Welche Materialien stecken in einem Gebäude und wie sieht es mit deren Öko- und CO2-Bilanz aus? Was könnte recycelt werden? Solche Informationen sollen im Gebäuderessourcenpass erfasst werden.
Das Bauwesen ist für 50 Prozent des Primärrohstoffverbrauchs innerhalb der EU verantwortlich. So das Ergebnis einer Untersuchung der Europäischen Kommission aus dem Jahr 2019. Dies hat gravierende Folgen und bedeutet eine hohe Belastung für Umwelt und Klima. Zudem können wichtige Rohstoffe wie Sand, Kupfer und Zink bald nicht mehr mit vertretbarem Aufwand natürlich gewonnen werden. Daher muss zirkuläres Bauen – eine weitgehend abfallfreie Kreislaufwirtschaft – das Ziel sein.
Sebastian Theißen, geschäftsführender Gesellschafter von List Eco, Partner für Nachhaltigkeit im Immobiliensektor mit Sitz in Köln, sagt: „Wir sollten den Fokus noch stärker auf die Reduzierung der sogenannten grauen Emissionen richten.“ Und auch Heiko Rittweger, Geschäftsführer der Nachhaltigkeitsberatung Rittweger und Team am Standort Erfurt, findet: „Der Einstieg in die zirkuläre Planungs- und Bauweise sollte schon heute selbstverständlich sein.“
Heißt konkret: Bauherren sollten sich „bereits jetzt für Baustoffe entscheiden, die einen vergleichsweise geringen CO2-Fußabdruck aufweisen und die kreislauffähig sind“, sagt Rittweger. Ein Beispiel verdeutlicht das Problem: In herkömmlichen Wärmedämmverbundsystemen sind bis zu 20 verschiedene Stoffe miteinander verbunden, die sich bisher kaum trennen lassen. Am Ende ihres Lebenswegs gelten sie daher als Sondermüll. Die Frage, wie man derartige Materialien nach ihrer Nutzung verwerten kann, beschäftigt derzeit Forschung und Industrie. Es ist also besser, schon bei der Planung eines Gebäudes an die spätere Wiederverwertung von Materialien zu denken.
Lebenszyklen von Hotelgebäuden sind relativ kurz
Der Gebäuderessourcenpass, eingeführt von der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB), bildet die Datenbasis für zirkuläres Bauen. Er bietet einen Überblick, welche Ressourcen an Baumaterial zur Wiederverwendung in Sanierungs- und Bauvorhaben verfügbar wären. „Und er schafft die Grundlage dafür, dass man die heute verbauten Materialien in 15 oder 20 Jahren noch zu bezahlbaren Konditionen zurückgeben oder auch entsorgen kann“, betont Heiko Rittweger und sagt: „Gerade in der Hotellerie sind die Lebenszyklen von Gebäuden und Gebäudeteilen relativ kurz, da die Branche stets auf Trends sowie veränderte Gästewünsche reagiert und Abnutzungen meist frühzeitig entgegentritt. Hotelzimmer werden mitunter schon nach acht bis zehn Jahren erneuert. Ohne genaue Informationen über die Materialien kann es künftig teuer werden.“
„Die Einführung des Gebäuderessourcenpasses könnte die Bauwirtschaft so grundlegend verändern wie einst der Energieausweis.“
Daniela Schneider, Architektin und Senior Consultant,EPEA – Part of Drees & Sommer
Vanessa Propach, Teamleiterin für Nachhaltigkeit bei Werner Sobek Green Technology in Stuttgart, sieht das ähnlich: „Das Dokumentationstool ermöglicht eine detaillierte Erfassung der verbauten Materialien und ihrer Verbindungen, wodurch eine effiziente Wieder- und Weiterverwendung nach Sanierung oder Rückbau erleichtert wird. Zudem unterstützt der Pass die Ermittlung und minimiert Entsorgungskosten, was langfristig wirtschaftliche Vorteile bringt.“ Insbesondere in Hotels mit vergleichsweise hohen Abnutzungsraten und Austauschzyklen im Innenausbau werde diese Dokumentation essentiell, um einen Wertverlust zu minimieren. Aber nicht nur in der Nachnutzung und der Generierung eines Restwerts biete der Pass Vorteile, so Vanessa Propach: „Im Betrieb liefern die dokumentierten Materialparameter unter anderem dem Facility Management nützliche Daten, etwa für Wartung und Instandhaltung.“
