Althoff verwandelte die ehemalige Villa Kennedy in Frankfurt in das vielschichtige Stadthotel The Florentin by Althoff Collection. Historische Bausubstanz und ein neuer Trakt aus den Nullerjahren wurden von zwei internationalen Designstudios zu einem stimmigen Ensemble verbunden.
Es war ein Angebot, das er nicht ablehnen konnte – ein Satz, den man oft hört. In diesem Fall trifft er jedoch tatsächlich zu. Nach fünf Jahren in London hatte Boris Messmer ein Hotel an der Côte d’Azur nahe Monaco eröffnet. „Es ist eine wunderschöne Region“, sagt er, „aber wenn man Anfang 40 ist, wünscht man sich ein urbaneres Leben – vor allem im Winter.“
Der Anruf einer Headhunterin, die er noch aus seiner Londoner Zeit kannte, kam daher genau zur rechten Zeit. Die familiengeführte Kölner Althoff-Gruppe suchte für die Wiedereröffnung der ehemaligen Villa Kennedy in Frankfurt einen General Manager, der Deutsch spricht und zugleich über internationale Hotellerie-Erfahrung verfügt. „Das passte sofort – menschlich wie fachlich. Und auch die Stadt hat mich auf Anhieb begeistert“, sagt Messmer. „Frankfurt ist durch seine Bankenszene kosmopolitisch und kulturell überraschend vielfältig.“
Als der General Manager das Hotelensemble im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen zum ersten Mal betrat, erkannte er sofort das Potenzial seiner neuen Wirkungsstätte. Die historische Villa, 1901 von der jüdischen Bankiersfamilie Speyer erbaut, war behutsam freigelegt worden, ihre gotischen und Renaissance-Elemente – Stuckdetails, hohe Fenster, geschwungene Treppen – erhalten geblieben. Der angrenzende Gebäudetrakt aus den 2000er-Jahren hingegen war vollständig entkernt und wartete auf seine Neudefinition.
Hotelensemble neu gedacht
Althoff hatte für das Großprojekt gleich zwei internationale Designstudios an Bord geholt. Atelier Zürich verantwortete die Neuinterpretation der historischen Villa und entwickelte zudem das Interior-Konzept für das Destination-Restaurant „The Dune“. Unscripted Design aus Singapur gestaltete die neun Signature-Suiten in der Villa, die 138 Zimmer im Neubau sowie den Großteil der öffentlichen Bereiche. Das ursprüngliche Hotelensemble wurde komplett neu gedacht, frühere Funktionsbereiche aufgebrochen.
„Die Leitidee war, dass die Villa nicht länger der Hoteleingang sein sollte“, erläutert Messmer. Während sich in der denkmalgeschützten Villa früher Rezeption und Concierge-Tresen befanden, ist sie heute ausschließlich Gästen der neun Signature-Suiten vorbehalten. Der frühere Eingang an der Kennedyallee wurde an die Paul-Ehrlich-Straße verlegt. „Die Villa sollte wieder eine Villa sein. Um das zu erreichen, musste sie allein und exklusiv stehen.“
Ganz oben, im vierten Stock, liegt die Royal Suite mit 322 Quadratmetern und drei Schlafzimmern. Die übrigen Suiten tragen Namen, die auf die Berufe früherer Gäste anspielen – etwa „The Poet“, „The Composer“ oder „The Explorer“. Auch für Events kann die Villa gemietet werden.
Hier Denkmal, dort Design
Warum zwei Architekturbüros involviert wurden, erklärt Boris Messmer mit den unterschiedlichen Anforderungen von Alt- und Neubau. „Die Villa ist denkmalgeschützt, man kann sich hier gestalterisch nicht völlig frei bewegen.“ Atelier Zürich habe es verstanden, Alt und Neu souverän zu verbinden. Im Eingangsbereich treffen Rattanmöbel als Reminiszenz an die Jahrhundertwende auf mutig gemusterte Tapeten, Art-déco-Möbel und dunkle Holzverkleidungen an Decken und Wänden. Dieses Zusammenspiel setzt sich im sogenannten Frauenzimmer und im Wintergarten fort: Tapeten mit Frauenporträts im Stil der 1920er-Jahre, Polstersessel mit Fransen, organisch geformte Samtsofas, opulente Glaslüster und Rattan-Stehlampen. Kein Raum gleicht dem anderen.
Der sich direkt an die Villa anschließende Gebäudetrakt wurde bis auf die Grundmauern entkernt – hier hatten die Designer, so Messmer, „Carte blanche“. In diesem Teil befinden sich die „Florentin Bar“, das Destination-Restaurant „The Dune“ unter der Leitung von Küchenchef Niclas Nußbaumer, das All-Day-Dining-Restaurant „The Garden“, eine Bibliothek, ein Ballsaal für bis zu 130 Personen sowie mehrere Empfangsräume.
Herzstück des Hauses ist der begrünte „Garden Courtyard“, der Lobby, Aufenthaltsbereiche und Gastronomie verbindet. Den Gästen steht zudem ein großzügiger Wellnessbereich zur Verfügung: „The Spa“ umfasst fünf Behandlungsräume, einen 14 Meter langen Indoorpool, Saunen sowie einen Spa-Garten. Die Wellbeing-Konzepte entstehen unter anderem in Kooperation mit Barbara Sturm.
