Mit seiner natürlichen Exposition liegt das niedersächsische Baumhaushotel Otterndorf nicht nur voll im Zeitgeist, es überzeugt auch mit durchdachter (Zukunfts-)Planung. Das Konzept hat in der Coronakrise per se einen entscheidenden Vorteil.
Amsel, Blaumeise, Buntspecht, Zaunkönig, Rotkehlchen: Fünf Baumhäuser im Nordseebad Otterndorf, die alle auf die Namen verschiedener Vogelarten getauft wurden, sind seit November 2019 bezugsfertig. „Wir möchten aus dem Praxisbetrieb heraus dazulernen“, erklären die Betreiberinnen Katrin Buck und Elke Freimuth. Denn die vorgesehenen weiteren zehn Domizile sollen erst innerhalb der nächsten drei Jahre realisiert werden. Die Fundamente sind jedoch bereits gesetzt. Der Hintergrund: So werden die Gäste nicht unnötig durch Baustellenlärm und -schmutz in ihrer Erholung gestört, wenn es so weit ist.
Das ortsansässige Unternehmen Witte Stahl- und Betonbau wird die Stahlstelzen dann zunächst, wie auch bei den fertiggestellten fünf Baumhäusern, in seinem Betrieb vorbereiten, Holzbau Simon aus Bülkau – ebenfalls ein bewusst regional ausgewählter Partner – wird die Häuser so weit wie möglich in seiner Halle vorproduzieren. Die Anlieferung soll per Autokran über die Feuerwehrzufahrt erfolgen, ohne den parkähnlich angelegten Garten in Mitleidenschaft zu ziehen. Die Häuser werden einfach eingeklinkt, „innerhalb von einem Tag ist auch das Dach geschlossen“, sagt Wolfgang Simon, Geschäftsführer von Holzbau Simon.
Gelegenheit genutzt
Dass Katrin Buck und Elke Freimuth heute Baumhäuser betreiben, war vor ein paar Jahren noch nicht abzusehen. Sie führten lange das Berliner Unternehmen Eat-the-World, das kulinarische Spaziergänge in verschiedensten deutschen Stadtvierteln vermittelt, bevor sie es an den Verlag Gruner und Jahr verkauften. Privat, ohne berufliche Hintergedanken, hatten sie schon länger mit großem Interesse die TV-Serie „Die Baumhaus-Profis“ geschaut. Dann erfuhren sie, dass der Investor eines Baumhaushotels in ihrer Heimat abgesprungen war, in die sie gerade zurückkehren wollten. So kamen sie mit der Gemeinde Otterndorf, der das ehemalige 1,4 Hektar große Bauernhof-Gelände inzwischen gehörte, ins Geschäft. „Dadurch, dass wir auf den Arbeiten des früheren Investors aufsetzen konnten, haben wir uns zweieinhalb Jahre Bebauungsplanung erspart“, so Elke Freimuth.
Auch das Baumhaushotel war von den Einschränkungen durch die Coronakrise betroffen. Für das Start-up eine harte Zeit – über Ostern und das lange Wochenende vom 1. Mai wären die Baumhäuser ausgebucht gewesen. So aber sank die Auslastung von 100 Prozent auf 0. Für einen Gutschein statt für eine Auszahlung entschieden sich mehr als 30 Prozent der Gäste. Katrin Buck und Elke Freimuth boten ihre Baumhäuser frühzeitig als Homeoffice-Alternative an, was immerhin zur Deckung der Grundkosten führte. Auch die staatliche Soforthilfe nahmen sie in Anspruch. „So sind wir bestmöglich durch diese Zeit gekommen.“
Der Neustart lief gut an, auch wenn die noch bestehenden Regelungen das Geschäft weiterhin hemmen. „Die Nachfrage liegt aktuell über unseren Kapazitäten. Während vor Corona durchschnittlich für zwei bis vier Tage gebucht wurde, sind es nun ein bis zwei Wochen. Die Sehnsucht nach Urlaub und das Sicherheitsgefühl in unserem Baumhaushotel sind hoch. Mit unseren autarken, zwölf Meter voneinander entfernten Apartments ist entspanntes Social Distancing möglich.“
Von Stefanie Hütz