Immer mehr Hotels bieten ihren Gästen und zunehmend auch der lokalen Nachbarschaft vollausgestattete Coworking Spaces an – und wirken dadurch höchst kreativ an der Gestaltung der Arbeitswelt der Zukunft mit.
Menschen mit unterschiedlichen beruflichen, kulturellen und persönlichen Hintergründen treffen aufeinander, sitzen entspannt auf Sofas oder an Tischen zusammen, trinken Kaffee, arbeiten, lesen, diskutieren, tauschen sich aus oder bleiben für sich – dieses Bild beschreibt das Wesen eines Coworking Spaces ebenso gut wie jenes einer Hotellobby. Beide Räumlichkeiten bieten Gemeinschaft auf Zeit, vielfältigen Komfort und eine dezidiert wohnliche Atmosphäre. Hotellobbys waren zwar noch nie in erster Linie Arbeitsorte, zugleich sind sie seit jeher aber auch weit mehr als nur Empfangs- oder Warteräume. In den großen Hotels des beginnenden 20. Jahrhunderts waren sie wichtige, quasi öffentliche Treffpunkte zum Philosophieren, Debattieren und Verhandeln.
Mit dem Niedergang der Kultur des Grand Hotels verschwanden arbeitende Gäste zunächst in separaten Tagungsbereichen, während sie in heutigen Hotels praktisch immer und überall allein oder mit anderen zusammen arbeiten können. Grund dafür sind die mobilen Arbeitsmittel des digitalen Zeitalters (allen voran Laptop und Smartphone), die Allgegenwart des Internets und die insgesamt wesentlich flexibleren Arbeitsweisen und -prozesse.
Arbeitswelt im Wandel
Die Auswirkungen dieser Arbeitsweisen betreffen längst nicht mehr nur die jungen Unternehmensgründer, innovative Start-ups oder Digital Natives der Hightech-, Kreativ- und Medienszene, die permanent auf dem Grat zwischen Beruf und Leben balancieren. Sie wirken sich auch auf die etablierten Konzerne aus, deren Beschäftigte durch die fortschreitende Globalisierung häufiger auf Reisen und daher auch häufiger im Hotel oder Coworking Space sind. Vor allem letztere sind auch für ortsansässige Firmen interessant, die die Möglichkeit sehen, durch den interdisziplinären Austausch mit engagierten und talentierten Menschen ihren Horizont zu erweitern oder ihre Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit zu steigern.
Hotellobbys wie auch Coworking Spaces werden von all diesen Gruppen zunehmend als temporärer Arbeitsplatz genutzt. Bequeme Sitzplätze, schnelles WLAN und genügend Steckdosen – mehr ist erst einmal nicht nötig, um dafür geeignete Rahmenbedingungen zu schaffen.
Arbeiten in der Lobby: Sozialer als auf dem Zimmer
Im Hotel nutzen die Gäste selbstverständlich zunächst einmal ihre Zimmer, um sich digital zu vernetzen. Im Vergleich zur Abgeschiedenheit des privaten Hotelzimmers bieten öffentliche Bereiche jedoch den entscheidenden Vorteil, dass sich die Menschen dort sowohl virtuell als auch physisch mit anderen vernetzen können. Außerdem verfügen sie in der Regel über mehr Platz sowie Verpflegungsangebote, die den Aufenthalt angenehmer machen. In vielen Häusern sind darüber hinaus bereits gezielte gestalterisch-konzeptionelle Anpassungen im Bereich der Lobbys erfolgt. Beispielsweise sind sie multifunktionaler nutzbar und bieten mitunter abgeschirmte Bereiche oder Sitzgruppen, die das konzentrierte Arbeiten erleichtern.
Solche Bereiche kommen letztlich auch den privat reisenden Hotelgästen zugute, deren Aktivitäten sich kaum von jenen der Geschäftsreisenden unterscheiden. Zum Posten von Fotos und Storys, zum Telefonieren und Mails checken oder zum Abstimmen von Tagesplanungen mit Freunden nutzen sie – mit den exakt gleichen räumlichen Bedürfnissen – die exakt gleichen Geräte.
Angebote für Einzelkämpfer bis hin zu größeren Gruppen
Mit einer eigens eingerichteten Coworking-Fläche geht das im Herbst 2016 in der Innenstadt Düsseldorfs eröffnete Me and All Hotel einen Schritt weiter. Dieser offene Bereich mit zwei großen Arbeitstischen für insgesamt 20 Personen befindet sich im Erdgeschoss direkt neben der Lobby am Eingangsbereich. Die professionelle technische Ausstattung – Glasfaser High Speed Internet, 55 Zoll Smart Kapp Whiteboard, 27 Zoll All-in-One-Touch-PC sowie Powerboxen mit Steckdosen und USB-Slots – ermöglicht die Echtzeit-Vernetzung der mitgebrachten und fest installierten Geräte, sodass Menschen dort nicht nur gut allein, sondern auch in größeren Gruppen arbeiten können.
Der von der Straße gut einsehbare Bereich ist nicht reservierbar und wird nach dem „First-Come-First-Serve“-Prinzip vergeben: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Das wirklich Besondere sind jedoch nicht die technische Infrastruktur oder die Versorgung mit Getränken und Snacks aus der benachbarten Lobby. Es ist vielmehr die Tatsache, dass die Coworking-Fläche sowohl Hotelgästen als auch externen Besuchern jederzeit und kostenlos zur Verfügung steht. Das hat sich herumgesprochen, sodass der Bereich oft gleichzeitig von den unterschiedlichsten Gruppen genutzt wird: Touristen checken in Ruhe ihre Mails und sitzen dabei neben Geschäftsreisenden, die Lücken im Terminkalender zum Arbeiten nutzen, während wieder andere gerade ihrer Präsentation den letzten Schliff geben. Immer wieder treffen sich dort aber auch junge Unternehmer für informelle Meetings.
