Der Galerist Michael Zink und seine Frau Stephanie haben ein ehemaliges Vogtanwesen in Berching neu belebt. Der Engelwirt ist ein Refugium für Kunst- und Architekturfans, das immer wieder überrascht.
Wenn Hoteliers einen neuen Betrieb eröffnen, lassen sie sich gern von erfolgreichen, angesagten Hotels inspirieren. Beim Engelwirt in Berching wählte die Eigentümerfamilie Zink einen anderen Weg: Sie bedachten bei Entscheidungen vor allem das, was den „anderen“ weniger gut gelang und was sie auf gar keinen Fall wollten: zum Beispiel ein eintöniges Farbkonzept, Designermöbel, die man schon tausende Male gesehen hat, oder minderwertige Materialien, die in wenigen Jahren ausgetauscht werden müssen.
„Es sollte nicht noch ein Hotel im typischen Beige-Grau-Braun-Stil werden“, sagt die frischgebackene Hotelinhaberin Stephanie Zink. „Wir wollten eine schöne Mischung aus zeitgenössischen Möbeln und alten Elementen. Dazu eine gewisse Farbigkeit, die in einem Hotel gern auch überspitzt sein darf.“
Der seit Mai offene Engelwirt in der bayerischen Kleinstadt Berching im Altmühltal in der Oberpfalz ist ein Boutique-Apartmenthotel, das es so vermutlich kein zweites Mal gibt. Allerdings betonen die Inhaber, dass es weder ein Boutique- noch ein Designhotel sei. „Wir sind, was wir sind“, sagt Zink. Und zwar ein Refugium für Kunst-, Design- und Architekturinteressierte, die wertschätzen, was die Hoteliers für ihre Gäste zusammengestellt haben.
„Es sollte nicht noch ein Hotel im Beige-Grau-Braun-Stil werden."
Michael und Stephanie Zink
Kunstsinnige Hoteliers
Das heutige Ensemble des Engelwirt setzt sich aus zwei barocken Denkmälern von 1686 – dem Vogtsitz und dem Gesindehaus – sowie zwei Neubauten zusammen. Sie sind durch einen Innenhof mit Wintergarten verbunden. In den vier Gebäuden befinden sich 15 unterschiedlich große Einheiten, davon drei klassische Doppelzimmer und zwölf Apartments mit Küche. Zusätzlich gibt es ein kleines Tagescafé mit Frühstücksalon, einen Laden mit Produkten aus der Region sowie eine kleine Bibliothek.
Die Innenausstattung der Hotelgebäude ist außergewöhnlich: Originale Stuckdecken, historische Türen, Rosenspitzböden und bemalte Holzböden sind im Engelwirt mit Designklassikern, Antiquitäten und zeitgenössischen Kunstobjekten kombiniert. Dass das so gut harmoniert, liegt am Hintergrund der Inhaberfamilie. Die Zinks sind Kunstsammler und betreiben im Nachbarort Waldkirchen eine Galerie in einem ästhetisch neu gestalteten Gebäude. Dass sie eines Tages Eigentümer eines Hotels sein würden, hätten sie sich wohl nie träumen lassen.
Immer wieder hatten die Zinks Künstler aus dem Ausland zu Gast, die über mehrere Wochen bei der Familie lebten. Und so sehr sie es auch liebten, Gastgeber zu sein und Besuch im Haus zu haben, war es ihnen dann doch irgendwann zu eng. Also richteten sie in ihrem Wohnhaus eine separate Gästewohnung ein, die sie mit eigenen Küche und geschmackvollen Möbeln ausstatteten.
