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StartPeople & BrandsBrandsAccor-CEO Sébastien Bazin im Interview::Auf Kurs mit Lifestyle und Workspitality

Accor-CEO Sébastien Bazin im InterviewAuf Kurs mit Lifestyle und Workspitality

Accor-Chairman und CEO Sébastien Bazin spricht über seine Sorgen und Erfahrungen während der ­Covid-19-Pandemie, warum die Mitarbeitenden das Herzstück der Branche sind und wie die strategischen Pläne des Unternehmens für die Zukunft lauten.

Tophotel: Herr Bazin, Sie sind seit 2013 Chairman und CEO von Accor. Was war in dieser Zeit Ihre schwierigste Entscheidung?

Sébastien Bazin: Die schwierigste Entscheidung habe ich in Bezug auf 75 Prozent unserer Teammitglieder im März 2020 treffen müssen – die wenigsten Länder außerhalb Europas bieten finanzielle Hilfe im Sinne von Kurzarbeit an. Die Priorität lag damals darin, die Gesundheit und Sicherheit unserer weltweiten Teams zu gewährleisten und ihnen bei der Bewältigung dieser Turbulenzen beizustehen. Infolgedessen wurde sofort der „ALL Heartist-Fund“ eingerichtet, um Menschen zu unterstützen, die in dieser kritischen Zeit Hilfe benötigten. Darüber hinaus haben Accor-Teams auf der ganzen Welt spontan zahlreiche Solidaritätsinitiativen ins Leben gerufen, um vor Ort zu helfen.

Wie viel Geld ist über den ALL Heartist Fund bereits ausgegeben worden?

Bis zum Sommer dieses Jahres hat der Fonds mit 30 Millionen Euro zur Finanzierung von mehr als 90.000 Anträgen beigetragen. Die Menschen stehen im Mittelpunkt unserer Gruppe, und dieser Fonds wird die Mitarbeiter langfristig unterstützen.

Vor der Pandemie war Accor dabei, sich zum führenden Konzern im Bereich der Augmented Hospitality (erweiterte Gastlichkeit) zu entwickeln. Wie haben Sie diese Strategie in letzter Zeit angepasst?

Diese Transformation hat Accor zu einem ganzheitlichen Ökosystem von Marken werden lassen, das die Bereiche Live, Work und Play abdeckt. Die Pandemie hat lediglich gezeigt, dass unsere Augmented-Hospitality-Vision bereits vor der Covid-19-Pandemie mit bestehenden Trends einherging. Heute setzt Accor daher umso stärker auf diese Strategie. Neben den Unterkünften sind unsere neuen Dienstleistungen und Erlebnisse, die sich an Einheimische richten, der beste Weg, um die Bedürfnisse der Kunden zu erfüllen und die Performance weiter zu steigern. Dazu zählen auch die Themen Workspitality (Anm. der Redaktion: Arbeiten im Hotel oder Co-Working-Space anstatt im Homeoffice), Food & Beverage, Lifestyle und Wellbeing. Wir haben mit „ALL (Accor Live Limitless)“ auch das weltweit attraktivste Lifestyle-Treueprogramm.

„Die Kunden suchen nach mehr Authentizität und Sinnhaftigkeit.“

Welche Megatrends werden in den nächsten fünf Jahren den größten Einfluss auf die Hotellerie haben?

Die Kunden suchen nach ausgefalleneren Erlebnissen sowie nach mehr Authentizität und Sinnhaftigkeit, insbesondere durch lokale Erlebnisse. Insgesamt gibt es einen umfassenden Trend hin zu mehr Erfüllung, gesundem Leben und Wellness. Deshalb beschleunigen wir die Entwicklung unseres Lifestyle-Segments. Und wir haben Workspitality-Lösungen wie „Wojo“, „Hotel Office“, flexible B2B-Büro-Lösungen und „ALL Connect“ für hybride Meetings verstärkt. Dies steht im Einklang mit der Entwicklung der heutigen Arbeitsmuster. Außerdem sehen wir die wachsende Bedeutung von nachhaltigem Reisen. Die Menschen suchen nach einer verantwortungsbewussten Art des Reisens, bei der sie ihren CO2-Fußabdruck reduzieren.

Accor engagiert sich bereits jetzt stark für eine nachhaltige Wertschöpfung, und wir möchten unserer Verantwortung als wirtschaftlicher und sozialer Faktor nachkommen. Vor kurzem haben wir Brune Poirson zur Chief Sustainability Officer ernannt – sie hat zuvor als französische Staatssekretärin Umweltthemen betreut. Sie wird dazu beitragen, unser Engagement für den Umweltschutz und für die Unterstützung unserer lokalen Gemeinschaften zu stärken.

Bisher waren die Hotelmarken bei Accor in die Segmente Economy, Mid-Range, Premium und Luxus unterteilt. Mit der Übernahme von Ennismore wird Accor eine Kategorien-übergreifende Einheit für Lifestyle-Marken schaffen. Was ist der Hintergrund dafür?

Lifestyle ist einer der am schnellsten wachsenden Bereiche innerhalb unserer Branche, und wir sind überzeugt davon, dass dieser Trend anhält. Mit dem Abschluss der Gründung von Ennismore bauen wir das weltweit führende Portfolio von Lifestyle-Marken auf. Diese Marken haben eine starke DNA mit außergewöhnlichem Design, vielseitigem F&B-Angebot, Entertainment und ungezwungenem Service. Ennismore wird über ein eigenes Designstudio und ein einzigartiges F&B- und Unterhaltungsangebot verfügen. Hier bündeln wir die Lifestyle-Kompetenz innerhalb der Gruppe.

