Umbau Boutiquehotel Ochsen: Gestaltungsmut im Bestand

Zufriedene Bauherren: Simon Bruker und Elena Schnaas-Bruker im neuen „Designed to stay“- Zimmer, das zur Vorlage für weitere Zimmer im Boutiquehotel Ochsen in Saig dient.
Zufriedene Bauherren: Simon Bruker und Elena Schnaas-Bruker im neuen „Designed to stay“- Zimmer, das zur Vorlage für weitere Zimmer im Boutiquehotel Ochsen in Saig dient. © Chris Keller/Schwarzwald Tourismus

Das 300 Jahre alte Gasthaus in Lenzkirch erhielt, unterstützt durch den lokalen Wettbewerb "Designed to stay", ein neues Interior-Konzept – realisiert mit regionalen Partnern und einer klaren Haltung.

Simon Bruker hatte ursprünglich nicht vor, an einem Designwettbewerb teilzunehmen. „Ich hatte die Ausschreibung von ‚Designed to stay‘ per Newsletter bekommen – der Anmeldeschluss war fünf Tage später. Das hat dann doch gepasst“, erinnert sich der Hotelier. Seit Anfang 2024 führen er und seine Frau Elena Schnaas-Bruker das Boutiquehotel Ochsen in Saig – ein in der Region gut etabliertes Dreisterne-Superior-Haus mit Entwicklungspotenzial.

Das Ehepaar bringt Erfahrung aus der Stadthotellerie mit, unter anderem aus dem Grand Hyatt Berlin und mehreren Neubauprojekten in Nordrhein-Westfalen. Mit dem Ochsen fand das Paar „ein Haus mit Seele“, das mehr versprach als die Chance auf wirtschaftlichen Erfolg: „Es musste emotional zünden. Wir wollten keinen anonymen Neubau, sondern eine Substanz, mit der man arbeiten kann“, sagt Simon Bruker.

Altes wieder aufwerten

Die Suche nach einem passenden Objekt führte die beiden quer durch Deutschland. Der Ochsen war das erste Haus, das sie besichtigten – und trotz weiterer Kandidaten blieb es der Favorit. Doch ein radikaler Neuanfang kam für die Junghoteliers nicht infrage – allein aus wirtschaftlichen Gründen: Die Übernahme eines laufenden Betriebs mit etwa 60 Prozent Stammgästen war ein starkes Argument für die lokale Volksbank, die den Erwerb des Hauses finanzierte.

Also entschieden sich die Brukers, behutsam vorzugehen und das Haus nur langsam weiterzuentwickeln. Schritt für Schritt, mit Respekt vor dem Bestehenden und einem klaren Anspruch an Qualität. Dazu gehörte zuallererst, das Haus von über die Jahrzehnte angesammelten Dingen zu befreien. „Wir haben Containerweise Dekorationsgegenstände aus dem Hotel geräumt, um der historisch wertvollen Bausubstanz wieder mehr Raum zu geben.“ So wurden beispielsweise auch Möbelstücke vom Dachboden restauriert und wieder genutzt.

Ein Hauptpreis mit Wirkung

Der Wettbewerb „Designed to stay“, den die Schwarzwald Tourismus GmbH 2024 zum ersten Mal auslobte, kam da genau zur rechten Zeit. Als Hauptpreis lockte ein Zimmer- und Badkonzept samt Möblierung, konzipiert von Interior-Profis wie Rolf Benz, Fritz Schlecht/SHL und Duravit. Als die Hoteliers erfuhren, dass sie es in die Endrunde und sogar auf den ersten Platz geschafft hatten, konnten sie ihr Glück kaum fassen. In engem Austausch mit den drei Industriepartnern entstand ein neues Design- und Raumkonzept für zwei Bestandszimmer im Stammhaus – Räume, die in der Vergangenheit eher lieblos modernisiert worden waren. Die Aufgabenstellung war klar: „Wir wünschten uns ein Interior, das den Charakter des einstigen Gasthofs bewahrt und gleichzeitig moderne Elemente integriert“, sagt Bruker. „Wir wollten das Haus erlebbar machen. Schließlich ist es ein Schwarzwaldhaus, wie es im Buche steht.“

