Hotelreportage Noxx Hotel: Vom Gleisareal zum Design-Hotspot

In den öffentlichen Bereichen des Hotels Noxx wurden Betonstützen wirkungsvoll in Szene gesetzt.
In den öffentlichen Bereichen des Hotels Noxx wurden Betonstützen wirkungsvoll in Szene gesetzt. © Steve Herud

Mit dem Lokschuppen und dem Noxx Hotel hat Marburg ein spannendes Quartier für Architektur und Gastlichkeit erhalten. Das Konzept stammt von Gunter Schneider, das Interior Design von Studio Aberja.

Einst wurden hier Lokomotiven gewartet und repariert: Der 1830 erbaute Marburger Lokschuppen war Teil eines Bahnbetriebswerks und mehr als ein Jahrhundert lang ein wichtiger Knotenpunkt zwischen Kassel und Frankfurt.1989 legte die Bahn das Gelände still, die Gebäude standen leer und verfielen. Erst 2017 brachte eine Ausschreibung der gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft (Gewobau) die Wende: Für Unternehmer und Investor Gunter Schneider war es der Startschuss, das brachliegende Areal neu zu beleben.

Schwarz wie die Nacht

Drei Jahre später öffnete der renovierte Lokschuppen als Event- und Gastronomie-Location. 2024 folgte das Noxx Hotel, das in der ehemaligen Werkstatt des Bahnbetriebswerks entstand. Als Teil des Lifestyle-Areals steht das Noxx für die Transformation eines Industriedenkmals in ein lebendiges Zentrum für Genuss, Begegnung, Arbeit und Erholung.

Dabei bewahrt es Zeichen der Vergangenheit: Die ab dem ersten Obergeschoss schwarze Hotelfassade ist mit dunklen Stahlplatten verkleidet. Kombiniert mit schwarzen Photovoltaik-Elementen, ist diese Optik eine Anspielung auf die historischen schwarzen Dampflokomotiven. Zudem wurde die Farbe zur Inspiration für den Hotelnamen:  Noxx lehnt sich an das lateinische Wort „nox“ an, das Nacht bedeutet.

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    Die dunklen Stahlplatten der Hotelfassade wurden mit schwarzen PV-Elementen kombiniert. Die Optik ist ein Verweis auf historische Dampflokomotiven.
    © Steve Herud
    Die dunklen Stahlplatten der Hotelfassade wurden mit schwarzen PV-Elementen kombiniert. Die Optik ist ein Verweis auf historische Dampflokomotiven.
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    In den öffentlichen Bereichen wurden Betonstützen wirkungsvoll in Szene gesetzt.
    © Steve Herud
    In den öffentlichen Bereichen wurden Betonstützen wirkungsvoll in Szene gesetzt.
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    Das Hotel hat insgesamt 82 Zimmer, die alle unterschiedlich geschnitten sind. Für eine einheitliche Optik entwickelten die Designer modulare Einbaumöbel.
    © Steve Herud
    Das Hotel hat insgesamt 82 Zimmer, die alle unterschiedlich geschnitten sind. Für eine einheitliche Optik entwickelten die Designer modulare Einbaumöbel.
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    Ungewöhnliches Detail: Die Fliesen in den Bädern wurden in knalligem Rot verfugt.
    © Steve Herud
    Ungewöhnliches Detail: Die Fliesen in den Bädern wurden in knalligem Rot verfugt.
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    In den öffentlichen Bereichen wurden Betonstützen wirkungsvoll in Szene gesetzt.
    © Steve Herud
    In den öffentlichen Bereichen wurden Betonstützen wirkungsvoll in Szene gesetzt.
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    Blickfang vor dem Lokschuppen: das Wasserbecken auf der Drehscheibe.
    © Steve Herud
    Blickfang vor dem Lokschuppen: das Wasserbecken auf der Drehscheibe.

