Nähe statt Anonymität, Charakter statt Standardraster: Mit The Companion Vienna hat ein Hotel am Wiener Westbahnhof geöffnet, das sich als Gegenentwurf zum klassischen Stadthotel versteht.
138 Zimmer, ein mediterranes Restaurant, eine Bar mit Mythologie-Bezug – und der Anspruch, kein gewöhnliches Stadthotel zu sein: Am Wiener Westbahnhof hat The Companion Vienna eröffnet. Hinter dem Projekt stehen vier Gründer: Kai Hollmann, Florian Kollenz, Christian Lainer und Michael Todt. Das Quartett ist in der Wiener Hospitality-Szene kein unbeschriebenes Blatt – zu ihren bisherigen Projekten zählen unter anderem die Superbude Wien und das „Neni am Prater". Mit The Companion Vienna wollten sie einen Gegenentwurf zu anonymen Hotelkonzepten schaffen. Gäste sollen nicht als Touristen gedacht werden, sondern als Teil des umliegenden Viertels zwischen Mariahilf, Neubau und Rudolfsheim-Fünfhaus.
Patina statt Perfektion
Für das Interior Design zeichnet das Berliner Büro We Studio unter der Leitung von Piotr Wiśniewski verantwortlich. Die gestalterische Leitidee ist laut den Betreibern ein Dialog zwischen historischer Substanz und zeitgenössischer Klarheit, inspiriert von den Prinzipien der Wiener Werkstätte. Originale, von der Zeit gezeichnete Säulen stehen neben schwarz lackierten Metallträgern, freiliegende Strukturen treffen auf polierten Marmor. Alte Stuckdecken mit sichtbarer Patina wurden nicht kaschiert, sondern bewusst ins Gesamtbild eingebunden.
Das Haus folgt dabei dem Anspruch eines „Gesamtkunstwerks“. Regale aus glänzendem Bubinga-Furnier rahmen den Kamin in der Lobby, Terrazzo-Böden knüpfen an die Wiener Materialgeschichte an, maßgefertigte Leuchten greifen geometrische Strukturen auf. Lobby und Bar wurden als eine Art Nachbarschaftssalon konzipiert – offen für Gäste und Anrainer gleichermaßen.
Ein durchgängiges Gestaltungselement verbindet sämtliche Räume: eine horizontale schwarze Wandleiste, angelehnt an traditionelles Wiener Design. Sie führt Gäste subtil durch das Gebäude und verleiht dem Interior eine stringente Linie. Die Macher sprechen von einer „Choreografie der Gegensätze" – Tradition und Moderne, Präzision und Verspieltheit, Zurückhaltung und Ausgelassenheit.
Sechs Zimmerkategorien, geformt vom Bestandsbau
Die 138 Zimmer verteilen sich auf sechs Kategorien: Solo, Poet, Muse, The Balcony, Roomies und Nest. Statt standardisierter Hotelraster orientieren sich die Grundrisse an der Geometrie des bestehenden Gebäudes. Horizontale Wandteilungen sollen die Raumproportionen optisch ausgleichen, unterschiedliche Farbwelten die einzelnen Kategorien voneinander abgrenzen.
Zur Ausstattung gehören Naturstein in den Bädern, Vollholzparkett und übergroße Handtücher. Die größte Einheit, die Velvet Suite, erstreckt sich über 45 Quadratmeter auf zwei Ebenen und verfügt über ein vollverglastes Panoramafenster mit Blick auf die Mariahilfer Straße. Die klassische Minibar wurde neu interpretiert: Statt Standardsortiment soll eine kuratierte Auswahl den Gedanken persönlicher Gastfreundschaft weitertragen.
Mediterrane Küche im Boca, Odysseus in der Calypso
Kulinarisch schlägt The Companion mit dem Restaurant „Boca“ mediterrane Töne an. Entwickelt wurde das Konzept von Lauryn Therin, die zuvor unter anderem bei Ottolenghi und Neni tätig war. Als Inspirationsquellen nennt sie die Märkte und Familienküchen in London, Paris, Barcelona und San Sebastián.
Die Gestaltung in der Bar „Calypso“ setzt auf gedimmtes Licht, roten Marmor und Samtoberflächen. Das Getränkekonzept nimmt Bezug auf die griechische Mythologie: Die Drinks sollen die Gäste auf die Irrfahrten des Odysseus mitnehmen – bis hin zur Insel der Nymphe Calypso, die dem Lokal seinen Namen gibt. red/sar