Wie gelingt die Bauwende? Melissa Acker vom Studio Sustainable matter spricht über biobasierte Baustoffe, Reuse und die Rolle von Normen und Brandschutz.
Reuse, biobasierte Baustoffe und zirkuläre Planung gelten als wichtige Bausteine einer nachhaltigeren Bauwirtschaft. Doch welche Materialien haben das Potenzial, sich im großen Maßstab durchzusetzen? Und wie beeinflussen Normen, Zulassungen und Brandschutz den Wandel hin zu einer ressourcenschonenden Baukultur? Melissa Acker, Gründerin von Studio Sustainable Matter und akademische Mitarbeiterin an der Hochschule für Technik Stuttgart, ordnet aktuelle Entwicklungen ein. Sie zeigt, welche Chancen und Herausforderungen sich insbesondere für die Hospitality-Branche ergeben.
Frau Acker, welches der biobasierten Materialien – Hanf, Stroh, Lehm oder Myzel – hat derzeit das größte Skalierungspotenzial?
Momentan sehe ich das größte Potenzial bei Nutzhanf. Mit den ersten Zulassungen für industriell gefertigte Hanfkalksteine wird das Material zunehmend anschlussfähig an den regulären Bauprozess. Besonders wichtig ist, dass sich Hanfkalk nicht mehr nur vor Ort verarbeiten lässt, sondern zunehmend auch in vorgefertigten Systemen und Bauelementen eingesetzt wird. Das erhöht die Präzision, verkürzt die Bauzeit und erleichtert die Integration in konventionelle Bauabläufe. Hanf lässt sich sowohl handwerklich als auch industriell skalieren und erfüllt zugleich zentrale ökologische Anforderungen: Er wächst schnell, bindet CO₂ und benötigt vergleichsweise wenig Ressourcen.
Lehm ist technisch gut erforscht und normiert. Vor allem im Innenausbau ist seine Anwendung heute etabliert und grundsätzlich gut skalierbar – etwa als Lehmputz oder Lehmbauplatte, die sich ähnlich verarbeiten lassen wie konventionelle Materialien. In der Praxis fehlt jedoch häufig qualifiziertes Fachpersonal. Außerdem erhalten diese Produkte vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit, weil sie – insbesondere auf Fotos – kaum von herkömmlichen Materialien zu unterscheiden sind.
Öffentlichkeitswirksam sind vor allem Leuchtturmprojekte mit Stampflehm. Hier zeigt sich allerdings eine Ambivalenz: Entweder dominiert das Handwerk, was die Bauweise teuer macht, oder es kommen vorgefertigte Elemente zum Einsatz, die ebenfalls im hochpreisigen Segment liegen und bislang nur begrenzt verbreitet sind. Das größere Skalierungspotenzial liegt deshalb derzeit im Innenausbau und perspektivisch auch bei Lehmsteinen. Stroh bietet großes Potenzial, vor allem durch vorgefertigte Wandelemente. Die Entwicklung geht klar in Richtung Systembauweise. Regulatorisch ist der Einsatz jedoch bislang auf Gebäude bis zur Gebäudeklasse 3 begrenzt. Die Branche arbeitet intensiv an einer Zulassung für höhere Gebäudeklassen – ein entscheidender Schritt für die Skalierung.
Myzel entwickelt sich derzeit von einem Forschungsfeld zu ersten marktfähigen Anwendungen. Industriell gefertigte Akustikpaneele zeigen bereits ein konkretes Einsatzfeld, insbesondere im Innenausbau von Hotels und Büros. Insgesamt steht das Material jedoch noch am Anfang seiner Entwicklung. Die Idee eines CO₂-positiven, biologisch wachsenden Werkstoffs, der als natürlicher Klebstoff verschiedene Fasern verbinden kann, ist vielversprechend. Bislang bleibt Myzel jedoch weitgehend auf Forschung und experimentelle Architektur beschränkt, weil baurechtliche Zulassungen und industrielle Produktionsprozesse noch fehlen. Die größte Herausforderung ist eine skalierbare Kultivierung unter kontrollierten, sterilen Bedingungen.
Wo scheitert Reuse momentan in realen Bauprojekten?
Reuse scheitert weniger an der Technik als an den Strukturen des Bauprozesses. Entscheidungen zur Wiederverwendung müssen sehr früh fallen – etwa zur Verfügbarkeit von Bauteilen oder zum selektiven Rückbau. In klassischen Planungsabläufen werden diese Themen jedoch häufig zu spät berücksichtigt. Hinzu kommt, dass Reuse in bestehenden Systemen wie der HOAI oder in standardisierten Ausschreibungen nur unzureichend abgebildet ist. Das erschwert sowohl die Planung als auch die wirtschaftliche Argumentation.
In der Praxis verschiebt sich dadurch die Verantwortung. Planerinnen und Planer müssen stärker beraten, Bauherrinnen und Bauherren frühzeitig bereit sein, mit Unsicherheiten umzugehen – etwa bei der Materialverfügbarkeit. Gleichzeitig sind Wiederverwendung und Wiedereinbau oft mit zusätzlichen Hürden verbunden. Fragen der Rezertifizierung sind häufig ungeklärt oder mit erheblichem Aufwand verbunden, ebenso Haftungsfragen. Dadurch kann Reuse im Einzelfall teurer sein als neue Baustoffe – trotz seines ökologischen Vorteils. Ohne diese Offenheit und strukturelle Anpassungen bleibt Reuse meist auf Einzelprojekte beschränkt, obwohl das Potenzial deutlich größer wäre.
