Nachhaltigkeit „Kreislaufwirtschaft ist alternativlos“

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Die neuen Circular-Living-Zimmer im Schwarzwald Panorama Hotel lassen sich zu 100 Prozent komplett in den Werkstoffkreislauf zurückführen. © Fabry/Schwarzwald Panorama Hotel

Wie lässt sich Zirkuläres Bauen in der Hotellerie etablieren? Darüber diskutierten Experten bei einer Pressekonferenz von „Green Sign Circular“.

In Gebäuden stecken tonnenweise Co2-Emissionen: In Stahlträgern, im Beton, in den Fenstern, Boden- und Wandbelägen. Aktuellen Zahlen zufolge beträgt der Anteil des Gebäudesektors an allen Treibhausgasen fast 40 Prozent. Zudem gehen rund 60 Prozent des weltweiten Ressourcenverbrauchs auf das Konto der Bauindustrie. Dabei ließen sich sowohl beim Neubau als auch beim Abriss Materialien und Emissionen sparen. Stichwort: Zirkuläres Bauen.

Doch wie können Hoteliers ressourcenschonender bauen? Darüber diskutierten Experten bei einer Online-Konferenz des Green Sign Instituts, das zusammen mit dem Sentinel Haus Institut (SHI) und der Unternehmensberatung Rittweger + Team eine neue Zertifizierung entwickelt hat. „Green Sign Circular“ bietet einen standardisierten Auditierungsprozess für Unternehmen, Produkte und Immobilien, die die Kreislaufwirtschaft in den Fokus ihrer Geschäftstätigkeit stellen möchten.

Pionierprojekt mit "Sogwirkung"

„Das Projekt ins Rollen brachte Stephen Bode vom Schwarzwald Panorama Hotel im Schwarzwald. Er ist ein Pionier mit großem Enthusiasmus“, sagte Suzann Heinemann, Gründerin und Geschäftsführerin vom Green Sign Institut. Im November erhielt das Hotel als erstes seiner Art die Zertifizierung für den Umbau von 24 Zimmern, die sich zu 100 Prozent komplett in den Werkstoffkreislauf zurückführen lassen. 57 weitere sollen folgen. Beim Projekt standen Kriterien wie Materialgesundheit, Verarbeitungsprozesse, Dekarbonisierungsgrad von Produkt und Unternehmen, Kreislauffähigkeit sowie die Einhaltung von Sozialstandards im Fokus. Darüber hinaus wurden Wasserqualität, Bodenbeschaffenheit und Biodiversität bewertet.

Bode, der sich schon seit vielen Jahren in puncto Umweltschutz engagiert, zeigte sich begeistert, welche „Sogwirkung“ das Projekt bei Gewerken und Generalunternehmern auslöste. So waren beispielsweise die Hausmaler, die den rein mineralischen, sogenannten Keimfarben zunächst misstrauisch gegenüberstanden, erleichtert, dass sie beim Streichen keine giftigen Dämpfe mehr einatmen mussten. „Wir alle sind Teil der Lösung. Es war mir wichtig, dass dieses Konzept von jedem umsetzbar ist“, sagte Bode und verwies ausdrücklich darauf, dass Zirkuläres Bauen keinen größeren monetären Aufwand bedeutet als bei herkömmlicher Bauweise. Mehr noch: „Ich verkaufe die neuen Zimmer 60 Euro teurer als die Bestandszimmer. Die Investitionen werden sich den nächsten Jahren also schnell amortisieren.“

Diskutieren über Grünes Bauen: Die Teilnehmer der "GreenSign Circular"-Pressekonferenz. - © Natascha Ziltz

Neubau als Wertanlage

Dass Kreislaufbauen auch bei Neubauten funktionieren kann, machten Anna und Fabian Wiesler bei der Konferenz deutlich. Sie erweitern das Seehotel Wiesler am Titisee im Schwarzwald gerade um ein neues Apartment mit zwei Eigentumswohnungen und vier Gästezimmern. „Zirkularität ist neben Energie-Autarkie das Thema schlechthin“, sagte Anna Wiesler. „Mit unserem Neubau wollen wir das Thema vom Wandaufbau bis zur Decke komplett darstellen.“

Das Projekt sei ein Prozess, immer wieder führten Junior-Hotelchefin Anna und Nachhaltigkeitsberater Fabian Wiesler Gespräche mit neuen Firmen, um bestimmte Probleme beim Bau zu lösen. „Zum Beispiel beim Thema Fliesen, die wir im Wohnbereich schwimmend ohne Kleber verlegen. Doch wie schafft man es im Hotelbad, auf stoffflüssige Verbindungen beim Verlegen zu verzichten?“, nennt Fabian Wiesler ein Beispiel. Der Mehraufwand lohne sich definitiv: „Für uns ist der Neubau eine Wertanlage. Die Rohstoffe sind nur temporär verbaut und können später einmal an anderer Stelle wieder eingesetzt werden“, so Anna Wiesler.

Auch Suzann Heinemann zeigt sich zuversichtlich: „Wir stehen noch ganz am Anfang. Die Immobilienbranche hat angefangen, die Hotellerie zieht jetzt nach, so wie beim Thema Nachhaltigkeit vor ein paar Jahren. Wichtig ist, dass die Sensibilität da ist und sich das Bewusstsein ändert.“ Peter Bachmann, Geschäftsführer des Sentinel Haus Instituts, sprach in diesem Kontext von einer „grünen Bauwende, die auf der Baustelle stattfindet“ und nur funktioniere, wenn alle Beteiligten interdisziplinär zusammenarbeiten. Bachmann: „Wir brauchen das Handwerk, die Wissenschaft, Investoren und innovative Firmen.“

"Der Weg ist das Ziel"

Doch wie gehen Hoteliers nun am besten vor, um sich mit der Thematik auseinanderzusetzen? Laut Stephan Bode sollten Bauherren zunächst nach einem Generalunternehmer Ausschau halten, der Qualitätsführer sei. Dann sollten intern alle Werte und Anforderungen zusammengetragen werden, die dann an die Architekten übergeben werden. „Ich habe die Themen Materialkreislauf und Zirkuläres Bauen erst später ins Projekt eingebracht, um keine Blockaden in den Köpfen entstehen zu lassen.“ Und Suzann Heinemann empfiehlt, sich selbst nicht allzu großen Druck zu machen: „Man kann ja auch erst einmal mit 30 Prozent anfangen. Der Weg ist das Ziel.“

Doch eines ist klar: An dem Thema Zirkularität kommt in Zukunft kein Bauschaffender mehr vorbei. Heiko Rittweger, Geschäftsführer von der Unternehmensberatung Rittweger + Team, verweist etwa darauf, dass Großbanken Finanzierungen für Immobilien, die nicht zirkulär sind, ab dem Jahr 2025 Stück für Stück aussortieren werden. Und auch Sparkassen und Volksbanken würden das Thema Kreislaufbauen vermehrt ansprechen.

Stephan Bodes Appell lautet: „Wir Menschen sind mit einem kollektiven Brett vor dem Kopf ausgestattet. Wir sind nicht in der Lage, 20 Jahre vorausschauend zu denken. Es braucht ein anderes Bewusstsein, denn Kreislaufwirtschaft ist alternativlos. Packen wir es an!“

Tipp: Kreislaufbauen ist auch Thema auf der Green Stage bei der Intergastra. Mehr Infos unter: www.intergastra.com