Mit 28 Jahren war sie bereits zum ersten Mal General Manager, bei der Queens Gruppe lernte sie, dass die Hardware nicht alles ist. Eine spannende Herausforderung für Anke Lock (49), die in der Business-hotellerie ebenso »ihr Ding« gemacht hat wie in der Resorthotellerie. Neueste Wirkungsstätte ist das The Cambrian im Schweizer Chaletdorf Adelboden – ein »kleiner Schatz« mit großem Entwicklungspotenzial.
Hören Sie das?« Anke Lock lacht in den Telefonhörer. »Hier wird gerade eine Kuhherde mit großen Glocken vorbeigetrieben. Sind nur sieben, machen aber Lärm für 20. Man versteht sein eigenes Wort nicht mehr.« Schon ist man gedanklich in Adelboden im Berner Oberland, hat die kurvige Straße vor Augen, die am Hotel vorbeiführt. Ein »Kuhdorf« ist Adelboden trotz solcher akustischer Zwischenspiele nicht. Vielmehr ein »idyllisches Chaletdorf am Fuß des Wildstrubels« – so wird es von den Tourismusbehörden beworben.
Mittendrin in dieser Schweizer Postkartenidylle mit seinen Toblerone-förmigen Bergen thront das The Cambrian, ein Hotel, das Vier-Sterne-Superior-Komfort auf die lässige Art bietet. »Einen kleinen Schatz« nennt Anke Lock das 71-Zimmer-Haus – verständlich, denn sie ist andere Dimensionen gewöhnt. Der Wechsel von der Konzernhotellerie in ein Haus wie dieses war spannend in vielerlei Hinsicht. »Das Cambrian ist kleiner als das, was ich früher gemacht habe, aber von der Aufgabenstellung vielfältiger«, sagt sie. Das geht beim Budget los und reicht bis hin zu den Herausforderungen bei der Personalplanung in einem Saisonbetrieb. Dass es gerade »kleine Häuser in sich haben«, hat sie schnell festgestellt, nachdem sie im Oktober 2012 die Nachfolge von Gerald Nowak als General Manager antrat. Kein leichter Zeitpunkt für einen Einstieg, denn das Hotel befand sich ein Stück weit im Umbruch und stand kurz vor der Wintersaison. Hinzu kam die touristische Konjunkturflaute im Land, die auf die »fetten Jahre« 2007, 2008 und 2009 gefolgt ist. Die Schweiz ist nach Erfahrung der Deutschen sehr abhängig »von den drei W’s – Wetter, Wirtschaft, Währung«. Ist eines davon instabil, kann sich in einem Ort wie Adelboden der Anteil ausländischer Gäste schon einmal halbieren. Die 49-Jährige: »Das ist zahlentechnisch eine echte Herausforderung. Wenn es einem Hotel allerdings gelingt, eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln, kann man die drei W’s umschiffen.« Und genau das ist der Plan.
Dass Anke Lock ihn zielstrebig umsetzt und die Weichen bereits gestellt hat, daran besteht kein Zweifel. Im Alter von 28 leitete die in Nordholz geborene Deutsche bereits ihr erstes Hotel – das Queens in Baden-Baden. »Eine spannende Erfahrung, um sich auszutesten.« Zwölf Jahre hat sie insgesamt für die Queens Gruppe Deutschland gearbeitet und dort ein »tolles Förderprogramm« genossen. Im Gegensatz zu ihren vorherigen Stationen in der Fünf-Sterne-Hotellerie – sprich bei Four Seasons oder auch dem Grand Hotel Regina in Grindelwald in der Schweiz – hat sie bei Queens vor allem eines gelernt: aus sehr wenig sehr viel zu machen. »Der Gruppe ging es ja damals finanziell nicht gut und ich musste erkennen: Man kann nicht immer nur aus dem Vollen schöpfen, um den Gast zufriedenzustellen. Das muss auch anders gehen.« Da hieß es, kreativ sein und das Team motivieren, um ungeachtet der Schwächen in der Hardware eine gute Performance abzuliefern. Trotz knappem Budget gelang es ihr, einen Wellnessbereich im Hotel zu implementieren – 1993 längst noch keine Selbstverständlichkeit. Das Projekt war erfolgreich und auch sonst lief alles rund. So musste die Direktorin »erst einmal tief Luft holen«, als sie der Lockruf der Zentrale ereilte, in gleicher Position ins 280 Zimmer große Queens nach Frankfurt zu wechseln. »Das war Airport-Hotellerie – ein ganz anderes Thema. Man könnte sagen, ich bin von einer Jolle auf einen Tanker umgestiegen.« Das wiederum bedeutete: Wenn man am Ruder dreht, reagiert nicht automatisch gleich das ganze Schiff. Anke Lock: »Ich war ja noch jung und musste mir dort erst meine Hörner abstoßen, um akzeptiert zu werden« – und das in einer männlich dominierten Riege. Doch das stellte sich glücklicherweise nicht als Hindernis heraus. Als einzige Dame unter 16 Herren war Frau-Sein eher ein Privileg. »Ich genoss eine Art Sonderstatus – war die Henne im Korb.« Wieder das sympathische Lachen am anderen Ende der Leitung. Die Zigarrenrunde nach den Meetings und ähnliche männliche Rituale ließ sie – ganz Dame – einfach aus. Anke Lock: »Ein natürlicher Prozess. Immer wenn ich mich als Frau nicht zugehörig gefühlt habe, habe ich mich zurückgezogen. Das ist auch respektiert worden.«
Nur wenige Wechsel bei Queens
