»Der Fisch ist höchst sensibel, reagiert auf die kleinste Erschütterung und wenn er sich ärgert, dann schwimmt er weg und kommt nie wieder.« Diese Charakterisierung stammt nicht etwa von einem Meeresforscher, vielmehr beschreibt Oliver Mathée mit diesen Worten die Eigenschaften seines Sternzeichens Fische. Seit 2007 leitet der 45-jährige Kölner das Interalpen Hotel-Tyrol: mit viel Fingerspitzengefühl sowie absolutem Gespür für die Wünsche seiner Eigentümer und seiner anspruchsvollen Gäste.
Der Mann mit dem hugenottischen Nachnamen, dem Aussehen eines Italieners und dem Geburtsort Köln-Deutz hat sich mit Leib und Seele dem Dienst am Gast verschrieben – und das schon als Kind. Während eines gemeinsamen Familienurlaubs im Hotel Hochschober in Kärnten Anfang der 1970er-Jahre war Oliver Mathée selbstbewusst hinter den Tresen gestapft, hatte ein kühles Helles gezapft und verkündet: »Ich will Hotelier werden!«
Was folgte, war ein langer Marsch durch die gastronomischen Institutionen Deutschlands. Seinen vorläufigen Gipfel bestieg der Rheinländer im Mai 2007 – buchstäblich, denn seit dieser Zeit ist Oliver Mathée General Manager des Interalpen-Hotel Tyrol. Für dieses luxuriöse Seminar- und Spa-Resort, einem Ausgewählten Wellnesshotel zum Wohlfühlen, hatte der Patron des für seine Bagger und Kühlschränke berühmten Weltkonzerns Liebherr der Gemeinde Telfs einst die Spitze eines ansonsten naturgeschützten Hochplateaus nahe Seefeld abgetrotzt. Das 1985 eröffnete Hotel gleicht einem sternförmigen Leuchtturm mit 282 überdurchschnittlich großen Zimmern – die kleinste Einheit umfasst 45 Quadratmeter –, ebenso vielen Balkonen und einer 360-Grad-Sicht auf die umliegenden Wälder, Seen und Gebirgszüge der Tiroler Alpen. Wer die Dr.-Hans-Liebherr-Alpenstraße 1 bis an ihr Ende fährt, hinauf bis auf 1300 Meter, der gleitet unversehens in eine überdimensionierte, holzgetäfelte Rezeption: Im Interalpen beginnt der Urlaub nicht erst nach Verlassen der Tiefgarage, sondern mittendrin. Feudale Deckenleuchter, großflächige Teppiche und ein aufmerksamer Doorman nehmen einfahrende Gäste in Empfang, noch bevor sie den Motor abstellen. Und das ist erst der Anfang.
Wer es nicht besser wüsste, würde nach der kurzen Fahrstuhlfahrt in die eigentliche Lobby schwören, er befinde sich im Herzen Kanadas – inmitten eines dieser winterlichen Jahrhundertwende-Paläste, für die einst die Fairmont-Hotels berühmt geworden sind. Und das liegt nicht nur an der Weitläufigkeit des mindestens 25 Meter hohen Lobby-Bereichs und der gediegen-alpinen, von warmen Hölzern dominierten, Atmosphäre, sondern vor allem an den beiden mehrstöckigen Kronleuchtern rechts und links der imposanten Freitreppe Richtung Bibliothek, die wirken, als seien sie aus der Zeit gefallen.
Seit viereinhalb Jahre arbeitet Mathée mittlerweile im Interalpen Hotel. Gemessen am Stationen-Hopping vieler Kollegen ist das gerade in der Kettenhotellerie eine halbe Ewigkeit. Im Vergleich zu seiner letzten Position als F&B Manager im Kur- & Sporthotel Sonnenalp in Ofterschwang jedoch ein Klacks: Neun Jahre war der gebürtige Rheinländer dem Allgäuer Familienbetrieb treu – von 1998 bis 2007. Und wäre nicht das Angebot aus Telfs gekommen, Mathée wäre womöglich immer noch in Ofterschwang, »in einem der besten privaten Ferienhotels überhaupt«, bei seinen Vorbildern Grete und Karlheinz Fäßler.
Dennoch könnte sein Engagement in Tirol die Jahre im Allgäu locker übertrumpfen, denn der bald 27 Jahre alte Liebherr-Komplex ist derart gewaltig, dass das permanente Renovieren und Anpassen an aktuelle Gästewünsche einer Lebensaufgabe gleichkommt. Kaum ist die eine Aktion abgeschlossen, folgt auch schon die nächste. Zwischen 2007 und 2009 stand beispielsweise die Renovierung sämtlicher Zimmer in allen drei Flügeln auf der Agenda. 2010 folgte der Bankettbereich, 2011 baute Mathée in dem mit 5000 Quadratmetern ohnehin größten Spa der Alpenregion einen imposanten Indoor-Pool mit einer 50-Meter-Bahn.
