Trendforscherin Karin Tischer erläutert, warum das Frühstück zur wichtigsten Bühne wird, wie Snacking und internationale Küchen den Markt verändern – und warum Inszenierung heute entscheidend ist.
Tophotel: Frau Tischer, Sie beobachten seit Jahren die Entwicklungen in der F&B-Branche. Welche Rolle spielen Convenience-Produkte aktuell – und haben sie sich vom reinen Effizienzwerkzeug zum Qualitätsbaustein entwickelt?
Karin Tischer: Sie spielen eine sehr große Rolle, verlangen aber Fingerspitzengefühl. Entscheidend ist die richtige Mischung aus vorbereiteten Komponenten und individuellem Kochen beziehungsweise einem inszenierten Finish. Produkte dürfen nicht nach industrieller Lösung aussehen, sondern sollten wie selbstgemacht wirken. Genau darin liegt die strategische Aufgabe. Die Zauberformel lautet, Convenience so einzusetzen, dass es nicht danach aussieht. Zudem ist der Begriff sehr dehnbar, denn es gibt zahlreiche Abstufungen zwischen niedriger und hoher Verarbeitungsstufe. Intelligent integriert, entstehen enorme Vorteile: Entlastung des Teams, gleichbleibende Qualität, bessere Planbarkeit, sichere Kalkulation und höhere Zuverlässigkeit in Stoßzeiten.
Gleichzeitig lässt sich Food Waste reduzieren, da Mengen präziser kalkuliert werden können. Damit wird Convenience zu einem wichtigen betriebswirtschaftlichen und organisatorischen Stabilitätsfaktor. Es ist also längst mehr als ein Notnagel. Richtig eingesetzt, kann es also ein echter Qualitätsbaustein sein. Voraussetzung ist, dass Gerichte nicht statisch oder austauschbar wirken. Sie brauchen Individualität und ein klares Profil. Mit frischen Komponenten, Soßen oder Toppings lässt sich eine eigene Handschrift entwickeln und damit Markenidentität.
Welche Strömungen sollten Betriebe jetzt im Blick haben?
Wir sehen drei starke Trendfelder. Erstens: Internationale Länderküchen. Asien bleibt dominant und wird noch stärker, vor allem Japan und Korea. Japan überzeugt durch Ästhetik und Klarheit, Korea durch kraftvolle Aromen. Thailand und Vietnam sind ebenfalls sehr gefragt. An Dynamik gewinnen neu die mexikanische und westafrikanische Küche, häufig in Fusion-Ansätzen. Besonders spannend ist das panasiatische Prinzip, bei dem mehrere asiatische Küchen in einem Konzept koexistieren. Gäste schätzen diese Vielfalt. Gleichzeitig bleibt die heimische Küche beliebt – Internationalität ersetzt Regionalität nicht, sie erweitert sie.
"Die Zauberformel lautet, Convenience so einzusetzen, dass es nicht danach aussieht."
Zweitens: Snacking. Die klassische Struktur aus drei Mahlzeiten löst sich zunehmend auf. Gäste essen situativer, flexibler, über den Tag verteilt – eine neue Esskultur. Es geht nicht nur um einen Riegel an der Rezeption, sondern um verschiedene Bedürfnisse – von Genuss und Belohnung bis hin zu schneller, funktionaler Energie. Gerade für Hotels entstehen hier zusätzliche Umsatzpotenziale.
Drittens: Die sogenannten Charaktergeber. Toppings, Crunch-Elemente, Gewürze, Kräuter und Soßen. Sie geben Gerichten Tiefe und Eigenständigkeit. Speisen dürfen heute würziger, mutiger und charakterstärker sein. Genau darüber lässt sich Differenzierung erreichen.
Wo sehen Sie derzeit die größten Innovationssprünge?