Nachdem sie in Frankfurt ihren späteren Mann kennengelernt hatte und sich schließlich als Mutter eine Auszeit gönnen wollte, war das »ein guter Schnitt«. Das Ausscheiden fiel Anke Lock nach zwölf Jahren allerdings nicht leicht. Bei Queens gab es wenig Wechsel in der Führungsebene, das Zugehörigkeitsgefühl war entsprechend groß. Nach der Babypause – »die drei Jahre sollte man sich als Mutter gönnen« – hatte Anke Lock wieder »Lust auf schöne Häuser«. »Ich wollte nach der Businesshotellerie in eine berührbare Hotellerie, wollte wieder Gastgeberin sein.« Die Wahl fiel auf Dorint, genauer das Dorint Resort & Spa in Bad Brückenau, in dem sie sechs Jahre schaltete und waltete. Danach ging sie für vier Jahre ins Dorint Maison Messmer Baden-Baden. Hier erlebte sie unter anderem den NATO-Gipfel 2009 und damit den Besuch von Barack Obama in der Kurstadt. »Herr Obama hat 50 Meter entfernt getagt, Hillary Clinton war bei uns im Haus. Wir hatten im Hotel Sicherheitsstufe 1. Das sind Highlights, die man nicht vergisst.« Ganz unabhängig von solchen Erlebnissen lag ihr das Haus und seine Klientel. Ein bisschen »entspannter« und weniger luxuriös als das in der Nähe gelegene Brenners, dem man aber auch gar nicht nacheifern wollte. »Wir sind unseren eigenen Weg gegangen. Das Maison Messmer hat sich eine zeitlose Klassik bewahrt und dabei seinen eigenen Stil gefunden. Es ist eine schöne ›Hotelpersönlichkeit‹.«
Zu einer »Hotelpersönlichkeit« soll nun auch das The Cambrian reifen. Vieles ist schon passiert, wie beispielsweise die Neugestaltung des Tagungsfoyers im Stil einer britischen Club-Lounge, die zu guten Gesprächen zwischen den Meetings und Events einlädt. »Das Ganze wirkt ein bisschen wie auf einer Bühne in Soho, auf der Miss Marple gespielt wird.« Der britische Charme und Humor der Eigentümer ist überall im Hotel spürbar – bis hin zum »Zvieri« (der Schweizer Zwischenmahlzeit um vier Uhr) im Stil eines britischen Afternoon Teas im Wintergarten. Auch in der Lobby gibt es eine Neuerung: So wurde anstelle der Minibars auf den Zimmern ein »Cambrian-Shop« inklusive Kühlung eingerichtet, in der Gäste von der handgeschöpften Schokolade über edle Weine bis hin zum besonderen Tee verschiedene Artikel kaufen können. Anke Lock hat noch viele Ideen. So will sie beispielsweise mit Details wie einem langen Gemeinschaftstisch oder einem Buffet im Stil eines Tante-Emma-Ladens das klassische Restaurant etwas »cosier« gestalten. Durch den Neuzugang von Richard Kahl – lange Zeit Küchenchef im Hotel-Restaurant »Ole Liese« in Panker – weht seit Anfang August zudem frischer Nordwind durch die Küche. Darüber hinaus sollen authentische Aktiv-Angebote für die Gäste wie Yogakurse und Alpgarten-Wanderungen das Urlaubserlebnis intensivieren; an einem Eventkalender wird gearbeitet.
»Der Gast soll bei uns künftig nicht nur wohnen und essen, sondern ein bisschen mehr erleben dürfen«, umreißt Anke Lock die Marschrichtung. Dabei gehe es weniger um Luxus, sondern vielmehr um Individualität, weshalb man auf die Mitgliedschaft bei den Design Hotels stolz ist. »Ich sehe uns nicht im Luxussegment, sondern in der gehobenen Ferienhotellerie. Wir wollen ganz bewusst ein Nischenprodukt sein.« Das manifestiert sich in vielen Bereichen, unter anderem bei der Kleidung der Mitarbeiter, wofür das Haus eine Kooperation mit dem in der Schweiz beliebten Label Gant eingegangen ist – getragen werden Chinos, Hemden, Blusen und Westen statt klassischer Uniformen. »Die Mitarbeiter sollen entspannt wirken, ohne ihre Professionalität zu verlieren«, sagt die 49-Jährige. Das wiederum passt zu den Gästen, die zwischen 30 und 50 Jahre alt und zu 80 Prozent Individualreisende sind. Dabei gilt für Anke Lock die Devise: Alle Nationalitäten sind willkommen. »Da bin ich ganz offen. Gerade der Multi-Kulti-Aspekt gefällt mir an der Hotellerie.« Dass die Schweizer Hospitality-Branche für Internationalität steht, kommt Anke Lock somit entgegen. Weitere Pluspunkte ihrer Wahlheimat sind die Lebensart der Eidgenossen und die grandiose Landschaft, die sie gern gemeinsam mit ihrem Mann und Sohn genießt.
»Im Sommer fahre ich häufiger mal in die alte Heimat, an den Wochenenden – vor allem, wenn Schnee liegt – kommen ›meine Männer‹ gern in die Schweiz. Die »Basis« und den Freundeskreis hat die Familie nach wie vor in Deutschland; die Alpenchaletwohnung in Adelboden ist das zweite Standbein. »Wir sind halt eine echte Travelling Family«, sagt die 49-Jährige gut gelaunt. Daran wird sich in nächster Zeit auch nichts ändern. »Ich möchte das Haus in Ruhe begleiten. Mein Ziel ist es, dass unsere Gäste sagen: Das ist ein tolles Lifestyle-Hotel, in dem man sich wohlfühlt und ganz entspannt Urlaub machen kann.«