Industrietalk Gebäudetechnik: „Auf Einfachheit setzen“

The Retreat Hotel Iceland Automation
Cooles Hideaway: The Retreat Hotel Iceland setzt auf moderne Zutrittslöungen von Geze. © The Retreat Hotel Iceland

Intelligente Automation erleichtert den Hotelbetrieb – von smarter Zimmersteuerung bis Wartung. Expertin Sonja Zdiarsky von der Firma Geze zeigt, warum Planung, Schnittstellen und Interoperabilität in Neu- und Bestandsbauten entscheidend sind.

Hotel+Technik: Frau Zdiarsky, smarte Technik gewinnt für Hotels an Bedeutung. Gilt das insbesondere für automatisierte Türen, Fenster und Sicherheitssysteme?

Sonja Zdiarsky: Dies sind zentrale Stellhebel, um den Komfort zu steigern und die Energie im Gebäude effizient zu lenken. Eine gute Abstimmung gibt Gästen ein sicheres Gefühl und verwandelt das Hotel in eine Art zweites Zuhause. Gleichzeitig soll die Gästereise durch das Gebäude möglichst barrierefrei sein: Türen öffnen automatisch, Wege erklären sich von selbst.

Ein Aufenthalt in einem gut geplanten Hotel ist also ein Blick in die Zukunft, in der moderne Technik den Menschen spürbar unterstützt. Das gilt auch für die Zimmer: Über automatische Fenster lässt sich das persönliche Wohlfühlklima einstellen. Vernetzt mit einer Klimaanlage und definierten Abhängigkeiten lässt sich der Energiehaushalt so effizient steuern.

Digitale Vernetzung bietet enorme Vorteile, stellt Betreiber aber oft vor technische Hürden. Was braucht es, damit smarte Systeme in der Hotellerie funktionieren?

Die Welt der Vernetzung ist umfangreich und wegen der Vielzahl an IP-Protokollen oft unübersichtlich. Damit Vernetzung funktioniert, muss bei der Planung klar sein, welche Aufgaben die Gebäudeautomation übernehmen soll. Wir unterstützen Betreiber, Eigentümer, Projektentwickler und Architekten bei der Klärung, welche Aufgaben die Vernetzung im späteren Betrieb übernehmen soll. Auf dieser Basis lassen sich passende Schnittstellen auswählen. Auch Bestandsgebäude können gut nachgerüstet und Neues mit vorhandenen Produkten verbunden werden.

„Predictive Maintenance“ ist vorausschauende Wartung durch digitale Zustandsüberwachung. Dies gilt als Zukunftsthema in der Gebäudetechnik. Wie lässt sich das Konzept im Hotelalltag konkret umsetzen?

Das ist definitiv keine Zukunftsmusik mehr: Viele Gebäudekomplexe nutzen Portale, in denen Wartungsintervalle hinterlegt sind, um dann den sogenannten „Call-Out“ an den Servicepartner weitergeben zu können. Die Zusammenarbeit zwischen Hersteller, externem Facility Management und der internen Technikabteilung wird auf diese Weise gut geregelt und dokumentiert. Im Hotelbetrieb bietet Predictive Maintenance einen großen Vorteil: Servicetermine können vorgeplant werden und in belegungsarmen Zeiten stattfinden. Niemand wartet bei vollem Haus gern die Eingangstür. Auch andere Produkte wie automatische Fensterantriebe können gewartet werden, etwa wenn ein gesamtes Stockwerk nicht belegt ist – man schließt einfach im Reservierungssystem die betroffenen Zimmer und der Hotelbetrieb läuft weiter.

Sonja Zdiarsky Industrietalk Gebäudetechnik Automation Porträt

In Designhotels muss Technik nicht nur funktionieren, sondern sich unauffällig in das architektonische Konzept einfügen. Wie gelingt die Balance zwischen Form und Funktion?

Hoteliers sollten auf Einfachheit setzen. Unser Alltag stellt den Menschen immer wieder vor Lernaufgaben, das sollten Hotels nicht ebenfalls verlangen. Beim Betreten eines Raumes muss schnell klar sein, wie Licht, Fenster oder Vorhänge funktionieren. Versteckte Schalter oder ein Mix aus Drückern und Touch Free Sensoren verwirren. Bei unseren Türschließern setzen wir auf vertraute Bedienlogiken, um die Tür leise zu schließen, wie mit dem „TS 5000 Softclose“, der wie der Einzug bei Küchenschubladen funktioniert.

Architekten und Fachplaner arbeiten heute digitaler denn je. Welche Rolle spielen Planungsdaten, digitale Modelle und Schnittstellen bei der technischen Gebäudeausstattung von Hotels?

In manchen Ländern leider noch eine zu geringe Rolle, da Leistungen teils nicht in der Honorarordnung für Architekten und Ingenieure (HOAI) verankert sind. Für Planer ist es daher schwer, diese zu verrechnen. Nichtsdestotrotz wünschen wir uns als Zulieferer, dass Planungsdaten und BIM-Modelle mehr und mehr Anwendung finden, damit Betreiber nach Eröffnung eines Hotels sinnvolle Funktionen für den täglichen Betrieb ihres Gebäudes nutzen können.

Schnittstellen wie BACnet oder KNX sind oftmals Standard, um verschiedene Systeme zu verbinden. In Hotels ist das häufig sehr komplex. Warum ist Interoperabilität so wichtig?

Am Markt gibt es eine Vielzahl verschiedenster IP-Protokolle. Das ist vergleichbar mit den Anfängen von mobilen Geräten: Damals waren gut acht verschiedene Ladekabel gebräuchlich. Als Hersteller müssen wir die gängigsten Schnittstellen und Gateways unterstützen, um zukunftsfähig zu bleiben. Gleichzeitig ist es das Ziel, diese Schnittstellen in der Praxis möglichst zu minimieren. Bei Hotelbauten erfordert das eine frühe Abstimmungen zwischen Investor, Betreiber, Entwickler und Architekt. Das kann Datenaustausch und Kommunikation der Produkte in einem Gebäude gewährleisten, also echte Interoperabilität.

Die Technik entwickelt sich rasant. Doch was ist für Hotels wirklich relevant und was sind die spannendsten Neuerungen?

Relevante Technik ist die, die den Gast spürbar unterstützt. Die Bedürfnisse der Gäste stehen an erster Stelle: Sicherheit, Wohlbefinden, praktische Gimmicks, hervorragender Service, ein gutes Leitsystem und reibungslose Abläufe. IoT- und Digitaltools helfen dabei: von der Buchungsentscheidung über Online-Check-in, Zutrittskontrollen und -freigaben sowie digitale Kommunikation bis zur Abreise und Rechnungsstellung. Das Hotel und auch externe Anbieter rund um den Aufenthalt können so Zusatzverkäufe generieren und den Gast gut betreuen.

Zur Person

Sonja Zdiarsky ist stellvertretende Leiterin des Global Account Management bei Geze. Dort verantwortet sie strategische Initiativen und pflegt weltweit Kundenbeziehungen in den Bereichen Gastgewerbe, Einzelhandel und Gesundheitswesen im Gebäudelösungssektor. Ihre Wurzeln sind in der Tourismusbranche, zudem besitzt sie eine Leidenschaft für intelligente Technologien. Sie vernetzt Hotelentwickler, Ar­chi­tekten und Investoren mit innovativen Zugangs- und Sicherheitssystemen. Zdiarsky ist auf internationalen Branchentreffen wie MIPIM, IHIF EMEA und den 196+ Hotelforen vertreten.