Was ist momentan der größte Widerspruch zwischen Nachhaltigkeit und Baupraxis?
Der zentrale Widerspruch besteht darin, dass ökologische Wahrheit und ökonomische Logik im Bau noch nicht zusammenpassen. Die Lebenszykluskosten vieler Baustoffe werden nicht vollständig berücksichtigt. Vor allem Entsorgung, Rückbau und Emissionen bleiben häufig ausgeblendet. Dadurch erscheinen konventionelle Baustoffe wirtschaftlich attraktiver, als sie über ihren gesamten Lebenszyklus tatsächlich sind. Eine konsequentere CO₂-Bepreisung könnte hier ein wichtiger Hebel sein, weil sie Emissionen aus Herstellung, Nutzung und Entsorgung stärker einbezieht.
Zusätzlich würde eine realistischere Bepreisung der Entsorgungskosten den Wettbewerb verändern. Materialien, die sich wiederverwenden oder recyceln lassen oder sogar CO₂ speichern, hätten dann einen strukturellen Vorteil. Genau hier liegt das Potenzial biobasierter Baustoffe wie Hanf – und langfristig möglicherweise auch Myzel. Sie könnten nicht nur als Baumaterial dienen, sondern zugleich als Kohlenstoffspeicher im Gebäudebestand.
Wie beeinflussen regulatorische Anforderungen – etwa beim Brandschutz – den Einsatz dieser Materialien?
Regulatorische Anforderungen spielen eine Schlüsselrolle. Sie sind Voraussetzung für Innovationen, können deren Verbreitung aber auch bremsen. Lehm zeigt, wie Normen den Einsatz erleichtern können. Durch bestehende DIN-Normen sowie Produkte wie Lehmputze und Lehmbauplatten lässt sich das Material gut in etablierte Bauprozesse integrieren. Entscheidend ist dabei die Anschlussfähigkeit an bestehende Gewerke – also die Möglichkeit, natürliche Baustoffe ähnlich zu verarbeiten wie konventionelle Systeme. Beim Strohbau wird das Spannungsfeld besonders deutlich. Technisch und konstruktiv – vor allem durch Vorfertigung – ist vieles bereits gelöst. Trotzdem ist der Einsatz derzeit meist auf Gebäudeklasse 3 begrenzt. Die Branche arbeitet daran, die Zulassung auf Gebäudeklasse 4 auszuweiten. Solche regulatorischen Schwellen entscheiden darüber, ob ein Material auf Einfamilienhäuser beschränkt bleibt oder auch im mehrgeschossigen Wohnungsbau und in größeren Projekten, etwa im Hospitality-Bereich, eingesetzt werden kann.
Zulassungen und Nachweise für Brand-, Schall- oder Feuchteschutz sind aufwendig und teuer. Für kleinere Hersteller biobasierter Baustoffe ist das eine hohe Hürde. Gleichzeitig sind sie Voraussetzung für Versicherbarkeit und eine breite Markteinführung. Viele Regelwerke orientieren sich zudem an industriell gefertigten Standardmaterialien. Natürliche Baustoffe oder wiederverwendete Bauteile lassen sich darin oft nur schwer abbilden – sei es bei Zulassung, Klassifizierung oder Dokumentation. Hinzu kommt die Haftungsfrage. Sobald von etablierten Standards abgewichen oder Bauteile wiederverwendet werden, steigen die Anforderungen an Nachweise und Verantwortlichkeiten. Das führt in der Praxis häufig zu konservativen Entscheidungen, obwohl technische Lösungen vorhanden wären.
Können Sie ein Beispiel dazu nennen?
Bei Myzel lässt sich das gut beobachten. Akustikpaneele sind bereits verfügbar, erreichen unbehandelt jedoch nur die Brandschutzklasse D. Erst eine zusätzliche Beschichtung – meist mit einem wasserbasierten, aber konventionellen Lack – ermöglicht eine B1-Klassifizierung und damit den Einsatz im Objektbau. Das zeigt sowohl die bestehenden regulatorischen Hürden als auch konkrete Entwicklungspfade hin zu einer breiteren Anwendung. Gleichzeitig gilt: Wo Normen und Zulassungen geschaffen werden, kommt Bewegung in den Markt. Regulatorik ist deshalb nicht nur Hürde, sondern auch ein entscheidender Hebel für die Skalierung biobasierter Baustoffe.
Zur Person
Melissa Acker ist Gründerin von Studio Sustainable Matter und akademische Mitarbeiterin im Studiengang Innenarchitektur an der Hochschule für Technik (HFT) Stuttgart. Die Diplom-Designerin forscht zu biobasierten Baustoffen, zirkulärem Bauen und nachhaltigen Materialstrategien. Mit ihrem 2023 gegründeten Myco Lab treibt sie die Forschung zu Pilzwerkstoffen voran und engagiert sich als Autorin, Dozentin und Referentin für den Einsatz regenerativer Materialien in Architektur und Innenarchitektur.