter tragen beispielsweise Mundschutz, bei dem nur der Filter ausgewechselt wird. Da unser Restaurant geschlossen ist, hatten wir zumindest dort keinen zusätzlichen Abfall.

Wie sieht es mit der aktuellen Auslastung aus und haben Sie Ihr Angebot seit Corona verändert?

Aktuell sind wir beim Thema Auslastung wieder auf dem aufsteigenden Ast. Aber weit von dem Punkt entfernt, an welchem wir um diese Jahreszeit normal stünden. Damit zumindest einige Zimmer belegt sind, bieten wir diese als Longstay-Apartments an. Dadurch haben sich auch viele Abläufe verändert. Gäste waschen plötzlich ihre Bettwäsche selbst und bringen ihren Müll nach unten zum Sammelort. Bei den Preisen, die wir momentan anbieten, können wir einfach nicht den bei uns üblichen Viersterne-Service gewährleisten. Der Apartmentflair und die Selbstständigkeit der Langzeit-Gäste ist schon eine Umstellung für mich, aber es hilft uns in der Krise und ich bin sehr dankbar für die Unterstützung.

Wie setzt sich Ihre Klientel zusammen?

Momentan sind unsere Gäste ein bunter mix verschiedener Nationalitäten und Altersklassen. Touristen wie Geschäftsreisende begnen sich in der Lobby. Jetzt zu Corona haben wir hauptsächlich Münchner zu Gast, die auf Wohnungssuche sind.

Wie versuchen Sie, Ihr Motto auch den Gästen zu vermitteln und diese einzuladen, ebenfalls nach diesem zu handeln?

In erster Linie sind wir ein Hotel. Wir haben alles, was andere Hotels auch standardmäßig haben. Aber wir möchten die Gäste zum Nachdenken bringen. Ein Denkanstoß reicht völlig. Vielleicht sieht die vegane Ecke beim Frühstück so gut aus, dass man auf sein Rührei verzichtet. Oder vielleicht bringen unsere Schlüsselkarten und Energiesparschalter die Gäste dazu zu überlegen, was sie an ihrem eigenen Energiekonsum verbessern können.

„Wir machen alles mit Bedacht“ ist einer Ihrer Claims. Wie setzen Sie diesen täglich im Hotel um, auch bezüglich der Mitarbeiter?

Mitdenken schreibe ich auch bei meinen Mitarbeitern groß; ich begrüße Eigeninitiative und selbstständige Problemlösung. Dennoch bin ich natürlich jederzeit für mein Team da. Ich sehe das Talent in jedem; jeder kann etwas anders. Ich achte aber mehr auf Spaß und Abwechslung am Arbeitsplatz sowie Erholung meines Teams, als auf finanzielle oder materialistische Dinge. Mir ist absolut bewusst, dass niemand mehr die Arbeit über das Privatleben stellt. Deshalb ist mir ein persönlicher, familiärer Umgang, bei dem an das Wohl und die Bedürfnisse der Mitarbeiter gedacht wird, sehr wichtig.

Welche weiteren Ziele haben Sie für die nächsten fünf Jahre? Können Sie sich vorstellen, weitere AWA Hotels zu eröffnen?

Das Konzept ist durchaus multiplizierbar und weitere Hotels sind definitiv auf meinem Fünf-Jahres-Plan, aber auch noch einige Renovierungen. Ich möchte, dass das AWA noch viel moderner und automatisierter wird. Irgendwann wünsche ich mir eine Vier-Tage-Woche für mein gesamtes Team, was nur geht, wenn wir viel Arbeit an Maschinen abgeben. Der Lohn soll natürlich gleich bleiben. Lieber wenige, sehr gute Mitarbeiter, für die ich ausreichend Zeit habe, als viele, die vielleicht nicht ganz zum Konzept passen.

Interview: Verena Usleber/Laura Schmidt

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