Nachhaltigkeit Hotels setzen auf Kreislaufbauen

Zirkuläres Bauen Hotellerie
Doch wie können Hoteliers ressourcenschonender bauen? Das zeigen Best Practice Beispiele. © Malp - stock.adobe.com

Das Thema Zirkuläres Bauen ist auch in der Hotellerie angekommen: Wir zeigen verschiedene Beispiele aus der Branche. 

Bei Premier Inn stehen die Zeichen auf Expansion und Nachhaltigkeit. Das Unternehmen hat eine neue Badzelle entwickeln lassen, die sogar die Cradle-to-Cradle-Auszeichnung in Silber erhalten hat. „Premier Inn arbeitet schon seit Längerem an einem Konzept für die besonders ressourcenschonende und effiziente Entwicklung neuer Premier Inn Hotels“, sagt Kai Backeberg, Construction Director bei der Premier Inn Holding. Die Baubeschreibung wird dementsprechend seit etwa viereinhalb Jahren laufend angepasst und optimiert. „Der rote Faden dabei ist die Skalierbarkeit, verbunden mit dem Ansatz, für alle Projekte auch kurzfristige und flexible Veränderungsmöglichkeiten zu integrieren, welche zudem den Hotelbetrieb möglichst wenig belasten.“

Premier Inn ist nicht nur als Owner-Operator und als Pächter der Hotels unterwegs, sondern auch als Projektentwickler für den eigenen Bestand. „Unser Bau- und Entwicklungs-Know-how geben wir dabei gern an unsere Vermieter weiter“, so Mathias Schotten, Head of Development bei Premier Inn Germany. „Derzeit betreiben wir 53 Häuser in Deutschland, 92 sind insgesamt gesichert. Durch die vielen Projekte haben wir gemeinsam eine hohe Lernkurve erreicht und kennen alle Facetten des Hotelbaus."

Rückbau gelingt in nur fünf Stunden

Vor etwa drei Jahren entschied sich das Unternehmen, in seine Neubauten künftig Fertigbadzellen einzusetzen. Das Premier-Inn-Team besichtigte verschiedene Nasszellen-Anbieter, die aus Gründen der Nachhaltigkeit ausschließlich in Deutschland lagen. „Dies gewährleistet kurze Wege, garantiert eine hohe Qualität und macht Ersatzbeschaffungen einfacher“, so Backeberg. Entwickelt wurde die Premier Inn-Masterbadzelle schließlich mit der Stengel GmbH aus Ellwangen. Ihre Doppelwände bestehen aus Aluminium, das auf der Innenseite bedruckt ist. Optisch sind Unterschiede zur herkömmlichen Fertigung kaum erkennbar. „Alle Teile des Bads können in  den Werkstoffkreislauf zurückgeführt werden“, so Backeberg.

Weiterer Vorteil ist, dass eine Zelle bei einer etwaigen Umnutzung der Immobilie innerhalb von fünf Stunden aus dem Gebäude entfernt werden kann. Die Fläche der ehemaligen Badzelle kann dann anderweitig genutzt werden. In diesem Fall fielen für den Immobilieneigentümer lediglich die Lohnkosten für den Rückbau und keine Entsorgungskosten an. Eventuell im Betrieb durch die Gäste oder das Housekeeping beschädigte Wände lassen sich zudem einfach einzeln austauschen. Sie haben eine Stärke von unter zwei Millimetern. Die Oberflächen der Bäder sind einfach zu reinigen, antimikrobiell und antibakteriell. In den Hotels in Rosenheim und Lübeck beispielsweise kamen sie erstmals zum Einsatz. Die Badzellen werden voll ausgestattet angeliefert, müssen nur noch an Elektrik und Wasser angeschlossen werden.

"Alle Teile des Bads können in den Werkstoffkreislauf zurückgeführt werden."

Kai Backeberg, Premier Inn Holding

Vom Toilettenpapierhalter bis zur Lampe: Alles ist bereits vorinstalliert. Bezahlt macht sich dabei die Erfahrung der Stengel GmbH mit dem Einbau platzsparender und trotzdem praktikabler Badzellen. Rund 70.000 Einheiten wurden bisher vor allem über die Meyer Werften in Deutschland und Finnland für Kreuzfahrtschiffe geliefert und eingebaut. Eine Anwendung, bei der es auf jeden Millimeter Platzersparnis ankommt, die Reisenden anspruchsvoll sind und bei Schäden schnell Ersatzteile installiert werden müssen. Weil die Stengel-Badzellen zudem nur 920 Kilo wiegen – ein Bruchteil des für solche Vorfertigungen üblichen Gewichts – ist bei den Premier Inn-Hotels ein Einbau ohne statische Ertüchtigungen möglich. „So verursachen die Badzellen auch an anderer Stelle keine zusätzlichen Kosten, und der Bau-Zeitplan gerät ebenfalls nicht durcheinander“, erläutert Kai Backeberg.