Ein stark wachsender Bereich ist No- und Low-Alcohol. Die Qualität alkoholfreier Aperitifs, Cocktails und Drinks hat deutlich zugelegt. Das eröffnet neue Chancen für die Hotelbar. Im Snackbereich sehen wir Proteinriegel, gefriergetrocknete Früchte, Smoothies, Shots und Produkte mit funktionalem Zusatznutzen. Gäste wünschen sich schnelle Energie, aber mit Gesundheitsanspruch. Gleichzeitig gewinnen automatisierte Lösungen an Bedeutung – also Angebote für Zeiten außerhalb klassischer Küchenzeiten. Für späte Anreisen oder 24/7-Konzepte sind das sehr interessante Modelle.
Boomt Functional Food oder wächst die Skepsis gegenüber stark verarbeiteten Produkten?
High-Protein- und Plant-based-Produkte sind klar sichtbar und gut kommunizierbar. Auf Messen zeigt sich, wie stark Snacks inzwischen mit Zusatznutzen versehen werden. Gleichzeitig beobachten wir einen Gegentrend. Manche Gäste bevorzugen wieder natürliche, reduzierte Zutatenlisten und hinterfragen stark verarbeitete Produkte kritisch. Jeder Trend erzeugt einen Gegentrend. Clean Label und Transparenz gewinnen an Bedeutung. Im Hotelumfeld wird zwar nicht jedes Detail hinterfragt, aber das Bewusstsein wächst, zum Beispiel beim Frühstücksbuffet. Betriebe sollten daher vorbereitet sein und diese Themen glaubwürdig bearbeiten.
Über Karin Tischer
Die international anerkannte Trendforscherin ist Geschäftsführerin des Forschungs- und Entwicklungsinstituts Food & More in Kaarst. Seit 29 Jahren entwickelt sie mit ihrem Team Konzepte, Innovationen und Rezepturen für Kunden aus Industrie, Handel und dem Außer-Haus-Markt. Jährlich erarbeitet die Food-Expertin in Zusammenarbeit mit der Messe Hamburg die Trendanalyse „Internorga FoodZoom“. Beim Trendforum „Pink Cube“ auf der Internorga präsentiert Tischer zudem Trendvorträge, Expertentalks und Innovationsimpulse.
Wo sehen Sie das größte Einsatzpotenzial?
Ganz klar beim Frühstück. Es ist die planbarste Mahlzeit im Hotel, und Lunch und Dinner finden häufig außerhalb statt. Gerade deshalb ist das Frühstück die wichtigste Bühne für Convenience in hoher Qualität – und bietet das größte Potenzial für Differenzierung und Umsatz. Darüber hinaus wächst die Bedeutung von Snacking über den Tag hinweg – kleine Genussmomente oder flexible Lösungen zwischendurch. Hier entstehen neue Touchpoints zwischen Hotel und Gast.
Welche Produktkategorien eignen sich besonders für eine Premium-Positionierung?
Grundsätzlich jede, wenn sie stimmig inszeniert ist. Besonders wirkungsvoll sind Angebote im Bereich Genuss und Belohnung, sei es nach einem stressigen Business-Tag oder bei besonderen Hotelaufenthalten. Entscheidend sind emotionale Präsentation, visuelle Attraktivität und Erlebnisqualität. Reine Sättigung reicht heute nicht mehr aus.
Verändert der Fachkräftemangel die Innovationsbereitschaft der Branche?
Ja, deutlich. Vorgefertigte Komponenten, Digitalisierung, KI, Robotik und automatisierte Angebote entwickeln sich parallel weiter. Viele Innovationen entstehen aus dem Wunsch nach Entlastung. Gleichzeitig braucht es Mut zur Umsetzung. Wer nur defensiv reagiert, verschenkt Chancen.
Was ist jetzt am wichtigsten?
Internationale Einflüsse gezielt integrieren, Snacking strategisch angehen und Emotionalisierung ernst nehmen – darauf kommt es jetzt an. Authentizität, Storytelling, Inszenierung und eine klare Haltung sind entscheidend.