„Extended Stay Hotels profitie­ren von den Trends nach der Covid­-19-Pandemie.“

Wie beurteilen Sie die Entwicklung des Segments Serviced Apartments/Residenzen?

Extended Stay Hotels profitieren von den Trends nach der Covid-19-Pandemie: dem Bedarf an gemischt genutzten Immobilien, die den wachsenden Anforderungen sowohl im Business- als auch im Freizeitbereich entsprechen. Viele Arbeitnehmer werden weiterhin remote arbeiten wollen und sind daher auf der Suche nach einer Unterbringung, in der sie sowohl übernachten als auch arbeiten können.

Wie viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hat Accor trotz aller Bemühungen während der Pandemie verloren? Und welche Strategie verfolgen Sie, um so viele Mitarbeitende wie möglich wieder an Bord zu holen?

Wir schätzen, dass 25 Prozent der Hotelmitarbeiter nicht zurückkehren werden, nachdem sie während der Pandemie andere Branchen entdeckt haben. Bei Accor lag die Fluktuation im Jahr 2020 bei etwa 20 Prozent. Trotz der Herausforderungen verfügt unsere Branche über viele wichtige Aspekte, um Mitarbeiter anzuziehen und zu halten. Wir müssen zeigen, dass wir eine Branche sind, die den Menschen ein angenehmes Umfeld bieten kann, dank einer größeren Flexibilität bei der Zeitplanung, um familiären Bedürfnissen gerecht zu werden, und dank einer Bandbreite an Möglichkeiten zur beruflichen Weiterentwicklung.

Eine unserer Stärken ist das interne Schulungs- und Weiterbildungsprogramm: Unser internationales Netzwerk aus acht regionalen Akademien bietet allen Accor-Mitarbeitern Zugang zu vielfältigen Trainingsmöglichkeiten. Im Rahmen dieser Initiative stehen über 900 zertifizierte Ausbilder und 250 Schulungsmodule zur Verfügung, die 93 Prozent unserer Belegschaft erreichen.

Sie haben stets bekräftigt, wie wichtig gute und emphatische Mitarbeiter für die Branche sind, und dass die Gäste in Ihren Hotels immer Menschen und keine Roboter vorfinden werden, die sich um sie kümmern. Hat sich durch die Pandemie etwas an dieser Aussage geändert?

Die Coronapandemie hat die Ausbreitung und die Weiterentwicklung kontaktloser Technologie beschleunigt. Dennoch glaube ich fest daran, dass menschliche Interaktionen und Erfahrungen immer das sind, was zählt, und nicht durch technologische Lösungen ersetzt werden können. Andere willkommen zu heißen ist das Herzstück unserer Arbeit. Die richtige Technologie kann uns allerdings dabei helfen, mehr Zeit für die Gäste zur Verfügung zu haben und ihnen einen individuellen Aufenthalt zu ermöglichen.

Wird Accor in Zukunft eher durch eigene Entwicklungen oder durch den Erwerb von Marken wachsen?

Trotz der Krise bleibt unsere Hotelentwicklung stabil. Wir haben mehr als 1.200 Hotels und 211.600 Zimmer in Planung. Wir sind offen für alle Wachstumsmöglichkeiten.


Zur Person:

Sébastien Bazin (59) ist seit 2013 Chairman und CEO von Accor. Nach fünf Jahren in verschiedenen Finanzpositionen in New York, San Francisco und London wurde Bazin 1990 zum CEO der Investmentbank Hottinguer Rivaud Finances und 1992 zum CEO des französischen Hotelentwicklers L‘Immobilière Hôtelière ernannt. 1997 ging er zur Immobilien-Investmentgesellschaft Colony Capital. 2005 trat Bazin über Colony Capital in den Aufsichtsrat von Accor ein und wechselte später in den Accor-Vorstand. Accor zählt derzeit mehr als 40 Hotelmarken und 30 Marken im Bereich Longstay mit insgesamt 5.200 Hotels in 110 Ländern.


Accor-Facts:

  • Accor hat das in 2020 vereinbarte Joint Venture mit Ennismore mittlerweile besiegelt. Accor hält nun 66,67 Prozent, Gründer Sharan Pasricha 33,33 Prozent an dem Unternehmen. Ennismore zählt aktuell 14 internationale Hotel- und Co-Working-Marken sowie über 150 Restaurants und Bars. Hotelmarken sind: 21C Museum Hotels, 25hours, Delano, Gleneagles, Hyde, Jo&Joe, Mama Shelter, Mondrian, Morgans Originals, SLS, SO/, The Hoxton und Tribe. 87 Hotels sind in Betrieb, 141 in der Pipeline. CEOs von Ennismore sind Sharan Pasricha und Gaurav Bhushan.
  • Die Ennismore-Tochter 25hours testet die Einführung der Viertagewoche ab November 2021 in den beiden Hamburger Hotels. Die Wochenarbeitszeit wird bei diesem Pilotprojekt auf vier Arbeitstage verteilt. Erfolgt der Testbetrieb erfolgreich, soll ab Januar 2022 in allen 25hours Hotels eine Viertage-Arbeitswoche möglich sein.
  • Der ALL Heartist Fund hat nach Medienberichten ein Volumen von insgesamt 70 Millionen Euro. Die Accor-Aktionäre hatten dafür auf 25 Prozent der geplanten Dividende verzichtet.
  • Auf dem IHIF in Berlin äußerte Sébastien Bazin seine Prognose, dass 70 Prozent der Menschen remote in Zukunft nicht in den eigenen vier Wänden arbeiten wollten und nach Alternativen suchten.

Interview: Susanne Stauß

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