»Die Umbauarbeiten machen wir immer in den Schließperioden«, erzählt der Direktor – also von Mitte März bis Anfang Mai und im November. Die nächste Renovierung ist für 2012 geplant. Dann soll im Interalpen-Hotel die größte Raucherlounge dies- und jenseits der Alpen entstehen. »Am Barkonzept philosophieren wir noch ein bisschen herum«. Wir, das sind Oliver Mathée und die Vertreter der Inhaberfamilie, »mit denen mache ich das Operative«. Und das dreht sich nicht nur darum, die Stammgäste (64 %) zu neuerlichen Buchungen zu bewegen. Auch Urlaubs- und Wochenendgäste, Familien, Paare, Golfer, Wellnessgäste, Wanderer, Mountainbiker, Skifahrer und Firmen müssen angesprochen werden. Früher habe das Geschäft zu 80 Prozent aus Tagungen bestanden, erzählt Mathée. 2010 waren es nur noch elf, in diesem Jahr immerhin 20 Prozent. Mittelfristig will der GM gerade den MICE-Anteil wieder auf 25 Prozent treiben. Langfristig träumt er davon, das Interalpen in einen Ganzjahresbetrieb umzuwandeln. »Aber da ist im Moment gar nicht daran zu denken.«
Denn natürlich ist die Krise auch an dem nur zwei Autostunden von München entfernten Telfs nicht spurlos vorübergezogen. 2008 betrug die Belegung 60 Prozent – bei einem Durchschnittsaufenthalt von 3,9 Nächten. 2010 sackte die Auslastung auf nur noch knapp 50 Prozent ab. In diesem Jahr registriert Mathée immerhin schon wieder um die 55 Prozent Belegung – mit Gästen aus Deutschland (60%), Italien (10%), der Schweiz (10%), Frankreich und den Benelux-Ländern (je 9%). »Aber solange ich noch ein Bett frei habe, kann ich nicht zufrieden sein!« Die Preise hat er während der Krise nicht nach unten korrigiert, sodass der Pro-Kopf-Umsatz heute bei 280 Euro liegt, der RevPAR bei 136 Euro. Daher hat jetzt die Steigerung der Auslastung absolute Priorität. Und das will der »Hotelier des Jahres 2011« (»Der Große Restaurant & Hotel Guide«) erreichen, indem er alle Anstrengungen darauf konzentriert, »das Haus noch bekannter zu machen, dem Haus ein Gesicht zu geben«. Sein Gesicht? »Ich bin immer noch der Neue«, sagt Mathée und schmunzelt. »Viele Mitarbeiter sind schon zehn, 15 und sogar 20 Jahre hier.« Da kann er nicht mithalten. Noch nicht.
Denn im Unterschied zu anderen steht für Oliver Mathée weniger das »Wo« im Zentrum, als vielmehr das »Wie«. »Ich hasse Langeweile«, erklärt er voller Inbrunst. Und genau diese Abscheu sei einer der Gründe gewesen, warum er sich für die Hotellerie entschieden habe. »Da handle ich immer frei nach dem Motto: ›Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom‹.« Übersetzt heißt das: Wo keine Herausforderung, da kein Platz für mich. Bislang aber habe er sich »noch nie auch nur einen Tag gelangweilt«. Und solange das so bleibt, bestehe keinerlei Grund, sich nach etwas anderem umzusehen.