Betritt man das neukonzipierte Hotel, wirkt es, als tauche man in einen dunklen Kokon ein, der sich dem Gast erst nach und nach erschließt. Zunächst führt der Weg direkt zur Rezeption, dann geht es links in Richtung Palmengang. Schritt für Schritt öffnet sich das Haus und gibt den Blick auf den begrünten Innenhof frei. Zahlreiche Durchbrüche verstärken den Bezug zum Innenhof. „Im Grunde ist es wie bei einem alten italienischen Stadthaus“, sagt Messmer. „Von außen ahnt man nicht, wie groß es innen ist. Das Leben spielt sich im Inneren ab – in der Mitte ist das blühende Leben. Ganz im Sinne des Namens Florentin.“
Auch wenn im Winter kaum etwas blüht, lässt sich die Schönheit des Innenhofs bereits erahnen. Alter Baumbestand mit Platanen, Hecken und Eiben prägt das Bild, in der Mitte steht eine amerikanische Eiche. Gramenz Gartenbau hat das gesamte Areal im Sinne der Biodiversität neugestaltet.
Steckbrief The Florentin
- Eröffnung: Dezember 2025
- General Manager: Boris Messmer
- Bauzeit: 3,5 Jahre
- Baumaßnahmen: Komplette Entkernung und Innenausbau (neuerer Teil), Sanierung (Villa Kennedy)
- Innen-/Architektur: Unscripted Design, Singapur, und Atelier Zürich
- Zimmerausbau: Feuring, Kirchheim unter Teck
- Lichtkonzept: Licht Kunst Licht
- Zimmer: 147 Zimmer und Suiten
- BGF: 26.400 Quadratmeter
- F&B-Angebot: The Dune, The Garden, The Florentin Bar
- Mitarbeitende: 150
- Investition: keine Angaben
- Preise: 495 bis 15.000 Euro
- Average Rate: 500 Euro (geplant)
- Hersteller: u.a. Molteni, Gerloff, Dibbern, Thonet, Vitra, Sherpa & Honsen Roperts, Robbe & Berking
Licht stützt Architektur
Eine zentrale Rolle beim Umbau spielte das Lichtkonzept, entwickelt vom Studio Licht Kunst Licht. Für jeden Bereich – Korridore, Bar, Restaurants, Aufzüge – wurde eine eigene, an das Tageslicht angepasste Lichtstimmung entwickelt. Sie soll Orientierung geben, Wohlbefinden schaffen und die Gäste gut aussehen lassen. „Das Lichtkonzept war extrem anspruchsvoll“, sagt Messmer. „Daran feilen wir teilweise noch immer.“ Ziel sei es gewesen, die Räume klar erfahrbar zu machen: „Das Licht soll die Architektur unterstützen und sichtbar machen.“
Besonders herausfordernd war dies im The Dune. Hier wurden 500 Deckenleuchten installiert, die den Raum gleichmäßig ausleuchten. Die Tische sind etwas heller akzentuiert, um die Speisen zu inszenieren, während die Gäste bewusst zurückhaltender beleuchtet werden.
Althoff bringe eine starke operative Expertise mit, vertraue bei gestalterischen Fragen jedoch konsequent den Architekturbüros. Großen Wert legten die Bauherren auf hochwertige Materialien und Möbel. „Die Gäste sollen den Luxus spüren – nicht protzig ‚in the face‘, sondern dezent. Menschen mit Qualitätsbewusstsein merken über die Haptik, wie hochwertig das Interior ist“, so Messmer. Oder wie Althoff-CEO Frank Marrenbach es bei der Eröffnung formulierte: „Es ist ein Luxus, der leise flüstert und nicht laut hinausschreit.“
Ein Haus für Weltenbürger
Im Haus finden sich Möbel des italienischen Herstellers Molteni, ergänzt durch Stücke von Mebloform und Parla. Viel verbaut wurden gebranntes Kastanienholz aus Südeuropa und italienischer Travertin. Der Marmor in den Bädern der Suiten stammt aus Portugal, der markante dunkle Stein an der Bar aus Norwegen. „Wir wollten bewusst mit europäischen Herstellern arbeiten“, sagt Messmer. Viele Möbel wurden individuell nach Entwürfen von Unscripted gefertigt, ergänzt durch Klassiker wie den Eames Chair von Vitra oder Stühle von Thonet.
Größere Probleme während der Bauphase habe es nicht gegeben. „Brandschutz ist in Bestandsgebäuden immer ein Thema, hier hielt sich das aber im Rahmen“, so Boris Messmer. Hilfreich sei gewesen, dass der Neubautrakt bis auf den Rohbau zurückgeführt wurde und bereits über eine Sprinkleranlage verfügte. Auch die Zusammenarbeit mit der Frankfurter Denkmalschutzbehörde beschreibt der General Manager als konstruktiv: „Die Stadt ist froh, dass das Haus wieder belebt wurde.“ Im Zuge des Umbaus wurde die gesamte Gebäudetechnik modernisiert. Beheizt und gekühlt wird über ein VRF-System, die entsprechenden Geräte befinden sich auf dem Dach des Hotels. Boris Messmer versteht das The Florentin als „Urban Retreat“, einen Rückzugsort in der Großstadt. Nach der Zielgruppe gefragt, spricht der General Manager von „Weltenbürgern“: Menschen mit offenem Blick auf Europa, die sich nicht über ihren Wohlstand definieren.
Eine neue Preisstruktur
Die Preise sind dennoch ambitioniert. Eine Nacht im The Florentin kostet ab 495 Euro, die Royal Suite liegt zwischen 12.000 und 15.000 Euro. Für 2026 ist eine Auslastung von 60 Prozent geplant, die Average Room Rate soll sich bei rund 500 Euro einpendeln. „Das mag für Frankfurt ambitioniert sein“, räumt Messmer ein, doch er ist überzeugt, dass es der Hotellerie in Deutschland gelingen muss, eine neue Preisstruktur zu etablieren.
>> Der Beitrag ist in der Tophotel Ausgabe 1-2 erschienen