Wirklich Privatsphäre kann der Bereich dabei allein deshalb schon nicht bieten, weil er sich räumlich nicht abschließen lässt. Darum geht es aber auch gar nicht. Ziel des Hotels ist nämlich genau diese unprätentiöse Offenheit, Nutzermischung und Gemeinschaft. Einerseits, um den Hotelgästen – zusätzlich zu Zimmer, Lounge und Lobby – einen hochwertig ausgestatteten und kommunikativen Bereich zum Arbeiten anzubieten, andererseits, um im Eingangsbereich jene kreative Atmosphäre zu schaffen, die nicht nur für pulsierendes Leben, sondern auch für eine gewisse Nähe zur Nachbarschaft sorgt. Diese Vernetzung zählt ebenso zum Hotelkonzept von Me and All wie der im Haus angebotene Kaffee einer lokalen Rösterei oder Events, Lesungen, Konzerte, Comedy und Poetry Slams mit ortsansässigen Künstlern.
Unkomplizierter, aufs Wesentliche konzentrierter Komfort
Nachdem die Menschen immer mehr reisen und dabei auch arbeiten, ist es eigentlich naheliegend, Hotel und Coworking miteinander zu verknüpfen. Genau dies macht auch die Ruby Gruppe, die Hotels in Wien, München und Düsseldorf betreibt und aktuell weitere Häuser in London, Zürich, Hamburg, Köln und Frankfurt realisiert. Im April 2017 eröffnete das Münchener Ruby „Lilly“ Hotel. Wie alle anderen Häuser der Boutiquehotelkette ist auch dieses Haus ganz von „Lean Luxury“, von schlankem Luxus geprägt. In den Hotels stehen unkomplizierter und auf das Wesentliche konzentrierter Komfort, gute Gestaltung sowie zentralisierte und automatisierte Prozesse (z.B. bei der Reservierung, beim Einchecken und in der internen Organisation) im Vordergrund. Restaurant und Roomservice sucht man vergebens, dafür gibt es eine lässige Bar, die sich als Teil des Münchner Nachtlebens versteht.
Nur einen Steinwurf entfernt vom Hotel, das zum Arbeiten die üblichen Möglichkeiten in Zimmer oder Lobby bietet, eröffnete im Dezember 2017 Ruby „Leo Workspaces“. Der rund 800 Quadratmeter große Coworking Space befindet sich im 3. Obergeschoss eines Bürogebäudes und ist gegen Gebühr nutzbar. Die Höhe der Gebühr hängt davon ab, welches Nutzungspaket gebucht wird. Für Mitglieder fallen im öffentlichen Bereich mindestens 15 Euro pro Tag an, während die maximale Monatsmiete (einschließlich eigenem Schreibtisch in einem abschließbaren Büroraum) 535 Euro beträgt – Hotelgäste können die Einrichtung zu vergünstigten Konditionen nutzen.
Trend zur Gemeinschaft
„Der ideale Ort zum Arbeiten ist einer, an dem es um mehr geht als um die Arbeit. Es ist ein Ort, der uns mit Gleichgesinnten verbindet.“ Gemäß dieses Leitspruchs und der Umsetzung der „Lean-Luxury“-Idee innerhalb einer Bürofläche erwartet die Nutzer eine vielfältige Welt, die hell und einladend ist, und deren Gestaltung jener der Ruby Hotels entspricht. Empfangen werden sie in einem großzügigen öffentlichen Bereich, dessen Mittelpunkt eine „Community Cooking & Dining Area“ bildet – eine Art Selbstbedienungs-Kaffeebar mit Küchenzeile. Neben diesem offenen Großraum mit Tischen und Stühlen, gemütlichen Sofas sowie einer riesigen Dachterrasse verfügt Ruby „Leo Workspaces“ über zahlreiche weitere Bereiche, die vielfältige Arbeitsweisen unterstützen: unterschiedlich große Konferenzräume, abgeschlossene Gruppenarbeitsräume, aber auch als Ganzes mietbare Einzelbüros sowie abgeschiedene Rückzugsbereiche, z.B. zum Telefonieren oder konzentriertem Arbeiten.
Hinzu kommen Technikbereiche mit Druckern und Scannern sowie eine Vending Machine unter anderem mit Bio-Snacks und Getränken. After Work Events, Office Lunches, Vortrags- und Musikveranstaltungen sorgen dafür, dass sich die Nutzer nicht selten bis spät am Abend aufhalten und auch gemeinsam kochen, essen und feiern.
Atmosphärisch erinnern die öffentlichen Bereiche von Coworking Spaces an die Lobby eines Hotels. Das liegt einerseits an der inspirierenden Gestaltung, die eine hohe Aufenthaltsqualität und viele Nutzungsmöglichkeiten bietet, andererseits aber auch an dem Geist, der in der Luft liegt. Dort kreuzen sich die Wege aller Nutzer, treffen sich Menschen zum Arbeiten, Kommunizieren oder Entspannen und finden innovative und kreative Aktivitäten statt.
Und nicht zuletzt manifestiert sich dort die Tendenz zum Gemeinsamen, die auch in vielen anderen Bereichen des täglichen Lebens zunehmend Verbreitung findet: beim Wohnen in Wohngemeinschaften ebenso wie beim Carsharing.
Angesichts all der Wohnlichkeit und Gemeinschaft fehlt eigentlich nur noch, dass man dort auch wohnen kann. Ergebnis wäre dann eine Art materialisiertes Facebook zum physischen Social Networking. Oder eben ein Hotel.



