Ausnahmehotelier Ben Förtsch im Interview"Altbauten können ganzheitlicher nachhaltig sein als Neubauten"

Der junge Hotelier Ben Förtsch möchte mit seinem Unternehmen ein fester Bestandteil der nachhaltigen Hotellerie und einer umweltverträglicheren Zukunft sein. Herausforderungen scheut er dabei nicht, sondern strebt sie sogar an. (Bild: Creativhotel Luise)

Ben Förtsch ist Inhaber des ersten klimapositiven Hotels Deutschlands. Mit dem nachwachsenden Hotelzimmer setzt der junge Unternehmer weitere Akzente in Sachen nachhaltige Hotellerie. Im Interview mit Tophotel wägt der Hotelier des Creativhotel Luise ab, inwiefern eine ganzheitlich nachhaltige Ausrichtung bei Bestandsbauten besser gelingen kann als bei Neubauten und legt dar, welche Rolle der Glücksmaximierung in seinem Unternehmen zukommt. 

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Ben Förtsch ist Gastgeber und CEO des Creativhotel Luise in Erlangen sowie Creative Consultant. Er studierte Business Management an der University of Sunderland und befasste sich während seines Studiums auch mit dem Thema Glücksökonomie. Seit 2014 führt er im Familienbetrieb den Nachhaltigkeitsgedanken seiner Eltern hauptberuflich fort. (Bild: Creativhotel Luise)

Herr Förtsch, Sie haben das nachwachsende Hotelzimmer entwickelt. Was inspirierte Sie zu dieser Entwicklung?

Das nachwachsende Hotelzimmer war mein erstes Großprojekt. Es lag mir sehr am Herzen, den Nachhaltigkeitsgedanken meiner Eltern im Betrieb fortzuführen und dabei aber den neuen – meinen – Weg für das Hotel aufzuzeigen. Mein Ziel war es, etwas Neues zu schaffen. So außergewöhnlich, dass es auch für mich eine große Herausforderung wird.

Wie sieht dieses Hotelzimmer konkret aus?

Bei der Materialauswahl achteten wir auf verantwortungsbewusste Herstellungsverfahren und Umweltverträglichkeit. Das nachwachsende Hotelzimmer integriert beispielsweise eine Duschtechnologie der NASA, welche 90 Prozent Wasser und 80 Prozent Energie einspart. Holzschonende Decken aus Stroh verzichten auf formaldehydhaltigen Kleber. Unsere zu 100 Prozent wieder verwertbaren Teppichfliesen aus Fischernetzen sind langlebig und schalldämmend. Weil seine Herstellung viel Energie fordert, haben wir Metall durch Holz ersetzt. Schrauben werden reduziert oder von Steckverbindungen und umweltschonendem Kleber abgelöst. Wer im klimapositiven Hotel übernachtet, produziert jedoch ohnehin 58,6 Prozent weniger CO2 als anderswo.

Das nachwachsende Hotelzimmer sollte so außergewöhnlich sein, dass es für seinen Entwickler Ben Förtsch eine große Herausforderung wird. (Bild: Creativhotel Luise)

Wie lassen sich Nachhaltigkeit und Ästhetik im Interior Design mit einer wirtschaftlichen Budgetierung des Innenausbaus vereinbaren?

Indem man es ganzheitlich betrachtet. Das Design ist auch Marketing, die Naturstoffe auch ein Wohlfühlfaktor. Wenn das Naturbett so bequem ist, dass sich die Gäste auf den nächsten Aufenthalt freuen, dann darf es auch etwas teurer sein. Eine wirtschaftliche Budgetierung vernachlässigt so viele weiche Faktoren, die wir mit einbeziehen. Nicht umsonst legen wir einen hohen Wert auf Umweltpsychologie. Letztlich sind zwar einige Materialien teurer, aber vieles kann durch ein intelligentes Design kompensiert werden.

Erhält, was er erhalten kann: Den Mittelbau aus 1975 hat Ben Förtsch auf KfW 45 saniert. (Bild: Creativhotel Luise)

Ist ein ganzheitlich nachhaltiges Hotel bei Hotelneubauten leichter umsetzbar als bei der Konvertierung von Bestandsbauten?

Das ist eine Frage der eigenen Philosophie. Ich bin der Meinung, dass ein Altbau meistens ganzheitlicher nachhaltig sein kann als ein Neubau. Warum? Weil die Substanz bereits besteht. Natürlich kann ein Neubau bessere Werte erreichen und energieeffizienter betrieben werden. Aber kaum eine Analyse oder Zertifizierung berücksichtigt die enorme energetische Belastung der Herstellung eines Gebäudes, sondern oft nur das Endergebnis. Wir haben nun versucht, unseren Mittelbau aus 1975 auf KfW 45 zu sanieren – versucht deswegen, weil die finalen Werte noch ausstehen (Anmerkung der Redaktion: Die KfW-Werte definieren die unterschiedlichen KfW-Effizienzhaus-Standards). Da mag so mancher den Kopf schütteln – warum nicht gleich neu? Salopp gesagt: „Old but gold“. Was wir erhalten können, versuchen wir zu erhalten. Egal ob die Natur, Jobs oder das Gebäude.