Da Premier Inn mit dem Hersteller eine Zielabnahme von rund 2.000 Bädern pro Jahr vereinbart hat, fällt der Preis für die Zellen verhältnismäßig gering aus. „Die Menge ist sehr groß, bisher sind bei den zuvor ohne Badzelle vereinbarten Pachtmodellen bis auf zwei Ausnahmen alle Projektentwickler auf das System umgeschwenkt. Sogar Generalunternehmer, deren Hotels bereits im Bau waren, haben unsere Bäder bestellt, ohne dadurch Mehrkosten zu haben“, so Backeberg.

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    Produktionshalle_Bazdzellen-Montage
    © Stengel
    Modulsystem: Alles ist bereits vorinstalliert, vom Toilettenpapierhalter bis zur Beleuchtung. Die Zelle wird vollausgestattet auf die Baustelle geliefert und muss dort nur noch an Elektrik und Wasser angeschlossen werden.
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    Blick in Badzelle-Montage
    © Stengel
    Alle Module werden ausnahmslos in Deutschland produziert.

Schließt Premier Inn künftig Verträge für neue Projekte ab, wird von vornherein der Einbau der Stengel-Zellen verhandelt. Nach der erfolgreichen Entwicklung der Badzellen wurde zusammen mit der Firma Stengel das Thema Furniture, Fixture and Equipment (FF&E) für eine unkomplizierte und nachhaltige Innenausstattung neuer Gebäude in Angriff genommen. „In unserem Zentrallager in der Nähe von Dillenburg lagern wir zentral in Deutschland FF&E-Materialien für unsere Hotels. Auch unsere Möbelbauer stammen ausschließlich aus Deutschland“, so Backeberg. Somit reifte der Gedanke, die für ein Hotelzimmer benötigte Einrichtung in eine Box zu packen, die dann in die neuen Badzellen gesetzt wird und so von Ellwangen aus direkt an die jeweiligen Baustellen gelangt.

Erste Bedenken, die Möbel könnten vielleicht feucht werden und sich verziehen, wenn sie im Rahmen der etwa einjährigen Frist bis zur Fertigstellung in der Zelle auf der unbeheizten Baustelle lagern, erwiesen sich als unbegründet. Fünf sogenannte „Rooms in a Box“ gelangten innerhalb der Fertigbadzellen von Ellwangen auf die Baustelle des Premier Inn Rosenheim, wo das Inventar problemlos ausgepackt und in Betrieb genommen werden konnte. Das Vorgehen wird nun zum Standard. „Nachhaltigkeit und Corporate Social Responsibility sind für Premier Inn nicht nur wichtiges Kriterium beim Bau – wir engagieren uns auch stark unter dem Slogan „Force for good“. Wir haben uns ein gutes Leben für unsere Mitarbeiter, Kunden und die gesamte Gesellschaft zum Ziel gesetzt und möchten uns für dieses Ziel gemeinsam engagieren“, so Development-Chef Mathias Schotten.

Circular-Living-Zimmer

Hotelier Stephan Bode, geschäftsführender Inhaber des Hotels Schwarzwald Panorama in Bad Herrenalb, setzt gerade ein neues Zimmerkonzept in seinem Hotel um, das ausschließlich auf nachhaltigen und wiederverwertbaren Materialien basiert. Mit den sogenannten Circular-Living-Zimmern belegte Bode dabei auch gleich den dritten Platz beim „Deutschen Tourismuspreis 2023“. Das Zimmerkonzept setzt strenge Kriterien bei der Materialauswahl an. Geprüft wurden Materialgesundheit, Kreislauffähigkeit, Klimaneutralität, Dekarbonisierung, die Erfüllung sozialer Standards und der achtsame Umgang mit dem natürlichen Lebensraum Wasser und Biodiversität/Boden.

"Circular Living steht für die absolut saubersten und schadstofffreiesten Hotelzimmer.“

Stephan Bode, Schwarzwald Panorama Hotel

Als Generalunternehmer für die Entwicklung des Zimmerdesigns und die Umsetzung des Projektes wählte Bode den Schwarzwälder Objekteinrichter Fritz Schlecht SHL aus. Alle für die Renovierung gewählten Materialien sind zu 100 Prozent aus nachwachsenden oder recycelbaren Rohstoffen gefertigt, müssen zudem entweder Cradle-to-Cradle zertifiziert oder die herstellenden Unternehmen Ecovadis-zertifiziert sein. In diesem Zusammenhang erreichte auch Fritz Schlecht SHL die Ecovadis-Zertifizierung in Silber.

Matratzen halten bis zu 20 Jahre

Die Rücknahme der verbauten Materialien wurde über Rücknahmevereinbarungen mit den wichtigsten Lieferanten beziehungsweise Herstellern gesichert. So wird eine Weiterverwendung der Materialien und ein Verbleib des in den Stoffströmen gespeicherten CO2 über den aktuellen Lebenszyklus hinaus gewährleistet. „Unsere Matratzen beispielsweise werden von der Firma Swissfeel aus Mineralschaum hergestellt. Das Unternehmen holt sie nach fünf Jahren bei uns ab und wäscht sie. Dies erhöht ihren Lebenszyklus auf bis zu 20 Jahre, herkömmliche Matratzen hingegen können in der Regel maximal zehn Jahren genutzt werden“, erläutert Stephan Bode. Nicht mehr einsetzbare Matratzen würden vom Hersteller zurückgenommen und zu 100 Prozent in den natürlichen Kreislauf zurückgeführt, indem aus dem Material entweder neue Matratzen oder Füllungen hergestellt werden. Für den Boden der Zimmer wurde Eichenparkett mit Holz aus kontrollierter Herkunft verbaut, das mit dem Cradle-to-Cradle-Label Bronze ausgezeichnet ist.

