GM Hatari-Lodge Marlies und Jörg Gabriel, Tansania Die Unbeugsamen

Die Lodge Hatari war nicht nur Drehort des weltberühmten Hollywood-Klassikers und Wohnhaus von Hardy Krüger – sie ist viel mehr. Heute ist sie Lebensinhalt von Marlies und Jörg Gabriel, einem jungen Ehepaar, das sein Leben der Lodge und dem afrikanischen Kontinent gewidmet hat.

Die gewohnten Zeitbegriffe gelten hier nicht mehr. In Afrika scheint die Zeit sich in die Unendlichkeit zu dehnen, gleich der Landschaft, die sich vor einem ausstreckt. Alles wird beherrscht vom Kilimandscharo, dessen überwältigende Schönheit in Worte nur schwer zu kleiden ist. An dessen Fuße liegt ein magischer Ort, ein Platz der Legenden: die Hatari-Lodge in Tansania. Vor mehr als 50 Jahren wurde hier der Hollywood- Klassiker »Hatari« mit John Wayne, Hardy Krüger und Elsa Martinelli gedreht. Bis heute gilt dieser Blockbuster als einer jener Filme von zeitloser Gültigkeit, ein Safari-Kracher mit Wildtierfänger-Romantik, in dem noch Kette geraucht, die Kehlen ständig mit Whiskey geölt und alle Stuntszenen real ­umgesetzt wurden. Computer-Animation? Nicht hier! In »Hatari« sind die Angriffe der Nashörner auf Jeep und Schauspieler noch ebenso donnernde Wirklichkeit wie die Szenen, in denen Giraffen und Zebras im freien Lauf mit dem Lasso eingefangen werden und die Zigarette danach die gemeinsame Runde machte. Heute hätten Schauspieler, Regisseur und Produzent mit solchen Szenen wohl sofort eine Handvoll Tierschutz- und Gesundheitsapostel am Hals.

Der Film hatte großen Erfolg im Kino und darf als Initialzündung für den Safari-Tourismus angesehen werden. Für einen der Hauptdarsteller, den blonden Hardy Krüger aus Deutschland, bedeutete der Film zugleich einen neuen Lebensabschnitt. Nachdem der Streifen abgedreht war, kauften er und sein schwergewichtiger britischer Partner Jim Mallory die Lodge, um dort eine Art Hotel aufzubauen. Das Ziel: Europäische Safari-Gäste und Devisenbringer sollten nach Tansania gelockt werden. Noch heute erinnert sich der 85-jährige Schauspieler, Weltenbummler und Schriftsteller genau an sein erstes Trinkgeld in der Lodge. Bekommen hat er es von einem deutschen Ehepaar aus Frankfurt, dessen ständige Nörgeleien dem gesamten Personal schon seit dem Check-in gehörig auf die Nerven gingen. Bis sie an Hardy Krüger gerieten, der sie mit dem Jeep zum Fotografieren in die Nähe einer Elefantenherde brachte. »Ist das alles? Da sehen wir ja die Elefanten im Frankfurter Zoo besser«, war der mürrische Kommentar von den Rücksitzen. Krüger drückte das Gaspedal durch, beschleunigte und fuhr den Wagen mitten in die Elefanten-Gruppe hinein. Wütendes Trompeten, drohend erhobene Rüssel und aufgestellte Ohren waren das Resultat. Auf der Rückbank saßen jetzt zwei verängstigte Gäste, die nur noch eines wollten: zurück zur Lodge. Dort angekommen hatten die beiden zumindest im Ansatz die Fassung wieder gewonnen und die Frau drückte Krüger ein Fünf-Markstück in die Hand mit den Worten: »Das war ein sehr interessanter Vormittag, junger Mann.«

