Bisweilen braucht es Geduld, bis sich eine zweite Chance ergibt. Hotelier Niko Boesen liebäugelte schon lange mit der Villa Keller. Doch Baugeschichte und Denkmalschutz verlangten dem Projekt einiges ab.
Manchmal muss man einfach etwas länger warten, um an sein Ziel zu kommen. Hotelier Niko Boesen hatte die historische Villa Keller am Ufer der Saar schon lange im Blick. In der Region um Saarburg führt er bereits das Erasmus Hotel und die Erasmus Lodge in Trassem. Was ihm noch fehlte, war ein kleines Boutiquehotel mit Fine Dining – ein Haus mit Charakter und gehobener Gastronomie, zugeschnitten auf eine anspruchsvolle Gästeklientel.
2023 schien der Traum zu platzen: Ein anderer Interessent erhielt den Zuschlag für das frühklassizistische Gebäude aus dem Jahr 1801. Boesen legte seine Pläne zurück in die Schublade. Doch anderthalb Jahre später ergab sich eine neue Chance. Der Pächter gab auf und die Gespräche mit der Stadt begannen erneut. Allerdings zeigte sich schnell, dass erhebliche Investitionen in die Villa erforderlich waren. Die Stadt wollte nicht weiter in das Pachtobjekt investieren und entschied sich für den Verkauf. Das spielte Niko Boesen in die Karten: Im September 2024 nahm der Hotelier Platz beim Notar, der Weg für ein neues Kapitel war frei.
Wenn Baugeschichte und Behörden den Zeitplan bestimmen
Für den Umbau und die Neugestaltung der historischen Villa holte Boesen das Trierer Büro Tibo ins Boot. Architektin Britta Tibo und Innenarchitektin Carolin Kebig hatten unter anderem das La Maison in Saarlouis und den Spa-Bereich der Seezeitlodge am Bostalsee gestaltet. „Mir war wichtig, ein regionales Büro an der Seite zu haben, das schnell auf der Baustelle sein kann“, sagt Boesen. „Außerdem brachte Britta Tibo viel Erfahrung in der Hotellerie mit – und die Chemie stimmte sofort.
Die Villa wurde ursprünglich als Wohnhaus der Familie Keller errichtet, später als Gerberei- und Weingutsanwesen genutzt. Das Ensemble besteht aus dem Haupthaus mit Restaurant und Zimmern sowie einem gegenüberliegenden Wirtshaus mit Biergarten, das einst die Stallungen beherbergte. 1998 wurde die Anlage erstmals zum Hotel umgebaut. Grundrissänderungen waren daher nicht erforderlich.
Die Sanierung startete mit der Küche. Drei Monate lang wurde entkernt und modernisiert. Auch das Wirtshaus erhielt eine neue Küche, während im Gastraum lediglich behutsame Eingriffe genügten. Im März 2025 war das Wirtshaus fertig. In der Villa lief parallel dazu der Rückbau, bis kurz vor Beginn der Malerarbeiten ein Baustopp verhängt wurde. Zunächst hatte es geheißen, Baupläne existierten nicht mehr. Dann tauchte im Archiv ein Ordner mit 130 Seiten auf. Die Unterlagen mussten geprüft werden, und die Baustelle stand drei Monate lang still. Am Ende stand fest: Aus den alten Plänen ergaben sich keine zusätzlichen Auflagen.
Ärgerlicher wurde es beim Dach. Wie geplant ließ Boesen es neu mit Schiefer eindecken. Doch das Amt forderte zusätzlich eingekehrte Giebel – eine Lösung, die aufgrund der baulichen Gegebenheiten eigentlich nicht vorgesehen war. Entgegen der Empfehlung der Dachdecker wurde die Vorgabe umgesetzt. Doch das Ergebnis überzeugte das Amt nicht: „Also haben wir es wieder zurückgebaut und es so realisiert wie ursprünglich geplant“, so Niko Boesen. „Das hat uns natürlich viel Zeit und Geld gekostet.“
„Das Gebäude sollte kein Heimatmuseum und kein verstaubtes Schmuckkästchen werden.“
Britta Tibo, Architektin
Im Inneren verliefen die Arbeiten dagegen reibungslos. „Beim Entkernen haben wir feuchte Stellen und kleinere Undichtigkeiten entdeckt, aber die Grundsubstanz war absolut in Ordnung.“ Ziel war es, den historischen Charakter freizulegen und zeitgemäß weiterzuführen. „Wir wollten die denkmalgeschützte Villa wachküssen und neu beleben“, beschreibt Architektin Britta Tibo die Bauaufgabe. „Das Gebäude sollte kein Heimatmuseum und auch kein verstaubtes Schmuckkästchen werden.“
Farbdramaturgie als bewusster Faktor im Marketingkonzept
Nahezu alle Böden und Türen aus dem Jahr 1801 blieben in der Villa Keller erhalten und wurden aufgearbeitet. Nur im Restaurant entschied sich der Bauherr aus akustischen Gründen für einen Teppich von Ege Carpets. Stuckdecken, Holzbalken und zwei restaurierte Kaminöfen in Weiß und Grün prägen heute das Ambiente. Farblich dominieren warme Rotnuancen. „Wir arbeiten im Marketing mit Limbic Maps und dem Hedonismusfaktor“, erläutert Boesen. „Orange und Rot sprechen unsere Zielgruppe gezielt an.“
Ergänzt wird das Konzept durch einen Blauton, der sich im ganzen Haus wiederholt – etwa im Eingangsbereich bei den alten Fliesen von Villeroy & Boch.