Sind die Ansätze aus dem Creativhotel Luise multiplizierbar? Wenn ja, in welcher Form?

Unsere Konzepte sind kein Geheimnis, wir teilen unsere Ideen und möchten sie am liebsten flächendeckend multiplizieren. Ich möchte mit meinem Unternehmen ein fester Bestandteil der nachhaltigen Hotellerie und einer umweltverträglicheren Zukunft sein. Dabei möchten wir mit dem Creativhotel als Leuchtturm anderen helfen, soziale, ökologische und wirtschaftliche Nachhaltigkeit in Einklang zu bringen. Es wäre mir deshalb eine Freude, Marktbegleitern unseren Weg zu zeigen und sie auf diesem mitzunehmen. Wie so etwas konkret aussähe, kommt sicherlich ganz auf den jeweiligen Betrieb an. Seien es Strategie-Workshops, eine Ist-Analyse oder einfach nur eine Auflistung der von uns verwendeten Produkte – mein Team und ich stehen hierfür gern zur Verfügung.

Nachhaltigkeit bedeutet für viele Verbraucher oder Gäste noch immer Verzicht auf der einen oder Mehrkosten auf der anderen Seite. Trifft eines davon auf Ihr Angebot im Creativhotel zu? 

Nein, denn Nachhaltigkeit bedeutet auch Qualität. Unsere Preise sind wettbewerbsfähig und statt Mehrkosten bieten wir Mehrwert. Verzicht ist für uns ein No-Go in Sachen Nachhaltigkeit. Klar, es ist eine Umstellung, aber bitte ohne auf die Freuden des Lebens zu verzichten! Der große Vorteil bei uns: Wir sind nicht auf Gewinnmaximierung aus, sondern auf Glücksmaximierung. Denn: Glücklichere Menschen, mehr Leistung, mehr Wert. Während meines Studiums habe ich in einem Kurs das Thema Glücksökonomie präsentiert. Das klingt zwar seltsam, findet aber schon reale Anwendung. Und wir kennen es alle: Der schöne Stadtpark um die Ecke, die Atmosphäre in einer Altstadt – all das kann von vielen Menschen nicht mit einem konkreten Wert beziffert werden und doch: Es macht all das um uns herum aus und nimmt Einfluss auf unser Glücksempfinden.

Um auch unsere Gäste aktiv in unser Tun mit einzubinden, nehmen wir diese einerseits mit in die Verantwortung, teilen andererseits aber auch den Erfolg mit ihnen. Das gelingt uns insbesondere über unsere Kommunikation, welche wir stark an der Wirtschafts- und Umweltpsychologie ausrichten. Die Unterschiede unserer Kommunikation zu der “herkömmlichen” Kommunikation in der Hotellerie sind zwar subtil, haben aber doch Wirkung. Konkretes Beispiel: Statt “das Hotel spart 80 Prozent Müll ein” schreiben wir: “Mit Ihrer Unterstützung sparen wir gemeinsam 80 Prozent Müll ein, vielen Dank!” Ein anderes Beispiel sind unsere Schilder, die zur Weiterverwendung der Handtücher einladen und dies ein klein wenig anders tun als viele Marktbegleiter.

Die Gästekommunikation im Creativhotel Luise basiert auf Grundlagen aus Wirtschafts- und Umweltpsychologie. (Bild: Creativhotel Luise)

Was wünschen Sie sich von Kollegen und Marktbegleitern, um als gesamte Branche dem Ziel eines nachhaltigen Wirtschaftens näher zu kommen?

Aufzuwachen. Wir alle haben so viel um die Ohren, sorgen uns um die morgige Bestellung oder die Auslastung in den kommenden Wochen. Alles berechtigt und manchmal auch angsteinflößend. Doch das heißt nicht, dass man aufhören sollte sich weiterzuentwickeln oder sich neuen Herausforderungen zu stellen. Oft habe ich gemerkt, dass eine (weitere) neue Aufgabe schnell mal ein paar alte Probleme in Luft auflöst. Doch wir alle verharren oftmals in unserer Komfortzone und fühlen uns in unserer eigenen Blase zu wohl. Und dann kommt Corona oder eine Umweltkatastrophe und werfen uns urplötzlich aus der Bahn, weil wir in unserer Blase leben beziehungsweise lebten. Erst wenn wir es schaffen, der Versuchung zu widerstehen, erneut in die eigene Blase abzutauchen, können wir gemeinsam ein Denkmal für nachhaltige Hotellerie setzen.

Interview: Laura Schmidt

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