Vorhandenes verwenden

Mittelpunkt des Hotels ist das historische Erdgeschoss, dessen Instandsetzung für Gunter Schneider und sein Architektur-Team einen wahren Kraftakt bedeutete. „Im Grunde standen hier nur noch ein paar Ziegelmauern, außerdem war das Gelände kontaminiert“, berichtet Schneider. Entmutigen ließ sich der Unternehmer davon nicht. Denn er hat langjährige Erfahrung im Bauen und Entwickeln, obwohl er eigentlich im Optikmaschinenbau tätig ist; das 1986 von ihm gegründete Familienunternehmen Schneider Optical Machines gehört heute zu den Weltmarktführern seiner Branche.

Bei der Renovierung des Hotels wollte Schneider die alte Werkstatt möglichst originalgetreu wiederherstellen. Dafür mussten die Originalziegel gereinigt und fehlende Elemente durch passende Steine ergänzt werden. „Ich habe in Ostdeutschland ein Unternehmen gefunden, das diese Arbeiten perfekt umgesetzt hat“, so Schneider. Der Grundriss des historischen Gebäudes konnte komplett nachgebildet werden. Da die Statik des eingeschossigen Backsteinbaus für einen Überbau nicht geeignet war, setzte das Architekten-Team sechs moderne Geschosse auf insgesamt 24 Säulen, die nun über dem historischen Erdgeschoss schweben.

Kopfzerbrechen bereitete den Architekten die Integration von zwei Personenaufzügen in das Gebäude. „Wir hätten sie gern nebeneinander platziert“, sagt Schneider. „Aber dies wäre nach Ansicht des Denkmalschutzes ein zu weitreichender Eingriff in die Gebäudestruktur gewesen. Zudem musste mindestens ein Aufzug groß genug für den Transport einer liegenden Person sein. Der Kompromiss bestand darin, die Aufzüge im rechten Winkel zueinander anzuordnen.“

Begegnung von alt und neu

In der Ausschreibung für das Interior Design konnte sich 2021 das Studio Aberja aus Frankfurt durchsetzen. „Wir suchten nach einem kreativen Innenarchitekten-Team mit Hotelerfahrung und Flexibilität“, sagt Schneider, der vom Ergebnis der Zusammenarbeit begeistert ist. Denn die Innenräume setzen die Kombination aus historischer Identität und moderner Leichtigkeit fort. „Der Geist des Ortes, also der alte Lokschuppen mit seiner rauen, industriellen Vergangenheit, war für unsere Gestaltung der Ausgangspunkt“, erläutert Robin Heather von Studio Aberja. „Uns hat besonders fasziniert, wie viel technische Geschichte in dem Areal steckt – genau das wollten wir sichtbar machen. Statt alles zu glätten, haben wir die Struktur aufgenommen: Stützen zeigen, statt sie zu verstecken.“

Vor historischen Backsteinwänden befinden sich heute frei stehende Betonstützen; sie wurden bewusst sichtbar gelassen und wirkungsvoll in Szene gesetzt. Das Zusammenspiel von Alt und Neu, von rohen Stahlelementen, Beton und Möblierung, zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Hotel. „Das Projekt lebt von der Verbindung von Vergangenheit und Zukunft, Technik und Atmosphäre, Bauherr und Planer“, sagt Liza Rüger, die das Projekt mit Robin Heather umgesetzt hat.

In der Lobby mit Frühstücksbereich, die ebenso wie die Rezeption und zwei Tagungsräume mit Foyer im Erdgeschoss liegen, wurden die zahlreichen Rundstützen durch Sitzbänke, Tische, Regale und raumfüllende Leuchten in die Einrichtung integriert. Dennoch wirken sie wie große Skulpturen im Raum. Zudem prägen authentische Materialien wie Ziegel, Schwarzstahl, Metallgitter, satinierter Edelstahl und strukturierte Stoffe die Räume des Hotels.