Im Jahr 1974 zog sich Krüger aus Afrika zurück und die Lodge stand lange Zeit unter sozialistischer Regierungsverwaltung. 1985 musste das Regime allerdings auf Druck der Weltbank abdanken und der Weg in die freie Marktwirtschaft wurde geöffnet. Trotzdem führte die Lodge weiterhin ein Dornröschen-Dasein – bis sich schließlich im Jahr 2004 das deutsche Ehepaar Marlies und Jörg Gabriel in das Anwesen verliebte, die ehemaligen privaten Wohnhäuser von Hardy Krüger und Jim Mallory pachtete und begann, diese nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Beide konnten zu dem Zeitpunkt schon auf ein bewegtes Leben in Afrika zurückblicken: Marlies Gabriel hatte bereits Erfahrung als verantwortliche Camp-Managerin in zahlreichen renommierten Lodges in Namibia und Botswana gesammelt, während ihr Mann als erfahrener Safari-Guide fast überall auf dem Kontinent tätig war und zudem einen mehr als 1000 Seiten umfassenden Reiseführer über Tansania* geschrieben hat. Die Ehepartner könnten vom Typ und vom Wesen her nicht unterschiedlicher sein – das ist wohl auch der Grund, weshalb sie sich privat und im täglichen Betriebsalltag in der Lodge so perfekt ergänzen.

Marlies Gabriel gleicht einem deutsch-namibischen Derwisch, schier berstend vor täglichem Tatendrang und durch die Lodge wirbelnd, Personal anweisend, organisierend, gleichzeitig telefonierend und Nachrichten simsend. Als schlaksiger, in sich ruhender Gegenpol kümmert sich Jörg Gabriel um die Abwicklung der täglichen Safaris und die Suche nach neuen Routen, Erlebnissen und Abenteuern für die Gäste. Eine Besonderheit der Lodge sind die Zimmer, die allesamt nach Ideen von Marlies Gabriel gestaltet wurden und den Retro-Look der 50er und 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts mit Elementen ostafrikanischer Kunst und Farben vermischen. »Jedes Möbelstück, jedes Accessoire, jedes Textil wurde von mir persönlich entworfen und alles in Handarbeit umgesetzt. Ich habe mich dabei auch von den vielfältigen Farben der hiesigen Landschaft inspirieren lassen«, erläutert die Deutsch-Namibierin mit Stolz. Es mag sicherlich Lodges mit mehr Luxus in Afrika geben, aber sicher nur wenige mit mehr Atmosphäre – nicht nur der Zimmer und der Ausstattung wegen. Jeden Morgen, jeden Abend, jede Nacht beeindrucken die Harmonie, die Gelassenheit und der Einklang mit der Natur, die der Gast hier erfahren kann. Hinzu kommen der morgendliche Blick zum nahegelegenen Mount Meru, dessen Gipfel meist in weiße Wolkendecken gehüllt ist, der erste Kaffee, das erste Croissant, die Frage des Kellners »Good morning, isn't it magic, Bwana?«. Hmmm, weiß noch nicht so recht, der Tag ist jung. Und was heißt schon »magic«?

Gerade schleicht sich eine sandfarbene Meerkatze hinter einem der Sonnenschirme zu einem der Tische, auf dem ein Brotkörbchen steht, bedient sich in aller Ruhe und flüchtet vor dem Kellner, der schnell, aber zu spät, naht, auf das Dach. Dort sitzt das haarige Kerlchen und genießt in aller Ruhe das Diebesgut. Das ist Alltag, ebenso wie der Ausblick auf die Ungetüme von Büffeln, die in aller Seelenruhe vor der Lodge grasen.

 

* Tansania, Sansibar, Kilimanjaro; Verlag: Reise Know-How; ISBN: 978-3-8317-1974-7; www.reise-know-how.de

