Meinung Mehr Mut zum Eigensinn

Michael Oberhofer ist CEO von Brandnamic Unlimited.
„Eigensinn ist der Mut, dem eigenen inneren Kompass mehr zu vertrauen als dem permanenten Lärm von außen“, sagt Michael Oberhofer, CEO von Brandnamic Unlimited. © Brandnamic

Die Premium-Hotellerie leidet unter einer kollektiven Hochglanz-Erschöpfung. Wer nicht in der Gleichförmigkeit untergehen will, braucht Klarheit und das unerschütterliche Vertrauen in die eigene Identität. Ein Plädoyer für die Kraft der eigenen Handschrift abseits des erwartbaren Einheitsbreis – von Michael Oberhofer, CEO von Brandnamic Unlimited.

Marketer und Content Creator bemühen kaum einen Begriff so inflationär wie den der Authentizität. Sie avanciert zum Heiligen Gral einer Branche auf der Suche nach einem Gegengewicht zur digital durchgetakteten Welt. Doch hier schnappt die Falle der Gleichförmigkeit zu: Wo die Sehnsucht nach echter Substanz mit vorgefertigten Design-Konzepten beantwortet wird, fällt die Glaubwürdigkeit in sich zusammen. Der Gast sucht nach Orten mit Charakter und Identität, die dem gleichförmigen Botschaftsrauschen etwas Substanzielles entgegensetzt.

Die Sehnsucht nach dem Echten

Was suchen Gäste, wenn sie nach dem „Echten“ verlangen? Nicht die perfekt komponierte Urlaubswelt. Wenn das Urlaubsgefühl wie an Instagram-Hotspots zur reinen Fotokulisse verkommt, zerbricht die digitale Illusion an der Realität. Das sensible Gästeradar spürt den Unterschied zwischen gewachsener Identität und austauschbarem Design sofort.

„Wir haben uns an einer weltweiten Kultur aus Glas, Stahl und botoxkühler Glätte sattgesehen.
Wir leiden unter einer kollektiven Hochglanz-Erschöpfung.“

Wahre Qualität misst sich an Glaubwürdigkeit. Wird Authentizität nach Rezept kopiert – ein bisschen Altholz, handgesiedete Seife, verordnetes „Du“ –, entsteht paradoxerweise eine neue Uniformität. Die Konsequenz ist ernüchternd: Wo alles ähnlich aussieht, verliert der Gast seine emotionale Bindung zur Marke und am Ende entscheidet nur noch der Preis.

Eigensinn als strategischer Kompass

Wie entkommen wir dieser Falle? Die Antwort liegt im Eigensinn. Im besten Sinne des Wortes bedeutet er, sich auf den eigenen Sinn zu verlassen. Es ist die Klarheit darüber, wer man ist, kombiniert mit dem Mut, diese Identität als Marktpositionierung durchzuziehen. Eigensinn schützt davor, jedem flüchtigen Trend hinterherzulaufen und die Unternehmensseele für ein kurzfristiges Lob zu verkaufen.

Dass dieser Weg zu Erfolg führt, beweisen große Gastgeberinnen seit Generationen. Luise Dorfer legte den Grundstein für das Luxury Resort Quellenhof in Passeier, indem sie mit Weitblick gegen alle Konventionen eine neue touristische Zukunft gestaltete. Gerlinde Gross machte das Restaurant Trauti in Meran zur Legende, weil sie durch ihre Präsenz einen Ort schuf, der Gäste magisch anzog. Und Erika Nestl vom Hotel Erika in Dorf Tirol bewies, dass gelebte Herzlichkeit abseits starrer Handbücher die wertvollste Währung im Beherbergungssektor ist. Diese Frauen wollten nicht „authentisch wirken“, sie waren es, weil sie ihrem inneren Kompass treu blieben.

3 Fragen für die Praxis

Eine strategische Bestandsaufnahme hilft, das Profil im Alltag pragmatisch zu verankern. Drei Fragen weisen den Weg:

  • Was bildet das unverrückbare Fundament der Hotelidentität?
  • Wo wird diese Identität in der Guest Journey greifbar und erlebbar?
  • Welcher Wert, der sich nicht in Quadratmetern oder Zimmerkategorien messen lässt, wird an diesem Ort geschaffen?

Wahre Authentizität ist das Resultat einer klaren Position. Wer genau weiß, wer er ist und wofür sein Haus steht, macht gekünstelte Inszenierungen überflüssig. Wenn wir uns erlauben, unserem eigenen Takt zu vertrauen, kreieren wir ein Angebot von unschätzbarem Wert. So wird die Hotellerie der Zukunft zu dem, was sie sein will: ein lebendiger Kosmos voller inspirierender Begegnungen und authentischer Erfahrungen für die Gäste.

Autor

Michael Oberhofer ist CEO von Brandnamic Unlimited mit den Unternehmen Brandnamic, Yanovis, Hotelmarketing-Gruppe, AI Kosmo und Brainy. Zusammen bündeln die Unternehmen und ihre 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sämtliche Kompetenzen für marktführende Hospitality-Lösungen in den Bereichen Software, Marketing und Consulting. Michael Oberhofer ist Referent der Brandnamic Academy mit Schwerpunkt Leadership.