Konzepte Wegeleitsysteme: Intuitiv ans Ziel kommen

Wegeleitsystem
Funktional und humorvoll: Das Wegeleitsystem im Loginn Hotel Berlin Airport hat der Berliner Graffiti-Künstler Michael Szarko gestaltet. Die Gäste werden mithilfe eines Comics durch das Hotelgebäude geleitet. © Achat Hotels

Wenn sich Gäste im Hotel gut zurechtfinden, trägt das wesentlich zur Aufenthaltsqualität bei. Um ihnen die Orientierung zu erleichtern, setzen Hoteliers auf durchdachte und teilweise witzige Wegeleitsysteme.

Viele Hotels sind über Generationen gewachsen, diverse Erweiterungen, Um- und Anbauten inklusive. „Mitunter sind derart komplexe Gebäudestrukturen entstanden, dass man einen Blindenhund bräuchte, um auf direktem Weg von A nach B zu gelangen“, macht Christian Mikunda, Spezialist für strategische Dramaturgie aus Wien, auf besondere Herausforderungen aufmerksam. Seine Empfehlung, um die Performance sofort und ohne große Kosten zu verbessern: „Eine ‚Entrance Map‘ erstellen! Dabei handelt es sich um eine möglichst sinnlich gestaltete Übersichtskarte, die bereits beim Einchecken an der Rezeption ausgegeben werden kann: Wo ist der Wellness-Bereich? Wo sind Restaurant und Bar?“

Alle Gastwege selbst ablaufen

Die Karte müsse nicht detailliert und maßstabsgetreu sein. Wichtiger sei es, zentrale Achsen, Knoten – also Merkpunkte – sichtbar zu machen. Zum Beispiel: Am Brunnen rechts geht’s zur Sauna. „Im Idealfall“, so Mikunda, „entwickelt der Gast mit dieser Unterstützung in kurzer Zeit ein inneres Bild des Ortes, quasi eine kognitive Landkarte, und kann intuitiv navigieren. Die Grundlagen, sich heimisch zu fühlen und Stammgast zu werden, sind damit gelegt…

Hilfreich in diesem Zusammenhang seien zudem sogenannte Fascination Points beziehungsweise Landmarks an den Knotenpunkten sowie dem jeweiligen Ende von Blickachsen. Das können unter anderem bestimmte Dekorationen, thematisch passende Requisiten, Bilder oder Screens sein. „Wir Menschen wollen uns schnell orientieren, das ist ein archaisches Erbe“, sagt auch Ambiente-Coach und Designerin Hanna Raissle, Geschäftsführerin von HR Ambiente, und ergänzt: „Das beste Orientierungssystem ist jenes, das kaum Schilder und sonstige Hinweise benötigt. Es ist am natürlichen Sehverhalten und den Bewegungsmustern der Menschen ausgerichtet.“ Praktisch bedeute das nun aber nicht, dass man tief in wissenschaftliche Abhandlungen einsteigen müsse, obwohl das durchaus interessant sei. „Es gilt, Schilder und Hinweise so zu platzieren, dass sie schnell erfasst und aus der richtigen Position gesehen werden.“ Das Stichwort lautet Augenhöhe. Und die ist bei Auto- und Rollstuhlfahrern eine andere als bei stehenden und gehenden Menschen. „Am besten, man läuft alle Gastwege selbst ab.“

Hanna Raissle
Legt Wert auf Farbe und Licht: Hanna Raissle, Geschäftsführerin von HR Ambiente.

Leider bemerkt die Interior-Designerin jedoch, „dass häufig schon das erste Signal eines Hotels nicht richtig sitzt“. Ein Beispiel: „Man kommt am Reiseziel an, es ist schon spät, der Tag war anstrengend, es regnet in Strömen. Zum Glück gibt es eine Tiefgarage. Verflixt, aber wo ist die Einfahrt?“ Erfolgreiche Wegeführung beginnt also bereits vor dem Eingang, der seinerseits visuell gut erkennbar sein sollte. Nach dem Öffnen der Eingangstür fällt dann im Idealfall die Rezeption sofort ins Auge.

Hanna Raissle berichtet von einem Designhotel in Liechtenstein, das eigentlich den Self-Check-in forcieren wollte, die klassische Rezeption aber genau im Blickfeld der Gäste positioniert hatte. Während sich hier Schlangen bildeten, verwaiste der Self-Check-in in einer Raumecke – es funktionierte nicht. Die Fachfrau fährt fort: „Nach dem Check-in darf es keine Suche nach dem Lift oder Treppenhaus geben.“ Hanna Raissle setzt deshalb bei ihren Projekten auf Farbe und gut geplantes Licht, das da sein sollte, wo es gebraucht wird – zum Beispiel vor dem Lift, in den Treppenhäusern, über den Zimmertüren. Bewegungsmelder für das Flurlicht sollten gut eingestellt sein.

Priorität liegt auf der Funktion

„Und da Farbe ein stärkerer Reiz ist, als es Zahlen im Alleingang sind, verwende ich gern Farbcodes sowohl für die Schlüsselkarten als auch für die entsprechenden Etagen. Positiver Mehrwert: Schriften, Zahlen, Farben erzählen dem Gast gleichzeitig mehr über das Wesen des Hauses. Die Bedeutung geht weit über die reine Zweckinformation hinaus. „Sorgfalt in Funktion und Ästhetik ist daher eine gute Investition, wobei die erste Priorität immer auf der Funktion liegen sollte.“ Und noch einen Tipp hat Hanna Raissle parat: Die Türen auf den Etagen kontrastierend zur Wand zu gestalten. In diesem Fall allerdings habe das Design Vorrang vor der Funktion.