Und schon gar nicht nach einem anderen Beruf. Nach dem Abitur 1985 habe er zwar kurzfristig daran gedacht, BWL zu studieren: »Zahlen und so fliegen mir nur so zu.« Als ihm dann aber Siegfried Breunig eine Lehrstelle im Kölner Excelsior Hotel Ernst anbot – als einem von 500 Bewerbern auf fünf Stellen –, da habe er nicht nein sagen können zu der Verwirklichung seines Kindheitstraums. »Eigentlich wollte ich ja Hofa lernen, aber der GM sagte, er brauche nur Köche und Kellner. Okay, habe ich mir gedacht: Kochen kann ich nicht, das will ich lernen.«
Begeistert habe ihn diese »komplett andere Welt«. Eine Welt voller Herausforderungen: »Im ersten Jahr habe ich gar nichts kapiert, dann hat es irgendwann Knack gemacht.« Voller spannender Begegnungen: etwa bei den zahllosen Caterings für die Kölsche Prominenz. Und einem »echten Lehrherren«: »Der hat um 18 Uhr angefangen zu schreien und erst um 22 Uhr wieder aufgehört«, erinnert sich Mathée und grinst. Für Langeweile blieb da kein Raum. Für ein Verharren in der Küche jedoch ebensowenig. Im Gegenteil. »Nach der Ausbildung habe ich mir viele Häuser angeschaut und viele Direktoren nach ihrem Weg gefragt, um daraufhin meinen eigenen zu definieren«, erzählt der Kölner. Bis heute ist er sicher: »Man lernt immer was. Manchmal eben auch, wie man’s nicht machen sollte.«
Dazu gehörte unter anderem, dass er auf keinen Fall auf eine weitergehende Management-Ausbildung verzichten wollte. Doch bevor Mathée ab 1991 an der Heidelberger Hotelfachschule studierte, sammelte er noch weitere Erfahrungen – zunächst bei der Bundeswehr: »Da habe ich erst drei Monate Räuber und Gendarm gespielt und war anschließend Chefkoch bei der Luftwaffe.« Danach folgten noch anderthalb Jahre als Demi chef de cuisine im Excelsior Hotel Ernst. Anschließend hakte der Rheinländer das Thema »Auslandserfahrung« ab, indem er jeweils eine Saison im Service des Badrutt’s Palace St. Moritz und des Château Hotel Tremblay sur Mauldre nahe Versaille arbeitete. »Das hat aber auch gereicht«, erklärt Mathée. Denn was zwischen den Zeilen gesprochen wurde, habe er nicht verstehen können. Sagt er zumindest. Denn als er 1993 seine Diplomarbeit abgab, umfasste diese nicht weniger als 100 Seiten in französischer Sprache!
Nächste Station war das Brenners Park-Hotel & Spa Baden-Baden, wo er ein halbes Jahr als Night Auditor tätig war. Hier kam es auch zur ersten Begegnung mit Richard Schmitz – ein wohl unvergessliches Erlebnis für jeden aufstrebenden Hotelier: »Richard Schmitz ist DER Grandseigneur der Hotellerie. DAS ist Gastgebertum«, schwärmt der ansonsten eher zurückhaltende Mathée.
Mit dem Diplom in der Tasche wechselte der junge Kölner 1995 schließlich nach Hamburg, zu einem anderen Großmeister der Gastronomie: Als stellvertretender Restaurantleiter und F&B Trainee in der »Piazza« von Eugen Blocks Elysée Hotel habe er gelernt, »ständig alles in Frage zu stellen«, lobt er die vorbildhafte Ausstrahlung seines Eigners. »Der ist immer durchs Haus und zu den Mitarbeitern gegangen und hat geguckt, wo man noch was besser machen kann.«
Auf zwei Jahre Rothenbaumchaussee folgten zwei weitere bei Fred Hürst im neueröffneten Hyatt Regency Köln. Zurück in der Heimat verantwortete der Deutzer im Winter den Bankettverkauf und während des Sommers den Biergarten am Rhein. »Wussten Sie, dass dort der größte Weißbierumsatz außerhalb Bayerns gemacht wird?«, fragt er. Und vergisst über diesen Stolz sogar den üblichen – gemeinhin dem Kölsch geltenden – Lokalpatriotismus.
Nachdem Mathée im Hyatt alles verinnerlicht hatte, ging er in den Quellenhof Aachen. Doch mangels Herausforderungen folgte nur sechs Monate später das Sofitel Vienna Airport, wo er als F&B Manager verantwortlich zeichnete. Allerdings auch dies nur für gut ein Jahr, denn nachdem aus dem Sofitel ein Astron wurde, wechselte Mathée ins Kur- & Sporthotel Sonnenalp. Immerhin: In Wien habe er gemerkt, dass er kein Kettenmensch ist. »Dass die Weine aus einer entfernten Zentrale vorgegeben werden – das bin einfach nicht ich.«
Wer ihn nach seiner eigenen Führungsphilosophie fragt, bekommt erst einmal ein donnerndes Lachen zu hören: »Ich bin Anhänger der Monarchie«, feixt er. Dann erklärt er jedoch, dass ihm viel daran liege, die Stärken seiner 260 Mitarbeiter herauszuheben und sie selbstständig arbeiten zu lassen. »Aber ich bin immer für sie da«, schiebt er hinterher. Genauso wie für seine Gäste auf diesem Gipfel in Tirol.