Work-Life-Balance ist nicht unmöglich

Glaubt man jüngsten Studien, dann kletterte die Vereinbarkeit von Familie und Beruf im Gastgewerbe rasant auf einen der ersten Plätze.

Der Begriff Work-Life-Balance scheint in vielen Hotelbetrieben noch ein Fremdwort zu sein. Angeblich, weil die Arbeitsbedingungen der Branche Beruf und Privates naturgemäß unvereinbar machen oder zumindest schwierig gestalten. Kein Wunder, dass das Bundesfamilienministerium bei der jährlichen Suche nach den familienfreundlichsten Unternehmen unter allen Branchen in Hotellerie und Touristik keine Teilnehmer am Wettbewerb »Erfolgsfaktor Familie« findet. Vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels besteht hier jedoch, nach meiner Beobachtung, dringender Handlungsbedarf. Reto Wittwer, CEO von Kempinski, hat dazu eine eigene Meinung: »In Zukunft werden Hotels nicht mangels Gästen schließen, sondern mangels Mitarbeitern.«

Stellen Sie sich vor, Ihr Hotel könnte den Titel »Familienfreundlicher Arbeitgeber« als Wettbewerbssieger abräumen. Welch eine positive Außenwirkung ließe sich daraus schöpfen – gegenüber potenziellen Mitarbeitern, aber auch gegenüber Gäs­ten! Dass auch kleinere Hotel- und Gastronomiebetriebe mit wenig Aufwand dazu beitragen können, dieses scheinbar unlösbare Problem zumindest teilweise zu lösen, zeigt ein Hotelier aus Süddeutschland. Ihm ist bewusst, dass sich die oft langen Arbeitszeiten kaum mit einem intakten Familienleben vereinbaren lassen. Nicht selten war hohe Fluktuation die Folge – insbesondere dann, wenn Familienplanung anstand. »Ich will versuchen, den harten Job auch für die Mitarbeiter lebbar zu machen«, so der Inhaber des Hotels. Er änderte kurzerhand im Restaurant die Öffnungszeiten, verzichtete außer samstags und sonntags auf das Mittagsgeschäft und organisierte seinen Betrieb entsprechend um. Den Einnahmeverlust kompensiert er nun in drei Bereichen: Die Herstellung von hauseigenen Produkten, die außer Haus verkauft werden, wird in die Morgenstunden verlegt. Zudem entfallen zwei Gehälter, weil weniger Aushilfskräfte benötigt werden und eine frei werdende Stelle nicht mehr besetzt werden muss. Die Mitarbeiter haben inzwischen das Gefühl, nicht verheizt zu werden. Viele von ihnen können sich jetzt in der Region einen langfristigen Lebensmittelpunkt aufbauen, weil sie einen verlässlichen Arbeitgeber haben, vor allem aber Familie und Beruf besser miteinander vereinbaren können. Wer das Konzept anzweifelt, dem sei gesagt, dass der erwähnte Betrieb bei der Landgasthof-Staffel des SWR auf den ersten Platz unter 20 Landgasthöfen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg gewählt wurde.

Ein anderer Privathotelier ließ sich zu sozial verträglichen Arbeitszeiten und Work-Life-Balance etwas einfallen. Mit ­einer ganz einfachen Liste für Frei- und Urlaubswünsche ermöglicht er seinen Mitarbeitern langfristigeres Planen, wenn sie für private Termine wie Geburtstage, Konzertbesuche etc. frei haben möchten. Ist ein Termin vom Chef einmal freigegeben, wird er kompromisslos respektiert – auch wenn am betreffenden Tag im Hotel der »Bär tanzt«. Ebenso gilt hier: Niemand wird aus dem Urlaub geholt, wenn Engpässe entstehen. Eigentlich ganz einfach, oder? Aber auch Accor, der Europa-Park Rust, das Best Western Premier Hotel Park Consul in Esslingen und einige mehr bieten ebenso Planungssicherheit fürs Private: Es gibt eine Jahresurlaubs- und eine Dienstplanung für zwei Wochen im Voraus, die konsequent eingehalten werden. Für alleinerziehende Mütter werden zudem besondere Arbeitszeiten berücksichtigt, wenn der Schichtbetrieb für sie nicht mehr zu leisten ist.

Ein Hotelier berichtete mir, dass er schon seit einiger Zeit eine interessante Beobachtung macht. Es ist das Motto vieler Mitarbeiter und Bewerber: »Wenn schon hart arbeiten, dann müssen aber auch die Arbeitsbedingungen Spitze sein.« Dazu zählen nicht allein Soft Facts wie der nette Chef, die tolle Company, das sympathische Team. Vielmehr werden konkrete Fragen nach den Hard Facts eines Arbeitsplatzes gestellt. Und hier hat mancher Betrieb noch Nachholbedarf. Dabei wäre schon mit ein bisschen Kreativität, wenigen Mitteln und etwas Flexibilität Abhilfe zu schaffen.

 

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