Area 24/7 in KarlsruheErstes Kapselhotel in Deutschland eröffnet

Die Schlafkapseln des Area 24/7 sind mit Maßen von 130 × 130 × 210 Zentimetern 1,4-mal größer als ihre asiatischen Vorbilder. (Bild: Claudiu Mizileanu)

40 Jahre nach der Erfindung des Kapselhotels in Japan hat am Rhein Deutschlands erstes Haus nach diesem Vorbild eröffnet. Die Betreiber blicken zufrieden auf die ersten Monate im Betrieb und starten bereits in die groß gedachte Expansion.

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Die Lage könnte kaum zentraler sein: Karlsruhe Kaiserstraße, einen Steinwurf vom Europaplatz entfernt. Und doch müssen die Besucher – noch – eingeweiht sein, dass sich hier, hinter einer in die Jahre gekommenen, plakatierten Glasschiebetür seit dem vergangenen Sommer Deutschlands erstes Schlafkapselhotel befindet.

Über eine Klingel beziehungsweise einen Zugangscode gelangen die Gäste in das Treppenhaus des Area 24/7 Europaplatz, laufen ins oberste Stockwerk und erreichen schließlich hinter einer Brandschutztür einen lichtdurchfluteten, großen Raum mit hoher Decke. Drei verschieden große Holzkuben beinhalten dort mehrere weiße Kapseln auf zwei Etagen. Manche Kapseln sind durch eine Schiebetür verschlossen, manche geben den Blick frei auf ein weiß bezogenes Bett, eingetaucht in blauviolettes Licht. Insgesamt 16 Kapseln befinden sich in dem hallenartigen Raum, alle ausgestattet mit einem Bett und einer hochwertigen Matratze für eine Person. Hinzu kommen in der Kapsel ein beleuchteter Spiegel, der auch als HD-Androidfernseher mit Streamingdiensten und Apps genutzt werden kann, WLAN, ein Safe, eine eigene Klimaanlage, Kopfhörer sowie zahlreiche Licht- und Soundfunktionen.

In 16 Kapseln können Gäste im ersten Area 24/7 übernachten.

Wirken die Kapseln für sich sehr futuristisch, so verschmelzen sie mit den Holztischen, Stühlen und der Gemeinschaftsküche auf der Galerie zum modernen Co-Living-Konzept. „In der Küche wird tatsächlich viel gekocht. Jeder Gast hat hier sein eigenes Fach“, erläutert Elena Rozhkova, Head of Internal Marketing and Communications. „Es gibt einen Kaffeevollautomaten mit jederzeit kostenfreiem Kaffee. Und in den Sitzbereichen kann und darf auch gearbeitet werden.“

In der Gemeinschaftsküche können sich die Gäste austauschen und zusammen kochen.

Auf der anderen Galerieseite befinden sich 16 wiederverschließbare Gäste-Spinde. In der Nähe der Kapseln ist der Waschraum mit drei Duschen und Toiletten untergebracht, auch eine Waschmaschine steht zur Verfügung.

Mehr Rückzug als im Hostel

„Wir befinden uns noch in der Entwicklung, probieren derzeit viel aus. Aber schon jetzt zeigt sich, dass unsere Kapseln sehr viel komfortabler sind als das Schlafangebot in Hostels“, ist Elena Rozhkova überzeugt. Neben der Ausstattung begründet sie das vor allem mit der Möglichkeit, die Kapseln als verschließbaren Rückzugsort nutzen zu können. Die Gäste könnten jederzeit per Pin das Haus betreten und am Counter selbst ein- und auschecken. Ein Mitarbeiter, der tagsüber vor Ort ist, erkläre das Haus und die Kapseln. „Die Funktionsweise wird meist sehr schnell verstanden, sodass sich viele weitere Fragen eher um touristische Angebote drehen“, sagt Elena Rozhkova. Nachts sei stets ein männlicher Host vor Ort, der für ein entsprechendes Sicherheitsgefühl sorgen soll.

Auf kleinstem Raum finden die Gäste unterschiedliche Möglichkeiten der Stromversorgung.

Die Raten starten derzeit bei 45 Euro pro Person für eine Nacht. Die meisten der seit Juni angereisten Gäste – viele junge Reisende bis 35 Jahre, Gruppen, die das ganze Haus buchen, aber auch wiederkehrende Geschäftsreisende und manche Ältere, die aus Neugierde einchecken – blieben ein bis zwei Nächte. Im Visier seien aber auch Berufstätige, die Zeitunterkünfte benötigen, sowie Studierende, die in Karlsruhe auf Wohnungssuche sind. Die Gästeklientel sei bereits sehr international: Etwa 70 Prozent stammten aus Deutschland, der Schweiz und dem nahegelegen Benelux-Raum, der Rest aus aller Welt.