Für das Design zeichnete maßgeblich Ramona Oudille von Rolf Benz verantwortlich, Florian Zanger (Fritz Schlecht/SHL) übernahm die Ausführungsplanung und war Hauptansprechpartner für die Brukers. Nach einem ersten Brainstorming und zwei Treffen startete die Umsetzung: „Gleich die erste Idee mitsamt Visualisierung hat gepasst – das war ein richtig guter Prozess“, sagt Bruker. Die Zimmer wurden bis auf die Grundbalken entkernt. Dabei zeigte sich: Zwischen zwei Ecken eines Zimmers lag ein Höhenunterschied von zwölf Zentimetern. Also musste der Boden neu aufgebaut und eine richtige Trittschalldämmung ergänzt werden. „Es erforderte extrem viel Planung, damit alle Gewerke – vom Klempner bis zum Bodenleger – optimal zusammenarbeiten konnten“, erinnert sich Bruker. Von der Überlegung, die Decke zu begradigen, kam man ab – sonst hätte das Zimmer an Raumhöhe verloren. „Wir wollten unbedingt den Altbaucharme erhalten. Also haben wir im Bereich des Machbaren das Optimum gesucht und gefunden.“

Klare Funktionen, natürliche Farbe

Das neue Raumkonzept setzt auf Offenheit: Trennwände entfallen, Bad- und Wohnbereich gehen ineinander über. Klassische Schränke wurden durch kombinierte Einbauten ersetzt. Zanger und sein Team entwickelten dafür ein Möbelstück, das als Raumteiler dient – funktional und optisch klar zoniert. Warme Rottöne setzen Akzente und nehmen Bezug auf die Schindeln des alten Schwarzwaldhofs. Sanfte Grüntöne und viel Holz spiegeln die umgebende Natur wider. Ein verbindender Grauton schafft Ruhe im Raum. Türen und Fenster wurden ebenfalls komplett erneuert, um sie farblich ins Konzept einzubinden und den Schallschutz zu verbessern. Hingucker ist das maßgefertigte Bettkopfteil in meliertem Rot und Grau, das Oudille während einer Besprechung vor Ort skizzierte und mit Rolf Benz realisierte. Auch der Badbereich, geplant von Duravit, fügt sich harmonisch in das offene Raumkonzept ein. Natürliche Materialien, seidenmatte Keramik und Akzente in gebürstetem Edelstahl verbinden Schwarzwälder Tradition mit zeitgemäßer Funktionalität.

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    © Fritz Schlecht SHL und Rolf Benz Contract
    Gelungener Entwurf: Bereits die erste Visualisierung des neuen Zimmers war ein Volltreffer und wurde fast eins zu eins umgesetzt.
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    © Heimatlichter.com
    Die Schindeln an der Fassade des alten Schwarzwaldhofs sind typisch für die Region.
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    © Chris Keller/Schwarzwald Tourismus
    Blick in eines der beiden fertigen Designed-to-stay-Zimmer.
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    © Chris Keller/Schwarzwald Tourismus
    Um das Zimmer großzügiger wirken zu lassen, wurde auf Trennwände verzichtet. Der Raumteiler erinnert an ein Sprossenfenster und zoniert den Raum.
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    © Schwarzwald Tourismus
    Konzeptvorstellung bei Rolf Benz (von links): Ramona Oudille von Rolf Benz, Stephanie Pulwer von Duravit, Elena Schnaas Bruker, Hotel Ochsen, Claudia Raith, St. Elmos, Hotelier Simon Bruker und Hansjörg Mair, Schwarzwald Tourismus.
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    © Chris Keller/Schwarzwald Tourismus
    Das Bad ist nur durch eine Art Sprossenfenster vom Raum getrennt.