Vom Konzept zur Realität
Schließlich entstand die Idee, diese Wohnung auf Airbnb anzubieten. Als das Ehepaar Zink später die Galerie in Waldkirchen neu erbaute, wurde dort eine weitere Wohnung integriert und ebenfalls über Airbnb vermietetet. Das lief so gut, dass sie beschlossen, sich mit ihren Ferienwohnungen beim Special-Interest-Portal Urlaubsarchitektur.de zu bewerben. „Ab dem Zeitpunkt bekamen wir unfassbar viele Anfragen“, berichtet Stephanie Zink. „Primär von Menschen, die sich für Kunst und Architektur interessieren und die Ausstellungen von Michael sehen wollten.“
2020 entdeckte Stephanie Zink im Internet die Anzeige vom alten Probstanwesen in Berching. „Das Setting mit den vier alten Häusern direkt an der Stadtmauer hat uns auf Anhieb gefallen und nicht mehr losgelassen. Also haben wir uns Gedanken gemacht, wie wir es mit Leben füllen.“ Die Idee, daraus ein Hotel zu machen, stand nicht von Anfang an im Raum. „Als wir anfingen, mit der vorhandenen Fläche zu kalkulieren, planten wir zunächst einfache Ferienwohnungen mit Self-Check-in und -out“, so Zink. „Der eigene Laden, eine Küche, ein Salon mit Esszimmer, ein Café, das Frühstücksangebot… das alles entwickelte sich erst später.“
Die Idee zum Café
Als Stephanie Zink begann, Mitarbeiter zu suchen, rechnete sie mit dem Schlimmsten. Zu oft hatte sie vom Fachkräftemangel der Branche gehört. „Doch auf unsere Anzeige hin kamen so viele gute Leute, dass wir uns kaum entscheiden konnten. Wir brauchten eigentlich nur die Hälfte, aber haben dann doppelt so viele Mitarbeiter eingestellt. Und so entstand die Idee, auch noch ein Tagescafé zu eröffnen, das selbstgemachten Kuchen anbietet.“
Klassische Themen bei der Führung eines Hotels, etwa Buchungsmaschinen, Preisgestaltung, Software oder Schließsysteme, waren für Stephanie Zink Neuland. Unterstützung bekam sie von ihrer neuen Mitarbeiterin Christine Zschaber, die schon lange in der Hotellerie tätig ist und die Hotelinhaber bereits vor der Eröffnung unterstützte.
Für die Planung des Umbaus war das befreundete Schweizer Ehepaar Tamara Henry und Mathieu Robitaille vom Atelier Dimanche zuständig, die bereits 2019 den Bau der Galerie Zink geplant hatten. „Da die beiden immer nur sonntags für unsere Bau-Besprechungen Zeit hatten, gründeten sie ein Büro mit dem Namen Atelier Dimanche“, erläutert Michael Zink. Dimanche ist das französische Wort für Sonntag. Für die Umsetzung vor Ort war das Ingenieurbüro Lerzer aus Neumarkt zuständig, das in der gesamten zweijährigen Bauphase für einen reibungslosen Ablauf sorgte.
Gute Grundsubstanz im Denkmal
Vor der Renovierung waren die Gebäude 25 Jahre leer gestanden. Die beiden rückwärtigen Häuser aus den 60er-Jahren waren baufällig und konnten nicht saniert werden. Sie wurden in der gleichen Kubatur durch Neubauten ersetzt. Die Substanz der denkmalgeschützten Gebäude war laut der Bauherren in Ordnung, bedurfte aber einer Generalüberholung. Elektrizität und Wasserversorgung wurden neu verlegt. „Bis auf wenige Wanddurchbrüche sind wir mit dem, was an Bestand da war, klargekommen.“
Ein Jahr lang sanierten Zimmerer die Dachstühle und setzen neue Giebelfenster ein. „Um keine bösen Überraschungen zu erleben, machten wir vorab eine Dachstuhlanalyse“, berichtet Zink. In den Geschossen mit extrem niedriger Deckenhöhe planten die Architekten zweigeschossige Apartments und integrierten oben die Schlafräume. Hier finden sich heute die Apartments, die Platz für bis zu sechs Personen bieten und alle unterschiedlich eingerichtet sind. Zum Beispiel das „Engelapartment“, das bis unter den Dachspitz und über die gesamte Länge des Hauses geht. Es ist mit einem Doppelbett von Moroso, einem Schlafsofa von Bodema und einer Küche ausgestattet. Den knallgelben Tisch von Moroso und die Vintage-Stühle von Thonet haben die Zinks wie die vielen anderen Vintage-Möbel über drei Jahre hinweg zusammengetragen.
Ein gutes Händchen bewiesen die Macher auch bei der Ausstattung des „Justizia Apartment“, dessen Namensgeberin an der Stuckdecke zu sehen ist. Diese wurde im 17. Jahrhundert von italienischen Stuckateuren direkt an der Decke modelliert. In Kombination mit dem historischen bemalten Holzboden, der bei jedem Schritt wunderbar knarzt, wirken die „Antibodi“-Stühle von Designerin Patricia Urquiola, der alte Hochzeitsschrank und die „Eos“-Federlampen von Umage wie ein Gesamtkunstwerk.
