Farbe ist ein starkes Ausdrucksmittel, um Atmosphäre zu schaffen und Emotionen zu wecken. Doch wie geht man vor, um ein spannendes Farbkonzept auf die Beine zu stellen? Designer und Farbforscher geben Antworten.
Das Hotel Sacher in Wien hat es geschafft. Es verfügt über ein Farb- und Designkonzept mit Unikat-Charakter. Schon bei der Gründung 1876 stattete man eine Bar mit jenem roten Damaststoff aus, der auch in der Monarchie und insbesondere im Kaiserhaus zum Einsatz kam. „Damit bildete die ‚Rote Bar‘ das Fundament für die Corporate-Identity von Sacher. Einheimische und Touristen aus knapp 100 Nationen assoziieren Sacher bis heute mit Rot und der damit einhergehenden Gemütlichkeit sowie dem Charme der Stadt“, berichtet Co-Eigentümerin Alexandra Winkler. Sie nimmt die Gestaltung der Räumlichkeiten in den Sacher-Hotels gerne selbst in die Hand und stellt sich der Aufgabe, die reiche Geschichte der Einrichtungen zu bewahren und ihr gleichzeitig immer wieder neuen Glanz zu verleihen.
Die „Rote Bar“ ist mittlerweile ein Hotel-Restaurant, „das fast täglich ausgebucht ist“. Die eigentliche Bar, die zwischenzeitlich neu hinzukam, heißt „Blaue Bar“. „Wir entschieden uns, beim Klassiker der Sacher-Stoffe zu bleiben und nur die Farbe zu variieren“, sagt Winkler. Anfangs noch eher dezent umgesetzt, wagten es die Eigentümerfamilie und der französische Innenarchitekt Pierre Yves Rochon, der 2005 für die Generalsanierung des Hotels verantwortlich war, das Blau bewusst „überzuinszenieren“. Die Wandfelder der Holzlamperie, Decke, Teppich, Samt-sessel – alles ist monochrom in Blau gestaltet. Die Sacher-Trilogie komplettiert die „Grüne Bar“, das Gourmetrestaurant, das oberhalb der originalen Wandvertäfelung mit grünem Damast bekleidet ist.
Komplett auf die Farbe Rot eingeschossen hat sich ein prachtvolles Boutiquehotel im nordindischen Jaipur. Alle Zimmer und öffentlichen Bereiche der Villa Palladio sind in ein sattes Rot und pastelliges Pink gehüllt. Das passt gut, denn in Indien steht die Farbe Rosa für gelebte Gastfreundschaft. Eine weiße Mauer umrahmt das rund drei Hektar große Anwesen, das einst in den 1980er-Jahren palastartig mit verspielten Bögen, Säulen und Balkonen erbaut wurde. Zu neuem Leben erweckt haben es nun Barbara Miolini und die Interior Designerin Marie-Anne Oudejans, die mit ihrem feurig roten Design jede Menge Leidenschaft in die Metropole bringen. Das gewagte Farbkonzept ging auf: Das kleine Hotel wurde lobend in unzähligen internationalen Architektur- und Designmagazinen erwähnt.
Doch wie geht man eigentlich bei einer Neuentwicklung vor? Um CI-Farben zu kreieren, empfiehlt Laurie Pressman, Vice President des Pantone Color Institutes, zunächst primäre Farben für die visuelle Identität festzulegen und darauf aufbauend eine sekundäre Palette zur Unterstützung dieser Farben zu wählen. „Es müssen nicht alle Sekundärfarben an den gleichen Stellen verwendet werden. Vielleicht findet eine dieser Farben im Restaurant Anwendung und dann wieder in den Kissen der Lobby.“ Das Farbkonzept sollte zur eigenen Marke, der Zielgruppe und auch dem Gebäude passen, in dem sich das Hotel befindet.
„Ausschlaggebend sind die Bedürfnisse und Erwartungen der Zielgruppe“, sagt Axel Buether, Leiter des Instituts für Farb psychologie an der Bergischen Universität Wuppertal und Verfasser des Buchs „Die geheimnisvolle Macht der Farben“. Er fügt hinzu: „Individuen unterscheiden sich in ihren Präferenzen nicht so stark wie soziokulturelle Milieus.“ Laurie Pressman nennt ein konkretes Beispiel: „Während Neongrün in einer hektischeren Umgebung in einem Hotel in Las Vegas oder einem moderneren Hotel, das ein junges Publikum erreichen möchte, funktionieren kann, ist es bei einem gehobenen Luxushotel der alten Welt eher zweifelhaft.“ Axel Buether hat gleich zwei gute Nachrichten: „Gute Farbgestaltung wirkt, die Erfolge sind planbar und messbar. Und: Gute Farbgestaltung ist nicht teuer. Alles was dafür benötigt wird, braucht man für die Einrichtung des Hotels sowieso.“
"Gute Farbgestaltung ist nicht teuer. Alles was dafür benötigt wird, braucht man für die Einrichtung des Hotels sowieso.“
Axel Buether, Institut für Farbpsychologie, Wuppertal
Hoteliers lieben Metallfarben
Rein weiße Hotelräume sind für Buether ein „No-Go“. Die Begründung: „In jedem Hotel steht der Wohlfühlcharakter im Vordergrund, egal, ob modern oder konservativ. Weiß schafft eine klinische Atmosphäre, die jede Form von Wohlbefinden sofort kaputtmacht. Ebenso ist es wichtig, dass die Farben nicht rein, grell und intensiv, sondern gebrochen, getrübt und abgetönt sind. Ich arbeite sehr gern mit lehmigen, sandigen und erdigen Grundtönen, die mit zeitgemäßen Trend- oder zeitlosen Klassikfarben kombiniert werden können. Ein mittelhelles Taupe harmoniert beispielsweise ganz wunderbar mit einem offenen Taubenblau, einem beruhigenden Salbeigrün oder einem frischen Zitronengelb.“
Der Experte möchte ausdrücklich keine Werbung machen, findet jedoch, dass Hersteller wie kt-Color, Farrow & Ball sowie Little Green „eine gute Auswahl an Klassikfarben bieten“. Eine teurere Silikatfarbe könne sich lohnen, „denn Zutaten eines guten Farbmittels korrelieren mit der Wirkung im Raum“. Das gilt seiner Meinung nach auch für Textilien und andere Dekore. Laien würden die Qualität von Materialien und Verarbeitungen zwar nur selten erkennen, die Qualität der Raumatmosphäre indes spürten sie aber sofort. „Mehr als 99 Prozent der Farb- und Lichtinformationen werden von unserem Gehirn unbewusst verarbeitet“, so Buether.