Doch nicht alles war auf Anhieb perfekt: Die großformatigen dünnen Fliesen würden die Bauherren künftig nicht mehr wählen – allein aus Kostengründen. Ebenso fiel eine beschichtete Mustertapete durch: „Sie ließ den Raum wie eine Gummizelle wirken. Die haben wir wieder rausgerissen.“ Ein teurer, aber notwendiger Schritt. „Die neuen Zimmer sind für uns wie ein Moodboard und Testlabor“, sagt Bruker. Die Abstimmung mit den Partnern sei „intensiv, aber immer professionell und lösungsorientiert“ gewesen. Brukers Fazit: „Wir sind mega glücklich mit dem Ergebnis. Es ist genau das, was wir uns erträumt haben.“

Das beruht auf Gegenseitigkeit: „Die Zusammenarbeit war äußerst professionell und auf hohem Niveau“, berichtet Ramona Oudille von Rolf Benz. „Wir hatten ein gemeinsames Ziel – und dieses haben wir erfolgreich erreicht. Dafür haben sich alle beteiligten Industriepartner und auch der Tourismusverband voll engagiert. Die Kommunikation lief reibungslos, das Design überzeugte sofort.“

Auch Florian Zanger von Fritz Schlecht/SHL zeigt sich zufrieden mit dem Ergebnis des Pilotprojekts: „Das Konzept für den Ochsen kann Inspiration für viele andere Häuser im Schwarzwald sein. Es soll Lust auf Renovieren machen und zeigen, dass der Schwarzwald nicht nur für Kuckucksuhr und Kirschtorte steht, sondern gleichermaßen auch ‚Home of Design‘ ist.“ Stephanie Pulwer, Key Account Managerin Project Business bei Duravit, hebt zudem die bereichernde Zusammenarbeit hervor: „Die Vielfalt des Projekts eröffnete allen Beteiligten spannende Einblicke in andere Gewerke und vertiefte zugleich das Verständnis für die Abläufe im Hotelbetrieb.“

Design als Identitätsanker

Die zwei Zimmer sind inzwischen als eigene Kategorie buchbar, kosten zwischen 270 und 300 Euro pro Nacht – und kommen nach Aussage der Hoteliers gut bei den Gästen an. Das Konzept soll nun als Vorbild für die restlichen 33 Zimmer dienen. Auch für die öffentlichen Bereiche gebe es bereits Pläne: Der Frühstückraum soll mit einem lokalen Architekturbüro umgebaut werden, der Wellnessbereich einen Außenpool oder Naturbadeteich erhalten. Und vielleicht werden vier bis fünf Suiten in bisher ungenutzten Bereichen des Hotels realisiert. Dabei folgt alles einem Prinzip: Design als Identitätsanker – und nicht als oberflächlicher Hingucker.

Über das Projekt "Designed to stay"

Der Wettbewerb „Designed to stay“ wurde 2024 von der Schwarzwald Tourismus GmbH ins Leben gerufen. Das Ziel: Impulse für Investitionen in der Hotellerie im Schwarzwald zu geben und gleichzeitig eine nachhaltige Kooperation zwischen lokalen Wirtschaftsunternehmen und Tourismusbetrieben zu schaffen. Unter den insgesamt 30 Betrieben, die sich beworben hatten, gewannen Simon Bruker und Elena Schnaas-Bruker, Inhaber des Boutiquehotel Ochsen in Lenzkirch-Saig, mit dem ersten Preis die Planung und Konzeption eines Hotelzimmers inklusive Bad. Realisiert wurde es von Rolf Benz, Duravit, Fritz Schlecht/SHL Hoteleinrichtungen sowie weiteren Unternehmen wie Vescom, Kymo, Baulmann, Heimatlichter, Cerastone, Sky und Jung. Ideengeber für das Projekt ist die Agentur Saint Elmo´s Tourism.

www.schwarzwald-tourismus.info