Anna Braune, Abteilungsleitung Forschung und Entwicklung bei der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB), fügt hinzu: „Schad- und Risikostoffe spielen auch bei Umbau- und Sanierungsmaßnahmen eine große Rolle und führen zu hohen Kosten. Auch diesbezüglich sind Informationen zu den verbauten Materialien sehr relevant.“ Und Heiko Rittweger ergänzt: „Mit der sich entwickelnden EU Taxonomie erhält der Gebäuderessourcenpass zudem Bedeutung für die Finanzierung. Gleichzeitig liefert er die Datengrundlage für Förderungen und Gebäudezertifizierungen, etwa nach DGNB oder Greensign Circular, sowie für die Erfüllung relevanter ESG-Anforderungen wie die Corporate Sustainability Reporting Directive CSRD.“
Einheitliche digitale Tools zur Dokumentation von Gebäuden
Die DGNB hat mit dem Gebäuderessourcenpass einen einheitlichen, frei verfügbaren Standard geschaffen. Es gibt ihn in einer vollständigen und einer reduzierten Fassung, die den Einstieg erleichtern soll. Einige Anbieter digitaler Tools zur Gebäudedokumentation und -optimierung, zum Beispiel Concular, Madaster oder der „Urban Mining Index“, haben die Inhalte des DGNB-Gebäuderessourcenpasses bereits integriert. Das gleiche gilt für den „Circularity Passport Buildings“ der EPEA, der bereits mehr als 130 Mal für Hochbauten erstellt wurde, darunter auch für die ersten Hotels.
Daniela Schneider, Architektin und Senior Consultant bei EPEA – Part of Drees & Sommer in Stuttgart, hofft, dass Gebäude mit Hilfe eines Gebäuderessourcenpasses zu wertvollen Rohstoffdepots werden. „Mit 20 bis 30 Prozent steckt ein erheblicher Teil der Bruttobaukosten in den Materialien. Damit eine direkte Weiterverwertung im großen Stil möglich wird, braucht es aber zunächst Transparenz. Der Gebäuderessourcenpass könnte die Bauwirtschaft daher so grundlegend verändern wie einst der Energieausweis.“ Die Information, wieviel Beton, Stahl, Holz und andere Stoffe in einem Gebäude stecken, ist also bares Geld wert, wenn Sanierungen, der Rückbau oder ein Verkauf anstehen.
Das ist der Gebäuderessourcenpass
Die Idee für den Gebäuderessourcenpass orientiert sich am Modell des Energieausweises. Die Dokumentation, eingeführt von der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen (DGNB), soll für Transparenz bei verbauten Rohstoffen und Produkten sorgen und Informationen zu Qualität und Kreislauffähigkeit bieten. Ziel ist die Bereitstellung von Daten, um urbane Minen, zirkuläre Sanierungen und Neubauten sowie selektiven Rückbau zu fördern.
Langfristig soll der Gebäuderessourcenpass eine konsistente Kreislaufwirtschaft im Bausektor ermöglichen, in der alle Schritte – vom Design bis zur Wiederverwertung ineinander greifen. Dafür sei laut Fachleuten vollständige Transparenz über die verbauten Materialien und Komponenten sowie deren Werte und Besitzverhältnisse notwendig. So entstehen neue Geschäftsmodelle und gemeinsames Wirtschaften, das die Qualität der gebauten Umwelt verbessert. Zudem kann der Gebäuderessourcenpass als Grundlage genutzt werden, um die Kreislauffähigkeit von Bauten insgesamt zu bewerten.