Insgesamt umfasst die Villa zwei Etagen mit elf individuell gestalteten Zimmern und Suiten. In der ersten Etage sorgen hohe Decken, Stuck und historische Holzböden für Altbau-Charme. Die Zimmer sind alle ähnlich konzipiert, wirken durch die unterschiedlichen Böden jedoch individuell. Blickfang ist unbestritten das Bett, das wie eine kleine Bühne mit Vorhang inszeniert wurde. Die Idee dahinter ist pragmatisch: Da die originalen Türen nur begrenzt Schallschutz bieten, sorgen schwere Vorhänge und eine Filz-Akustikdecke für Ruhe. Fototapeten und weiche Teppiche ergänzen das Bild. Die alten Kachelöfen – aus Brandschutzgründen außer Betrieb – und aufgearbeitete Einbauschränke bewahren den historischen Charme der Villa. In der 1998 ausgebauten zweiten Etage wirken die Räume hingegen moderner und orientieren sich am Stil klassischer Hotelzimmer.
Im ganzen Haus treffen Möbel von Dome Deco, Polspotten, Paul Lindberg und Musterring auf maßgefertigte Einbauten eines Saarburger Schreinerbetriebs. „Dafür hat man eine Architektin“, sagt Boesen. „Man muss sich auf ihre Ideen einlassen. Sonst sind Architekten nur Erfüllungsgehilfen.“ Das galt auch für die komplett rot gestalteten Bäder, die ihm zunächst gewagt erschienen. Heute gehören sie zu den markantesten Gestaltungsmerkmalen des Hotels.
Steckbrief Villa Keller
- Eröffnet: November 2025
- Inhaber/Bauherr: Villa Keller Immobilien Gmbh – Niko Boesen
- General Manager: Niko Boesen
- Betreiber: Erasmus Hotel Betriebs GmbH
- Marke: Erasmus Hotels
- Betriebstyp: Boutique Hotel mit Gastronomie
- Gesamtfläche (innen/außen): inklusive aller Gastroflächen und Biergarten 7.000 m²
- Planungszeit: August 2024 bis Mai 2025
- Bauzeit: Januar 2025 bis November 2025
- Investition: 3,5 Millionen Euro
- (Innen-)Architektinnen: Britta Tibo und Carolin Kebig, Tibo Architektur, Trier
- Schreiner: Schreiner Meier GmbH, Saarburg
- Zimmerzahl: 11
- Preise: DZ inkl. Frühstück 200-450 Euro
- Ausstatter: u.a. Dome Deco, Polspotten, Paul Lindberg, Musterring, FBF, Ege Carpet, Scarabeo, Geberit, Dornbracht, Hüppe
Drei Häuser, drei Zielgruppen – eine Gastgeberfamilie
Während der Bauherr der Architektin bei der Zimmergestaltung freie Hand ließ, hatte er für das Restaurant „Dopamin Fine Dining“ ganz konkrete Vorstellungen. Der Raum folgt dabei einer durchdachten Guest Journey: vorn die Lounge für den Aperitif, dahinter der Restaurantbereich. Herzstück ist der „Chef’s Table“ – eine Art Thekentisch, an dem serviert, aber bewusst nicht gekocht wird. „Wir wollten keine Showküche. Die Gäste sollen Zeit fürs Essen und für Gespräche haben“, so Boesen. Während die erste Entwurfsfassung der Architekten einen Tresen aus Edelstahl vorsah, entschied sich Boesen für Holz. Es bringt Wärme in den Raum und nimmt ihm die Kühle. Über dem Tisch schwebt ein filigraner Kettenvorhang von Kriskadecor, der zusätzlich für Atmosphäre sorgt.
Eine Fußbodenheizung ließ sich in der Villa wegen der historischen Holzböden nicht realisieren. Dank des neuen Dachs konnte der Hotelier die Dämmung des Gebäudes etwas verbessern. Am Energieträger Ferngas hielt Niko Boesen fest. Wegen der baulichen Verzögerungen eröffnete die Villa Keller erst im November statt zur Hauptsaison im Sommer. Doch die Nachfrage steige stetig. Die Übernachtungspreise beginnen bei
180 Euro im Comfort Zimmer und bei 280 Euro für zwei Personen in der Suite, jeweils mit Frühstück.
Familie Boesen ist seit mehr als 30 Jahren in der Region verwurzelt. Jedes Haus der Erasmus Collection habe dabei sein eigenes Profil und seine eigene Zielgruppe. Das Erasmus Hotel in Trassem richtet sich mit Suiten und Wellnessbereich primär an Paare. Die Erasmus Lodge ist mit ihren Ferienwohnungen auf Familien zugeschnitten. Die Villa Keller ergänzt das Trio nun um eine neue Facette: Hier logieren vor allem kultur- und architekturaffine Reisende – und nicht selten Menschen, die selbst einen Altbau sanieren. „Viele holen sich bei uns Inspiration“, sagt Boesen. „Ein schöneres Kompliment kann es nicht geben.“
>> Der Beitrag ist in der Tophotel Ausgabe 3-4/2026 erschienen.
