Nachverdichtung mal anders: Im Herzen Berlins hat das Amo by Amano der Amano Gruppe eröffnet. Zum Check-in, Frühstück und abendlichen Drink tauchen die Gäste in eine bis ins kleinste Detail designte unterirdische Szenerie ein.
Die Antwort auf Raummangel in den Städten ist meist der Bau in die Höhe. Ein denkmalschutzbedingtes Platzproblem löste das Architekturbüro Tchoban & Voss in Berlin jetzt auf ganz andere Weise: Diverse öffentliche Bereiche des Amo by Amano in der Friedrichstraße, das im Juni eröffnet hat, wurden unterirdisch realisiert. Die Rezeption, die Lobby, Frühstücks-Restaurant und -Küche sowie die Amo Bar befinden sich im Untergeschoss des Gebäudes. Auch die Haustechnik, Lagerräume und das Back Office haben dort Platz gefunden. „Insgesamt haben wir unterirdisch 1.000 Quadratmeter zusätzliche Fläche geschaffen“, erläutert Frederik-Sebastian Scholz, verantwortlicher Architekt bei Tchoban & Voss.
Ursprünglich wollte Ariel Schiff, Betreiber des Hotels der Amano Group, dass sich die Rezeption im Vorderhaus befindet. Die Idee verwarf er jedoch aus optischen Gründen wieder. Die übrigen Szenarien scheiterten am Widerstand des Denkmalschutzes: Der Anbau eines Wintergartens im Hof, die Aufstockung der Seitenflügel um eine Etage und die Überdachung des Hofs mit einem Glasdach wurden allesamt abgelehnt. Den unterirdischen New Yorker Apple Store am Central Park im Hinterkopf, entwickelte Schiff die Idee des Hotelbereichs „unter Tage“.
Licht ins Dunkel
Das Interior-Design des Amo entwickelte das Berliner Architekturbüro ST Design. Die Designsprache ist eklektisch und spielt mit verschiedensten Materialien wie Naturstein, Metall, Kupfer und Hölzer. Das Stadthaus mit den typischen hohen Decken mutet in modernem Art-Déco-Stil an. „Die Aufgabe war, den Berliner Altbau mit der modernen Zeit zu verbinden und ein Ambiente zu schaffen, das an die goldenen 20er-Jahre erinnert, aber mit einem modernen Flair“, sagt Nicholas Barsan von ST Design. Gleichzeitig habe sich aber auch der generelle Design-Stil der Amano Group im Design widerspiegeln sollen, so der Innenarchitekt, und weiter: „Amano steht für ein eher dunkles Ambiente, das kuschelig und gemütlich ist, aber auch für eine sexy Stimmung.“ Die Inneneinrichter haben, um das zu realisieren, einen eigenen Farbton entwickelt – nach Nicholas Barsans Beschreibung ein Preußisch Blau mit Türkisstich –, der sich überall im Hotel wiederfindet, zum Beispiel an den Zimmerdecken.
Eine besondere Herausforderung war die Lichtgestaltung der unterirdischen Bereiche Lobby, Frühstücksraum und Bar. „Die Gäste gelangen durch die Hofeinfahrt und den grünen Hof zum Glaspavillon und von dort aus mit dem Aufzug oder über die Treppe abwärts in die Lobby. Dabei dürfen sie nicht das Gefühl haben, im Keller zu stehen“, sagt Nicholas Barsan. Dazu sollte stimmungsvolles Licht beitragen, das gleichzeitig hell genug ist, um dort arbeiten zu können. Zur Helligkeit trägt der große loungige Kamin-Bereich ebenso bei wie die angedeuteten verspiegelten Fenster im alten Mauerwerk zwischen Bar und Lobby, die den Räumen zusätzlich mehr Breite verleihen. Das Lichtkonzept komplettiert ein Mix aus unterschiedlichen architektonischen und dekorativen Leuchten. Im Detail sind das Leuchtmittel von sieben internationalen Herstellern: Wandlampen und eingebaute Leuchten, die Flächen anstrahlen, Pendelleuchten sowie LEDs.