„Am Anfang standen nur einige Ziegelmauern.“

Gunter Schneider, Bauherr & Investor

Individuelle Einrichtung

Insgesamt bietet das Noxx 82 Zimmer unterschiedlicher Kategorien, darunter auch einige mit Kitchenette für Langzeitgäste. Die größte Herausforderung bei der Gestaltung der Innenräume lag in den stark variierenden Grundrissen. „Kein Zimmer einer Etage gleicht dem anderen“, erläutert Cluster General Manager Nils Führlinger bei der Besichtigung vor Ort. Um dennoch eine stimmige Einheit zu schaffen, entwickelten die Interior Designer modulare Einbaumöbel, die flexibel an die verschiedenen Raumformen angepasst werden können, ohne allzu standardisiert zu wirken. Fast alle Möbel wurden für das Hotel entworfen – von den Bettgestellen über Esstische und Regale bis hin zu den Einbauschränken. Selbst die Leuchten sind eigene Entwürfe.

Indem das Mauerwerk als Korpus für die Schränke vorgesehen wurde, entstand für die Baufirmen eine komplexe Aufgabe: „Schon zum Zeitpunkt der Rohbaumaßnahmen mussten die Aussparungen für die späteren Schränke präzise vorgesehen werden, um deren späteren Einbau bündig und mit gleicher Fugenbreite zu ermöglichen,“ erläutert Bauherr Schneider. Die Optik der Stützen wiederholt sich in den Zimmern im Design von Möbeln.

In den Bädern fallen vor allem die markanten runden Waschbecken aus Schwarzstahl auf, die vom Dampfkessel einer Lok inspiriert sind. „Wir wollten Technik auf poetische Weise sichtbar machen. Vieles entspringt der industriellen Logik, wird aber durch Materialität und Licht neu interpretiert“, erläutert Heather. In dem Sinne wurde auch eine Grafikserie gestaltet: historische Zeichnungen von Maschinen, die neu zusammengesetzt eigenständige Objekte werden, schmücken die Wände des Hotels.

Ein Thron für Influencer

Im ersten Obergeschoss liegt das großzügige Fitnessstudio. Außerdem befinden sich hier zwei Terrassen sowie sechs Gästezimmer. „Bei der Belüftung des Hotels arbeiten wir mit einem intelligenten Belüftungssystem, das viel Frischluft bereitstellt und gleichzeitig sehr energieeffizient arbeitet“, sagt Schneider.

Die 76 weiteren Zimmer verteilen sich über die Etagen zwei bis fünf. Das sechste Obergeschoss bietet zwei weitere Seminarräume, eine Bar und eine großzügige Rooftop-Terrasse mit Panoramablick über die mittelalterliche historische Stadt bis hin zum Landgrafenschloss. Es lässt sich über den Hotelaufzug sowie über ein großzügiges Treppenhaus erreichen, das auch als Fluchtweg für Hotel- und Rooftopgäste dient. Die komplette oberste Etage kann für geschlossene Gesellschaften gemietet werden, von der Tagung bis zur Hochzeit. Ein Hingucker auf der Dachterrasse ist der über zwei Stufen besteigbare „Influencer-Thron“, ein überdimensionaler Stuhl in Form eines Cocktail-Glases. Er ist aus Edelstahl gefertigt und avancierte mittlerweile zum beliebten Selfie-Spot in Marburg.

Steckbrief Noxx Hotel

  • Bauzeit: rund 2,5 Jahre
  • Eröffnung: Ende 2024 (finaler Abschluss des Bauprojekts Juli 2025)
  • Investor/Projektentwickler: Gunter Schneider
  • Betreiber: Schneider Hotel, Gastro & Event
  • Cluster General Manager & Hoteldirektor: Nils Führlinger
  • Operations Manager: Jasmin Ben Slimane
  • Mitarbeitende: 17 Voll- und Teilzeitkräfte plus sechs Werkstudenten
  • Kategorie: 4 Sterne
  • Zimmer und Suiten: 82, darunter eine Suite, neun Loft-Zimmer mit Küchenzeile, 72 Essentials- und Comfort-Zimmer
  • Restaurants: Frühstücksraum, Restaurant „Passiopetua“ und „Innocou Coffee & Bar“ im angrenzenden Lokschuppen
  • Sonstiges: vier Tagungsräume, Rooftop-Bar
  • Investitionsvolumen: keine Angabe
  • Zimmergröße: ab 17 Quadratmetern
  • Architektur: Bernward Paulick, Bauhütte Volkenroda; Attacke Studios, Dresden; Architekturbüro Petra Pfau, Steffenberg
  • Innenarchitekt: Studio Aberja, Frankfurt
  • Bäder: Decor Walther (überwiegend)
  • Küchentechnik: Hardt Großküchen