„Die Wände werden mit rein mineralischen, sogenannten Keimfarben gestrichen“, erläutert Bode. Dies sei bei den Hausmalern zunächst auf Widerstand gestoßen, doch nachdem sie sich mit dem veränderten Streichverhalten vertraut gemacht hätten, seien sie begeistert gewesen. „Sie schätzen es inzwischen, dass sie beim Streichen mit diesen Farben keine giftigen Dämpfe einatmen“, so der Hotelier.

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    Falkenstein_Zimmer
    © Foro-Fabry
    Edel: Das Design der Circular-Living-Zimmer im Schwarzwald Panorama Hotel orientiert sich an der Region.
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    Falkenstein_Zirkuläres Zimmer
    © Foro-Fabry
    Konsequent: Die Kleiderbügel von Tutaka werden in Deutschland aus Wiesengras produziert.
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    Falkenstein_Circular-Living-Room
    © Foro-Fabry
    Wertig: Eine nachhaltige Ausstattung muss nicht zwangsläufig teurer sein.

Aufwand bei Auswahl ist enorm

Für sein Hotel entwickelte Bode mit Fritz Schlecht SHL die drei Zimmertypen Freigeist, Waldklang und Falkenstein. Sie orientieren sich im Design an der Region, das Zimmer Falkenstein beispielsweise an einem lokalen Felsen. Dafür wurde eine Wand des Zimmers mit einem Mineralputz versehen, der an eine Boulder-Wand erinnert. Der Schreibtisch ist aus Granit. „Die Ausstattungsqualität der neuen Zimmer ist hochwertig, war aber nicht teurer als bei einer Renovierung mit herkömmlichen Materialien“, betont Bode. Allerding sei der Aufwand bei der Materialauswahl enorm gewesen. Bode hat sich das Logo Circular Living inzwischen als Marke schützen lassen. „Sie steht für die absolut saubersten und schadstoffreiesten Hotelzimmer“, unterstreicht er. 24 Zimmer wurden bereits renoviert, weitere 24 folgen in diesem Jahr.

Im Südschwarzwald am Titisee setzt ein weiteres Hotel neue Maßstäbe beim Kreislaufbauen: Mit dem im Herbst 2023 gestarteten Neubau des Apartmenthauses Inara Suites in Holzständerbauweise zeigen das familiengeführte Seehotel Wiesler und das Sentinel Haus Institut, wie kreislauffähiges und gesundes Neubauen in der Praxis aussehen kann. Entworfen vom Büro Ganter Architekten und den Innenarchitekten von Ars Interia entstehen unmittelbar am Haupthaus vier Gästezimmer und zwei Eigentumswohnungen mit insgesamt 380 Quadratmetern beheizter Fläche. Die Bauherren Anna und Fabian Wiesler, die junge Generation des Seehotel Wiesler, realisieren dabei ihre Vorstellungen eines nachhaltigen Gebäudes.

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„Manche Baustoffe sind noch nicht als Cradle-to-Cradle-zertifizierte Ausführung verfügbar, und verschiedene Fügetechniken erproben wir erstmals gemeinsam mit unseren Handwerkspartnern“, erläutert Mitinhaber und Projektleiter Fabian Wiesler den Pilotcharakter der Inara Suites. Bisher wurden Bodenbeläge in der Regel verklebt, weshalb sie bei der Renovierung meist zerstört wurden. Ob trocken verlegte Beläge jedoch für den Einsatz in der Hotellerie geeignet sind, wird sich in der Praxis erst noch zeigen müssen. Auch habe man festgestellt, dass sich der viel gelobte Lehmputz nicht unbedingt für den Hotelbetrieb eigne, weil er nicht robust genug sei.

Das Sentinel Haus Institut prüft und zertifiziert nicht nur alle verwendeten Baustoffe auf ihre gesundheitlichen und kreislauffähigen Eigenschaften, sondern macht diese sowohl für die Fachöffentlichkeit und als auch der Allgemeinheit verfügbar. Alle Materialien werden in der SHI-Produktdatenbank mit sämtlichen erforderlichen Nachweisen gelistet. Schulungen für Architekten und Handwerker gewährleisten die gesundheitliche Qualität der Arbeiten. Ein umfangreiches Bautagebuch berichtet auf dem Sentinel-Portal über die Projektidee, den Baufortschritt, und die beteiligten Partner. Nach und nach entsteht so eine detaillierte Projektdokumentation, die auch Hemmnisse, Schwierigkeiten und künftige Herausforderungen des kreislauffähigen Bauens thematisieren wird.