Auch in den Zimmern setzt sich das gedämpfte Lichtkonzept trotz der oberirdischen Lage fort. Die Möbel sind zum Teil Sonderanfertigungen. Die Zimmergrößen liegen in der Kategorie Economy bei 13 bis 15 Quadratmetern und beim Standardzimmer bei 16 bis 18 Quadratmetern. Mehr Platz bieten die Comfort- und die Superior-Zimmer mit 19 bis 24 Quadratmetern beziehungsweise 26 bis 29 Quadratmetern Fläche. Die relativ kleinen Zimmergrößen sind Resultat der wirtschaftlichen Vorgaben, die ursprünglich 100 Zimmer vorsahen.
Ein Hauch Tel-Aviv-Lifestyle
Im Erdgeschoss im Vorderhaus an der Friedrichstraße befindet sich das Restaurant „Joseph“. Vor dem Bau des Hotels betrieb die Hotelgruppe dort mit der „G&T Bar“ und dem „Rocco & Sanny“ bereits zwei Pop-up-Gastronomien. Im „Joseph“ bekommen Gäste nun gehobenes israelisches Streetfood serviert. Kulinarischer Berater ist mit Yossi Elad ein Spitzenkoch, der in Jerusalem das „Machneyuda“ und in London das „Palomar“ betreibt. „Im ‚Joseph‘ geht es darum, Essen, Gedanken und Respekt zu teilen. Es bringt die unterschiedlichen Menschen dieser Stadt zusammen“, so Ariel Schiff. Mit der Küche und der Gestaltung des Restaurants möchte er das Lebensgefühl von Tel Aviv aufgreifen – besonders auffällig ist eine große Schwarzweiß-Fotocollage mit privaten Fotos des Hotelbetreibers, seiner Familie und seiner Freunde.
Die Bar, die sich unter dem Seitenflügel befindet, ist ein wichtiger Bestandteil des Hotels – wie in Amano-Hotels üblich. René Soffner und Johannes Möhring – in der Barszene als die „Kinly-Boys“ bekannt –, die die „Kinly Bar“ in Frankfurt am Main sowie die „Ménage Bar“ in München betreiben, entwickelten dafür das Konzept. „Die Bar soll mehr als ein Add-on für das Hotel sein“, sagt der Hotelbetreiber und ergänzt, „sie ist ein eigenes spannendes Projekt, das als Anziehungspunkt für lokale und internationale Gäste etabliert werden soll.“
Kosten- und Zeitplan obsolet
Bevor das Amo Berlin eröffnen konnte, waren einige Probleme beim Bau zu bewältigen. Schwierigkeiten bereiteten zunächst die Bauarbeiten in der so dicht gedrängten Innenstadt. „Die Einrichtung einer Baustelle in der Friedrichstraße war nicht möglich, da diese nur einspurig ist, und es gab nur eine kleine Zufahrt“, so Frederik-Sebastian Scholz von Tchoban & Voss. Daher wurde mit einem kleinen Bagger der gesamte Innenhof ausgehoben und die ca. 2.300 Kubikmeter Erde mit einer Schubkarre in die Oranienburger Straße transportiert. Der Keller des Vorderhauses sowie der Seitenflügel wurden weiter abgesenkt. Die Nachbargebäude hoben die Bauarbeiter tiefer als die Fundamente aus und mussten sie daher zusätzlich stabilisieren.
Die Bauzeit verlängerte sich durch die unvorhergesehenen Maßnahmen um drei Jahre, und die für die unterirdischen Einrichtungen veranschlagten Kosten verdoppelten sich im Vergleich zu einer oberirdischen Baumaßnahme im Erdgeschoss. „Bei einem Neubau wäre es natürlich wesentlich einfacher gewesen, aber Denkmalschutz und alte Bausubstanz verkomplizierten die Sache“, betont der Architekt.
So durfte etwa Technik nicht auf das Dach, sondern musste darunter „versteckt“ werden. Lüftungsschächte mussten durch alte Balken und Fachwerk hindurchgefädelt werden. Die oberirdischen 93 Zimmer wurden als Folge des Denkmalschutzes alle individuell gestaltet. „Jedes Zimmer musste bautechnisch praktisch wie eine eigenständige Wohnung betrachtet werden“, erzählt Scholz.
Seit Fertigstellung des Baus präsentiert sich das Amo mit seinem Designkonzept als gelungenes Gesamtkunstwerk. Manuela Blisse