Inszenierung mit Licht

Nicht allein die historische Beziehung zur Bahn, sondern auch das technische Denken und die starke Verbindung zur High-Tech-Optikindustrie des Bauherren Gunter Schneider prägen das Design des Hotels. Besonders deutlich zeigt das die Lichtinszenierung: Eine eigens entwickelte Wandleuchte findet sich an unterschiedlichen Stellen im gesamten Haus. Ihre parametrisch geformte Wellenstruktur lässt Leuchtkörper und LED-Technik so zusammenwirken, dass das Licht an die Iris eines Auges erinnert – eine subtile Hommage an das Thema Optik.

Auch beim Thema Nachhaltigkeit will das Noxx Maßstäbe setzen. Das Hotel erfüllt den Effizienzhaus-Standard 55 EE und verbraucht eigenen Angaben zufolge rund 45 Prozent weniger Energie, als der Gesetzgeber für Neubauten verlangt. Auf fossile Energien verzichtet es vollständig. Wärmepumpen, Photovoltaik, Fernwärme und verstärkter Wärmeschutz bilden das technische Fundament – gesteuert von einer intelligenten Gebäudetechnik. Diese überwacht ständig Temperatur, Belüftung und Beleuchtung und passt alle Systeme automatisch an. Zimmer werden erst aktiviert, wenn ein Gast eincheckt; beim Verlassen werden sie wieder in den Standby-Modus versetzt. „Die Steuerungslogik für Klima und Licht haben wir selbst entwickelt“, sagt Schneider. „Gebäudeautomation ist genau mein Thema.“

Wie eingangs erwähnt, hatte Schneider bereits vor dem Bau des Hotels in direkter Nachbarschaft den ehemaligen Lokschuppen revitalisiert. Die dort beheimatete, mehr als 2.000 Quadratmeter große multifunktionale Event- und Gastronomie-Location mit Co-Working-Space, Café und Showküchen-Restaurant feierte 2021 Eröffnung. Der Eventbereich Lumeos verfügt über einen großen und einen kleinen Saal, Foyer, Empore und Lodge und bietet damit Raum für maximal 1.600 Gäste. Darüber hinaus befinden sich auf dem Areal mehrere weitere Räumlichkeiten, die beispielsweise für Breakout-Sessions zum Einsatz kommen können.

Der perfekte Dreh

Im Gastronomie-Bereich ist Inhaber Schneider besonders stolz auf das Restaurant „Passiopetua“, ausgestattet mit Indoor-Holzkohlegrill und einem auffälligen pinkfarbenen Pavesi Pizzaofen, sowie auf die „Innocou Coffee & Bar“ mit eigener Kaffeeröstung. 

Serviert wird im Sommer im weitläufigen Hof des halbrunden Lokschuppens. Hier wurde der historische Mechanismus der Drehscheibe wieder instand gesetzt, über die einst die tonnenschweren Lokomotiven in den Schuppen transportiert wurden. Heute dient diese Fläche unter anderem als Drehbühne mit beleuchteter Rückwand für besondere Inszenierungen und Auftritte. Für eine besondere Atmosphäre sorgt ein mit 50.000 Litern Wasser gefülltes Becken, das sich bei Bedarf sogar mit dreht.

>> Der Beitrag ist in der Tophotel Ausgabe 10-11/2025 erschienen.