(Quelle: DGNB)
Erste Praxisbeispiele aus der Hotellerie
Um einen Gebäuderessourcenpass auszustellen, bedarf es eines Experten. Bei der DGNB geht man davon aus, dass grundsätzlich jeder Architekt dazu in der Lage ist. Doch wie detailliert müssen die Materialien bilanziert werden? Diese Frage, so Nachhaltigkeitsberater Rittweger, muss noch weiter geklärt werden, um das richtige Verständnis zu entwickeln. Erste Projekte in der Hotellerie zeigen jedoch, was möglich ist. Ein Beispiel sind die „Circular Living Zimmer“ im Hotel Schwarzwald Panorama in Bad Herrenalb. Das Inventar besteht ausschließlich aus nachhaltigen und wiederverwertbaren Materialien.
Stephan Bode, geschäftsführender Inhaber des Hotels, berichtet: „Der Aufwand bei der Materialauswahl war enorm. Die Ausstattungsqualität der Themendesign-Zimmer ist hoch, war aber nicht teurer als bei einer Renovierung mit herkömmlichen Materialien.“ Bode hat beispielsweise mit dem Matratzenhersteller Swissfeel eine Rücknahmevereinbarung getroffen. Nach fünf Jahren holt das Unternehmen die Matratzen ab, wäscht sie und verlängert so deren Lebenszyklus von regulär zehn auf bis zu 20 Jahre. Matratzen, die nicht mehr verwendet werden können, führt der Hersteller zu 100 Prozent in den Kreislauf zurück. Die „Circular Living Zimmer“ wurden auf Basis eines Gebäuderessourcenpasses mit dem Siegel Greensign Circular zertifiziert.
„Riesiges Potenzial“ bei Bauvorhaben und Sanierungen
Ein weiteres Projekt sind die „Inara Suites“, ein Appartementhaus, das vom Seehotel Wiesler am Titisee jüngst fertiggestellt wurde. Alle Produkte wurden in Bezug auf fünf Kriterien untersucht: Materialgesundheit, Dekarbonisierung, Kreislaufführung, Sozialstandards und Biodiversität. Die Dokumentation findet sich in einem Gebäuderessourcenpass. Fabian Wiesler, der im Seehotel Wiesler für Technik und Nachhaltigkeit zuständig und zugleich Geschäftsführer von Circular Skills ist, einem Partner für nachhaltige, zirkuläre Bau- und Energiekonzepte, sagt dazu: „Der Gebäuderessourcenpass spielt mittlerweile eine zentrale Rolle bei unseren Bauvorhaben. Wir sehen darin riesiges Potenzial.“
Mithilfe der Dokumentation lässt sich also die Menge der wiederverwendbaren Materialien bereits vor der Durchführung einer Sanierung ermitteln und in die Planung einbeziehen. Sebastian Theißen von der Firma List Eco verweist auf die Norm zum „Verfahren zur Erfassung von Bauprodukten als Grundlage für Bewertungen des Anschlussnutzungspotentials vor Abbruch- und Renovierungsarbeiten (Pre-Demolition-Audit)“.
Er erklärt: „Das ist ein standardisierter Prozess, der mit der Erstellung eines Gebäuderessourcenpasses im Bestand durchgeführt werden kann.“ Und er fügt hinzu: „Das volle Potenzial des Gebäuderessourcenpasses zeigt sich, wenn er zusammen mit digitalen Gebäudemodellen verwendet wird – sei es bei Bestandsobjekten in Form vereinfachter 3D-Flächenmodelle oder im Neubau durch die Anwendung der Building Information Modeling-Methode (BIM).“ So bietet der Gebäuderessourcenpass nicht nur eine wertvolle Grundlage für nachhaltige Planung, sondern eröffnet auch neue Möglichkeiten für eine zukunftsfähige, ressourcenschonende Bauweise.
Der Beitrag ist in der Tophotel Ausgabe 5/2025 erschienen.