Steckbrief
- Eröffnet: April 2024
- BGF: 1400 Quadratmeter
- Bauzeit: 2022 bis 2024
- Eigentümer: Stephanie und Michael Zink
- Architekturbüro: Atelier Dimanche, Sion/Flanthey (Schweiz)
- Ingenieurbüro: Lerzer, Neumarkt
- Bauleiter: Stefan Grabmann
- Ausstatter: Winckelmans Manufaktur (Fliesen), Mipa (Terrazzo Oberflächen), Moroso, Salto Schließsysteme, Vola Armaturen, Fantin (Küchen + Betten), Pedrali (Outdoor), Umage, Artemide , Ingo Mauerer (Leuchten), Denon (Audio), Montana (Spiegel + Möbel), Nils Holger Moormann (Betten, Regale + Garderoben), Hans Wegener
- Hier geht es zur Website.
Materialien mit Charakter
Während die Zinks die Zimmer und Apartments ganz nach eigenen Vorstellungen eingerichtet haben – „wir wollten kein komplett durchkonzeptioniertes Hotel“ –, wurden die öffentlichen Bereiche genauer geplant. Und um eine gewisse Stringenz in die Gestaltung zu bringen, schlugen die Architekten vor, nach einem Farbsystem von Le Corbusier zu arbeiten. So finden sich in allen vier Gebäuden die Farben Dunkelrot, Hellorange, Graublau und Hellblau – zur Auflockerung gelegentlich auch Ockergelb.
Die meisten neuen Möbel stammen von Moroso aus Italien, die Vintage-Möbel und Antiquitäten sind Funde von Online-Kleinanzeigen oder Mitbringsel aus Belgien. „Wir wollten ein Gefühl erzeugen, als würde man eine Tante in Südfrankfreich besuchen“, erläutert Michael Zink. Die Bauherren haben sich auf einige wenige, umso hochwertigere Materialien geeinigt. Sämtliche Fliesen stammen von der Winckelmans Manufaktur in Lille, wurden komplett durchgefärbt und ohne Träger produziert. Echt sind auch die auffälligen Terrazzo-Oberflächen, die als Arbeitsplatten in den Küchen zu finden sind. Der Boden im Flur besteht aus alten Jura-Marmorplatten, im ersten Obergeschoss liegt ein alter Rosenspitzboden. Der komplette Holzboden wurde beim Umbau entfernt, aufgearbeitet und wieder verlegt. Teilweise mussten Dielen aus Massivholz-Eiche ergänzt werden. „Wir haben Materalien gewählt, die in Würde altern“, sagt Zink. So auch die Messing-Armaturen von Vola, die mit der Zeit schön an Patina gewinnen.
Ringen mit dem Denkmalschutz
Die Baustelle lief nach Angaben der Hoteliers koordiniert und im Zeitplan ab. Die Zusammenarbeit mit der Denkmalschutzbehörde in München beschreibt das Ehepaar als „ein Geben und Nehmen“. „Natürlich war es ein Marathon, bei dem manche Strecken leichter fallen als andere“, so Michael Zink. „Doch insgesamt war es eine tolle Baustelle.“
Herausfordernd war allerdings die Diskussion mit der Stadt, als es um das Thema Photovoltaik ging. Als erstes Haus in Bayern hat der Engelwirt flächenintegrierte PV-Module auf den denkmalgeschützten Dächern. „Ursprünglich wollten wir noch mehr Solarmodule haben“, so Zink. „Das war aber leider nicht möglich.“ So wurden auf den historischen Ziegeldachflächen rote Module verbaut, auf den Gebäuden zur Innenhofseite schwarze, weil diese nicht auf Anhieb einsehbar sind. „Leider sind die roten Module nicht so effizient und auch noch ein Drittel teurer“, beklagt Zink. Zusätzlich wurde das Hotel an das Fernwärmesystem der Stadt Berching angeschlossen und ein CO2-schonendes Kühlsystem verbaut, das über die Solaranlage läuft.
Im ganzen Haus befinden sich Kunstwerke aus der Privatsammlung von Michael Zink. Sie dort unverändert für eine Weile hängen zu lassen, fällt dem Sammler schwer. „Kunst verändert Räume immer wieder aufs Neue“, so Zink. „Sie immer wieder neu zu arrangieren, macht viel Freude.“ Angst, dass Gäste die Kunstwerke beschädigen oder stehlen könnten, haben die Gastgeber nicht. „Wir trauen ihnen zu, dass sie damit wertschätzend umgehen“, sagt Michael Zink und fügt hinzu: „Außerdem sind wir gut versichert.“
Der Artikel ist in der Tophotel Ausgabe 12/2024 erschienen.