Auch bei der Kommunikationsagentur Typenraum versteht man Leitsysteme als wichtigen Teil einer gelebten Willkommenskultur. „Oberstes Gebot ist die gute Lesbarkeit. Die Wegeführung sollte selbsterklärend sein und zugleich emotional“, betont Geschäftsführerin Angela Kreutz. Sie erläutert: „Bei der Entwicklung denken wir in der jeweiligen Markensprache und in der Philosophie des Hotels, ordnen das Konzept also in das Corporate-Design ein. Die Zeiten steriler Leitsysteme sind lange vorbei, Individualität ist gefragt.“ Die Expertin bemängelt, dass mit der Planung der Wegeführung oftmals viel zu spät begonnen werde und dadurch vermeidbare Kosten entstehen, wenn beispielweise im Nachgang weitere Kabel verlegt werden müssten. „Idealerweise fängt man direkt nach dem architektonischen Vorentwurf mit der Wegeplanung an.“

Wegeleitsystem Radisson Blu Hotel
Stimmig: Für das Wegeleitsystem im Radisson Blu Hotel Old Mill in Belgrad wurde eine auf das Gebäude abgestimmte Schablonenschrift gewählt. - © Strauss & Hillegaart

Was ist angesagt?

Was zu Trends und aktuellen Entwicklungen überleitet. Im Loginn Hotel Berlin Airport hat der einheimische Graffiti-Künstler Michael Szarko das Wegeleitsystem in Comic-Form gestaltet. Im Retro-Stil gehalten, mit Figuren ähnlich der klassischen Batman-Hefte. Vor der künstlerischen Umsetzung wurde zunächst detailliert die Funktionalität festgelegt. „Wir haben eine universelle und kreative Art gesucht, das Thema anzugehen, möglichst ohne Worte. Wir sehen das Leitsystem als Bestandteil unseres Hotel-Designs und nicht nur als reine Information. Es wertet die gesamte Atmosphäre auf“, so Hoteldirektor Engin Erguen. Das Gebäude ist nun eine Art Comic-Buch, in dem Gäste nicht mehr von Standort zu Standort gehen, sondern von Seite zu Seite geführt werden.

Eines der Projekte von Hanna Raissle, das Hotel Unsölds Factory in München, wurde von der Süddeutschen Zeitung zu einem der europaweit schönsten Hotels gekürt. Die Etagenzahlen und Zimmernummern sind auch hier von einem Künstler gestaltet worden und Bestandteil des Designkonzepts. Das Falkensteiner Family Resort Lido in Südtirol hat auch die Kids im Blick, die sich je nach Alter mit Bildern leichter tun als mit Zahlen. So hat jedes Zimmer sein eigenes „Maskottchen“, das zur leichten Wiedererkennung neben den Zimmertüren auf die Wand gemalt ist.

„Auffallen, aber nicht stören“

Standort des Radisson Blu Hotels Old Mill in Belgrad ist eine Dampfmühle aus dem 19. Jahrhundert. Als Basis des Wegeleitsystems wurde eine Schablonenschrift gewählt, wie sie auf Mehlsäcken oder in Industrie-Umgebungen zu finden ist. Die Herausforderung für das Unternehmen Strauss & Hillegaart aus Cottbus bestand darin, diese Schablonenschrift auf die sehr unterschiedlichen Untergründe vor Ort aufzubringen: auf Tapete, Kunststoff, poliertes Holz, Putz und Sichtbeton. „Auffallen, aber nicht stören“, lautet aus Sicht von Geschäftsführer Markus Hillegaart der Spagat bei einem Wegeleitsystem.

Hanna Raissle verweist abschließend auf Möglichkeiten der Wegebegleitung wie LED-Streifen am Boden oder den Seitenwänden, bestehend aus einem mehrfarbigen Strang oder Symbolen. „Auch digitale interaktive Navigationstafeln erleichtern die Orientierung im Haus.“ Was nicht vergessen werden sollte: 41 Millionen Menschen in Deutschland sind Brillenträger. Kontrastreiche markante Gestaltungen und taktile Leitsysteme erleichtern hochgradig seheingeschränkten Gästen die Orientierung. Denn nicht zuletzt gewinnt auch das Thema Barrierefreiheit an Bedeutung.

5 Tipps für Wegeleitsysteme

1. Informieren: Überreichen Sie Ihren Gästen beim Check-in eine möglichst ästhetisch gestaltete Entrance Map.

2. Planen: Idealerweise sollte man direkt nach dem architektonischen Vorentwurf mit der Wegeplanung anfangen.

3. Kreativ sein: Sterile Leitsysteme sind out – Individualität ist gefragt.

4. Testen: Wegeleitsysteme sollten sich immer am natürlichen Sehverhalten und den Bewegungsmustern der Menschen ausrichten. Laufen Sie die Gastwege am besten immer vorher selbast ab.

5. Ausleuchten: Farbe und Licht dort einsetzen, wo sie gebraucht werden – zum Beispiel vor dem Lift, in den Treppenhäusern, und über den Zimmmertüren.