Europäische Größenverhältnisse

Die Zeit scheint in Deutschland reif für das „Kapselschlafen“ mit Gemeinschaftsanschluss, auch wenn das Konzept schon vor 40 Jahren im japanischen Osaka seine Premiere feierte. Die Stadt Karlsruhe habe das Area-24/7-Team mit offenen Armen empfangen, weil es für noch mehr Abwechslung auf dem hiesigen Übernachtungsmarkt sorge. Zahlreiche Architekturstudenten hätten sich mittlerweile das Konzept angesehen, auch die Presse sei sehr interessiert.

Taimuraz Chanansvi, der Kopf von Area 24/7, hatte bei seinen Geschäftsreisen in Asien immer wieder das Konzept genutzt. Im baden-württembergischen Heidenheim gründete der Israeli vor ein paar Jahren die Space Development Group und die Space Hotels Gesellschaft, um die Schlafkapseln in Zusammenarbeit mit einem chinesischen Hersteller für den europäischen Markt zu entwickeln, zu verkaufen beziehungsweise selbst in passenden Bestandsgebäuden zu implementieren und zu betreiben. Die „deutschen“ Kapseln messen 130 × 130 × 210 Zentimeter und sind damit 1,4-mal größer als die asiatischen Modelle.

Die Kapseln bestehen aus ABS, einem thermoplastischen Polymer ohne wahren Schmelzpunkt, der auch für die Seitenverkleidung von Flugzeugen verwendet wird. Das Material soll leicht recycelbar sein. Wie Bienenwaben angeordnet, verfügen die Kapseln über ein mehrschichtiges Isolationskonzept, wobei sie nicht miteinander verbunden sind und durch die Rollen gut an andere Stellen bewegt werden können. „Das aufwendig entwickelte Klima- und Isolationskonzept soll sicherstellen, dass kein Lärm eindringt, und in jeder Kapsel die eigene Klimaanlage bestmöglich funktioniert“, so Elena Rozhkova. „Für ausreichenden Brandschutz soll unter anderem die maximale Temperaturveränderungsoption von vier Grad auf höchstens 30 Grad sorgen, sodass es nicht zu Überhitzung kommen kann. Zusätzlich gibt es einen Feuerlöscher und Notfall-Öffnungsfunktionen der Kapsel.“ Der Dehoga Baden-Württemberg stand bei der Entwicklung der Sicherheitsstandards intensiv beratend zur Seite.

Eine mehrschichtige Isolation soll für Ruhe in den einzelnen Kapseln sorgen.

Mehr als Hotels

So sehr man sich noch in der Phase des Entwickelns und Auslotens der Angebote und Möglichkeiten sieht – bis 2025 sind rund 20 Hotels und Apartmenthäuser geplant. „Wir wollen nach Berlin, Hamburg, München, Köln, Frankfurt und Leipzig expandieren“, sagte Taimuraz Chanansvi anlässlich der Eröffnung im Sommer. Parallel zu den eigenen Expansionsplänen mit Area 24/7 arbeite das Unternehmen mit anderen Hotelmarken und Immobilienbesitzern zusammen, indem es seine Kapsel-Installationsservices für bestehende Objekte anbiete. „Auf diese Weise ist die Rendite ihrer Investitionen schneller“, so Taimuraz Chanansvi.

Gerade startet ein zweites Area-24/7-Smart-Hotel in Karlsruhe, nur wenige Meter vom ersten entfernt. Mit einem eigenen Eingang, einer kleinen, rund um die Uhr geöffneten Erdgeschoss-Lobby und 32 Schlafkapseln im Obergeschoss. Diesmal in zwei Räumen, die durch eine Gemeinschaftsküche miteinander verbunden sind. „Wir werden hier die Kapseln räumlich für Männer und Frauen trennen und wollen testen, wie die Nachfrage nach diesem Modell ist“, sagt Elena Rozhkova.

Das dritte Area-24/7-Kapselhotel wird in Frankfurt mit 160 Schlafkapseln eröffnen, darunter auch erstmals Doppelkapseln mit 200 Zentimetern Breite. „Die Doppelkapseln sind das Ergebnis der großen Gästenachfrage, die wir so nicht erwartet hatten. Kapseln für mehr als eine Person sind im asiatischen Raum nicht üblich“, sagt Elena Rozhkova. Auf die Frage, ob das Unternehmen ausschließlich in Hotels und Apartments denke, antwortet die Marketing- und Kommunikationschefin: „Nein. Wir haben auch Bahnhöfe, Flughäfen und Büros im Blick. Gespräche laufen bereits.“ Sylvie Konzack

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