Jörg und Marlies Gabriel haben die Philosophie von »Teamwork« auf Hatari zum täglichen Arbeitsprinzip erhoben, sehen sich beide als »Teil eines großen Ganzen«, wie Jörg betont. »Wir haben uns dafür entschieden, den Gästebetrieb durch ein strukturiertes Management-Team unter unserer Leitung zu führen«, erläutert der 43-jährige Hesse, dessen buddhistisch-gelassener Führungsstil unverkennbar ist. So wurde das Hatari-Team in die Abteilungen Management, Lounge, Küche, Housekeeping, Wäscherei, Fuhrpark, Safariguides, Fahrer, Garten, Security und Werkstatt aufgeteilt. Jede dieser Abteilungen ist nach dem gleichen Prinzip aufgebaut: Immer alle in einer Gruppe, an dessen oberster Stelle ein verantwortlicher Abteilungsleiter (»Head of Department«) steht. Dieser sorgt als Bindeglied zwischen Management und den Mitarbeitern dafür, dass Belange der Angestellten weiter gegeben werden und der »Gästebetrieb mit geringstem Sand im Betrieb funktioniert«. Fast das gesamte Personal stammt aus dem nahegelegenen Dorf Momella oder aus der näheren Umgebung. »Es ist nicht einfach, auf diesem Kontinent gutes Personal zu bekommen. Wir haben so gut wie alle unsere Mitarbeiter selbst ausgebildet. Mehr als die Hälfte unserer 60 Mitarbeiter ist von Anfang an dabei, also seit fast zehn Jahren«, erklärt Marlies Gabriel. Doch nicht nur die Lodge ist ihr Leben und ihre Passion, die 39-Jährige setzt sich auch für die Belange der einheimischen Bevölkerung ein, beispielsweise beim Thema Wilderei. Aktiv sein, handeln und »Hilfe zur Selbsthilfe« für die Tansanier umsetzen – das liegt Marlies Gabriel am Herzen. Ihr Traum ist es, auf der halb verfallenen Momella-Lodge, gleich neben Hatari, eines Tages eine Hotelfachschule zu eröffnen, in der afrikanische Auszubildende das Handwerk von internationalen Fachkräften lernen können. »Der deutsche Entwicklungsminister war schon vor einigen Jahren vor Ort und von der Idee angetan, nur bislang hat sich da nichts Wesentliches bewegt.«

Eine wichtige Stütze im Team der Hatari-Lodge ist Chefkoch John James, der vor seinem Wechsel ein Trainee-Programm im Grand Regency Nairobi und eine erste Ausbildung in einem Strand­resort auf Sansibar absolvierte. Marlies Gabriel hatte den 34-Jährigen aus einer Vielzahl von Bewerbern ausgewählt und brachte ihm ­die kulinarischen Feinheiten einer modernen, europäischen Küche bei, kombiniert mit afrikanischen Kräutern, Gewürzen, Gemüsen und Früchten. Man versorgt sich in der Lodge größtenteils selbst mittels eines Kräuter- und Gemüsegartens, der im Zentrum der Anlage neu konzipiert und angelegt worden ist.

Vor vier Jahren kam eine zweite Lodge für die Gabriels als Standbein hinzu, rund 50 Kilometer von Hatari entfernt in der Sinya Savanne. Dort entstanden fünf luxuriöse Zelte auf einer Anhöhe, von denen aus die Gäste auf Pirschfahrten gehen oder mehr über das Leben der Massai erfahren können. Das Land, auf dem sich die Shu‘mata-Lodge befindet, haben die Gabriels für eine Dauer von 25 Jahren von den Massai gepachtet. Mitunter gibt es hier zwar Probleme mit der Volksgruppe, aber Jörg und Marlies sprechen beide fließend die ostafrikanische Verkehrssprache ­Suaheli und können ausdauernd und zäh verhandeln, was dem Ehepaar in der einheimischen Bevölkerung den Spitznamen »die Unbeugsamen« eingebracht hat. Auch auf Shu‘mata ist das Essen vorzüglich und die Weine erlesen. Und wenn Johann der Ranger am Abend bei einem »Hemingway Whisky« an einem unendlichen Sternenfirmament mit einem Laser-Pointer Sternenbilder und ferne Galaxien erklärt, dann fehlt nicht viel und man würde dem humorfreien Kölner Mathematiker nebenan jetzt auch so ein dämliches »Isn’t it magic?« zuraunen. Und wer weiß. Vielleicht hätte man sogar Recht.

 

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