Von der Weltmeisterin zur gefragten Bar-Consultant: Linh Nguyen plädiert für ein Umdenken in der Gastronomie und verrät, warum alkoholfreie Drinks weit mehr als nur eine Alternative sind.
Tophotel: Frau Nguyen, Ihr kürzlich erschienenes Buch „Like a Virgin“ widmet sich ganz den alkoholfreien Getränken. Was war die Initialzündung für dieses Projekt?
Linh Nguyen: Über die Jahre hinweg habe ich eine stetig wachsende Nachfrage nach hochwertigen, alkoholfreien Alternativen beobachtet. Gleichzeitig fiel mir auf, dass in vielen Betrieben das Knowhow und die Wertschätzung für diese Kategorie ausbaufähig sind. „Like a Virgin“ soll nicht nur ein Rezeptbuch sein, sondern auch eine Inspiration und ein Leitfaden für Bartender und Gastronomen, die die Vielfalt und Raffinesse alkoholfreier Drinks entdecken möchten. Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, mein Wissen weiterzugeben und zu zeigen, dass Bartending kein Hexenwerk ist.
Sie sprechen von veralteten Strukturen und hohem Alkoholkonsum in der Branche. Beobachten Sie hier einen Wandel?
Definitiv. Corona hat uns auf schmerzhafte Weise gezeigt, dass viele alte Strukturen nicht mehr zeitgemäß sind. Leider habe ich in meiner Zeit in der Gastronomie auch die Schattenseiten kennengelernt, wie übermäßigen Alkoholkonsum und Abhängigkeiten unter Kollegen – ein oft verschwiegenes Thema. Glücklicherweise beobachte ich seitdem ein wachsendes Bewusstsein für Gesundheit und Wohlbefinden, sowohl bei den Gästen als auch bei einigen Betrieben. Der Trend zu alkoholfreien Alternativen ist unübersehbar und bietet eine riesige Chance für die Gastronomie, neue Zielgruppen anzusprechen und innovative Konzepte zu entwickeln. Interessanterweise sehe ich diesen Trend nicht nur bei älteren oder gesundheitsbewussten Gästen, sondern auch bei immer mehr jungen Menschen.
"Die Wertigkeit alkoholfreier Alternativen muss Gästen genauso vermittelt werden wie die alkoholhaltiger Drinks.“
Alkoholfreie Spirituosen gelten oft als aufwendig in der Herstellung. Warum sollte sich das auch in der Preisgestaltung zeigen?
Es ist eine Frage der Wertschätzung. Die Entwicklung eines komplexen, alkoholfreien Drinks erfordert oft mehr Kreativität und Know-how als das bloße Mischen von Spirituosen. Wenn wir diese Arbeit nicht entsprechend honorieren, senden wir ein falsches Signal an die Gäste und schmälern das Image dieser Kategorie. Die Industrie hat hier meiner Meinung nach einen Fehler gemacht, indem sie alkoholfreie Alternativen oft günstiger angeboten hat, anstatt deren Wertigkeit zu kommunizieren. Eine gleichwertige Preisgestaltung würde nicht nur die Arbeit der Bartender würdigen, sondern auch das Bewusstsein der Gäste für die Qualität und den Wert alkoholfreier Genussmomente stärken.
Sie haben den psychologischen Aspekt angesprochen, dass Drinks mit Alkohol oft als „wertiger“ wahrgenommen werden. Wie kann die Hotellerie hier gegensteuern?
Indem sie alkoholfreie Angebote selbstbewusst und kreativ präsentiert. Weg von langweiligen „Virgin“ Bezeichnungen hin zu fantasievollen Namen und ansprechenden Rezepturen. Ich habe in meinem Buch bewusst sowohl den international etablierten Begriff „Mocktail“ als auch das zugänglichere „Virgin“ verwendet, selbst wenn es von einigen Bartendern kritisiert wurde. Meine Zielgruppe ist breit, und ich möchte niemanden durch zu elitäre Sprache ausschließen. Die Servicekräfte spielen hier eine entscheidende Rolle, indem sie aktiv alkoholfreie Alternativen empfehlen und deren Besonderheiten hervorheben. Es geht darum, ein Genusserlebnis zu schaffen, das dem mit Alkohol in nichts nachsteht.
Cocktails sind wahre Kunstwerke. Wie sollte Ihrer Meinung nach ein kreativer alkoholfreier Drink gestaltet sein?
Für mich ist jeder Drink die Möglichkeit, eine künstlerische Vision zu verwirklichen. Es geht weit über das reine Mischen von Zutaten hinaus. Ich möchte multisensorische Erlebnisse schaffen, die alle Sinne ansprechen – Optik, Duft, Geschmack und sogar das Mundgefühl. Gerade bei alkoholfreien Drinks ist die Herausforderung größer, weil der Alkohol fehlt, der sonst Komplexität und Volumen bringt. Das erfordert ein Umdenken und neue Wege, Aromen und Texturen zu kombinieren. Zum Beispiel mein ‚Panema 2.0‘, eine alkoholfreie Interpretation des Painkillers, bei dem ich Vanille und Maracuja einsetze, um eine ganz eigene, intensive Dimension zu schaffen.
Vom BWL-Studium zur Bartending-Weltmeisterin und derzeit Consultant: Wie beeinflusst dieser Weg Ihre Arbeit heute?
Mein Quereinstieg hat mir eine frische Perspektive gegeben und meinen Ehrgeiz gestärkt – gerade als Frau in einer männerdominierten Branche. Die Erfahrungen hinter der Bar, etwa in der Paradiso Bar in Barcelona, haben meinen Anspruch an Qualität und Innovation geprägt. Heute nutze ich dieses Wissen, um als Consultant und Speakerin Betriebe zu beraten und zu zeigen, wie man auch ohne Alkohol hochwertige Drinks kreieren kann. Mein Ziel ist es, Wissen weiterzugeben und Bartending zugänglicher zu machen.
Welche drei Kernbotschaften möchten Sie der Hotellerie und Gastronomie in Bezug auf alkoholfreie Getränke mit auf den Weg geben?
Erstens: Erkennt das Potenzial! Alkoholfreie Getränke sind längst keine Nische mehr, sondern ein wachsender Markt mit enormen Umsatzchancen. Zweitens: Investiert in Know-how! Schulungen für das Barpersonal sind entscheidend, um qualitativ hochwertige und kreative alkoholfreie Drinks anbieten zu können. Ich selbst gebe mein Wissen gerne weiter und sehe es als meine Aufgabe, das oft mystifizierte Bartending zugänglicher zu machen. Drittens: Wertschätzt die Kreation! Alkoholfreie Cocktails sind mehr als nur süße Säfte – sie sind eine eigene Kunstform, die die gleiche Aufmerksamkeit und Wertschätzung verdient wie alkoholische Kreationen. Meiner Meinung nach tritt sich die Barszene oft selbst auf die Füße, indem sie einerseits innovativ sein will, andererseits aber in veralteten Strukturen und elitärem Gehabe verharrt. Es ist an der Zeit für eine ehrlichere und zugänglichere Trinkkultur.
Buchtipp

„Like a Virgin“: Bartenderin Linh Nguyen präsentiert in ihrem Buch eine neue Welt der Aromen und zeigt, wie raffiniert alkoholfreie Drinks sein können. Das Buch vereint 60 kreative Mocktail-Rezepte mit fundiertem Mixologie-Wissen – von der Bar-Ausstattung bis zur perfekten Garnitur.