Immer noch sehr informativ ist vor diesem Hintergrund das 2013 im Callwey-Verlag erschienene Buch „Farben der Hotels“, das Adjektive mit (RAL-)Farben verbindet. Zum Wort „luxuriös“ heißt es beispielsweise: „Ein großer Schwarzanteil wirkt wie ein stabiles Statement seiner Macht“ oder „Gold, Schwarz, Viola (Violett) und Pink und Rosa – das ist purer Luxus“. „Regenerierend“ hingegen wirken „sommerliche, fast frühlingshafte Grün-, Gelb-, Orange- und helle Blaufarben“. Zu den weltweit schon lange bevorzugten Hotelfarben gehören dem Buch zufolge jene, die unter „repräsentativ“ summiert sind: „Metallfarben wie Messing und Kupfer bis Gold sowie die Primärfarben Rot, Blau und Gelb und deren Ableger“.
Corinna Kretschmar-Joehnk, Founder & Partner der Joi-Design Innenarchitekten, gehörte zum Autorenteam des Buchs. Sie betont: „Einrichtungsprofis haben die Wirkung von Farben verinnerlicht und betrachten in ihrem kreativen Prozess immer gleich mehrere Planungsebenen parallel – von Materialien, Formen, Farben, Proportionen bis Funktionen, Machbarkeit und Kosten. Farbe ordnet sich in diesem Gesamtkontext einem zentralen Entwurfsgedanken unter.“
Barbie-Rosa liegt im Trend
Und welche Farben sind derzeit en vogue? „Ein (kurzfristiger) Trend ist zuckersüßes Rosa, das nicht erst mit der Barbie-Verfilmung zur gesellschaftlich akzeptierten Farbe avancierte“, meint Kretschmar-Joehnk. „Daneben sehen wir den Trend zu quietschbunten, aber pastellig abgetönten Farben. Langfristiger Trend sind die natürlichen Farbwelten, die die Sehnsucht nach Natur und Nachhaltigkeit zum Ausdruck bringen. Hier kommt weitaus mehr als nur Grün ins Spiel, denn auch Sonnengelb, Himmelblau, Steingrau, Erdbraun, Ziegelrot, Lehmbeige, Eierschalenweiß, Nachtschwarz oder Sternengold sind Teil der Natur. Empirisch gesehen ist Blau – allen voran royales Blau – die mehrheitsfähigste aller Farben.“
Die Zeit der Architektenfarben Weiß, Grau und Schwarz sei übrigens wieder vorbei. „Aber Weiß in Kombination mit natürlichen Materialien wie Holz und Stein ist absolut zeitlos. Ebenso wie es Räume in Beige, Creme und Braun sind, die in Kombination mit Weiß sehr elegant und distinguiert wirken.“ Entscheidend ist nicht zuletzt, welcher Funktion der Raum dient, macht die Designerin aufmerksam. „Generell müssen Gästezimmer ruhiger wirken als eine Bar.“ Und genauso komme es auf die Proportionen an: „Ein kleiner, niedriger Raum wird mit einer dunklen, farbigen Decke eher bedrückend wirken“. Da ist sie wieder, die enorme Mehrdimensionalität, die es zu berücksichtigen gilt.
Die wichtigsten Fragen im Vorfeld:
• Was ist Ihre Vision für das Hotel?
• Wofür steht die Hotelmarke?
• Was ist das Besondere an Ihrer Marke, das Sie Ihrer Zielgruppe sofort mitteilen möchten?
• Wer ist die Zielgruppe?
• Welches Marktniveau möchten Sie verkörpern?
• Welchen Look/Stil bevorzugen Sie?
• Wie möchten Sie, dass sich die Menschen in dem Moment fühlen, in dem sie die Tür betreten?
• Ist das Hotel global? Möchten Sie, dass die Farbpalette an die lokale Kultur angepasst wird?